socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Samuel Salzborn: Rechtsextremismus

Cover Samuel Salzborn: Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 150 Seiten. ISBN 978-3-8487-4526-5. 19,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Wenn ein Lehrbuch in der Politikwissenschaft innerhalb kürzester Zeit in der dritten Auflage erscheint, ist es entweder besonders gut geschrieben oder so aktuell, dass eine große Nachfrage nach fachlichem Basiswissen benötigt wird, um gesellschaftliche Phänomene besser einzuordnen. Im Falle von Samuel Salzborns Einführungswerks zum Thema Rechtsextremismus treffen beide Faktoren zu.

Die jüngsten Erfolge rechtsextremer Parteien und Bewegungen in Deutschland und Europa wurden publizistisch vielfältig diskutiert. Während alarmistische Töne den öffentlichen Diskurs prägen, sind viele wissenschaftliche Werke zu diesem Themengebiet nur schwer zugänglich. Salzborns Abhandlung besticht durch eine gekonnte Verbindung von konzeptionellen Überlegungen und praxisrelevanten Wissen über Erscheinungsformen und Erklärungsansätze des Rechtsextremismus, die sowohl für ein Fachpublikum als auch für eine interessierte Öffentlichkeit einen gewinnbringenden Überblick verschaffen. Salzborns Werk hebt sich von vielen ähnlichen Einführungswerken besonders durch sein schmales Design hervor, das auf viele Detaildebatten verzichtet und öffentlich relevante Fragestellungen mit Hintergrundwissen anreichert.

Autor

Prof. Dr. Samuel Salzborn ist Gastprofessur für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Seine Schwerpunktbereiche umfassen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Demokratieforschung.

Entstehungshintergrund

Das Lehrbuch erschien in der ersten Auflage 2014 im Nomos Verlag und wurde 2015 erweiterten Auflage neu herausgebracht. Salzborn änderte hier bereits einige Übungsaufgaben, die am Ende jedes Kapitels positioniert sind und fügte aus aktuellem Anlass einen Abschnitt zur Kampagnenpolitik im Rechtsextremismus der Gegenwart hinzu. In der dritten Auflage wurde ein weiterer Exkurs zur rechtsextremen Parteienfamilie in Europa hinzugefügt. Dieser Abschnitt erweitert das vorliegende Buch um eine internationale Dimension des Rechtsextremismus, was vor dem Hintergrund einer zunehmenden Internationalisierung des Themas auf der Höhe der Zeit ist.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch gliedert sich neben der Einleitung in insgesamt vier Abschnitte, die durch weitere Unterkapitel unterteilt werden. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Die vier Abschnitte werden nun Schritt für Schritt vorgestellt.

In der Einleitung äußert der Autor die für Forschende wie Zivilgesellschaft frustrierende Feststellung, dass die Auseinandersetzung und Bekämpfung des Rechtsextremismus eine „never ending story [zu sein scheint], die sich mehr oder weniger zyklisch wiederholt“ (S. 11). Salzborn macht deutlich, dass der Rechtsextremismus immer ein steter Begleiter der bundesdeutschen Geschichte ist und in der Lage war, sich immer wieder neu zu erfinden und in vielfältiger Gestalt auf die Gesellschaft einzuwirken. Er deutet bereits das vielfältige Feld der Rechtsextremismusforschung an, dessen Kontroversität und Pluralität er als eine Stärke verstehen will.

Der erste Abschnitt führt auf intelligente Weise in die Debatte um Begriffsverständnisse und Elemente rechtsextremer Weltanschauung ein. Salzborn macht deutlich, dass die Frage nach dem, was Rechtsextremismus eigentlich ist, nicht nur die nach dem Erklärenden (dem Explanans) ist, sondern auch die Frage nach dem zu Erklärenden (dem Explanandum) beinhaltet. Es geht also um das Zusammenspiel zwischen Bestandteilen von Weltbildern und dem, was schlussendlich als Rechtsextremismus bezeichnet wird. Dies ist immer stark vom gesellschaftlichen Kontext abhängig. Was einst als gesellschaftlich akzeptabel verstanden wurde, kann in einem anderen Zeitrahmen und Kontext als rechtsextremen verstanden werden. Andersherum können Positionen, die vor kurzer Zeit noch als rechtsextrem verstanden wurden, in Zukunft gesellschaftlich akzeptiert sein.

Salzborn geleitet den/die Leser/in eingehend durch den Begriffsdschungel der Terminologien und erklärt überzeugend, warum er trotz Kritik am Sammelbegriff des Rechtsextremismus festhält: Er versteht dem Begriff in Abgrenzung zur Logik der Behörden durch seinen Syndromcharakter und unterstreicht, dass er stark an mehrheitsfähige Einstellungen in der Gesellschaft anschließt. Eingehend differenziert Salzborn zwischen Einstellungen und Verhaltensweisen, wobei er besonders die Bedeutung von Geschichte und deren Revision für den Rechtsextremismus betont.

Der zweite Abschnitt widmet sich den verschiedenen Erscheinungsformen des historischen und gegenwärtigen Rechtsextremismus. Ausgehend von einer Periodisierung verschiedener Hochs und Tiefs rechtsextremer Aktivitäten in Deutschland unterscheidet Salzborn nach Erscheinungs- und Organisationsformen, deren unterschiedliche Handlungsweisen er aufschlüsselt. Wie in der Rechtsextremismusforschung üblich, wird auch an dieser Stelle zunächst der Fokus auf die Parteien gelegt. In einem Streifzug durch die rechtsextreme Parteienlandschaft zieht er den Bogen von der SRP über NPD und DVU zur AfD und beschreibt die unterschiedlichen Beziehungen zum Grundgesetz. In einem Diskurs wird darauf hingewiesen, dass es in ganz Europa eine rechtsextreme Parteienfamilie gibt, die sich nicht nur in programmatischer Hinsicht ähneln, sondern auch kooperieren und dabei gemeinsame Gegenentwürfe zum liberal-demokratischen Europaverständnis konzipieren. Eine zweite Erscheinungsform stellt der Neonazismus in seiner subkulturellen und klandestinen Prägung dar. Dieser dissidente Teil des Rechtsextremismus, der sich bewusst außerhalb des Systems stellt und es mit militanten Mitteln überwinden will, hat eine lange Geschichte, die geprägt ist von einer kurzen Lebensdauer unzähliger Organisationen in einem schwer zugänglichen Feld. Salzborn markiert die Schlüsselakteure und zeigt verschiedene Neuerungen wie die der Autonomen Nationalisten auf.

Als weitere Erscheinungsform diskutiert Salzborn rechtsextreme Medien und Kommunikationsformen. Er schließt hier an Forschung an, die die Bedeutung des weit verästelten Netzwerks von Zeitschriften, Verlagen, Blogs und die niedrigschwelligen und unterhaltungsorientierten Angebote der Szene hervorhebt. Besonders interessant ist die Evolution des Internet als ein zentrales Medium der Mobilisierung, Propagierung und jüngst auch Organisierung. Schließlich bringt Salzborn Klarheit in die Einordnung und Wirkungsweise der Neuen und „intellektuellen“ Rechten, indem er ihre Strategien aufschlüsselt und deren Ideologie mit der „alten“ Rechten vergleicht. Abschließend diskutiert der Autor rechtsextreme Einstellungen in der Gesellschaft, welches durch verschiedene Kampagnen versucht wird zu mobilisieren.

Der dritte Abschnitt thematisiert Erklärungsansätze aus politikwissenschaftlicher und soziologischer Perspektive, die das vielfältige Phänomen des Rechtsextremismus aus verstehender und erklärender Perspektive untersuchen. Mit der nötigen Distanz diskutiert er sich teils widersprechende Konzepte, die über die Jahre die Debatten prägten. Hervorzuheben sind die abgewägten Diskussionen rund um materielle Ansätze wie der „normalen Pathologie“, die den Rechtsextremismus seit den 1960er Jahren als eine Art Beiprodukt freiheitlicher Industriegesellschaft erklärt, sowie verfassungsrechtliche Ansätze wie der Totalitarismus- und Extremismusforschung. Weiterhin werden mit den Topoi politische Kultur, Sozialisation und Geschlecht auch weitreichende Erklärungsansätze geliefert, die die Verbindung in die politische Mitte besser verständlich machen. Hinzu kommt eine kritische Auseinandersetzung mit neueren Ansätzen, die Rechtsextremismus als eine Form von Protest und Ausdruck gesellschaftlicher Desintegrationsprozesse verstehen. In diesem Abschnitt erhalten gerade Studienanfänger ein illustratives Bild der Forschungslandschaft und ein Interesse, sich tiefgehender mit den Teilaspekten zu beschäftigen.

