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Karl Fallend: Caroline Newton, Jessie Taft, Virginia Robinson

Cover Karl Fallend: Caroline Newton, Jessie Taft, Virginia Robinson. Spurensuche in der Geschichte der Psychoanalyse und Sozialarbeit. Löcker Verlag (Wien) 2012. 198 Seiten. ISBN 978-3-85409-643-6. D: 19,80 EUR, A: 19,80 EUR.
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Thema

Das vorliegende Buch ist der 3. Band der vom Autor zusammen mit Klaus Posch, FH-Professor am Grazer Joanneum, heraus gegebenen „Schriftenreihe zur Geschichte der Sozialarbeit und Sozialarbeitsforschung“. Das ist ein im deutschen Sprachraum für das Gebiet der Sozialen Arbeit einzigartiges Unternehmen. Ein wichtiges: Zur weiteren Ausbildung und stärkerer Festigung ihrer Identität braucht die Soziale Arbeit als Disziplin und Profession historische Selbstvergewisserung. Die Biographie ist eine typische und mit vielen Vorteilen verbundene Gattung der Geschichtsschreibung, und so finden sich unter den vier ersten Bänden der Reihe denn auch Biographien von August Eichhorn (Bd. 1), Ernst Federn (Bd. 2), Ilse Arlt (Bd. 4) und den im vorliegenden Buch betrachteten drei Frauen.

Entstehungshintergrund

Was zunächst Caroline Newton anbelangt, so gibt der Autor an, er sei auf sie Anfang/Mitte der 1990er beim Studium der Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) gestoßen (S. 11). Diese Angabe verwundert bei einem Autor, der Federn kennt. Der nämlich hatte schon vor bald einem viertel Jahrhundert in „Geschichtliche Bemerkungen zum Thema Psychoanalyse und Sozialarbeit“ (Federn, 1990) hingewiesen auf deren Artikel „Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge“, veröffentlicht 1925 in Imago 11 (5), 239-253 – also nach Otto Ranks Ausscheiden als Redakteur, aber wohl noch von ihm, der ihr Lehrtherapeut in Wien war, eingerichtet. Federn hatte auch ihren vorangehenden und der Publikation zugrunde liegenden Vortrag vor WPV, mit dem sie sich das Eintrittsbillet in die WPV – wider die Statuten, denn sie war nicht ortsansässig – verschaffte, erwähnt.

Auf Jessie Taft und Virginia Robinson sei der Autor „über die Biographie Otto Ranks“ (Einleitung, S. 12) gestoßen. Man muss raten, von welcher er spricht, denn es gibt mehrere Rank-Biographien. Mit gutem Grund darf man vermuten, dass der Autor damit jene von E. James Liebermann meint. Nur weiß man nicht, wann der Autor welche Ausgabe gelesen hat; das Literaturverzeichnis nennt nämlich (nur) die amerikanische Originalausgabe von 1985, im Text aber führt der Autor als Quelle die deutsche Übersetzung von 1997 (Liebermann, 1997/2014) an. Zuvor (Einleitung, S. 11) hatte der der Autor erklärt: „Durch meinen bisherigen Fokus auf die Geschichte der Psychoanalyse blieben auch mir bislang die intensiven Kontakte Otto Ranks … mit Pennsylvania nach seiner Trennung von Freud verborgen und damit ein wichtiges Stück Geschichte der psychoanalytischen Sozialarbeit.“ Des Autors Fokussierung muss eine ziemlich enge und hartnäckige gewesen sein. In dem von ihm selbst mit herausgegeben WERKBLATT (s.u.) hatte Marina Leitner nämlich in ihrem Rank-Artikel von 1997 notiert: „Außerdem war er Lehrer an der University of Pennsylvania School of Social Work.“ (www.werkblatt.at/archiv/38Leitner.html) Ferner: Die Publikationen des ihm lt. Literaturverzeichnis mit einer Publikation zu Rank (Müller, 1998) bekannten deutschen Sozialpädagogikprofessors Burkhart Müller zur „Funktionalen Schule“ (vgl. die Auflistung bei Müller, 2012) scheinen ihm ebenso entgangen zu sein wie der neue praxis-Artikel „Otto Rank und die Soziale Arbeit“ (Ohling & Heekerens, 2004; ergänzend Heekerens & Ohling, 2005).

Autor

Prof. (FH) Univ. Doz. Dr. Karl Fallend ist seit 2008 an der FH Joanneum, Graz und dort als Lehrender in Bachelor- wie im Masterstudiengang Soziale Arbeit tätig. Von seinen vielfältigen organisatorischen und schriftstellerischen Tätigkeiten sei nach o.g. Mitherausgeberschaft der „Schriftenreihe“ nur eine zweite genannt: Er ist Mitherausgeber von „WERKBLATT – Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik“ (www.werkblatt.at/). Fallend ist eine von (mindestens) vier Personen, die in Salzburg Psychologie studiert haben, und sich um die Geschichte der Psychoanalyse kümmern. Die drei anderen sind Ernst Falzeder (vgl. etwa Falzeder, 1998), Bernhard Handlbauer (vgl. etwa Handlbauer, 2001) und Marina Leitner (vgl. etwa Leitner, 1998a)

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus zwei annähernd gleich großen Hauptteilen (je rund 70 Seiten), die Newton einer- sowie Taft und Robinson andererseits gewidmet sind; in beide Teile, im zweiten weitaus stärker als im ersten, eingeflochten ist die für den jeweiligen Kontext relevante Darstellung von Ranks Leben und Werk.

Den Hauptteilen voraus geht eine Einleitung, in der der Autor die Grundphilosophie der Schriftenreihe, in der das Buch erschienen ist, darlegt, Beweggründe für das Schreiben des Buch benennt und Angaben zu dessen Entstehungsgeschichte macht.

Den Hauptteilen folgen die nach den zwei Teilen getrennten Anmerkungen, die Quellennachweise, kurze Diskussionen und Erläuterungen beinhalten, für jede der betrachteten Frauen eine gesonderte Biographie und dann das Literaturverzeichnis

Der erste Hauptteil, Caroline Newton (1893 – 1975), zerfällt aus der Sicht eines vornehmlich an der Sozialen Arbeit und deren Geschichte interessierten Lesers in zwei Teile. Einen sehr kleinen, im Wesentlichen aus dem ersten Abschnitt „Ein Strom aus Amerika“ bestehend, und einen sehr großen, den Rest der Darstellung einnehmend. Aus Sicht der Sozialen Arbeit interessiert nur dieser erste Teil, der zweite enthält einige Episoden aus der Frühgeschichte der Psychoanalyse und schildert ansonsten Newton als „eine wohlhabende, intellektuelle und neugierige Frau“ (S. 74), deren Lebensgeschichte verwoben ist mit der „großen Geschichte“ der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Im zweiten Hauptteil gilt die zentrale Aufmerksamkeit Jessie Taft (1883 – 1960) und Virginia Robinson (1984 – 1973), deren Biographien, ihrer Begegnung mit Rank, ihrem Leben als Paar, Adoptiveltern und Kolleginnen an der Pennsylvania School of Social Work (künftig „Penn“) in der Ausbildung von Sozialarbeiter(inne)n und in der Entwicklung des „Funktionalen Ansatzes“ der (Sozialen) Einzelfallhilfe.

Im zweiten Hauptteil findet sich ein – als solcher auch bezeichneter - Exkurs zur Pennsylvania School of Social Work von ihren Anfängen im Jahre 1908 respektive 1910 an. Damals hieß die Bildungseinrichtung übrigens – nach Auskunft der „Penn“ selbst (Cnaan, Dichter & Draine, 2008, S. 2) und des Social Welfare History Projekt (http://www.socialwelfarehistory.com/organizations/philadelphia-training-school-for-social-work-1908/) Philadelphia Training School for Social Work – und nicht, wie der Autor auf S. 135 notiert Philadelphia School for Social Work. Man würde solche „kleinen Fehler“ ohne Weiteres übergehen, zögen sich solche nicht durchs ganze Buch und summierten sich auf.

Auf beide Hauptteile des Buches verteilt sind vier Text-„Einschübe“ zu Rank: einer, die Jahre bis zu seinem Bruch mit Sigmund Freud betreffend, im ersten Hauptteil und im zweiten Hauptteil die übrigen drei: der zweite betrachtet die Jahre 1924/1925 (USA/Paris), der dritte und vierte widmen sich im Wesentlichen Leben und Werk Ranks nach seinem endgültigen Bruch mit Freud, wobei von den Jahren 1926 – 1939 das lange Jahrzehnt in Paris nur in Gestalt des damals geschaffenen Schrifttums erscheint.

Diskussion

Karl Kraus wird – zu Unrecht, wie die Kraus-Forschung zeigt – der Satz zugeschrieben: „Was die Österreicher und die Deutschen trennt, ist ihre gemeinsame Sprache.“ Worauf der Satz, von wem auch immer er stammt, zu Recht hinweist: Gleiche Wörter hatten und haben in Deutschland und Österreich gestern und heute verschiedene Bedeutungen, und das hat auch mit unterschiedlichen institutionellen, rechtlichen und geschichtlichen Umständen zu tun. „Psychotherapeut(inn)en“ etwa sind in beiden Ländern recht verschiedene Dinge; sie unterscheiden sich sowohl hinsichtlich der möglichen Eingangsberufe als auch der „erlaubten“ psychotherapeutischen Ansätze / Verfahren. Eine universitäre Ausbildung in Sozialpädagogik, wie sie sich in Deutschland seit bald viereinhalb Jahrzehnten etabliert ist (Hans Thiersch etwa wurde 1970 berufen) findet sich in Österreich nicht, und eine gemeinsame Ausbildung von Sozialpädagoginnen und Sozialarbeitern auf (Fach-)Hochschulniveau, die etwa in Bayern vor 40 Jahren etabliert wurde, findet sich in Österreich erst seit noch nicht einmal zwei Jahrzehnten.

Die vorstehenden Ausführungen dienen dazu, Leser(inne)n aus Deutschland verständlich zu machen, dass der Autor etwa August Aichhorn und Siegfried Bernfeld unter die Pioniere der Psychoanalytischen Sozialarbeit rechnet. In Deutschland gelten die genannten samt dem im Buch ebenfalls erwähnten Federn als Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik, und deren Vertreter auf Lehrstühlen für Sozialpädagogik reklamieren alle drei als Ahnherren der (von der Sozialarbeit klar zu unterscheidenden) Sozialpädagogik; die wikipedia-Artikel zu allen drei Autoren verfahren ebenso. Eine Schriftenreihe, in der (auch) Eichhorn (Bd. 1) und Federn (Bd. 2) dargestellt werden, würde man in Deutschland eine nennen, die über die Geschichte der „Sozialen Arbeit“ (dazu gleich mehr), nicht über die Geschichte der „Sozialarbeit“, wie es zur Kennzeichnung der Schriftenreihe heißt, aufklären möchte.

Soziale Arbeit“, ich zitiere hier einfach die Einleitungssätze des einschlägigen wikipedia-Artikels, „ist die Bezeichnung einer angewandten Wissenschaft, die seit den 1990er Jahren als Ober- und Sammelbegriff der traditionellen Fachrichtungen Sozialpädagogik und Sozialarbeit gebraucht wird. Soziale Arbeit ist zugleich die Bezeichnung der entsprechenden Berufsgruppe wie auch der wissenschaftlichen Disziplin.“ Hierin unterscheiden sich Deutschland und Österreich offensichtlich nicht (mehr); der Autor selbst ist Lehrender in „Sozialer Arbeit“. Umso verwunderlicher ist es, dass er im vorliegenden Buch auch dann von „sozialer Arbeit“ schreibt, wo die Rede von „Sozialer Arbeit“ angemessen wäre. „Soziale Arbeit“ wird von einer bestimmten, eben speziell dafür ausgebildeten Berufsgruppe geleistet, „soziale Arbeit“ hingegen wird und wurde auch von Angehörigen anderer Berufsgruppen oder auch Nichtprofessionellen erbracht. Wer den mit dem Wechsel vom 19. auf das 20. Jahrhundert beginnenden und sich in der ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts beschleunigenden Übergang von der ehrenamtlichen (Liebes-)Tätigkeit zum fürsorgerischen Beruf beschreiben will, wer am Beispiel der USA zeigen will, „Wie Helfen zum Beruf wurde“ (C. W. Müller, 2006) sollte der historischen Genauigkeit wegen zwischen „sozialer Arbeit“ und „Sozialer Arbeit“ genau unterscheiden. Und wenn solche historische Arbeit von einem Lehrenden der Sozialen Arbeit vorgenommen wird, sollte ein zweites Motiv hinzutreten: das der Vergewisserung der professionellen Identität der Sozialen Arbeit.

Beide Motive scheinen bei dem Autor wenig ausgeprägt. Der angesprochene Mangel zeigt sich nämlich auch bei der Verwendung von Berufsbezeichnungen. So wird etwa auf S. 11 erklärt,

„dass Caroline Newtons Karriere als psychoanalytische Sozialarbeiterin zu Ende war“. Unterstellt, Newton wäre eine Sozialarbeiterin gewesen (dazu gleich mehr), so wäre sie, hätte sich ihr Vorhaben erfüllt, keine „psychoanalytische Sozialarbeiterin“ gewesen, sondern eine „Sozialarbeiterin, die Psychoanalytikerin“ ist. Diese Unterscheidung übernehme von Federn, der ihre Bedeutsamkeit stets betonte (Maas, 2010). In der Tat liegt hier ein Unterschied vor, der einen Unterschied macht. Wer beispielsweise in Deutschland als Sozialarbeiter oder Sozialpädagogin ausgebildet wurde und sich dann mit oder ohne praktische Berufstätigkeit auf einem Feld der Sozialen Arbeit in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie weiter bilden lässt und anschließend in freier Praxis arbeitet, hat mit Sozialer Arbeit nichts mehr zu tun: weder institutionell, noch hinsichtlich der Aufgaben noch betreffs des professionellen Selbstkonzeptes (zum letzten Punkt ausführlich Ohling, 2014). Eine „Sozialarbeiterin, die Psychoanalytikerin“ ist, bezeichnet also eine Psychoanalytikerin, deren Zugangsberuf für ihre berufliche Existenz und professionelle Identität keine Rolle mehr spielt. Newton wollte den zweiten der oben genannten Möglichkeiten wählen, sie wollte Psychoanalytikerin werden: „Caroline Newton brach ihre Zelte in Europa ab, kehrte nach dem Kongress in Salzburg (1924; H.-P. H.) in die USA zurück und ließ sich in New York nieder, um sich mit der Psychoanalyse eine eigenständige Zukunft aufzubauen… Mehrmals besuchte Newton die New Yorker Psychoanalytische Vereinigung und eröffnete eine psychoanalytische Praxis, die sie versuchte, durch Handzettel zu bewerben.“ (S. 38 – 39)

Aber war sie denn überhaupt eine „Sozialarbeiterin“ in dem Sinne, wie man um 1920 herum von einer in Sozialer Arbeit (social work, casework) Ausgebildete und professionell Arbeitenden reden kann? Auf S. 30 schreibt der Autor: „Anfang der 1920er Jahre wurde Caroline Newton Mitarbeiterin der Quäker Organisation American Friends Service Committee (AFSC), um als Sozialarbeiterin im Ausland Erfahrungen zu sammeln.“ In Sachen „Sozialarbeit“ – 1921 sind wir immerhin schon im Jahr 4 nach Mary Ellen Richmonds „Social Diagnosis“ (1917) – hätte sie in ihrem Wiener Job nichts für die Soziale Arbeit Bedeutsames lernen können. Sie selbst beschreibt die Tätigkeit, die sie damals ausübte, folgendermaßen: „My position was with the American Friends Service committee, supervising the weighing rooms where flour, sugar, fat and cocoa were weighed and measured for distribution to the young and undernourished children of the city.“ (S. 54) Hält man sich an die dokumentierten Fakten (zum Punkt „Sozialarbeiterin“ komme ich gleich zurück), lässt sich zu Newtons Reise nach Wien von 1921 sagen: Die junge Quäkerin aus gutem Haus und einer Vorliebe für deutsche Kultur (und die Psychoanalyse gehörte seit Neustem dazu!) war eine Volunteer (Freiwillige, Ehrenamtliche) einer ihr affinen NGO, die ihr einen Job anbot, der ihrer Kompetenz (gute Deutschkenntnisse) ent- und ihre (lebenslang wirksame) Hilfsbereitschaft ansprach. Und dass sie sich für die Soziale Frage wie die sich entwickelnde Soziale Arbeit interessierte, ist kein Indiz dafür, dass sie eine „Sozialarbeiterin“ war; das interessierte viele junge Frauen aus gutem Haus – diesseits wie jenseits des Atlantiks.

Newton hätte eine social worker sein können. Die gab es 1921 in den USA; ausgebildet wurden sie beispielsweise an der Pennsylvania School for Social Service (vorher 1908/10 – 1914: Philadelphia Training School for Social Work) oder der New York School of Social Work (vorher 1904 – 1917: New York School of Philanthropy). Von Newton wird in zwei (offensichtlich von einander literarisch abhängigen) deutschsprachigen Darstellungen gesagt, sie sei an der New York School of Social Work ausgebildet worden (vgl. etwa www.psychoanalytikerinnen.de; www.psyalpha.net/biografien), ohne dass dafür aber Belege, wie sie die historische Forschung gemeinhin fordert, genannt würden. Am zweiten Ort wird gar ohne Kommentierung eine biographische Notiz zitiert, die sie als „a rich psychiatrist“ bezeichnet. Wie nun: Sozialarbeiterin oder Psychiaterin oder beides – oder doch vielleicht keines von beidem? Der Autor, der ja nun tatsächlich die erste umfangreichere Biographie Newtons darstellt, schweigt sich zu einer Ausbildung nach ihrem College-Abschluss im Jahre 1914 aber einfach aus. Was sie zwischen 1914 und 1921 in Sachen Ausbildung und beruflicher Tätigkeit machte, ist ihm offensichtlich nicht der Rede wert. Ich neige auf dem Hintergrund von Erfahrungen mit deutschsprachigen Quellen zur Geschichte der US-amerikanischen Sozialen Arbeit im letzten Jahrhundert einerseits und meiner geschichtlichen Kenntnisse über die Entstehung der Sozialen Arbeit in den USA der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anderseits angesichts der beschriebenen Datenlage zu großem Zweifel daran, dass Newton eine professionell ausgebildete social worker und als solche einschlägig tätig war.

Aber nicht nur Newton macht der Autor zur „Sozialarbeiterin“, sondern auch Taft und Robinson (für beide vgl. etwa S. 100). Nach einer Begründung sucht man vergebens. Dass die eine oder andere eine Ausbildung als Sozialarbeiterin durchlaufen hätte, behauptet der Autor nicht; das wäre auch falsch. Aber er lässt die nicht als Sozialarbeiterinnen ausgebildeten Frauen als „Sozialarbeiterinnen“ arbeiten. Taft soll 1915 – 1917 „als Sozialarbeiterin“ (S. 100) an der Cornell Clinic of Psychopathology, New York gearbeitet haben und Robinson „als erste Sozialarbeiterin“ (S. 100) in einer Schule für Waisen-Mädchen. Dass jemand auf einem Feld arbeitet, auf dem (auch) Sozialarbeiter(innen) oder Sozialpädagog(inn)en tätig sind, ist weder Grund noch Anlass, sie/ihn ohne Weiteres den genannten Berufsgruppen zuzuschlagen. Es gibt in der deutschen Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) viele Mitarbeiter(innen), die keinen Abschluss in Sozialer Arbeit haben, sondern einen weniger qualifizierenden. Sie als „Sozialarbeiter(innen)“ oder „Sozialpädagog(inn)en“ zu bezeichnen, würde unverständlich machen, weshalb die deutsche Soziale Arbeit im vorliegenden Zusammenhang vor „Deprofessionalisierung“ warnt und die einschlägige Evaluationsforschung den Einsatz minder qualifizierter Kräfte für die doch beklagenswerte Leistungsfähigkeit der deutschen SPFH verantwortlich macht. Eine Psychologin, die in einer deutschen Erziehungsberatungsstelle (EB), einem klassischen Tätigkeitsfeld der deutschen Kinder- und Jugendhilfe arbeitet, als „Sozialpädagogin“ oder „Sozialarbeiter“ zu bezeichnen, würde die – aus den USA übernommene – Besonderheit der deutschen EB unkenntlich machen: dass sie bewusst interdisziplinär besetzt ist, um multiprofessionelle Arbeit leisten zu können.

Und die Lehrenden für Soziale Arbeit? Sind sie nicht in Österreich und Deutschland (noch) heute – wie damals in den Gründungsjahren des social work in den USA – zu einem erheblichen Teil gar keine „Sozialpädagoginnen“ oder „Sozialarbeiter“? Welchen Sinn sollte es machen, die hier ins Auge gefassten Politologen, Psychologen, Soziologen und Vertreter(innen) anderer „Bezugswissenschaften“, als „Sozialpädagoginnen“ oder „Sozialarbeiter“ zu bezeichnen? Es wäre nicht nur Unsinn, sondern würde zudem wichtige Fragen verhindern. Etwa die – zumindest in der deutschen Sozialen Arbeit diskutierte – ob es der Professionalisierung der Sozialen Arbeit entgegensteht, wenn die Mehrheit (faktisch ist das noch so) der Lehrenden und Forschenden ganz anderen Professionen angehören. Wenn Fakultäten / Fachbereiche deutscher (Fach-)Hochschulen heute in die Forderung nach Promotionsrecht einstimmen, so (auch) mit der Begründung, nur so könne die Soziale Arbeit ihren Nachwuchs auch für Forschung und Lehre eigenständig aus den eigenen Reihen rekrutieren.

Taft und Robinson waren keine „Sozialarbeiterinnen“. Robinson (1962) charakterisiert Taft als „Therapist and Social Work Educator“ (so der Untertitel Ihrer Taft-Biographie), und Robinson selbst wird wortgleich (es besteht literarische Abhängigkeit) durch die US-amerikanische National Association of Social Workers (www.naswfoundation.org/pioneers/r/VirginiaRobinson.htm) und im Social Welfare History Project (http://www.socialwelfarehistory.com/people/robinson-virginia-pollard/) charakterisiert als „an early proponent of professionalization who championed higher standards, conceptualized approaches and content for professionally controlled graduate work, and practiced professional social work education from her positions at the University of Pennsylvania School of Social Work and as an officer of the Association of Schools of Professional Social Work“.

Wechseln wir den Fokus der Aufmerksamkeit und kommen zu Rank. Der wird vom Autor auf S. 14 als „der vertriebene Freud-Schüler“ bezeichnet. „Vertrieben“ von wem? Aus der (nach üblichen Wiener Maßstäben erstellten) Liste der üblichen Verdächtigen fallen zuerst die Nazi-Deutschen (die kamen erst 1938) und die Austrofaschisten (die waren erst ab 1933/34 mächtig) weg. Ja, wer „vertrieb“ Rank denn dann? Seine Psychoanalyse-internen Kritiker in Berlin, Budapest, London und New York hatten nicht die Macht dazu. Kommt also nur Freud selbst in Frage. Über den wird man bezüglich seines Verhaltens gegenüber Rank, dem „Abtrünnigen“, dem „Abgefallenen“, (zu Recht) viel Schlechtes sagen können – aber nicht, dass er Rank „vertrieben“ habe. In der Literatur zu Rank wird eine Reihe von guten Begründungen für seine Übersiedelung von Wien nach Paris und von dort an US-Ostküste genannt. Keiner von ihnen ist mit dem Konzept der „Vertreibung“ in Deckung zu bringen.

Aber nicht nur zu Ranks Leben hat der Autor ein eigentümliches Verhältnis, sondern auch zu dessen Werk. Zu seinem „Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse“ (Rank, 1924) merkt der Autor an: „Rank kann also als Vordenker der modernen Schwangerschafts- und Geburtsbewegung als auch der Säuglingsforschung angesehen werden. (vgl. Janus 1997, S. 87f.)“ (S. 37) Auf den Heidelberger (genauer: Dossenheimer) Arzt und Psychoanalytiker Ludwig Janus, den damaligen Präsidenten der Internationalen Studiengemeinschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin beruft sich der Autor zu Unrecht. Mit „der modernen Schwangerschafts- und Geburtsbewegung“ hatte der ebenso wenig am Hut wie mit „Säuglingsforschung“. Seine zentralen Aussagen zum „Trauma“ im angeführten Artikel sind keine Belege für des Autors Äußerungen. Janus, der frühere Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychohistorische Forschung verortet das „Trauma“ mit folgenden Sätzen:„Mit dem ‚Trauma der Geburt‘ vollzieht Rank einen systematischen Wechsel von der ödipalen- und Vaterebene zum Thema der Psychodynamik der Geburtserfahrung und der vorsprachlichen Mutterbeziehung.“ Und: „Meine wesentliche Aussage ist die, daß Rank die Bedeutung der vorsprachlichen Mutter- und Elternerfahrung aufgrund seiner fast 20jährigen Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse Freuds in einem einheitlichen Konzept in einer Zeit erfassen konnte, als die lebensgeschichtliche Bedeutung der frühesten Mutterbeziehung in einem patriarchal bestimmten gesellschaftlichen Raum noch nicht thematisierbar war.“ In den Zusammenhang mit der bis heute (in Deutschland) bedeutsamsten „Schwangerschafts- und Geburtsbewegung“, nämlich der von Frédérick Leboyer, wurde das „Trauma“ aber tatsächlich gebracht: im Vorwort der Neuausgabe des „Traumas“ im Fischer Verlag von 1988. Für den Rank-Biographen Lieberman (1988) gehört Dergleichen – er bezieht sich explizit auf dieses Vorwort - zu den zahlreichen „Mißdeutungen der Geburtstraumatheorie“ (S. 10).

Will man Ranks „Trauma“ in seiner Bedeutung für die Geschichte sowohl der Psychoanalyse wie der Sozialen Arbeit würdigen, muss man es einerseits in das Licht der mit dem „Trauma“ beginnenden Entwicklung stellen und andererseits im Zusammenhang mit dem zeitgleich erschienen Buch “Entwicklungsziele der Psychoanalyse“ (Ferenczi/Rank, 1924) betrachten. Um mit dem Zweiten zu beginnen: Die beiden Schriften weisen einen engen sachlichen Zusammenhang auf, denn das „Trauma“ ist, wie nicht nur der sachliche Vergleich, sondern auch Briefe von Rank beziehungsweise Ferenczi an Freud (vgl. Leitner, 1998b, S. 67-68) belegen, „eigentlich ein Produkt der Experimente mit der aktiven Technik“ (Leitner, 1998b, S. 67), wie sie in den „Entwicklungszielen“ dargestellt sind. Dieser Zusammenhang wird in der psychoanalytischen Geschichtsschreibung, die die „Entwicklungsziele“ lobt und das „Trauma“ ignoriert, bis heute gesprengt; in diese Interpretationstradition reiht sich der Autor kritiklos ein.

Nur wenige Monate nach Erscheinen des „Traumas“ hielt Rank eine Rede, die aufzeigte, wie man das Buch zu verstehen habe. Als dem kurz in den USA weilenden Rank am 3. Juni 1924 von der American Psychoanalytical Association die Ehrenmitgliedschaft verliehen wurde, bedankte er sich – Taft sitzt im Auditorium – mit einem Vortrag über das „Trauma“. „Rank verglich in diesem Vortrag eine erfolgreiche Therapie mit einer psychologischen Wiedergeburt, wobei der Analytiker die Rolle der Hebamme übernehme.“ (Leitner, 1998, S. 95) Solche „Hebammenkunst“ hat nun freilich weniger mit der Leboyer-Methodik zu tun als mit der Mäeutik eines Sokrates.

Die Hebammen-Metapher entwickelte sich ab 1924 zu einer der wirkungsmächtigsten Metaphern auf den Gebieten der Sozialen Beratung, des Coaching und der Psychotherapie und markiert den wesentlichen Kern dessen, was das deutschsprachige Publikum nach dem 2. Weltkrieg – meistenteils nicht wissend, dass es sich hier um einen Reimport handelt – unter der Bezeichnung „Helfende Beziehung“ (Hamilton, 1948/1950) als Kernstück von Casework präsentiert bekam. Erst sehr viel später sollte die deutsch(sprachig)e Soziale Arbeit zur Kenntnis nehmen können, was Carl Rogers schon Jahre zuvor als eine der bedeutendsten Quellen eines neuen – und das heißt auch: eines gegen die Freudsche Orthodoxie gerichteten - psychotherapeutischen Denkens bezeichnet hatte: „The thinking of Otto Rank, as it has been modified by such individuals like Taft, Allen, Robinson, and other workers into ‚relationship therapy‘, is one important point of origin.“ (Rogers, 1942, S. 27-28)

Solche Entwicklungslinien, die ihren Ausgangspunkt bei Rank haben und über Taft und Robinson Einfluss nehmen auf die Entwicklung des US-amerikanischen Casework und von dort aus, unterstützt durch Rogers, die deutschsprachige, zumindest aber die (west-)deutsche (Soziale) Einzelfallhilfe nachhaltig prägen, solche Entwicklungslinien zeichnet der Autor nicht. Er schlägt in seinem Text keine Sichtschneisen, sondern verheddert sich – und seinen Leser(inne)n droht Vergleichbares – im Gestrüpp von Aneinanderreihungen. Was ihm ebenfalls nicht gelingt: Verständlich zu machen, was Taft und Robinson eigentlich am Rankschen von Freud abweichendem Denken fasziniert hat. Seine Darstellung liest sich weitgehend so, als beruhe deren langjährige und innige Beziehung zu Rank mehr oder minder auf historischem Zufall – und nicht etwa auf affektiver und intellektueller Affinität. Einen wesentlichen Grund für diese Darstellungsschwäche sehe ich darin, dass der Autor nicht warm wird mit dem Rank der Jahre, die mit dem „Trauma“ beginnen, der Jahre nach Freud, der Jahre mit Taft und Robinson.

Über diesen Rank nach Freud berichtet er Manches, das nichts zur Klärung und zum Verstehen beiträgt. So fragt man sich beispielsweise, weshalb der Autor eineinhalb Seiten lang über eine 1939 abgegebene negative Einschätzung Ranks durch Erich Fromm referiert, um dann abschließend anzumerken, Fromm selbst habe diese seine Einschätzung später als verfehlt eingeschätzt? Da hätte er das Ganze doch einfach weglassen können. Tat er aber nicht, weshalb sich eine zweite Frage aufdrängt: Warum erwähnt der Autor, wenn er denn schon Fromms Haltung zu Rank darstellen möchte, eigentlich nicht, dass Fromm zu Zeiten (1955), als das Verdammungsurteil über Rank und seinen langjährigen Weggenossen Ferenczi (vgl. Heekerens, 2014) noch fester Glaubensbestandteil des psychoanalytischen Mainstreams ist, die beiden charakterisierte als „die beiden einzigen produktiven und einfallsreichen Jünger aus der ursprünglichen Gruppe, die nach Adlers und Jungs Abfall geblieben waren“ (Fromm, 1984, S. 116; Original 1955)?

Kommen wir zu Robinson und Taft. Im Zusammenhang der Darstellung des „Funktionalen Ansatzes“ schreibt der Autor: „Taft wendet sich damit gegen non-direktive Ansätze ebenso wie gegen komplett Klienten-zentrierte Methoden (Rodgers). (vgl. Taft, 1947, S. 280)“ Unterstellen wir einmal, mit „Rodgers“ sei Carl F. Rogers gemeint, so ließe sich der Satz so lesen, als sei der „Funktionale Ansatz“ gegen den „Non-direktiven“ oder „Klienten-zentrierten“ von Rogers entwickelt worden. Das wäre eine gleich in zweifacher Hinsicht falsche Lesart. Falsch deshalb, weil der „Funktionale Ansatz“ für (spätestens) 1937 dokumentiert ist, Rogers damals aber noch gar kein Therapeut oder Gründer einer eigenen therapeutischen Schulrichtung war; das wurde er erst einige Jahre später – nicht zuletzt durch einen Anstoß, den eine in der „Penn“ bei Robinson und Taft ausgebildete Sozialarbeiterin gegeben hatte (Heekerens & Ohling, 2005). Wogegen sich Taft mit der Entwicklung des „Funktionalen Ansatzes“ (auch) wendet, ist die Verwechslung von Casework und Psychotherapie; und da ist es einerlei, welche Brandmark – Freud oder Rank oder Rogers - eine Psychotherapie aufweist.

Damit stellt sich eine historisch wie systematisch bedeutsame Frage, die vom Autor freilich nicht, zumindest nicht hinreichend präzise gestellt wurde: Verwirft Taft mit der Entwicklung des „Funktionalen Ansatzes“ die von Rank entwickelte Form der Psychotherapie? Meine Antwort: Sie „verwirft“ sie nicht, sie „kritisiert“ sie nicht einmal; das wären sachlich unangemessene Begriffe. Für angemessen halte ich (in Anlehnung an Hegelsche Sprachregelung) den Begriff der „Aufhebung“: Im „Funktionalen Ansatz“ ist Ranks Psychotherapie „aufgehoben“. Konnte, so eine zweite Frage, die der Autor nun freilich schon gar nicht mehr stellt, konnte nur Ranks Ansatz „aufgehoben“ werden oder hätte es auch der Freudsche sein können? Die Beantwortung überlasse ich Taft (1944a, S. 268), die hier auch noch einmal präzisiert, was es mit „Funktion“ auf sich hat. Sie führt dort aus, Ranks Ansatz habe „uns eine Psychologie und Philosophie des Helfens geliefert, die unabhängig von Therapie genutzt werden konnte. Aber erst als wir realisierten, dass es die Struktur und Funktion der Sozialen Agentur ist, die das Helfen, welches zum Casework gehört, von dem Helfen in der Therapie unterscheidet, waren wir endlich von dem Zwang befreit, beide Modi des Helfens miteinander zu verwechseln und konnten uns darauf konzentrieren, den besonderen Prozess für den wir verantwortlich sind, kunstvoll zu nutzen“ (zitiert nach der Übersetzung von Müller, 2012, S. 60).

Der „besondere Prozess“, für den sich Taft verantwortlich fühlt, ist der des (Social) Casework – und nicht einfach jener der „Sozialarbeit“, von der der Autor im Kontext immer wieder spricht (vgl. etwa S. 147). Es ist unklar, ob der Autor nicht weiß, dass casework in den USA der Zwischenkriegszeit nur ein Teil von social work war, oder nicht realisiert, dass (auch) heute die (Soziale) Einzelfallhilfe nicht das Ganze der der Sozialen Arbeit (ja noch nicht einmal das Ganze der Sozialarbeit als einem unterscheidbaren Teilgebiet) ausmacht. Deutschsprachigen Leser(inne)n können die US-amerikanischen Verhältnisse bekannt sein seit Hertha Kraus´ (1950) „Versuch einer Deutung des sozialen Casework in seiner besonderen Rolle in der amerikanischen Sozialarbeit“ (S. 20). Taft und Robinson jedenfalls heben den Unterschied hervor und betonen die Verortung des „Funktionalen Ansatzes“ im Casework. In ihrer Taft-Biographie schreibt Robinson (1962) in den Einleitungsworten zum Kapitel „Functional casework and teaching“: „The discovery of the use of function in helping processes … remains Dr. Tafts most significant and enduring contribution to theory and practice in social casework.“ (S. 198) Und als Taft (1944b) den institutionellen Ort bezeichnet, an dem der „Funktionale Ansatz“ entwickelt wurde, nennt sie „the case-work faculty of the Pennsylvania School of Social Work“ (S. 1).

Fazit

Wo an (Fach-)Hochschulen und Universitäten in Sozialer Arbeit ausgebildet wird, sollte das Buch ebenso wenig fehlen wie die anderen Bände der „Schriftenreihe zur Geschichte der Sozialarbeit und Sozialarbeitsforschung“. Die Soziale Arbeit als Disziplin und Profession braucht zur weiteren Ausbildung und stärkerer Festigung ihrer Identität auch historische Selbstvergewisserung. Dazu kann das vorliegende Buch einen Beitrag leisten, weil es biographische Angaben, historische Textdokumente und alte Fotografien enthält, die man anderswo und anderwärts schwerlich finden kann.

Eine ganz andere Frage ist, ob man als Angehörige(r) der Sozialen Kultur das Buch unbedingt lesen muss? Nein. Es hat handwerkliche Fehler, verbleibt in seiner Darstellung auf weite Strecken im anekdotischen Stil, vermag weder die historische Darstellung unter dem Aspekt der Identitätsbildung der Sozialen Arbeit als Profession zu gestalten noch einen überzeugenden Bezug zu heutigen Problem- und Fragestellungen der Sozialen Arbeit herzustellen und ist anderen deutschsprachigen Darstellung einfach in der Sache unterlegen.

Was Newton anbelangt, so bringt das vorliegende Buch zu ihrer Bedeutung für die Geschichte der Sozialen Arbeit nichts, was der daran Interessierte nicht schon anderswo (z.B. bei Ohling & Heekerens, 2004) hätte lesen können. Was Robinson und Taft betrifft, so ist man weitaus besser bedient, wenn man Burkhard Müllers (2012) „Die Aktualität einer vergessenen Tradition Sozialer Arbeit“ (so der Untertitel) liest; dort werden zum einem zentrale Texte der beiden Gründerinnen der Functional School des US-amerikanischen Casework in Übersetzung angeboten und zum anderen deren Bedeutung für die Soziale Arbeit hier und heute durch Begleittexte des Autors herausgearbeitet. Und was schließlich Rank – auch in seiner Bedeutung für die Geschichte der Sozialen Arbeit – betrifft, so lese man doch lieber die recht ausgewogenen, von groben Fehlern freien und empathischen Darstellungen von Liebermann (Otto Rank; 1997, 2014) und Leitner (Freud, Rank und die Folgen, 1998b); an kurzen ein- und hinführenden Texten (vgl. etwa Heekerens & Ohling, 2005; Ohling & Heekerens, 2004) mangelt es ebenfalls nicht.

Ergänzende Literaturnachweise

  • Cnaan, R. A., Dichter, M. E. & Draine, J. (2008). A century of social work and social wellfare at Penn. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
  • Falzeder, E. (1998). Freud, Ferenczi, Rank und der Stammbaum der Psychoanalyse. In L. Janus (Hrsg.), Die Wiederentdeckung Otto Ranks für die Psychoanalyse. psychosozial, 21(3), 39-51.
  • Federn, E. (1990). Geschichtliche Bemerkungen zum Thema Psychoanalyse und Sozialarbeit. In C. Büttner, U. Finger-Trescher & M. Scherpner (Hrsg.), Psychoanalyse und soziale Arbeit (S. 11-19). Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag.
  • Ferenczi, S. & Rank, O. (1924). Entwicklungsziele der Psychoanalyse: Zur Wechselbeziehung zwischen Theorie und Praxis. Leipzig – Wien – Zürich: Internationaler Psychoanalytischer Verlag.
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  • Hamilton, G. (1950). Die helfende Beziehung. In H. Kraus (Hrsg.), Casework in USA (S. 47 – 55). Frankfurt a. M.: Metzner (Original 1948).
  • Handlbauer, B. (2001). Über den Einfluß der Emigration auf die Geschichte der Psychoanalyse (Zeitung des Salzburger Arbeitskreises für Psychoanalyse 2/2001) (http://www.psychoanalyse-salzburg.com/sap_zeitung/pdf/Handlbauer.pdf).
  • Heekerens, H.-P. (2014). Rezension vom 20.03.2014 zu Ferenczi, S. (2013). Das klinische Tagebuch. Gießen: Psychosozial-Verlag. (www.socialnet.de/rezensionen/16363.php).
  • Heekerens, H.-P. (2014). Rezension vom 08.08.2014 zu Müller, B. (2012). Professionell helfen: Was das ist und wie man das lernt. Die Aktualität einer vergessenen Tradition Sozialer Arbeit. Ibbenbüren: Münstermann. (www.socialnet.de/rezensionen/17368.php).
  • Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (2005). Am Anfang war Otto Rank: 80 Jahre Experienzielle Therapie. Integrative Therapie, 31, 276-293 (kann als pdf-Datei vom Rezensenten angefordert werden).
  • Janus, L. (1997). Die Stellung Otto Ranks im Prozeß der psychoanalytischen Forschung. Werkblatt - Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik, H. 38, 83-100 (http://www.werkblatt.at/archiv/38Janus.html).
  • Kraus, H. (1950). Einleitung. In H. Kraus (Hrsg.), Casework in USA (S. 15 – 44). Frankfurt am Main: Wolfgang Metzner Verlag.
  • Leitner, M. (1998a). Der Einfluss Ranks auf die Entwicklung der Technik in der Psychoanalyse. In L. Janus (Hrsg.), Die Wiederentdeckung Otto Ranks für die Psychoanalyse. psychosozial, 21(3), 53-69.
  • Leitner, M. (1998b). Freud, Rank und die Folgen. Ein Schlüsselkonflikt für die Psychoanalyse. Wien: Turia + Kant.
  • Liebermann, E. J. (1997). Otto Rank. Leben und Werk. Aus dem Amerikanischen von Anni Pott (Bibliothek der Psychoanalyse). Gießen: Psychosozial-Verlag (2. Aufl., 2014).
  • Liebermann, E. J. (1998). Über „Das Trauma der Geburt“. In L. Janus (Hrsg.), Die Wiederentdeckung Otto Ranks für die Psychoanalyse. psychosozial, 21(3), 9-12.
  • Maas, M. (2010). Ernst Federns langer Weg für die Psychoanalytische Sozialarbeit (http://www.hagalil.com/archiv/2010/04/10/psychoanalytische-sozialarbeit/).
  • Müller, B. (2012). Professionell helfen: Was das ist und wie man das lernt. Die Aktualität einer vergessenen Tradition Sozialer Arbeit. Ibbenbüren: Münstermann. Vgl. die Rezension.
  • Müller, B. (2013). Professionelle Handlungsungewissheit und professionelles Organisieren Sozialer Arbeit. neue praxis, 43, 246-262.
  • Müller, C. W. (2006).Wie Helfen zum Beruf wurde. Eine Methodengeschichte der sozialen Arbeit (4., erweiterte und aktualisierte Auflage). Weinheim: Juventa.
  • Ohling, M. (2014). Soziale Arbeit und Psychotherapie: Veränderung der beruflichen Identität von SozialpädagogInnen durch Weiterbildungen in psychotherapeutisch orientierten Verfahren. Weinheim: Beltz – Juventa (erscheint Herbst 2014).
  • Ohling, M. & Heekerens, H.-P. (2004). Otto Rank und die Soziale Arbeit. neue praxis, 34, 355-370 (kann als pdf-Datei vom Rezensenten angefordert werden).
  • Rank, O. (2004). Rank, O. (1924). Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse. Leipzig – Wien – Zürich: Internationaler Psychoanalytischer Verlag.
  • Robinson, V. (Hrsg) (1962), Jessie Taft: Therapist and social work educator. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
  • Rogers, C. (1942). Consulting and psychotherapy. Cambridge, MA: University Press.
  • Taft, J. (1944a). A functional approach to family casework. In V. Robinson (Hrsg) (1962), Jessie Taft. (S. 260 - 273). Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
  • Taft, J. (1944b). Introduction. In J. Taft (Hrsg.), A functional approach to family case work (S. 1-15). Philadelphia: University of Pennsylvania Press.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 08.08.2014 zu: Karl Fallend: Caroline Newton, Jessie Taft, Virginia Robinson. Spurensuche in der Geschichte der Psychoanalyse und Sozialarbeit. Löcker Verlag (Wien) 2012. ISBN 978-3-85409-643-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16977.php, Datum des Zugriffs 24.09.2019.


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