socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wiebke Rögener: Hyper-Hirn (Neuro-Enhancement)

Cover Wiebke Rögener: Hyper-Hirn. Durch Neuro-Enhancement klüger, wacher, effizienter? Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. 188 Seiten. ISBN 978-3-497-02435-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Es geht um Neuro-Enhancement, worunter die Autorin jene Bestrebungen versteht, welche das Denkvermögen gesunder Menschen steigern. Diese Steigerung des Denkvermögens geschieht, damit das Denken sehr gut und noch besser funktioniert. Die Publikation gibt einen Überblick zu dem, was im Neuro-Enhancement Wirklichkeit ist, was erforscht wird, was zu erhoffen bzw. zu befürchten ist.

Autorin

Dr. Wiebke Rögener ist Diplombiologin und freie Wissenschaftsjournalistin. An der Technischen Universität Dortmund ist sie am Lehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus (Prof. Dipl. Chem. Holger Wormer) leitende Autorin im Projekt Medien-Doktor UMWELT.

Aufbau

  1. Denken auf Droge
  2. Denken unter Strom
  3. Denken mit Genen
  4. Denken im Glashaus
  5. Denken und Dürfen

Inhalt

Was wird eigentlich unter Neuro-Enhancement verstanden? Neuro-Enhancement kann mit Gehirnverbesserung übersetzt werden und das sind die Bestrebungen, „die das Denkvermögen Gesunder steigern wollen, damit es ‚besser als gut‘ werden möge“ (S. 9).

Die Denkdroge, mit der das erste Kapitel der zu besprechenden Publikation konfrontiert, macht aus dem Durchschnittsdenker ein Instantgenie. Die Nachhilfe aus dem Chemielabor erfolgt durch das gegenwärtig verfügbare Brainlifting in Form von Arzneimitteln, als da beispielsweise wären:

  • Methylphenidat, das ursprünglich als stimulierendes Mittel bei Antriebsstörungen und leichten Depressionen angewendet wurde;
  • Modafinil, dass das Schlafbedürfnis minimiert und Workaholics munter hält. Modafinil wurde einst zur Behandlung seltener Erkrankungen eingesetzt;
  • Betablocker, ein Mittel gegen Bluthochdruck. Der Wirkstoff dämpft auch das Lampenfieber und verbessert dadurch die Leistungsfähigkeit.

Neben diesen i. d. R. legal zu erwerbenden Denkmittelchen, gibt es auch Illegales und in Schmuddelecken zu Erwerbendes, wie z. B.:

  • Amphetamine (z. B. Speed), die das Einschlafen verhindern;
  • Kokain, dessen Wirksamkeit in Euphorismus, Wachheit, Aufmerksamkeit, Angstfreiheit und erhöhtem Selbstbewusstsein liegt.

Im zweiten Kapitel untersucht die Autorin die Arbeit des mit Strom beeinflussten Gehirns. So werden z. B. motorische Aufgaben unter Strom besser erledigt: „Ältere Menschen erlernen eine bestimmte Tastenfolge auf dem Keyboard leichter, wenn ihr Hirn während des Übens elektrisch stimuliert wird“ (S. 64).

Aufmerksamkeit erhält die so genannte Transcranial random noise Stimulation, die transkranielle Gleichstromstimulation. Hierbei werden bestimmte Hirngebiete mit zufällig oszillierenden Strömungen stimuliert. Auf diese Weise kann Schaganfallbetroffenen dabei geholfen werden, verlorene Fähigkeiten wieder zu erlernen.

Für den schulischen Sektor kann die elektrische Nachhilfe bei im Lernen beeinträchtigten Kindern „gemeinsam mit entsprechendem Training, Fehlentwicklungen des Gehirns korrigieren“ (S. 69).

Die transkranielle Magnetstimulation (TMS) findet in der Behandlung von Depressionen Anwendung. „Die TMS […] stimuliert einen Bereich vorne links im Gehirn, der bei depressiven Menschen weniger aktiv ist als bei Gesunden“ (S. 74). TMS kann aber, da es wohl die Konzentrations- und Denkfähigkeit fördert, nicht dem Zweck gemäß für Prüfungsvorbereitungen eingesetzt werden.

Ob das geistige Leistungsvermögen vererbt werden kann geht auf die Diskussionen von Francis Galton (1865) zurück, der davon ausging, dass Talent vererbt wird. Gemessen wird Talentiertheit – und das geht über Galtons Vererbungslehre hinaus – seit Alfred Binet, der mit Tests den Schulerfolg vorhersagen wollte, denn: „Sie sind so konzipiert, dass sie den Erfolg im Bildungssystem möglichst zuverlässig abbilden“ (S. 99). Gegen die Erblichkeit von Intelligenz spricht, dass finanzielle Sorgen einen Großteil der Intelligenzkapazitäten beanspruchen. Aus diesem Grund dient die Bekämpfung der (geerbten) Armut dem Neuro-Enhancement.

Mit dem gläsernen Gehirn befasste sich im 18. Jh. Franz Gall: „Wies ein Schädel da ausgeprägte Beulen und Knubbel auf, wo Gall den ‚Geschlechtssinn‘, ‚Raufsinn‘ oder gar ‚Würgesinn‘ vermutete, schloss er entsprechend auf den Charakter des Probanden“ (S. 127).

Modern bieten bildgebende Verfahren einen Einblick in das Gehirn, wie:

  • die Computertomographie;
  • die Positronen-Emissions-Tomographie;
  • die Magnetresonanztomographie;
  • die funktionelle Magnetresonanztomographie.

„Die meisten Verfahren, die heute für das Neuro-Enhancement diskutiert werden, wurden zunächst für die Therapie von Patienten entwickelt, deren Hirnfunktionen beispielsweise durch ein psychisches Leiden, einen Schlaganfall oder eine Demenzerkrankung beeinträchtigt sind“ (S. 141). Die Gefahr besteht nun in dem vorprogrammierten gesellschaftlichen Unverständnis und der damit einhergehenden Kritik, wenn man sich, obwohl verfügbar, nicht für ein chemisches Gehirndoping entscheidet – etwa bei schlechten Schulleistungen – und hier nur auf den üblichen Nachhilfeunterricht setzt, um so auch einem Suchtrisiko zu entgehen. So ist z. B. das Neuro-Enhancement bei Kinder schwer abzuschätzen. Bei ihnen solle man es mit Vorsicht einsetzen „und die Wirkung genau beobachten, heißt es dazu etwas hilflos“ (S. 150).

Weitere Probleme können sein:

  • ein verändertes Selbstbild;
  • eine veränderte Autonomievorstellung;
  • Persönlichkeitsveränderungen;
  • Aggrssivität;
  • eine Hypersexualität.

Diskutiert wird auch der zwangsweise Einsatz des Neuro-Enhacements beim Militär.

Fazit

Zur Lektüre zu empfehlen ist die Publikation allen Prüflingen oder intellektuell stark Geforderten, die sich damit herumschlagen, ob nicht mit ein bisschen Chemie die Denkleistung verbessert werden kann. Gleichzeitig ist dann den der Chemie Vertrauenden die Anschaffung eines Entspannungsbuches zu empfehlen. Beide Bücher verhelfen dann vielleicht zu einem kostengünstigeren und nebenwirkungsfreien Leben.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
E-Mail Mailformular


Alle 120 Rezensionen von Carsten Rensinghoff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 17.07.2014 zu: Wiebke Rögener: Hyper-Hirn. Durch Neuro-Enhancement klüger, wacher, effizienter? Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. ISBN 978-3-497-02435-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16953.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung