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Annett Büttner: Diakonissenanstalt Dresden 1844 - 2014

Rezensiert von Dr. phil. Hubert Kolling, 06.06.2014

Cover Annett Büttner: Diakonissenanstalt Dresden 1844 - 2014 ISBN 978-3-8375-1176-5

Annett Büttner: Diakonissenanstalt Dresden 1844 - 2014. 170 Jahre Zuwendung leben - Dienst leisten - Zusammenarbeit gestalten. Klartext Verlag (Essen) 2014. 199 Seiten. ISBN 978-3-8375-1176-5. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Die 1844 gegründete Diakonissenanstalt Dresden, eines der ältesten, größten und renommiertesten evangelischen Mutterhäuser in Deutschland, kann im Jahre 2014 auf eine 170-jährige Geschichte zurückblicken. Anlässlich ihres Jubiläums hat der Vorstand der sozial- und gesundheitspolitisch bedeutenden Einrichtung die vorliegende, von Annett Büttner erarbeitete Schrift herausgegeben.

Autorin oder HerausgeberIn

Dr. Annett Büttner (Jahrgang 1965), die als wissenschaftliche Archivarin bei der Fliedner-Kulturstiftung (vgl. www.fliedner-kulturstiftung.de) arbeitet, promovierte 2011 an der Universität Düsseldorf mit der Studie „‚Der Krieg mit seinem Elend will nicht in den Geschichtsbüchern, sondern in den Spitälern studiert sein.‘ Die freiwillige konfessionelle Krankenpflege im 19. Jahrhundert“. Neben ihrer Dissertation, die kürzlich unter dem Titel „Die konfessionelle Kriegskrankenpflege im 19. Jahrhundert“ in der Reihe „Medizin, Gesellschaft und Geschichte“ als Beiheft 47 (Stuttgart 2013) erschien (vgl. die Besprechung des Rezensenten in www.socialnet.de/rezensionen/16407.php), veröffentlichte sie zahlreiche Zeitschriften- und Buchbeiträge, jüngst (Essen 2013) in dem von Norbert Friedrich herausgegebenen Katalog zur Dauerausstellung „Pflegemuseum Kaiserwerth“ (vgl. die Besprechung des Rezensenten in www.socialnet.de/rezensionen/15827.php).

Zu ihren Monografien gehören unter anderem „Hoffnungen einer Minderheit. Suppliken jüdischer Einwohner an den Hamburger Senat im 19. Jahrhundert“ (Münster 2003), (mit Norbert Friedrich) „Hausgeschichten. Die Kaiserswerther Diakonie und ihre historischen Gebäude“ (Düsseldorf 2007) und (mit Ruth Felgentreff) „Der Johanniterorden und die Mutterhausdiakonie“ (Düsseldorf 2013).

Für die Herausgabe des Buches zeichnet sich die Diakonissenanstalt Dresden (Evangelisch-Lutherische Diakonissenanstalt Dresden e.V.) verantwortlich, die zu den ältesten Diakonissenanstalten Deutschlands gehört (vgl. www.diako-dresden.de/diakonissen-krankenhaus/ und www.de.wikipedia.org/wiki/Diakonissenanstalt_Dresden).

Entstehungshintergrund

Im Hinblick auf die Entstehung, Bedeutung und Intention ihres Buches schreibt die Autorin einleitend: „Der Stolz auf die 170-jährige Geschichte [der Dresdner Diakonissenanstalt] führte zu dem berechtigten Wunsch einer ausführlichen historischen Darstellung. Sie richtet sich nicht nur an Historiker, sondern ausdrücklich an ein breites, an der Geschichte der Dresdner Diakonissenanstalt interessiertes Publikum“ (S. 13).

Aufbau

Nach vier Grußwörtern (S. 7-12) und der Einleitung (S. 13-14) gliedert sich das Buch in die folgenden Hauptkapitel, die ihrerseits jeweils mehrere Einzelkapitel aufweisen:

  • Ein „Schatzhaus der Kirche“. Die Dresdner Diakonissenanstalt bis zum Ersten Weltkrieg (S. 15-36)
  • „In der Welt, aber nicht von der Welt.“ Die Diakonissenanstalt und die gesellschaftlichen Umbrüche in der Weimarer Republik (S. 37-69)
  • „Gott selbst wird das Werk durch alle Schwierigkeiten der Zeit hindurchtragen. Wer glaubt, der flieht nicht.“ Die Diakonissenanstalt im Nationalsozialismus (S. 71-111)
  • „Wir wollen uns alle bei der Hand fassen.“ Die Diakonissenanstalt in der Nachkriegszeit und in der DDR (S. 113-149)
  • „Die Preise werden vom Gesundheitswesen vorgegeben, das Profil bestimmen wir.“ Die Diakonissenanstalt nach der „Wende“ (S. 151-161)
  • Nachwort (S. 163-172)
  • Leitbild der Ev.-Luth. Diakonissenanstalt Dresden (S. 173-176)

Ergänzt wird die Darstellung durch einen ausführlichen Anhang. Dieser enthält eine

  • Liste der Oberinnen (S. 177-178)
  • Liste der Vorsteher (S. 179-180)
  • Liste der Verwaltungsdirektoren (S. 181)
  • Wissenswertes aus der Kaiserswerther Mutterhausdiakonie (S. 182-188)
  • Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 189-194)
  • Anmerkungen (S. 195-199).

Inhalt

Nach zweijähriger Vorbereitung durch einen Verein adliger und bürgerlicher Dresdner Frauen wurde am 19. Mai 1844 in der Dresdner Neustadt mit zwei Diakonissen eine kleine Pflegeeinrichtung mit sechs Pflegebetten eröffnet. Die Diakonissen stammten aus der ersten, von Pastor Theodor Fliedner (1800-1864) und seiner Frau Caroline (1811-1892) gegründeten Diakonissenanstalt in Kaiserswerth bei Düsseldorf. Das Werk blühte rasch auf und entwickelte sich zu einem stabilen diakonischen Unternehmen, das heute eine bekannte Größe auf dem Dresdner Gesundheitsmarkt ist.

Im Jahre 2014 konnte die Diakonissenanstalt Dresden, mit dem Diakonissenkrankenhaus als dem heute größten und bekanntesten Arbeitsgebiet der Anstalt, auf eine 170-jährige Geschichte zurückblicken. Anlässlich des Jubiläums hat Annett Büttner eine Festschrift vorgelegt, in der sie die Geschichte der Einrichtung von 1844 bis 2014 detailliert und kenntnisreich aufgearbeitet hat.

Bei ihren Ausführungen, die sich zeitlich in fünf Abschnitte gliedern, stützt sich die Autorin auf die archivalische Überlieferungen der Diakonissenanstalt, sofern sie den Krieg und die Zeit der DDR unbeschadet überstanden haben, hauseigene Publikationen und die Überlieferungen im Landeskirchenarchiv, im Stadtarchiv und dem Hauptstaatsarchiv Dresden sowie in der Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth.

Im Untertitel des Buches „Zuwendung leben – Dienst leisten – Zusammenarbeit gestalten“ kommen die drei zentralen Merkmale zum Ausdruck, wie sie sich im aktuellen Leitbild der Ev.-Luth. Diakonissenanstalt Dresden wiederfinden.

Zu dem Buch, das rund 170 Schwarzweiß- und Farbabbildungen – neben zeitgenössischen und aktuellen Fotos auch Dokumente (Urkunden, Lagepläne, Rechnungen und Schriftstücke) – enthält, haben vier Personen ein Grußwort beigesteuert, in dem sie einerseits dem Jubilar gratulieren, andererseits ihre Zuversicht für die Zukunft der Einrichtung zum Ausdruck bringen:

  • Jochen Bohl, Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
  • Dr. Christine-Ruth Müller, Geschäftsführerin des Kaiserswerther Verbandes und Generalsekretärin der Kaiserswerther Generalkonferenz
  • Christian Schönfeld, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Sachsen
  • Pfr. Stefan Süß, Rektor des Naemi-Wilke-Stiftes Guben und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Dresdner Diakonissenanstalt e.V.

Die Vorstandschaft der Ev.-Luth. Diakonissenanstalt Dresden e.V., mit Oberin S. Esther Selle, Rektor Pfr. Klaus Kaden und Verwaltungsdirektor Dr. Matthias Schröter, hat zu dem Buch ein Nachwort geschrieben, in dem sie darauf hinweist, dass Gott über viele Generationen hinweg die Diakonissenanstalt erhalten und bewahrt hat. Ihre Vorgängerinnen und Vorgänger seien viele gute und zukunftsorientierte Schritte gegangen. Sie hätten manches riskiert im Vertrauen auf Gott und sich über Entwicklung und Wachstum des Werkes freuen können. Aber sie seien – wie die jetzt Verantwortlichen – nicht ohne Fehler und Schuld geblieben. Wörtlich heißt es hierzu: „Manche Entscheidungen, die in unserer Jubiläumsschrift zur Sprache kommen, sind für uns schwer nachvollziehbar. Aber gewiss sind sie mit dem Willen getroffen, Gottes Liebe weiterzugeben, bestmöglich für hilfebedürftige Menschen da zu sein, die Schwerster und Mitarbeitenden zu schützen und einen Beitrag zum sozialen Frieden in unserem Land zu leisten“ (S. 163).

Im Anhang zur historischen Darstellung, die durch Listen mit den Oberinnen, den Vorstehern und Verwaltungsdirektoren ergänzt wird, hat Annett Büttner Wissenswertes aus der Kaiserswerther Mutterhausdiakonie zusammengestellt, Informationen über häufig gebrauchte aber selten erklärte Begriffe wie der „Beischwester“ oder „Paramentik“, deren Bedeutung gerade für die mit dem Thema wenig oder nicht vertrauten Personen erhellend sind.

Diskussion

Im Vergleich zu manch anderer Einrichtung ist die Evangelisch-Lutherische Diakonissen-Anstalt kein unbeschriebenes Blatt. So veröffentlichte sie im Verlauf ihrer Geschichte nicht nur eine Vielzahl von Periodika, darunter seit 2004 die Schrift „HausBote. Nachrichten aus der Ev.-Luth. Diakonissenanstalt und ihr verbundener Unternehmen“, sondern auch eine Reihe von Festschriften. Zu erwähnen ist hier insbesondere die 1994 von Manfred Lauffer (Redaktion) erschienene Veröffentlichung „150 Jahre Ev.-Luth. Diakonissenanstalt Dresden e.V., Festschrift zum Jubiläum 1844-1994“, ebenso wie die zehn Jahre später (2004) von der Diakonissenschwesternschaft Dresden herausgegebene Arbeit von Werner Fink und Esther Selle „Zuwendung leben. Ein Streifzug durch die Geschichte der Diakonissenanstalt Dresden 1844-2004“. Für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Einrichtung kommt darüber hinaus auch der am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Dresden entstandenen Magisterarbeit von Kerstin Schäfer über die „Pflegerische Ausbildung in konfessionellen Einrichtungen zwischen 1950 und 1980 in der DDR unter besonderer Berücksichtigung der Ausbildung in der Diakonissenanstalt Dresden“ (Dresden 2008) eine gewisse Bedeutung zu.

Auf der Grundlage von Archivalien und den bislang vorliegenden Veröffentlichungen hat Annett Büttner nun eine aktuelle Festschrift vorgelegt, wie sie es in dieser Form bislang nicht gab. Da die Gründung und Entwicklung der Diakonissenanstalt Dresden im 19. Jahrhundert bereits in zahlreichen Festschriften und wissenschaftlichen Arbeiten – zuletzt in der Dissertation von Peggy Renger-Berka „Diakonie im Königreich Sachsen. Das Dresdner Diakonissenhaus 1844-1881“ (Leipzig 2014) – ausführlich behandelt wurde, nimmt dieser Abschnitt in ihrer Darstellung nur einen relativ kleinen Raum ein. Präsentiert werden hier vor allem bisher weitgehend unbekannte Fakten, wie der Lazaretteinsatz der Diakonissen in den sogenannten Reichseinigungskriegen und die Veröffentlichung eines der reichsweit meistgelesenen Krankenpflegelehrbücher durch den Anstaltsarzt Dr. Paul Rupprecht (1846-1919).

Demgegenüber beleuchtet die Autorin die Jahre der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich intensiver. Insgesamt beschreibt sie hierbei jedoch die Geschichte der Dresdner Diakonissenanstalt nicht als eine teleologische Abfolge von Ereignissen und als reine Erfolgsgeschichte; vielmehr bürstet sie das Geschehen „gegen den Strich“, wobei sie Verwerfungen und bisher Unbekanntes zu Tage fördert. Dazu gehört beispielsweise die Erwähnung heute befremdlich wirkender, aber in ihrer Zeit völlig akzeptierter Ansichten.

Zur gerechten Bewertung des Geschehens beziehungsweise der interner Entwicklungen bezieht Annett Büttner auch den gesellschaftlichen Kontext in ihre Darstellung ein. So stehen der Fürsorge für Kranke und Behinderte und den Erfolgen in den Ausbildungseinrichtungen die weitgehend kampflose Kapitulation vor den nationalsozialistischen Machthabern und die Beteiligung an seiner Rassen- und Gesundheitspolitik gegenüber. Einleitend hält die Autorin hierzu fest: „Es wird dem Leser daher nicht erspart bleiben, möglicherweise von lieb gewordenen tradierten Ansichten abzurücken. Auf jeden Fall kann die Mutterhausdiakonie nicht ausschließlich als Opfer der nationalsozialistischen Diktatur gesehen werden“ (S. 14).

Im Rahmen der Festschrift stellt Annett Büttner möglichst viele Arbeitsgebiete der Diakonissenanstalt vor, wobei sie – nicht zuletzt unter dem Hinweis auf Platzgründe – keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. So finden beispielsweise die Missionsarbeit und das Engagement in den zahlreichen Heimen der Inneren Mission nur kurze Erwähnung, während den anstaltseigenen Einrichtungen ein breiterer Raum gegeben wird.

Beachtenswert ist, dass der Vorstand der Evangelisch-Lutherischen Diakonissenanstalt Dresden e.V. das Buch nicht im Eigenverlag, sondern als Verlagspublikation im Klartext-Verlag (Essen) veröffentlicht hat, was in jedem Fall zu seiner größeren Verbreitung beitragen dürfte. Warum die Festschrift freilich bereits jetzt (im Jahre 2014) zum 170., und nicht erst zum „runderen“ 175. Jubiläum (2019) herausgegeben wurde, bleibt ein Geheimnis.

Ungeachtet von dem gewählten Termin hat Annett Büttner eine solide und lesenswerte Arbeit mit viel Neuem über die Geschichte der Diakonissenanstalt Dresden vorgelegt, wie man sie sich für andere, vergleichbare Einrichtungen nur wünschen kann. Das mit zahlreichen aussagekräftigen Schwarzweiß- und Farbabbildungen reichlich illustrierte Buch, das besonders die Zeit des Nationalsozialismus und der DDR kritisch beleuchtet, ist zugleich ein wichtiger Beitrag zur Pflegegeschichte. Insofern hat es die Festschrift allemal verdient, dass sie über den engeren Kreis der Evangelisch-Lutherischen Diakonissenanstalt Dresden e.V weit hinaus Beachtung findet.

Fazit

Die anlässlich des 170-jährigen Jubiläums der Diakonissenanstalt Dresden (1844-2014) von Annett Büttner vorgelegte Arbeit gewährt tiefe Einblicke in eine der ältesten, größten und renommiertesten evangelischen Mutterhäuser in Deutschland. An der Lektüre des Buches werden nicht nur der Einrichtung nahestehende Personen Gefallen haben, sondern auch all jene, die sich für medizin- und pflegehistorische Entwicklungen interessieren.

Rezension von
Dr. phil. Hubert Kolling
Krankenpfleger, Diplom-Pädagoge und Diplom-Politologe
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Es gibt 184 Rezensionen von Hubert Kolling.

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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 06.06.2014 zu: Annett Büttner: Diakonissenanstalt Dresden 1844 - 2014. 170 Jahre Zuwendung leben - Dienst leisten - Zusammenarbeit gestalten. Klartext Verlag (Essen) 2014. ISBN 978-3-8375-1176-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16973.php, Datum des Zugriffs 01.10.2022.


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