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Naoki Higashida: Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann (Autismus)

Cover Naoki Higashida: Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann. Ein autistischer Junge erklärt seine Welt. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2014. 158 Seiten. ISBN 978-3-499-62873-3. D: 12,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 19,50 sFr.
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Thema

Das Buch gewährt Einblicke in das Leben eines autistischen Jungen, der mithilfe einer Papptastatur gelernt hat, zu kommunizieren. Mit diesem Weg kann er der Welt mitteilen, was er erlebt, wie er sich fühlt, was er gerne mag und nicht.

Autor

Naoki Higashida wurde 1992 in Kimitsu in Japan geboren. Er schrieb im Alter von 13 Jahren das Buch „Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann“. Für seine Texte wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er hält Vorträge zum Thema Autismus und schreibt fast täglich einen Blog.

Entstehungshintergrund

Auf einer Papp-Buchstabentafel tippte Higashida Buchstabe für Buchstabe und erzählt davon, was er erlebt und wie er die Welt sieht. Mit Hilfe einer engagierten Lehrerin und seiner Mutter und Dank seines starken Willens hat er gelernt, sich auszudrücken. Die Papptafel besteht aus den vierzig grundlegenden japanischen Hiragana-Silben; ihre deutsche Entsprechung ist eine auf Pappe gemalte und laminierte sog. QWERTZ-Tastatur. Auf diese Weise schrieb er schon in der Grundschule Gedichte und kleine Geschichtenbücher. Über diesen Weg kommuniziert er mit seiner Umgebung, eine mündliche Kommunikation ist ihm kaum möglich.

Aufbau und Inhalt

Dieses Buch ist im DIN A 6 Format erschienen und hat 156 Seiten, auf denen 58 Fragen zusammengestellt wurden wie zum Beispiel:

  • Warum guckst du uns nicht in die Augen?
  • Warum bist du so gern allein?
  • Warum magst du nicht meine Hand halten?
  • Warum rastest du aus?
  • Was denkst du selbst über Autismus?
  • Warum stellt ihr immer wieder dieselben Fragen?
  • Warum brauchst du ewig, um eine Frage zu beantworten?
  • Wieso kannst du dich nicht ordentlich unterhalten?
  • Bist du lieber allein?
  • Warum ist euer Gesicht oft so regungslos?
  • Stimmt es, dass du dich nicht gern berühren lässt?
  • Warum ist euer Schlafrhythmus so chaotisch?
  • Warum bist du so gerne im Wasser?
  • Warum gefällt dir die Fernsehwerbung?
  • Warum tust du bestimmte Dinge so zwanghaft?
  • Warum gerätst du in Panik?

Das Wort Autismus besteht im Japanischen aus drei Silben, die für „Ich“, „verschlossen“ und „Krankheit“ stehen. Viele Menschen stellen sich das Leben unter den Bedingungen von Autismus wie eine Gefangenschaft im eigenen Körper vor. Wie würde es uns in so einem Zustand ergehen, wenn plötzlich die Sprach- und Kommunikationsfähigkeit verloren geht, sodass man sich nicht mehr mitteilen kann z.B. ob man Hunger oder Schmerzen hat. Plötzlich würde das System, das die Gedanken ordnet nicht mehr funktioniert, sodass alle Gedanken gleichzeitig ungeordnet hin und her purzeln und Chaos im Kopf herrscht. Aber damit nicht genug, der Sensor für die Reizfilterung der Sinne könnte ausfallen und alle Eindrücke würden ungefiltert über uns hereinbrechen, ohne regulierbar zu sein. Dieser Zustand wäre eine neue Realität, die die Bezeichnung Autismus trägt, ein Zustand, der für Naoki Higashida solange normal war, bis ihm jemand erklärt, dass er behindert ist.

Diskussion

Die Form, die für dieses Buch gewählt wurde, ist ungewöhnlich. Es beinhaltet 58 Fragen, die direkt an den Autor gerichtet sind. Mit Hilfe dieser Form entsteht quasi ein Dialog, einer fragt, Naoki Higashida antwortet. Am Ende des Buches findet der Leser die Schlussgeschichte „Ich bin doch da“, in der es um die Fremdheit und Schwierigkeit, zu kommunizieren geht, aber auch um die Hoffnung auf Erlösung. Naoki Higashida schreibt direkt, schnörkellos und klar. Seine Ehrlichkeit ist bestechend. Seine Antworten schaffen Verständnis für eine uns fremde Welt. Er räumt mit manchem Vorurteil auf z.B. Autisten seien gefühllos oder beziehungslos. Es ist kein Ratgeber oder der Bericht eines betroffenen Erwachsenen, sondern der Bericht eines Teenagers, der das Buch so einzigartig macht.

Higashida lernt zu kommunizieren, indem er Zeichen auf eine Papptafel tippte und auf diese Weise Wörter buchstabiert. Ein neben ihm sitzender Helfer transkribierte diese, sodass aus den Wörtern Sätze, Abschnitte und ganze Bücher werden. Zudem befinden sich auf der Tafel Felder für Zahlen und Satzzeichen sowie die Wörter „fertig“, „ja“ und „nein“. Auch heute schreibt er noch vorzugsweise auf diese Papptafel, weil sie ihm Halt gibt, eine Computertastatur lenkt ihn, wie er sagt, zu sehr ab, was sich direkt auf seine Konzentration auswirkt. Es ist sehr berührend, wie häufig sich Naoki Higashida für das entschuldigt, was er nicht kann oder wie oft er um Verständnis bittet, dass er Fragen nicht sofort beantworten kann, weil er in seinem Kopf erst nach den passenden Bildern suchen muss, die zu dieser Frage passen. Er bittet um Verständnis dafür, dass er die Hand eines lieben Menschen nicht lange halten kann, weil so viele Reize um ihn sind, die ihn verwirren. Beruhigend sind für ihn klar erkennbare Muster, weil sie ihn nicht ständig durch etwas Neues ablenken.

Beim Lesen habe ich mich allerdings gefragt, ob der Sprachstil der eines 13 jährigen Jungen ist, die Texte klingen sehr erwachsen. Das könnte natürlich daran liegen, dass die japanische Sprache formeller klingt oder daran, dass seine Buchstaben transkribiert wurden, um dann von einer Japanerin ins Englische übersetzt und danach auf Deutsch veröffentlicht zu werden. Das sind Einflussfaktoren, die verzerrend wirken können.

Das Buch vermittelt nicht nur pragmatische Informationen, sondern zeigt, dass in dem scheinbar hilflosen autistischen Körper ein eingesperrter Verstand sitzt. Das Buch ist ein Appell, darauf zu vertrauen, dass in einem Menschen mehr steckt als es nach außen den Anschein macht. Geschichten wie die von Naoki Higashida zeigen, dass man aus einer einseitigen Außensicht Verhalten falsch einschätzen kann. Theunissen, der erste Professor für Autismus in Deutschland, beschreibt in seinem aktuellen Buch die Geschichte von Kayla Takeuchi. Auch sie war jahrelang in ihrem Körper gefangen und galt als schwer geistig behindert und verhaltensauffällig. Nachdem es ihr gelang mit der Umwelt zu kommunizieren bekam sie die Möglichkeit, ihre Potentiale zu leben. Der Film „I Want to say“ berichtet über diesen Weg. Ihren Blog findet man unter http://updatesblogeveryonecommunicates.blogspot.de.

Allerdings kann man diese Lebensgeschichten nicht verallgemeinern und in jedem Menschen mit Behinderung das Genie suchen. Es ist eine Gefahr, eigene Erwartungen und Wünsche über das Gegenüber zu stülpen oder etwas in die Person zu projizieren, was womöglich nicht vorhanden ist. An dieser Stelle ist Professionalität und Fingerspitzengefühl gefragt. Insgesamt bleibt aber die Erkenntnis, dass die Umgebung aufmerksam sein sollte. Es gilt eigene Außen-Sichtweisen als Zuschreibungen zu erkennen, Beurteilungen kritisch zu reflektieren und offen zu sein. Diese Haltung steht auch bei der Anwendung des TEACCH Ansatz an erster Stelle. Es geht immer darum, das Handeln als Ausdrucksform und Teil der Persönlichkeit zu verstehen, statt einseitig auf die Störung und Defizite vermeintlich „Behinderter“ zu fokussieren. Naoki Higashida schreibt in der Einleitung: „Als ich ein kleines Kind war, wusste ich nicht, dass ich ein behindertes kleines Kind war. Und wie fand ich es heraus? Durch andere Menschen, die mir erklärten, ich sei anders als alle anderen und das sei ein Problem. Was auch stimmt…aber eigentlich wünschen wir uns nichts weiter als eine bessere Zukunft.“ Diese Aussage macht es deutlich: es ist die Umwelt, die einen nicht zu unterschätzenden Beitrag leisten kann.

Zum Schluss ist es mir ein Anliegen darauf hinzuweisen, was für jeden gilt und vor allem auch für Menschen mit Behinderung: Zufriedenheit kann man dadurch erlangen, dass man annimmt was ist und wie es ist. Der Zwang, die Dinge stetig verändern zu wollen macht auf die Dauer unglücklich!

Fazit

Ein lesenswertes Buch, durch das man viel über autistisches Leben erfährt. Ein Buch, das daran erinnert, Menschen mit Behinderung offen und aufmerksam mit Herz und Verstand zu begegnen. Ein Buch, das Mut macht! David Mitchell, der das Vorwort schrieb, ist selber Vater eines autistischen Kindes. Er resümiert: „Das Buch, das mir am meisten geholfen hat. Was ich las, half mir, als Vater aufgeklärter, hilfreicher, stolzer und glücklicher zu sein.“ (Klappentext). Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Naoki Higashida: „Man kann einen Menschen nicht nach seinem Äußeren beurteilen. Sobald man aber einen Blick in sein Inneres tut, ist man einander nicht mehr so fremd. Von eurem Blickwinkel aus muss euch die Welt eines Autisten vollkommen rätselhaft erscheinen. Also nehmt euch bitte ein wenig Zeit und hört, was ich zu sagen habe“ (S.20).


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 09.07.2014 zu: Naoki Higashida: Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann. Ein autistischer Junge erklärt seine Welt. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2014. ISBN 978-3-499-62873-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16944.php, Datum des Zugriffs 22.05.2019.


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