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Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl (Bruttoinlandsprodukt)

Cover Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2013. 186 Seiten. ISBN 978-3-518-12673-8. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch fügt sich allgemeinverständlich in den Forschungsschwerpunkt des Autors, der sich über viele Jahre im Grenzbereich zwischen Politologie, Volkswirtschaft und Entwicklungshilfe praxisnah mit der Beschreibung und Bekämpfung von Armut beschäftigt hat. Im Suhrkamp Verlag gab er zuletzt das Buch „Über die Armengesetze“ von Joseph Townsend heraus. Weitere Publikationen siehe http://www.iass-potsdam.de/people/dr-philipp-h-lepenies

Autor

Dr. Philipp H. Lepenies, Jahrgang 1971, wurde an der FU Berlin im Fach Wirtschaftswissenschaften promoviert und habilitierte sich an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. im Fach Politologie. Ferner erwarb er einen Master in Development Studies der London School of Economics und arbeitete als Fellow am Swedisch Collegium for Advanced Study (SCAS) in Uppsala. Aktuell ist er am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam beschäftigt.

Lepenies arbeitete langjährig als Entwicklungshelfer und Projektleiter in Mittel- und Südamerika sowie Asien. Passend dazu befassen sich seine Forschungsinteressen mit der Frage, wie Begriffe von Wachstum und Entwicklung auf politischer, statistischer und volkswirtschaftlicher Ebene definiert wurden bzw. wie sie miteinander verknüpft sind. Laufende Forschungsprojekte umfassen eine Tätigkeit als Principal Investigator im Forschungsnetzwerk „Desigualdades.net“ (FU Berlin) und Mitglied im Exzellenzcluster „Normative Orders“ der Goethe-Universität Frankfurt a. M.

Aufbau

Das Buch zeigt in insgesamt sechs Kapiteln, wie ab der Mitte des 17. Jahrhunderts Methoden „politischer Arithmetik“ Einzug in das politische und gesellschaftliche Denken fanden.

Nach einer Einleitung berichtet Lepenies im ersten Kapitel von der Vorgeschichte zur Berechnung des Volkseinkommens, gefolgt von Schwerpunktkapiteln der Entwicklung in England, den USA und Deutschland.

Das sechste Kapitel befasst sich mit dem endgültigen Siegeszug des Bruttosozialprodukts nach dem Zweiten Weltkrieg, gefolgt von einer Schlussbemerkung.

Inhalt

Wie konnte eine einzelne Zahl einen solchen Siegeszug antreten? Der Autor lässt gleich zu Beginn Frankreichs ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu Wort kommen, der das politische Dilemma prägnant auf den Punkt bringt: „Wir haben es zugelassen, dass unsere statistische Darstellung von Wohlstand mit Wohlstand an sich gleichgesetzt wurde und unsere Darstellung der Realität mit der Realität an sich […] Wir haben einen Kult um Zahlen kreiert, der uns nun gefangen hält.“ Lepenies lässt bereits durch den Titel keine Zweifel aufkommen, dass er die Rolle des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Politik und Gesellschaft kritisch sieht, zumal er die weltweiten Folgen einer rein auf nominales Wachstum ausgerichteten Staatsräson – nicht nur in der Entwicklungshilfe – aus eigener Anschauung kennt. Dabei lässt Lepenies in einer allgemeinverständlichen Darstellung und ohne mathematische Formeln sowohl Protagonisten, als auch Kritiker der neuartigen Berechnungsmethoden zu Wort kommen. Der heutige Leser, der fast täglich mit neuen Daten zu Wachstum, Beschäftigung oder dem Geschäftsklimaindex versorgt wird, blickt erstaunt in eine Welt, die historisch weitgehend ohne diese Angaben zurechtkommen musste. Offenbar hatten selbst engagierte und politiknahe Gelehrte über Jahrhunderte ernsthafte Schwierigkeiten, die herrschende Klasse von der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit ihrer Berechnungen zu überzeugen.

Lepenies lässt zunächst William Petty zu Wort kommen, einen englischen Universalgelehrten des 17. Jahrhunderts, dessen frühe Forderungen nach einer politikbegleitenden umfassenden Statistik - einer „politischen Arithmetik“ – zunächst ungehört verhallten. Stets betonte er den Nutzen seiner Berechnungen für das politische Handeln, sei es zur Berechnung der Anzahl kriegstauglicher Soldaten oder um die steuerliche Bedeutung der Arbeitskraft herauszustellen. Dem großen Sendungsbewusstsein Pettys fiel oftmals die Datenqualität zum Opfer, was dem wissenschaftlichen Nutzen und der zeitgenössischen Akzeptanz abträglich war. Dennoch hatte Petty erstmals die Vorstellung entwickelt, dass Wohlstand, Wachstum und Produktion kalkulierbare Größen seien. Andere britische Vordenker wie A. Smith, A. Marshall und A. Pigou legten später den Grundstein für die Annahme, dass die Ausweitung der Produktion materieller Güter zu allgemeinem Wohlstand führen musste. Die soziale Frage spielte entweder keine Rolle – Smith sprach gar von einer göttlichen Ordnung – oder wurde gleichsam durch das steigende Wohlstandsniveau gelöst.

Als zweiter Protagonist wird der Brite Colin Clark ausführlich vorgestellt. Seine Arbeiten schrieben Pettys Ideen politischer Arithmetik in die Neuzeit fort. Clark führte erstmals auf moderner Datenbasis umfassende Berechnungen des Volkseinkommens durch. Staatliche Aktivitäten blieben in seinen Berechnungen noch außen vor. Erst sein Schüler Richard Stone, sowie seine Landsleute John Maynard Keynes und James Meade schufen während des Zweiten Weltkriegs die wesentlichen Veränderungen an Clarks Berechnungsweise, die die Welt bis heute wie magisch fesseln: Ein transparentes Kontensystem volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung, in dem auch der Staat schadlos selbst wirtschaftliche Endprodukte schaffen konnte, und dessen wesentlicher Fokus nicht mehr das Einkommen des Individuums war, sondern die Produktion.

Clarks Gegenpart in den USA war der russische Einwanderer und spätere Nobelpreisträger Simon Kuznets. Auch er betrieb eine wissenschaftlich fundierte, empirische Sozialforschung, deren Bezug auf das Individuum mit kritischer Betrachtung staatlichen Handelns im Lauf der Zeit unpopulär wurden. 1932 verabschiedete der Kongress eine Resolution, die die Berechnung des Volkseinkommens zur Staatsaufgabe machte. Kuznets wurde zunächst damit betraut, verlor später jedoch an Einfluss. Milton Gilbert konnte nämlich zeigen, dass eine staatliche Steigerung der Kriegsproduktion möglich war und dennoch nur geringe Einschränkungen des privaten Konsums nach sich ziehen würde. Das neue Bruttosozialprodukt wurde somit auch für Roosevelt zum Wahlkampfschlager, und es half der Politik dabei, durch die Steigerung und bessere Kontrolle der Warenströme den Krieg zu gewinnen. Deutschland war auch hier eine verspätete Nation und konnte auf derart hochwertiges und aktuelles Datenmaterial nicht zurückgreifen.

Somit wurde das Bruttoinlandsprodukt selbst zum Kriegsgewinner. In der Nachkriegsgeschichte setzten die USA ihre Berechnungsmethoden auch mit Hilfe der UN weltweit durch. Deutschland bekam seine statistische Oberbehörde in Wiesbaden; fehlende Unterlagen wurden damals gewaltsam herbei geschafft, und sogar der damalige Präsident des DIW Rolf Wagenführ wurde wegen seiner Kenntnisse aus dem russischen Sektor in den Westen entführt. Die Steigerung des Bruttosozialprodukts wurde in Deutschland als Staatsziel gesetzlich verankert, mit der bekannten sozialen Komponente des Ludwig Erhard. Für die Zeit danach könnte Lepenies sicherlich ein zweites Buch schreiben.

Diskussion

Das Buch macht in mehrfacher Hinsicht sprachlos. Der heutige Leser wird hier ungläubig, dort erstaunt feststellen, mit welcher teils kriminellen Energie die Verfechter grenzenlosen Wachstums insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg der Welt ihren Stempel aufdrückten und ihre Kritiker ausbooteten. Geschichte wurde auch hier von den Siegern geschrieben, und mit der weltweiten Erfassung des Bruttosozialprodukts konnten sich innerhalb der Gemeinschaft alliierter Kriegsgewinner einige angelsächsische Vordenker noch den wirtschaftlichen Sieg der Nachkriegsordnung auf die Fahnen schreiben.

Mit dem BIP, das zur Not auch von der CIA geschätzt wurde, um den Klassenfeind zunehmend alt aussehen zu lassen, konnte auch der Kalte Krieg gewonnen werden. Geboren aus der schieren Notwendigkeit, einer gut geölten Kriegsmaschinerie das Controlling von Waren und Dienstleistungen an die Seite zu stellen, scheinen Politik und Gesellschaft die Kontrolle über ihre eigenen Statistiken verloren zu haben. Nicolas Sarkozy hat dies selbst zugegeben.

Lepenies gelingt die Bewusstmachung, wie geschickt der westlichen Bevölkerung über Jahrhunderte die Vorzüge einer auf stetigem Wirtschaftswachstum fußenden Gesellschaftspolitik vermittelt wurden, ohne freilich auf deren Risiken hinzuweisen. Aufgrund seines Fokus auf die Geschichte des BIP können wachstumskritische Aspekte moderner Autoren, die sich mit der Suche nach besseren Formeln zur realistischen Abbildung der heutigen Gesellschaft befassen, in diesem Band jedoch nicht ausführlich behandelt werden.

Fazit

„Die Macht der einen Zahl“ schildert auf spannende Weise den weltweiten Siegeszug des Bruttoinlandsprodukts und seiner Vorläufer. Es ist trotz der umfassenden Herleitung anhand historischer Quellen auch für wirtschaftswissenschaftlich interessierte Laien gut lesbar und allgemeinverständlich geschrieben. Lepenies vermittelt durch die biografische Einbettung seiner Analysen eine besondere Nähe zum Sujet, verzichtet dabei jedoch auf Effekthascherei. Ein sehr lesenswertes Buch, das lange nachwirkt.


Rezensent
Dr. med. Daniel Sommerlad
Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie
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Zitiervorschlag
Daniel Sommerlad. Rezension vom 28.10.2014 zu: Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2013. ISBN 978-3-518-12673-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16962.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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