Abschließend thematisiert Salzborn im vierten Abschnitt Präventions- und Interventionsmöglichkeiten, verschiedene Einsichten und Lehren aus der zivilgesellschaftlichen und sicherheitsbehördlichen Praxis. Dazu wird anfangs das Konzept der wehrhaften Demokratie als verfassungsrechtlicher Rahmen vorgestellt mit samt ihrer konfliktiven Geschichte. Salzborn verdeutlicht die Wichtigkeit verschiedener und paralleler Maßnahmen, die Rechtsextremismus eingrenzen. Dazu ist es zunächst wichtig, ob Vorurteile in der breiteren Bevölkerung oder rechtsextreme Weltbilder bekämpft werden sollen. Während im ersten Fall Aufklärung und Prävention wichtige Felder der politischen Bildungsarbeit sind, können diese bei überzeugten Rechtsextremen ins Leere laufen oder deren Überzeugung gar noch verstärken. Gezielte Interventionsformen und schließlich auch staatliche Repression sind die Mittel, um hier den Schutz von demokratischen Freiheiten für alle garantieren zu können.

Diskussion

Das Werk kann bereits jetzt als eines der übersichtlichsten und inhaltlich aufschlussreichsten Einführungswerke in den Themenkomplex Rechtsextremismus verstanden werden. Dies liegt nicht nur an dem tiefen Verständnis des Gegenstandes des Autors. Salzborn versteht es, den Verlauf von Fachdebatten eingänglich nachzuzeichnen und sie mit anschaulichen Beispielen zu unterfüttern. Dies ist keine leichte Aufgabe in einem hoch politisierten Forschungsfeld, das paradigmatisch zerstritten ist und zur Polemik neigt. Somit deckt das Buch den Forschungsstand zum Thema umfassend ab. Die Verständnisfragen und weiterführenden Literaturanregungen am Ende jedes Kapitels sind sinnvoll für die Lehre und das Leseverständnis der Leserinnen und Leser. Man hätte sich am Ende des Buchs noch eine Zusammenfassung und einen Ausblick bzw. einige Perspektiven auf zukünftige Herausforderungen für die Forschung und die Praxis gewünscht.

Fazit

Besonders erfrischend in Salzborns Abhandlung ist, dass er den Untersuchungsgegenstand weder abstrakt entlang trockener Fachdebatten noch rein auf seine Erscheinungsformen reduziert. Salzborn ist daran gelegen, verschiedene Formen des Rechtsextremismus in den Lauf der Geschichte einzubinden und multiperspektivisch Erklärungsansätze aufzuzeigen, deren Konjunkturen wiederum an der politischen Großwetterlage festzumachen sind. Die konzeptionelle Offenheit ist besonders hervorzuheben in einem Forschungsfeld, das durch tiefgreifende Konflikte über die normativen Grundlagen der Beforschung des Gegenstands geprägt ist. Hierbei weder in Determinismus noch in Beliebigkeit zu verfallen, zeichnet Salzborns tiefes Verständnis für den Gegenstand sowie seine Fähigkeit aus, präzise und zugänglich sein Wissen zu präsentieren. Gerade in Zeiten einer gesellschaftlichen Zuspitzung helfen solche Werke, den Überblick zu behalten und Argumente gegen eine rechte Normalisierung aufzunehmen.


Rezensent
Maik Fielitz
Politikwissenschaftler; Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg; Promotionsstudent an der Goethe Universität Frankfurt, Doctoral Fellow am Centre for Analysis of the Radical Right.
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Maik Fielitz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Maik Fielitz. Rezension vom 16.11.2018 zu: Samuel Salzborn: Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8487-4526-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16945.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Geschäftsführer/innen, Weilburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung