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Bruno Hemkendreis, Volker Haßlinger: Ambulante Psychiatrische Pflege

Cover Bruno Hemkendreis, Volker Haßlinger: Ambulante Psychiatrische Pflege. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2014. 160 Seiten. ISBN 978-3-88414-579-1. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Grundlagen der häuslichen psychiatrischen Pflege (APP) als Pflegemodell. Information über die besonderen Anforderungen an die Fachkräfte und über die Leistungsmöglichkeiten. Erwähnenswert ist dabei, dass nicht nur entsprechend der in Deutschland gültigen Gesetzlichkeiten informiert wird, sondern auch entsprechend den Gegebenheiten in Österreich und der Schweiz.

AutorIn oder HerausgeberIn

Bruno Hemkendreis ist Vizepräsident der Deutschen Fachgesellschaft für Psychiatrische Pflege (DFPP) und hat u. a. als pflegerische Stationsleitung in der Akutpsychiatrie gearbeitet.

Volker Haßlinger ist Fachkrankpfleger für Psychiatrie und arbeitet als pflegerische Stationsleitung am Klinikum Nürnberg. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Bundesinitiative Ambulante Psychiatrische Pflege e. V. (BAPP) und Präsidiumsmitglied der Deutschen Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege (DFPP).

Entstehungshintergrund

Als relativ junges Angebot sind die Leistungen der Ambulanten Psychiatrischen Pflege teilweise noch völlig unbekannt. Das Buch richtet sich sowohl an Pflegefachkräfte, sich aus verschiedenen Sichtweisen an das Arbeitsfeld Ambulante Psychiatrische Pflege zu nähern, als auch an Ärzte, Institutionsambulanzen, Sozialarbeiter, Psychologen und Ergotherapeuten um eine gemeinsame ambulante Behandlung zu organisieren und durchzuführen.

Aufbau

Übersichtlich, klar und nachvollziehbar zeigt sich die Inhaltsübersicht, die auch ohne Kapitelangaben auskommt. So sind Überschriften teilweise in Frageform oder stichpunktartig gehalten. Eine Übersicht aller Downloadmaterialien, die im späteren Text mit einem Symbol gekennzeichnet sind, informiert den Leser auf einem Blick.

Inhalt

Vorwort

Beschrieben werden verschiedene Gesichtspunkte des Leistungsangebots der Ambulanten Psychiatrischen Pflege, z. B. aus Sicht der Patienten (gewohnte Umgebung statt Heim oder Klinik), als mögliches Arbeitsfeld (Eigenverantwortung, fehlendes „Hausrecht“) und ergänzend zu bereits bestehenden Angeboten wie Betreutes Wohnen oder Psychiatrischen Institutsambulanzen.

Die Autoren drücken die deutliche Hoffnung nach mehr Bekanntheit für die Ambulante Psychiatrische Pflege und dadurch erhöhte Nutzung von Betroffenen.

Eine kurze Geschichte der Ambulanten Psychiatrischen Pflege

Die gemeinsame Geschichte der Krankenpflege (noch nicht getrennt nach psychisch oder physisch Erkrankte) beginnt mit ersten Hospitälern, die bereits im Mittelalter durch Ordensschwestern und -brüder gegründet wurden. Bis ins 19. Jahrhundert erfolgte die Versorgung stationär. In den 1960er-Jahren entstanden erste Sozialstationen. Erst dann wurde wieder durch Kirchengemeinden oder Diakonissenhäusern ambulante Pflege organisiert. Nach 1975 wurden erste ambulante Versorgungsmodelle erprobt. Menschen wurden „enthospitalisiert“, die bis dahin teilweise jahrelang in Kliniken gelebt hatten. Mitte der 1980er-Jahre entstanden in Deutschland erste ambulante psychiatrische Pflegedienste. Zunächst wurden im Rahmen der Ambulanten Psychiatrischen Pflege entlassene Langzeitpatienten versorgt, nun stellt sie eine Alternative zur Krankenhausbehandlung oder zum verkürzten Klinikaufenthalt dar.

Die Enthospitalisierung wird am Beispiel Gütersloh näher beschreiben: Genannt wird z. B. der engagierte Krankenpfleger Hans Bentlage der zwei Wohnungen in seinem Namen anmietete – für Langzeitpatienten, deren Unterbringung teilweise nie hinterfragt wurde. Die damalige Pflegedienstleitung reagierte mit Einträgen in der Personalakte.

2002 gründet sich die Bundesinitiative ambulante Psychiatrische Pflege (BAPP) und 2007 gründet sich der Verein für Ambulante Psychiatrische Pflege in der Schweiz.

Im Jahr 2005 wurde die psychiatrische Pflege in die Richtlinien zur Häuslichen Krankenpflege verankert, konnte aber aufgrund fehlender konkreter Umsetzungsbestimmungen nur erschwert umgesetzt werden.

Beschreibung der Regelungen in der Schweiz (z. B. freiberufliche Psychiatriefachleute in der deutschsprachigen Schweiz; unterschiedliche Regelungen in den 26 Kantonen) und in Österreich (z. B. keine Krankenkassenleistung, sondern Rehabilitationsmaßnahme) folgen.

Für wen wird die Ambulante Psychiatrische Pflege unter welchen Bedingungen tätig?

Gekürzte Auflistung – die vollständige Liste findet sich im Downloadbereich, z. B. Erstgespräch, Wahrnehmen und Abstimmung therapeutischer, pflegeirische und ergänzender Maßnahmen, Hilfe bei der Medikamenteneinnahme, Psychiatrische Entlastung im Alltag, Hilfe bei der Tages- und Wochenstrukturierung usw.

Die Ambulante Psychiatrische Pflege erfolgt aufgrund einer ärztlichen Verordnung und eines schriftlichen Behandlungsplans (Downloadbereich) durch einen Facharzt für Psychiatrie oder Neurologie. Folgeverordnungen können auch über einen Hausarzt erfolgen. Weitere Besonderheiten werden aufgezeigt. Ebenso wird das Vorgehen in der Schweiz und in Österreich beschrieben. Statistische Zahlen ergänzen den Text.

Benannt werden verordnungsfähige Diagnosen und deren prozentuale Häufigkeiten entsprechend einer Untersuchung aus dem Jahr 2012 für Deutschland, aus dem Jahr 2009 aus der Schweiz und für Österreich von 2013.

Eine Auflistung der in Deutschland geltenden verordnungsfähigen Diagnosen entsprechend der ICD-10-Katalogisierung folgt. Statistische Zahlen zur Altersstruktur, Wohnen und Familienstand, Einkommenssituation und Geschlechterverteilung der Klienten folgen.

Die Regularien der Verordnungsdauer und -frequenz folgen.

In den deutschsprachigen Ländern bestehen keine einheitlichen Qualitätsanforderungen. Es werden die Empfehlungen der BAPP aus dem Jahr 2008 stichpunktartig gelistet.

In Ermangelung an Wirksamkeitsstudien aus den deutschsprachigen Ländern wird auf erfolgreiche Erfahrungen geblickt und pflegerische Herausforderungen beschrieben. Fallbeispiele verdeutlichen mögliche Lösungswege in der Zusammenarbeit mit den Klienten, den Ärzten oder dem Umgang mit kulturellen Gegebenheiten.

Mit dem Ziel der Ambulanten Psychiatrischen Pflege, den Klienten zu mehr Selbstbestimmung und Selbstmanagement zu begleiten werden die Begrifflichkeiten Empowerment und Recovery beschrieben.

Der Pflegeprozess in der Ambulanten Psychiatrischen Pflege

Beschreibung von Inhalten und Zielen der Pflegeplanung als zentrales Instrument der Pflegeprozessdokumentation.

Beispiele für deutsche Assessmentinstrumente sind im Downloadbereich einzusehen und werden beschrieben, so z. B. CAN (Camberwell Assessment of Need), GAB-Skala (Global Assessment of Functioning Scale) oder NGASR (Nurses Gobal Assessment of Suicide Risk).

Zur Dokumentation zählt auch Biografiearbeit, welche kurz thematisiert wird. Weiter werden Pflegemodelle vorgestellt. Unter der Teilüberschrift „Pflegemaßnahmen auswählen und durchführen“ folgen Fallbeispiele, z. B zu den Themen Isolation, Verwahrlosung oder Aggression. Eine Auflistung mit Grundlagen der Deeskalation als „Handwerkszeug“ der Ambulanten Psychiatrischen Pflege wird aufgelistet.

Zusammenarbeit und Kooperation mit anderen Anbietern

Das Netzwerk um und mit dem Patienten ist groß: Dazu gehören Fachärzte, Psychiatrische Institutsambulanzen, Ergotherapie, Psychotherapie, Rechtliche Betreuung und ambulant Betreutes Wohnen. Wer dabei welche Rolle übernimmt und wo die Schnittstellen sind, wird in kurzen Texten aufgezeigt.

Organisation der Ambulanten Psychiatrischen Pflege

Textliche Aufarbeitung von EDV-Systemen zur Nutzung, rechtliche Hinweise zur Dokumentation, Schweigepflicht, Verträge mit Leistungserbringern und -anbietern.

Wenn die Pflege Pflege braucht

Um mit der belastenden Arbeit besser umgehen zu können, sollten Fall- und Supervisionen oder Intervision regelmäßig durchgeführt werden. Das Schlagwort Burn-out-Prophylaxe wird hier beschrieben, mögliche Symptome aufgezeigt und diverse Möglichkeiten zum gemeinsamen Umgang mit dem Alltag werden benannt. Maßnahmen zur Selbstpflege werden gelistet.

Wo steht die Ambulante Psychiatrische Pflege heute?

Noch immer gibt es in Deutschland kein flächendeckendes Angebot, lediglich zwei Bundesländer können dies angeben. Eine ähnliche Situation besteht in Österreich. In der Schweiz gibt es eine nahezu flächendeckende Versorgung.

Anhang

Hier finden sich Adressen und Hinweise auf Internetseiten zu Berufsverbänden, Weiterbildungseinrichtungen, Adressen für Betroffene oder zu den Themen Rechtsbetreuung, Existenzgründung, Dokumentation.

Diskussion

Der Einblick in die „Welt“ der Ambulanten Psychiatrischen Pflege ist anschaulich und informativ. Das Ziel des Buches also erfüllt. Nun liegt es an der Leserschaft, die Hoffnung der Autoren Wirklichkeit werden zu lassen.

Die Verweise auf den Downloadbereich bieten die Möglichkeit zusätzliche Informationen zu erfahren. Gerade hinsichtlich der Schnittstellen unterschiedlicher Leistungserbringer ist das Fachbuch wertvoll.

Hinsichtlich der demografischen Entwicklung hätte dem Thema Demenz hier ein eigenes Kapitel gewidmet werden können – gerade hier stellt sich doch die Frage, wie die somatische und psychiatrische Pflege zusammen arbeiten könnte.

Die Gründungs- und Organisationshinweise zum Betrieb eines ambulanten psychiatrischen Pflegedienstes sind nur rudimentär erwähnt worden.

Fazit

Wenn der Titel des Fachbuches Sie anspricht und Interesse an der Thematik besteht, dann haben Sie das richtige Buch gefunden!


Rezensentin
Sonja Fröse
Homepage www.sonjafroese.de
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Zitiervorschlag
Sonja Fröse. Rezension vom 31.03.2015 zu: Bruno Hemkendreis, Volker Haßlinger: Ambulante Psychiatrische Pflege. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2014. ISBN 978-3-88414-579-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16951.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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