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Henner Hess, Birgitta Kolte u.a.: Kontrolliertes Rauchen. Tabakkonsum zwischen Verbot [...]

Cover Henner Hess, Birgitta Kolte, Henning Schmidt-Semisch: Kontrolliertes Rauchen. Tabakkonsum zwischen Verbot und Vergnügen. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2004. 164 Seiten. ISBN 978-3-7841-1520-7. 14,00 EUR, CH: 25,30 sFr.
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Die Autoren und die Autorin

Henner Hess ist Professor für Sozialpädagogik an der Universität Frankfurt / Main und hat 1987 das Buch "Rauchen. Geschichte, Geschäfte, Gefahren" veröffentlicht.

Birgitta Kolte ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und arbeitet als Mitarbeiterin am Bremer Institut für Drogenforschung.

Henning Schmidt-Semisch arbeitet als Privatdozent für Sozialwissenschaften am Fachbereich Human- und Sozialwissenschaften der Universität Bremen.

Das Buch basiert im wesentlichen auf der früheren Veröffentlichung von Hess. Es ist nicht ersichtlich, welcher Autor welche Abschnitte verfasst hat.

Das Thema

Die Thematik des Buches ist zur Zeit in der aktuellen Diskussion über den Tabakkonsum zwischen Verbot und Vergnügen. In diese Diskussion bringen viele Einzelpersonen und Institutionen ihre persönlich geprägten bzw. institutionell vertretenen Meinungen ein. Die Tabakindustrie bemüht sich mit theoretischen Gegenargumenten die Diskussion zu beeinflussen und Untersuchungsergebnisse in Frage zu stellen. Die Gelder der Erhöhungen der Tabaksteuer werden für allerlei politische Zwecke genutzt, aber nicht für Hilfsmassnahmen für die Raucher selbst.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung wird betont, dass der Tabak eine Droge ist und die Drogen konsumiert werden, weil die Menschen aus ihrem Gebrauch Lust, Genuss und Vergnügen ziehen. Vier idealtypische Betrachtungsweisen des Konsums werden aufgeführt:

  1. Kulturell reguliertes Phänomen = Kultivierung;
  2. unerwünschtes, aber in der individuellen Verantwortung liegendes Verhalten = Akzeptanz;
  3. Krankheit, die behandelt werden muss = Pathologisierung und
  4. Verbrechen, das zu ahnden gilt = Kriminalisierung.

In den letzten Jahrzehnten sei es bezüglich des Rauchens zu einer Problematisierung der Gesundheitsschädlichkeit und der Nikotinsucht als Krankheit gekommen.

Das Kapitel I: "Zur Sozialgeschichte des Tabaks" bringt eine ausführliche Übersicht (auf 43 Seiten) der Geschichte der Verbreitung des Rauchens in Europa. Folgende Themen werden dargestellt:

  • die Ursprünge des Tabaks und seine Verbreitung als Heilmittel im 16. Jahrhundert; das Tabakproblem im 17. Jahrhundert mit der Verwendung als Genussmittel;
  • die Formen des Tabakgenusses und ihre soziale Bedeutung im 18. und 19. Jahrhundert;
  • die Geschichte der Zigarette im 19. und 20. Jahrhundert und die letzte grosse Anti-Tabak-Bewegung alten Stils.

Die Ausführungen basieren hauptsächlich auf dem Buch über die Geschichte des Rauchens von Conti (1930 /1986). Insgesamt ist es eine gute Übersicht, wenn auch die einzelnen Ereignisse um das Tabaksrauchen überwiegend ohne Zusammenhang dargestellt werden.

Das Kapitel II: "Die medizinische Kritik des Rauchens seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts" bespricht die beiden Hauptpunkte den Gefährlichkeitsdiskurs und die Definition der Nikotinsucht durch die WHO. Die Schäden des Rauchens werden nur kurz, allgemein und oberflächlich dargestellt. Im Laufe der Jahre hat die WHO unterschiedliche Definitionen des Tabakkonsums vorgestellt. Auf die Gleichsetzung von Nikotin und den illegalen Drogen wird hingewiesen. "Durch diese Verlagerung der Sucht in die Zigarette ist zugleich eine neue politische, und in der Folge vor allem auch juristische Grammatik erzeugt worden, die direkt auf die Hersteller zielt: Denn die Hersteller haben nun nicht mehr nur die Gesundheitsschädlichkeit, sondern über dies das Sucht-Potential ihres Produktes zu verantworten..."( S.75 ). Diese Klarstellung der WHO war der übliche Entscheidungsprozess, wie auch bei den anderen Drogen und der Suchtkrankheit allgemein. Völlig unberücksichtigt bleibt in den Ausführung, wieweit denn wirklich sich die Symptome einer Abhängigkeit bei den Rauchern zeigen. Es wird weder auf die umfangreiche diesbezügliche Literatur Bezug genommen noch werden die Raucher selbst befragt. Es ist eine theoretische Diskussion ohne Kenntnis der Fakten.

Im Kapitel III: "Warum wird das Rauchen nicht verboten?" wird über die Macht der Nachfrage und des Angebots diskutiert. Die Verbreitung des Rauchens bei den Jugendlichen und in der Bevölkerung wird dargestellt. Die Vorteile des Rauchens werden hervorgehoben. "Weil die Zigarette - neben allen Gefahren - Lust bereitet und Befriedigungen bietet, und weil sie die unterschiedlichen sozialen und kulturellem, individuellen und psychischen Funktionen erfüllen kann." Diese letzteren an sich nebensächlichen Funktionen werden ausführlich erörtert. "Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Motive für das Rauchen so vielfältig und stark sind, dass ein Verbot des Tabaks oder des Rauchens kaum politisch zu beschließen, geschweige denn durchzusetzen wäre..." Die Macht des Angebots wird nur kurz angesprochen und bezieht sich weitgehend auf die Tabaksteuern. Der dritte Abschnitt "Selber schuld! Oder: Auschlussszenarien für Raucher" bespricht die Verbote in den öffentlichen und privaten Bereichen. Es handele sich um eine verschärfende und verrechtlichende Sortierung in Raucher und Nichtraucher und es rücken ökonomische Denk - und Bearbeitungsweisen in den Vordergrund. Auf Grund der Entwicklungen erscheint das Rauchen prädestiniert, als Einfallstor dafür instrumentalisiert zu werden, bestimmte Risikoverhaltensweisen aus dem Leistungsspektrum der gesetzlichen Krankenkassen auszuschließen.

Das Kapitel IV: "Kontrolliertes Rauchen" ist wohl als das zentrale Kapitel des Buches zu sehen. Im ersten Abschnitt wiederholt sich die Kritik der Nikotinsucht mit den bekannten Argumenten, wobei allgemein zu bemerken ist, dass im psychischen Bereich bzw. bei entsprechenden Störungen grundsätzlich keine exakte Beweisführung möglich ist. Im zweiten Abschnitt werden die theoretischen Hintergründe und Definitionen des kontrollierten Rauchens erörtert. Auf die Wenigraucher (= chippers ) wird als Beweis für die Möglichkeit des kontrollierten Rauchens hingewiesen. Die skizzierten theoretischen Überlegungen sowie empirische Ergebnisse sind für die Autoren der Anlass, "die in Vergessenheit geratene Interventionsmethode zum kontrollierten Rauchen wieder zu beleben." Das Ziel ist, dass dadurch eine Verminderung der Risiken des Rauchens und eine (Wieder-) Herstellung der persönlichen Autonomie herbeigeführt werden. Der dritte Abschnitt bringt dann die "Programmbausteine zum kontrollierten Rauchen". Die Autoren sehen das kontrollierte Rauchen als eine Alternative zum Konzept der Nikotinsucht an. Diese Bausteine sind:

  • Perspektivenwechsel, Information und Austausch;
  • Selbstbeobachtung, Registrierung und Protokollieren des Rauchverhaltens;
  • Analyse und Bewertung des Rauchverhaltens;
  • Zielsetzung und Zieloperationalisierung;
  • Kontrollstrategien und alternative Verhaltensweise;
  • Dynamische Zielanpassung;
  • Stabilisierung des Verhaltens und
  • Umgang mit Regelverletzung und Rückfall.

Dies sind die altbekannten Maßnahmen der Verhaltenstherapie, die in der Tabakentwöhnung schon vor Jahren erprobt wurden und auch noch heute eingesetzt werden.

Zum Schluss wird im Resümee zusammengefasst: "Wer im Kontext der Dramatisierungen im Bereich illegaler Drogen davon spricht, dass Tabak beziehungsweise seine Suchtpotenz mit dem von Heroin oder Kokain zu vergleichen sei, der will mit dieser Gleichsetzung einerseits einen Weg zu neuen (formellen wie informellen, staatlichen wie privatwirtschaftlichen) Kontrollformen im Tabakbereich ebnen und andererseits den Tabakkonsumenten ihre Fähigkeit zur freien Willensentscheidung absprechen... Tabakpolitik ist zu Drogenpolitik geworden und hat diese in ihrer Abstinenzforderung vielleicht schon überholt." Die Autoren weisen abschließend besonders auf die positiven Seiten des Rauchens hin - vor allem auf den Genuss - und fordern, dass aus dem Suchtdiskurs ein Genussdiskurs werden solle, ebenso eine genussorientierte Prävention.

Diskussion

Der Zweck oder das Ziel des Buches wird nicht ganz klar. Der geschichtliche Abriss ist eine gute Information. Bezüglich der in Frage gestellten Nikotinsucht ist festzustellen, dass die weltweite Diskussion und die wissenschaftlichen Untersuchungen nicht genutzt wurden.

Bei Erörterung der Rauchverbote werden die Ergebnisse der medizinischen Forschung nicht berücksichtigt. Bei der Empfehlung des kontrollierten Rauchens wird übersehen, dass diese Methode schon vor dreißig Jahren in Deutschland in großem Masse benutzt wurde und eine ausführliche Literatur darüber existiert. Das Problem ist, dass den Rauchern das kontrollierte Rauchen erhebliche Schwierigkeiten macht und sie es deshalb ablehnen. Die Ausführungen basieren mehr auf den Meinungen der Autoren als auf der diesbezüglichen weltweiten Literatur. Die Argumente sind bekannt und stehen denen der Tabakindustrie sehr nahe. Neue Gesichtspunkte werden in die Diskussion nicht eingebracht - bis auf die klaren Hinweise auf die positiven Seiten des Nikotins.

Fazit

Im hinteren Umschlagtext steht, dass die Autor(inn)en wissenschaftliche Informationen mit einer streitbaren Position im Kontext der Diskussionen ums Rauchen verbinden. Der erste Punkt trifft nur sehr einseitig zu. Wer aber diesbezügliche Gegen-Argumente sucht, dem ist das Buch zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 06.07.2004 zu: Henner Hess, Birgitta Kolte, Henning Schmidt-Semisch: Kontrolliertes Rauchen. Tabakkonsum zwischen Verbot und Vergnügen. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2004. ISBN 978-3-7841-1520-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1697.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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