socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kristian Kühl, Martin Heger: Strafgesetzbuch. Kommentar

Cover Kristian Kühl, Martin Heger: Strafgesetzbuch. Kommentar. Verlag C.H. Beck (München) 2014. 28., neu bearbeitete Auflage. 1751 Seiten. ISBN 978-3-406-65227-1. D: 59,00 EUR, A: 65,80 EUR, CH: 89,00 sFr.

Begr. von Eduard Dreher und Hermann Maassen. Fortgef. von Karl Lackner, seit der 21. Aufl. neben ihm von Kristian Kühl, seit der 25. Aufl. von diesem allein, ab der 28. Aufl. neben ihm von Martin Heger.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Aufbau

Das Werk enthält eine strafrechtswissenschaftliche Kommentierung aller 358 Paragraphen des deutschen Strafgesetzbuches (Allgemeiner und Besonderer Teil) mit einem vorangestellten Abkürzungsverzeichnis, das zugleich ein Literaturverzeichnis relevanter und häufig zitierter Lehr- und Fachbücher zum Strafrecht enthält, ferner mit einer Tabelle aller Änderungen des StGB von 1871 bis Oktober 2013 unter Nennung der geänderten Bestimmungen und mit einem ausführlichen und durchdachten Sachwortverzeichnis am Ende (S. 1713-1751). Im Anhang sind einige ergänzende Gesetze abgedruckt, z B. das Schwangerschaftskonfliktgesetz.

Autoren bzw. Bearbeiter

Wenn ein Strafrechtskommentar in der 28. Auflage erscheint, unterstellt das eine Werkgeschichte, die zugleich eine Erfolgsgeschichte sein muss. Diese verweist wiederum auf die Prominenz der dahinter stehenden Autoren. Der hier rezensierte Kommentar wird seit der 1. Auflage Anfang der 1950er Jahre in der Tat von namhaften Strafjuristen gestaltet und geprägt. Folgerichtig ist er für Generationen von Juristen mit deren Namen verbunden. Begründet wurde der Kommentar von Eduard Dreher und Hermann Maassen. Bekannt und geschätzt war der Kommentar von einer ganzen Generation von Strafjuristen als „der Lackner“. Tatsächlich hat Karl Lackner, ordentlicher Professor an der Universität Heidelberg, diesen Kommentar über 25 Jahre lang, von 1967 bis 2001, im „Ein-Mann-Betrieb“ quasi als sein Lebenswerk bearbeitet und verantwortet. Die disziplinäre Kunst der pointierten strafrechtlichen „Kurzkommentierung“ wurde dann erst als Mitautor und dann über 10 Jahre wiederum als Alleinautor fortgeführt von dem Tübinger Strafrechtsprofessor Kristian Kühl. Die vollständige Überarbeitung des Kommentars mit der vorliegenden 28. Auflage erfolgte nun in paritätischer Arbeitsteilung von Kristian Kühl mit Martin Heger, seinem ehemaligen Assistenten, mittlerweile ordentlicher Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Beide Lehrstuhlinhaber werden in ihrer Bearbeitung unterstützt von einem Stab von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von Doktorandinnen und anderen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, so dass die umfangreiche Überarbeitung des Gesamtwerkes zugleich auf einem lebendigen und engagierten wissenschaftlichen Austausch beruht, der sich methodisch und konzeptionell in dem bewährten Spektrum der Kommentierung bewegt.

Inhalt

Ein Kommentierungswerk des Strafgesetzbuches im Umfang von 1.800 Seiten lässt sich nicht mehr als „Kurzkommentar“ bezeichnen. Gleichwohl unterscheidet sich dieses Werk von den „Großkommentaren“ des Strafgesetzbuches mit tausenden von Seiten, wenn nicht gleich mehrbändig oder als Loseblattsammlung konzipiert, durch die Kompaktheit der Darstellung in einem Band. Dabei verzichtet dieser Kommentar auf die in juristischen Kommentaren oft gebräuchlichen textlichen Abkürzungen, was seine Lesbarkeit für Juristen wie für Nichtjuristen deutlich erhöht.

Was zeichnet den im Titel als „Lackner/Kühl“ bezeichneten Strafrechtskommentar nun aus?

Der Kommentar ist zu jeder Vorschrift schlüssig und klar gegliedert angelegt. Unterstützt wird dies durch den Fettdruck der relevanten Merkmale, die in den einzelnen Absätzen kommentiert werden. Eingangs wird meist der rechtsdogmatische Charakter der Vorschrift dargestellt und dies unter Hinweis auf relevante weiterführende oder Hintergrund-Literatur und Rechtsprechung. Erhellend ist sodann in der Regel eine prägnante Darstellung des mit der Strafandrohung ‚geschützten‘ Rechtsgutes samt der Rechtsprechung und der Fachdiskussion dazu. Dem folgt eine prägnante Kommentierung der einzelnen – hervorgehobenen – Tatbestandsmerkmale. Gerade hier zeigt sich die Spezifik des Kommentars: Nach der Darstellung der zentralen Auslegungen der „herrschenden Meinung“ unter Benennung der maßgeblichen, meist höchstrichterlichen Rechtsprechung (BGHSt) und Literatur dazu folgt in kompakter, aber gut nachvollziehbarer Weise die Einbeziehung von Lehrmeinungen zu den Gesetzesbestimmungen oder von wissenschaftlichen Diskussionen dazu, so dass man gerade in problematischen oder in Abgrenzungsfragen ein differenziertes Bild vermittelt bekommt, das das Spektrum der Gesetzesauslegung transparent werden lässt. Hierbei erweist es sich als Vorteil einer 28. Auflage, dass die Kommentierung den Wissens- und Erfahrungsschatz von vielen Vorauflagen enthält und einpflegt, d.h. ihn mit fachlicher Kompetenz und Sensibilität sichtet, gewichtet, aussortiert, beibehält oder aktualisiert. Für den ratsuchenden Strafjuristen hat das den enormen Vorteil, dass frühere Einschätzungsbemühungen von strafrechtlichen Streitfragen in diesem Kommentar nicht verloren gehen, sondern, mit den entscheidenden Fundstellen versehen, für den Fall des Wiederauftretens einer Fallkonstellation, die längere vielleicht Zeit nicht mehr aktuell war, zur Verfügung stehen.

Systematisch am Ende eines Kommentierungssegmentes von herrschender Meinung, herrschender Lehre und „Mindermeinungen“ stehen meist Hinweise auf offene Fragen oder argumentative Schwächen der referierten Standpunkte und eine klar abgegrenzte eigene Gewichtung und Einschätzung der Diskussion. Hier entwickelt der Kommentar, stets vielfach auf Literatur bezogen, eigene Positionen, Auslegungsvorschläge oder Hinweise auf gesetzgeberischen Reformbedarf. Auf diese Weise fließt letztlich der ganze Fundus der strafrechtsdogmatischen Diskussion und der engagierten aktuellen strafrechtswissenschaftlichen Lehre in die Kommentierung ein.

Der hinter einem solchen Kommentierungswerk stehende ungeheure Aufwand einer jahrzehntelangen Auswertung und Einbeziehung der vielfältigen Positionen der strafrechtswissenschaftlichen Lehre in Lehrbüchern, Monographien, Habilitationsschriften, Dissertationen und Fachaufsätzen – neben der ausgewerteten Rechtsprechung – macht diesen Kommentar ergiebig als Nachschlagewerk in Zweifelsfragen für Professionelle, aber auch als zuverlässige und differenzierte Einstiegshilfe in neu zu erschließende und ohnehin permanenten Reformen unterliegende strafrechtliche Regelungsbereiche für an sich strafrechtserfahrene Praktiker und – nach dem Gesagten gut nachvollziehbar – für Studierende oder Rechtsreferendare, aber auch für andere auf Strafrechtsverständnis angewiesene Professionen. Die dargestellten Auslegungsvarianten unterstützen den Strafverteidiger beim Aufbau seiner Position ebenso wie alle, denen es darum geht, bestimmte Fallkonstellation ohne allzu großen Aufwand für lange Recherchen strafrechtswissenschaftlich abgesichert einzuordnen.

