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Hannelore Faulstich-Wieland, Martina Weber u.a.: Doing Gender im heutigen Schulalltag

Cover Hannelore Faulstich-Wieland, Martina Weber, Katharina Willems: Doing Gender im heutigen Schulalltag. Empirische Studien zur sozialen Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 251 Seiten. ISBN 978-3-7799-1667-3. 19,50 EUR, CH: 33,90 sFr.

Reihe: Veröffentlichungen der Max-Traeger-Stiftung - Band 39.
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Entstehungshintergrund und Anlage der Untersuchung

In diesem Buch werden die Ergebnisse einer vier Jahre andauernden Längsschnittstudie vorgestellt. Die von der DFG finanzierte Studie ging der Frage nach, wie Lehrkräfte und Jugendliche in der Adoleszenz in unterschiedlich zusammengesetzten Schulklassen durch Interaktionen in verschiedenen Schulfächern Geschlecht als soziale Kategorie konstruieren und welche Interaktionen zur "Neutralisation" beitragen. Eine solche Fragestellung basiert auf der Annahme, dass Geschlecht kein Merkmal ist, das jemand hat, sondern vielmehr dass man sein Geschlecht in Interaktionsprozessen immer wieder herstellt, "doing gender". Damit stehen in dieser Studie nicht die Geschlechterdifferenzen im Mittelpunkt, sondern der Herstellungsprozess von Geschlechterunterschieden. Die Erhebungsinstrumente waren vielfältig, das zentrale methodische Vorgehen war jedoch die ethnographische Beobachtung in drei verschiedenen Klassen eines Gymnasiums über drei Jahre hinweg. Am Ende der Feldphasen lagen insgesamt etwa 400 ethnographische Protokolle zu Unterrichtsstunden vor. Die ethnographischen Protokolle wurden durch Ton- und Videoaufnahmen ergänzt, die z.T. transkribiert wurden. Darüber hinaus kam ein standardisierter Fragebogen für Schüler und Schülerinnen zum Einsatz, der die Selbsteinschätzungen, Einschätzung der Schulfächer, Fach- und Sachinteresse, aber auch Selbstkonzept und Einstellungen zu Fragen der Gleichberechtigung umfasste. Lehrer und Lehrerinnen wurden durch Interviews in die Untersuchung mit einbezogen.

Zu den Ergebnissen

Lehrkräfte dramatisieren das Geschlecht stärker, als es in den Interaktionen der Jugendlichen geschieht, allerdings sind die über die Fragebogen erhobenen Selbst- und Fremdwahrnehmungen derselben Jugendlichen gendertypisch, d.h. die eigenen Selbsteinschätzungen und das Selbstwertgefühl der Jungen und der Mädchen entsprechen den typischen Geschlechterbildern. Die Beschreibungen der Klassen, der Schulgebäude, der Klassenzimmer, der Unterrichtsorte, der Fachräume und der Sitzordnungen und die dazu angebotenen Interpretationen werden als Strukturbedingungen des schulischen Lernens dargestellt, die mehr oder weniger zu einer Geschlechterstereotypisierung führen. Ebenso verhält es sich mit den beobachteten Interaktionen von Schülern und Schülerinnen. Diese Ereignisse werden als "Spielräume" dargestellt und in der Interpretation immer wieder nach den Möglichkeiten der Dramatisierung aber auch der Entdramatisierung von Geschlecht geforscht. Als solche Spielräume werden genannt: Aufmachungen (also Kleidung, Schminke und Accessoires sowie Haarpraktiken unter Jungen und Mädchen), Interaktionen in den Klassen, die charakterisiert werden z.B. als Aushandlung des Status, Statussicherung über Ironie und Solidarität und Männlichkeitskonstruktionen in der Schule. Abgrenzungen von Jungen und Mädchen sowie Annäherungen, Körperkontakte und Sexualisierungen. Die Frage nach dem "Doing gender" und dem "Undoing gender" zieht sich wie ein roter Faden durch die Darstellung der Ergebnisse. Die Annahme, dass in vielen Interaktionen auch ein Undoing gender erfolgt, dass also kein Bezug auf eine Geschlechtszugehörigkeit zu erkennen ist und das Geschlecht nicht als omnipotente Kategorie in allen Interaktionsformen wahrzunehmen ist, wird empirisch bestätigt.

Die körperlichen Inszenierungen sind für Dramatisierungen von Geschlecht besonders geeignet, verknüpfen sich aber mit dem Demonstrieren von Erwachsenwerden, hier geht doing adult mit doing gender zusammen.

Die Interaktionsbeziehungen in den drei beobachteten Klassen zeigen sowohl Dramatisierungen von Geschlecht als auch Entdramatisierungen, und selbst die interessante These, dass das Geschlecht, das in der jeweiligen Minderheit ist, sich besonders geschlechtsstereotyp verhalten werde, konnte nicht bestätigt werden. Die Inszenierung geschlechterstereotyper Selbstdarstellungen und Verhaltensweisen wird damit zu einer "ruhenden Ressource", die sehr wohl zur Verfügung steht, die aber nicht in jeder Interaktion relevant ist. Geschlecht erscheint damit nicht als eine, alles umfassende Kategorie für soziales Handeln, sondern als eine, die dann, wenn es den Handelnden nützt, gebraucht wird. Wenn andere Kategorien (z.B. Alter) für das Agieren jedoch bedeutsamer sind, tritt sie in den Hintergrund.

Im letzten Abschnitt werden dann die pädagogischen Konsequenzen gezogen: Als Resümee wird festgehalten, dass Schule so zu gestalten sei, dass Jungen in ihrer individuellen Suche jenseits von Defizitorientierungen oder Re-Maskulinisierung unterstützt werden, und für den pädagogischen Umgang mit Mädchen wird der Verzicht auf Protektionismus für wichtig gehalten. Die Selbstreflexionen des eigenen doing gender der Lehrer und Lehrerinnen werden damit nicht unwichtiger, dürfen jedoch nicht dazu führen, dass Mädchen als Benachteiligte und Jungen als potenzielle Störer wahrgenommen werden. Im Gegenteil, der Blick auf die jeweils individuellen Verhaltensweisen und Inszenierungen kann dazu beitragen, dass expansive Lernprozesse auch in der Schule weiter gefördert werden.

Zielgruppen

Das Buch bedient zwei verschiedene Bedürfnisse: Wer etwas über ethnographische Forschung im Schulalltag wissen möchte, der wird mit Interesse den Werkstattbericht lesen: man findet kleinteilige Beobachtungen, Soziogramme, die im Längsschnitt erhoben worden sind, und die vielen Interaktionssequenzen, die in einer Geschlechterperspektive interpretiert werden. Gerade die sehr ausführlichen ethnographischen Studien sensibilisieren für Interaktionssituationen und können durchaus nicht nur auf Unterrichtssituationen in anderen Schulklassen, sondern auch auf Alltagssituationen in anderen Bereichen übertragen werden. Wer aber etwas über die doing gender Konkretisierung im Schulalltag, also über die Ergebnisse wissen möchte, der kann mit Gewinn den ersten, mehr theoretischen Teil, aber auch die Zusammenfassung lesen: beide Teile bieten eine anregende inhaltliche Fokussierung auf das Thema.

Fazit

Diese Forschungsergebnisse sind für die Alltagshandlungen von Lehrern und Lehrerinnen, aber auch für Väter und Mütter von Bedeutung. Sie bieten einen guten Einblick in die Werkstatt, in der Geschlechter gemacht werden und alle, die in einer solchen Werkstatt arbeiten, können bei der Lektüre lernen, welchen Beitrag sie selber dazu leisten.


Rezensentin
Dr. Barbara Stiegler
Bis zu ihrer Pensionierung Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung
Friedrich Ebert Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
Homepage www.stiegler-barbara.de
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Zitiervorschlag
Barbara Stiegler. Rezension vom 14.06.2005 zu: Hannelore Faulstich-Wieland, Martina Weber, Katharina Willems: Doing Gender im heutigen Schulalltag. Empirische Studien zur sozialen Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. ISBN 978-3-7799-1667-3. Reihe: Veröffentlichungen der Max-Traeger-Stiftung - Band 39. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1696.php, Datum des Zugriffs 21.02.2019.


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