Zur Erfassung gerade solcher Abgrenzungs- und Einordnungsfragen dienen die zahllosen hervorragend ausgesuchten und nachgewiesenen Kurzzitate, seien es treffende oder außergewöhnliche Fachworte („grunddeliktische Versuchsakzessorietät“, § 24 Rdn. 23), seien es pointierte Formulierungen („subjektiv misslungener Rücktritt“, § 24 Rdn. 20), die damit stets auch zitierfähig sind.

Was nun die 28. Auflage selbst betrifft, zeichnet sich diese durch eine umfassende aktualisierende Aufarbeitung der gesamten bisherigen Kommentierungsleistung aus sowie durch die unvermeidliche Ergänzung der neu gefassten und hinzugekommenen Straftatbestände wie beispielsweise der Strafbarkeit der Verstümmelung weiblicher Genitalien (§ 226a StGB) oder der Strafbarkeit der Nötigung zu einer Zwangsheirat (§ 237 StGB). Hier zeigt der Kommentar exemplarisch, dass er neben der klaren rechtsdogmatischen Aufschlüsselung der Strafvorschrift seiner eigenen Kommentierungstradition folgend auch die dahinter stehende rechtspolitische Diskussion und Kontroverse mit Nachweisen („BT-Dr“) skizzenhaft aufgreift, einordnet und abschließend mit einer eigenen begründeten Bewertung versieht.

Diskussion und Fazit

Der übersichtlich gegliederte, gut zu lesende und in der 28. Auflage komplett aktualisierte Strafrechtskommentar ist für Praktiker, für Professionelle und für Studierende ein Fundus zum reflektierten Verständnis der Strafvorschriften. Er unterstützt mit der strafrechtsdogmatischen Aufschlüsselung und der Einordnung der Strafvorschriften die belastbare Einschätzung ihrer Anwendbarkeit auf praktische Fallkonstellationen. Er verhilft mit seinen ausgesuchten Hinweisen, Stichworten und Einschätzungen zur Erfassung der jeweiligen ratio legis der abgehandelten Strafvorschriften und damit ihrer Tragweite. Die durchdachten und aktualisierten Kurzkommentierungen entstammen einer immensen Materialfülle von gründlich ausgewerteter Rechtsprechung, aus der Strafrechtslehre samt vielen Studien aus ihrem Umfeld. Für Strafrechtler ist der „Lackner/Kühl“ damit ein kompakter, hoch kompetenter und zuverlässiger Arbeitskommentar im professionellen Alltag. Für Studierende ist er ein aufschlussreicher Lehrkommentar. Für andere in strafrechtliche Fragestellungen involvierte Professionen – Sachverständige, Journalisten, Fachkräfte der Sozialen Arbeit, Mediziner, Psychologen oder Therapeuten u.a. – ist er ein gut verständlicher Orientierungskommentar. In allen genannten Anwendungsfällen bewährt sich die gelungene Kombination maßgeblicher Rechtsprechung sowie der pointiert wiedergegebenen Strafrechtslehre als Schlüssel zum Verständnis der Vorschriften des Strafgesetzbuches. Wer diesen Kommentar benutzt, den regt er unwillkürlich zum mehrdimensionalen Nachdenken über die Strafrechtsbestimmungen bis in ihre rechtspolitischen Dimensionen an. Und das alles zu einem Preis, der ihn zu einem Kommentar der Wahl prädestiniert.


Rezensent
Prof. Dr. iur. Walter H. Kiehl
Ehemaliger Rechtsanwalt, lehrt u.a. Strafrecht, Jugendkriminologie und Jugendstrafrecht am Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“ der Frankfurt University of Applied Sciences Main,
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Walter H. Kiehl anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Walter H. Kiehl. Rezension vom 08.10.2014 zu: Kristian Kühl, Martin Heger: Strafgesetzbuch. Kommentar. Verlag C.H. Beck (München) 2014. 28., neu bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-406-65227-1. Begr. von Eduard Dreher und Hermann Maassen. Fortgef. von Karl Lackner, seit der 21. Aufl. neben ihm von Kristian Kühl, seit der 25. Aufl. von diesem allein, ab der 28. Aufl. neben ihm von Martin Heger. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16965.php, Datum des Zugriffs 27.06.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Integrationsmanager (w/m/d), Reutlingen

pädagogische Fachkräfte (m/w/d), Kornwestheim

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung