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Sven Reichardt: Authentizität und Gemeinschaft

Cover Sven Reichardt: Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2014. 1018 Seiten. ISBN 978-3-518-29675-2. 29,00 EUR.
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Thema

Zu den schöneren Erfahrungen des Älterwerdens gehört, dass die eigene Jugend wissenschaftliches Interesse erregt und fachhistorischer Betrachtung würdig wird. Das vorliegende Buch ruft beim Rezensenten fortwährend Erinnerungen und damit verbundene Emotionen hervor. Das fängt schon beim Orange des Umschlags an: Jenes Orange, das im Deutschland der 1970er weit über das linksalternative Milieu hinaus, aber eben auch in diesem in einer Weise (selbst als Autofarbe) geliebt wurde, über die man sich ab den 1980ern nur noch wundern konnte.

Zur Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buches gehört auch eine Tagung in Kopenhagen im Jahre 2008 (ausführlicher s.u). Im Bericht über diese Tagung (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de) findet sich gegen Ende der Satz: „Erfreulicherweise stand die Zeitzeugenschaft nicht weniger Konferenzteilnehmer dem Erkenntnisinteresse zeitgeschichtlicher Forschung keineswegs feindlich gegenüber.“ Diese Worte des Berichterstatters, der weit weg ist von jeglicher Linksalternativität (er wurde 1976 in Brandenburg geboren) und damit als „unverdächtiger Zeuge“ gelten kann, wirken beruhigend. Geben sie doch Hoffnung, dass die Zeitzeugenschaft des Rezensenten nicht in Widerstreit mit seinen Pflichten einer sachlichen Würdigung des vorliegenden Werkes geraten muss.

Was wir vor uns haben, ist das Buch eines Nachgeborenen. Und das ist gut so. Mathias Greffrath, Jahrgang 1945 und damit so etwa „mein Jahrgang“, hat in seiner ZEIT-Rezension des Buches (Greffrath, 2014) als einen der Vorzüge genannt, es lege „anders als die Bekenntnis- und Abrechnungsliteratur der Veteranen, dem Leser nicht eine, sondern viele Lesarten des Jahrzehnts nahe“. Und da wir schon bei dem mit dem Jean-Améry-Preis ausgezeichneten Essayisten sind, sei ihm doch auch das Wort für eine Horizonteröffnung gegeben: „Der intellektuelle Gewinn von Reichardts Habilitationsschrift liegt denn auch in seiner heiter-epischen Demonstration der Dialektik von Kontinuität und Bruch, von ‚Auswandern‘ und Integration. Einzigartig waren weniger die Motive der sozialen Rebellen als die Gesamtkonstellation, in der sie wirksam werden konnten: ein Wohlstand, der verlängerte Pubertät möglich machte; eine Bildungsexplosion, die die Ausgaben für Bildung in fünf Jahren verdoppelte; Desillusionierung über die westlichen Werte, die in Vietnam verbrannt wurden, und die realsozialistischen, die in Prag überrollt wurden.“

Autor

Der Autor, geboren 1967, legte nach Studien in Geschichtswissenschaft, Politologie, Psychologie und Italianistik an der Universität Hamburg und der FU Berlin sowie einem Promotionsstudium im Jahre 2000 an der FU Berlin die Dissertationsschrift „Faschistische Kampfbünde: Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA“ (veröffentlicht 2002) vor. Von 2003 bis 2011 war Reichardt Juniorprofessor für Zeitgeschichte an der Universität Konstanz, wo er 2011 auf den Lehrstuhl für Zeitgeschichte berufen wurde.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch bzw. eine frühere Fassung hat als Habilitationsschrift fungiert (vgl. S. 892). An Spuren der voran gehenden Entwicklungsgeschichte sind zwei Aufsätze des Autors identifizierbar: „‚Wärme‘ als Modus sozialen Verhaltens? Vorüberlegungen zu einer Kulturgeschichte des linksalternativen Milieus vom Ende der sechziger bis Anfang der achtziger Jahre“ (vorgänge, H. 171/172, 2005, S. 175-187) und „Klaus Theweleits ‚Männerphantasien‘ – ein Erfolgsbuch der 1970er-Jahre“ (Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3/2006; www.zeithistorische-forschungen.de). Ferner hat der Autor im Jahr 2010 zusammen mit Detlef Siegfried, seit 2011 Professor für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte an der Universität Kopenhagen, das Buch „Das alternative Milieu. Antibürgerlicher Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland und Europa 1968-1983“ (Göttingen: Wallstein) heraus gegeben (vgl. die Rezension von Eva-Maria Sillies: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de). Dessen Beiträge beruhen auf Referaten einer Tagung, die im September 2008 unter dem Titel „The Alternative Milieu. Unconventional Lifestyles and Left-wing Politics in Western Germany and Europe 1968-1983“ in Kopenhagen (Siegfried war damals Associate Professor für Neuere Deutsche Geschichte und Kulturgeschichte an der Universität Kopenhagen) stattgefunden hatte.

Zur Entstehungsgeschichte des Buches gehört auch seine Aufnahme in die Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft; zu linksalternativen Zeiten war das der Ritterschlag für einen Autor. Eben damals entstand die Reihe, deren Bände (auch) von Linksalternativen gelesen wurden und ihr Denken nachhaltig beeinflusste. Ich nenne zur Illustration nur fünf Titel aus den ersten Erscheinungsmonaten (samt ihren Nummern in der Reihe): Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse (Nr. 1), Jean Laplanche und Jean-Bertrand Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse (Nr. 7), Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken (Nr. 14), Erik H. Erikson, Identität und Lebenszyklus (Nr. 16) und George Herbert Mead, Geist, Identität und Gesellschaft (Nr. 28).

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch weist als höchste Seitenzahl die 1018 aus. Der sich dadurch eventuell unmittelbar einstellende Schreck mag gemildert werden durch den Umstand, dass das Buch „ja nur Taschenbuchformat“ hat. Doch währt solch gnädige Entspannung nur bis zu dem nahe liegenden Moment, da man realisiert: Die Kleinheit des Formats wird durch jene der Schrift aufgewogen. Allerdings: Wer Anmerkungen – hier kapitelweise nummeriert und als Fußnoten aufgeführt – für entbehrlich hält, kann den Umfang des reinen Textteils (s.u.) um rund ein Viertel kürzen.

Von den über 1000 Seiten des Buches entfallen – nach dem knapp dreiseitigen Inhaltsverzeichnis - „nur“ gute 880 auf den Textteil, bestehend aus einem umfangreichen Einleitungskapitel (1. Einleitung; knapp 90 Seiten), acht Sachkapiteln und einem kurzen Schlusskapitel (10. Zusammenfassung und Schluss; knapp 20 Seiten). Dem folgt ein knapper Dank, ein kurzes Quellen- und Literaturverzeichnis sowie mehr als 100 Seiten Publizierte Quellen und Forschungsliteratur, woran sich ein Abkürzungsverzeichnis, ein achtseitiges Namensregister (kein Sachregister) und ein Ausführliches Inhaltsverzeichnis anschließt.

Im Einleitungskapitel 1. Einleitung nennt der Autor Eckpunkte seines methodischen Vorgehens und der Gegenstandskonstitution. Da ist zunächst der Hinweis, in der vorliegenden Studie solle „nach soziokulturellen Gemeinsamkeiten und kulturellen Verbindungen gefragt werden, die das Alternativmilieu in den siebziger und frühen achtziger Jahren über die ideologischen Differenzen hinweg zusammenhielten“ (S. 15). Dem folgt eine nähere Bestimmung des Gegenstands: „Insofern beinhaltet der Fokus auf das linksalternative Milieu nicht nur eine andere, kulturwissenschaftliche Fragerichtung, sondern beleuchtet auch nur Teile der Neuen Sozialen Bewegungen.“ (S. 16) Als Untersuchungszeitraum hat der Autor (mit nachvollziehbarer Begründung) die Jahre zwischen 1969, dem Ende der „utopischen Phase“ der 68er-Bewegung, und Mitte der achtziger, als das linksalternative Milieu seine Kontur verlor, gewählt. Als (lokale) Untersuchungsschwerpunkte wurden (aus guten Gründen) Berlin (Westberlin, Berlin-West oder doch lieber „Mauerstadt“), Frankfurt a. M. („Mainhattan“) und Heidelberg ausgesucht. Ausgerechnet Heidelberg? Heidelberg ist keine schlechte Wahl aus den universitären Kleinstädten, die in Frage kamen. Junge Leser(innen), die nur das heutige aufgezuckerte Heidelberg kennen, werden das vielleicht nicht verstehen. Schon im Jahre 2000 (Webster, 2000) sah man sich genötigt, Heinrich Bölls „Du fährst zu oft nach Heidelberg“ von 1977 einer nachgeborenen Leserschaft verständlich zu machen.

Die dem Einleitungskapitel folgenden acht Kapitel sind drei Buchteilen zugeordnet. Die für die einzelnen Kapitel angegeben (ungefähren) Seitenangaben zeigen an, dass es zwischen diesen erhebliche Unterschiede im Umfang gibt.

I. Politik und Selbstreflexion

2. Politische Theorie und organisatorische Praxis(gute 120 Seiten)

  1. Authentizität und Gemeinschaft
  2. Gemeinschaft und Wärme
  3. Zwischenfazit

3. Eine imaginäre Gemeinschaft: Die Alternativpresse(gute 90 Seiten)

  1. Entwicklungsetappen, Definition und Umfang
  2. Typen der Alternativpresse
  3. Koordination und Redaktionen
  4. Die Leser
  5. Stil, Sprache und Ästhetik
  6. Zwischenfazit

II. Lebensräume

4. Arbeitsstrukturen: Die Alternativökonomie des „Projekts“ (rund 30 Seiten)

  1. Problemhorizont, Umfang und Branchenstruktur
  2. Sozialprofil und Motivationen
  3. Scheitern: Wirtschaftliche und soziale Probleme
  4. Finanzierungen
  5. Langfristige Erfolge
  6. Zwischenfazit

5. Idee und Praxis alternativen Wohnens(rund 220 Seiten)

  1. Städtische Kommunen und Wohngemeinschaften
  2. Landkommunen
  3. Hausbesetzungen

6. Vergemeinschaftungsorte (gut 50 Seiten)

  1. Die linke Szenekneipe
  2. Linke Buchläden
  3. Musikveranstaltungen
  4. Frauenräume
  5. Zwischenfazit

III. Körper und Seele

7. Körper und Sexualität (rund 90 Seiten)

  1. Kleidung und körperliche Hexis (Hexis = körperlicher Habitus; d. Verf.)
  2. Von „Beziehungskisten“ und „offener Sexualität“
  3. Männlichkeiten
  4. Zwischenfazit

8. Antiautoritäre Erziehung und Kinderladenbewegung (rund 60 Seiten)

  1. Die Kinderladenbewegung
  2. Prinzipien antiautoritärer Pädagogik
  3. Kindererziehung in den Wohngemeinschaften
  4. Mediale Repräsentationen
  5. Kindliche Sexualität und das Problem der Pädophilie
  6. Zwischenfazit

9. Bewusstseinserweiterungen (rund 90 Seiten)

  1. Der linke Psychoboom
  2. Neue Spiritualität
  3. Drogenkonsum
  4. Zwischenfazit

Das Schlusskapitel 10. Zusammenfassung und Schluss bietet zunächst eine zehnseitige zusammenfassende Darstellung der vorangehenden Sachkapitel 2 – 9 und dann, nochmals verdichtend und die ganze Sache „auf den Punkt bringend“ sechs Seiten zum „linksalternativen Subjekt“.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist in der Behandlung seines Stoffes einzigartig. Ich lasse zur näheren Charakterisierung zunächst noch einmal den Essayisten und Zeitzeugen Mathias Greffrath (2014) zu Wort kommen: „Detailreich und zahlenfest“ bietet uns der Autor eine „von Geschichten überquellende Geschichte des ‚linksalternativen Milieus‘ der siebziger und frühen achtziger Jahre“, basierend auf schönen Funden aus „tiefen Grabungen in den Protokollen und Erinnerungen, Flugblättern und Selbstdarstellungen jener Zeit“. Weil das vorliegende Buch eines Fachhistorikers Geschichte vielfach in Geschichten aufgehen lässt, ist es ein leicht zu lesendes, oft spannend geschriebenes Buch.

Den theoretischen Ansatz des Buches verortet der Autor beim späten Michel Foucault, der selbst zeitgenössischer Beobachter der bundesrepublikanischen linksalternativen Szene war. Mit dessen Ansatz soll „analysiert werden, wie sich die linksalternativen Akteure zu moralischen Subjekten formten und in welchem Zusammenhang die Elemente Freiheit und Zwang zueinander standen. Beide Elemente, so kann man mit Foucault sagen, schlossen sich nicht wechselseitig aus, sondern waren aufeinander bezogen. Der theoretische Ansatz bietet eine vermittelnde Alternative zwischen den vorherrschenden Deutungen der linksalternativen Kultur als tendenziell auflockernd, befreiend und liberalisierend oder als tendenziell totalitär, einschränkend und kontrollierend.“ (S. 74) Diese Vermittlungsarbeit scheint mir gelungen.

Gelungen scheint mir auch die Klärung einer zentralen Forschungsfrage. „Erst durch diese gesamtgesellschaftliche Betrachtung ist auch zu klären, inwieweit das linksalternative Milieu zu einem Wandel der Kultur in der Bundesrepublik beigetragen hat oder ob sich hier eine allgemeine Entwicklung besonders dramatisierte, radikalisierte und politisierte.“ (S. 74) Das linksalternative Milieu war, auch wenn deren Aktivist(inn)en es anders empfanden und ihre Protagonist(inn)en sie darin bestärkten, Teil eines allgemeinen Wandlungsprozesses. In dem nahmen sie allerdings oft und auf vielen Gebieten die Rolle der Avantgarde ein. Mit all den Folgen, die so was mit sich bringt: Man konnte Neuland erkunden, „durfte“ aber auch all die Fehler machen, die die Nachfolgenden nicht mehr machen mussten.

Selbstverständlich gibt es auch bei einem solchen Buch Kritikpunkte. Ich konzentriere mich bei deren Betrachtung auf das 9. Kapitel, da ich dafür einige Feldkenntnis habe. Ganz offensichtlich falsch ist die Kennzeichnung von „Prof. Bastine“ (S. 859 Anm. 209) als „Leiter der Klinischen Psychiatrie in Heidelberg“ (S. 859). Die damaligen Klinikleiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg waren die Ärzte Walter Ritter von Baeyer (bis 1972) und Werner Janzarik (1974 – 1988). Der Psychologe Reiner Bastine hingegen war seit 1973 der erste Ordentliche Professor für Klinische Psychologie am Heidelberger Psychologischen Institut, dem die Free Clinic, um die es im vorliegenden Zusammenhang geht, damals direkt gegenüber auf der anderen Seite der (schmalen) Brunnengasse (nicht „Brunnenstraße“, wie es auf den S. 862 und 864 heißt) lag.

Jenes Brunnengasse-Gebäude benennt der Autor als „ein verfallenes und eigentlich zum Abbruch vorgesehenes Haus“ (S. 862). „Verfallen“, so der Einspruch, war das Gebäude ebenso wenig wie all die anderen Gebäude der Altstadt zwischen Bismarkplatz und Karlstor (mit vielen linksalternativen Wohngemeinschaften), die in der Tat zum Abbruch vorgesehen waren: von dem durch die SPD aus dem Schwäbischen herbeigeholten Oberbürgermeister Rolf Zundel und den mit ihm verbündeten Baulöwen. Über jenen OB, konnte man in der ZEIT vom 4.1.1985 (http://www.zeit.de/1985/02/zeitmosaik) lesen: „Es war einmal ein Oberbürgermeister, der regierte wie ein König. Der tat die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Der regierte in Heidelberg und hieß Reinhold Zundel und säuberte die Staat (sic!) von linken Studenten, ungewaschenen Pennbrüdern, schmuddeligen Kneipen und störenden Altbauten.“ Bis September 2014 erinnert die Ausstellung „Heidelbergs wilde Siebziger“ im Kurpfälzischen Museum an diese konzertierte Aktion. In einer Ausstellungsbesprechung heißt es im Untertitel: „Am tollsten trieben es am Neckar in den siebziger Jahren die Baulöwen“ (Wiele, 2014). Das muss man wissen, wenn man Heidelbergs linksalternatives Milieu von damals verstehen will. Vergleichbare Entwicklungen gab es in den siebziger Jahren in allen westdeutschen Universitätsstädten (Berlin bildete die Ausnahme), aber man erfährt davon in den über einhundert Seiten zu „Städtische Kommunen und Wohngemeinschaften“ so gut wie nichts.

Für irreführend, weil falsche Vorstellungen erzeugend, halte ich die Charakterisierung von Scientology oder Bhagwan-Jüngerschaft als „Jugendsekte“ (S. 812) bzw. „Jugendreligion“ (S. 826). Natürlich ist mir bekannt, dass beide Gruppierungen von Friedrich-Wilhelm Haack, seit 1969 vollamtlicher Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern, ab 1974 als „Jugendsekten“ oder „Jugendreligionen“ bezeichnet wurden und dass die Bundesregierung – nicht zuletzt unter Haaks Einfluss – in ihrem Bericht „Jugendreligionen in der Bundesrepublik Deutschland“ von 1979 ebenso verfuhr. Aber das ist doch kein Grund, diese von amtskirchlicher Seite zum Zwecke des Alarmismus eingebrachten Bezeichnungen kommentar- und kritiklos weiterzuführen. Dass Scientology – weder in Deutschland noch anderswo, weder heute noch damals – eine Gruppierung ist/war, die überwiegend oder ausschließlich eine minderjährige Anhängerschaft hat(te) bzw. sich vorwiegend oder ausschließlich an Minderjährige wendet/wandte, darf als Allgemeinwissen gelten. Und was die Anhänger Bhagwans in den siebziger und frühen achtziger Jahre anbelangt: Nach meiner Kenntnis – aber ich lasse mich gerne durch Gegenbeweise überzeugen! – hatten die Deutschen, die zu Bhagwan nach Poona (Indien, heute: Pune) oder Rajneeshpuram (Orgegon) fuhren, die üblichen Altersgrenzen von Jugendgerichtsbarkeit und Jugendfürsorge in aller Regel bereits überschritten.

Und dann gibt es Eines, das man einfach zurechtrücken muss. Im Zusammenhang der „damals neuen Psychotherapieverfahren“ spricht der Autor, sich wohl zustimmenden Lachens der meisten Leser(innen) gewiss, vom „pietistisch anmutenden Wiedergeburtserlebnis“ als einem der diese kennzeichnenden Elemente (S. 807). Aus „Anmutung“ kann eine solche Beurteilung nicht kommen; dergleichen setzt Augenzeugenschaft voraus, die beim Autor nicht gegeben ist. Ich vermute, er hat die Beurteilung von Jörg Bopp, aus dessen Kursbuch-Artikel von 1979. Aus dem zitiert er (vgl. S. 803), die damals neuen Therapieformen hätten „von einer religiösen Sehnsucht nach fundamentaler Wiedergeburt“ gelebt.

Bopp ist einer der wichtigsten Zeugen des Autors zum Themenkreis „Der linke Psychoboom“ (S. 782-806) und er darf als seriöse Quelle gelten. Im angesprochenen Punkte aber hat er eine verzerrte Wahrnehmung. Dass Bopp das Wiedergeburtserleben in einen religiösen Kontext stellt, ist gut verständlich; er ist studierter Theologe. Dass der gelernte Psychoanalytiker es nicht in die psychotherapeutische Tradition einordnet, liegt daran, dass der damaligen deutschen Psychoanalyse der Blick versperrt war für eine Traditionslinie, auf die wir hier einen kurzen Blick werfen. Am 3. Juni 1924 wurde dem damals kurz in den USA weilenden Otto Rank von der American Psychoanalytical Association, deren Mitglieder in ihm den wohl bekannten Freud-Vertrauten sahen und nichts wussten von den europäischen Zwistigkeiten zwischen ihm und den Vertretern der Freudschen Orthodoxie, die Ehrenmitgliedschaft verliehen, und er hielt eine (Dankes-)Rede. „Rank verglich in diesem Vortrag eine erfolgreiche Therapie mit einer psychologischen Wiedergeburt, wobei der Analytiker die Rolle der Hebamme übernehme.“ (Leitner, 1998, S. 95)

Diese Grundkonzeption von Psychotherapie(praxis), die über verschiedene Ansätze der „Humanistischen Psychotherapie“ aus den USA rückimportiert worden war (vgl. Heekerens & Ohling, 2005; Ohling & Heekerens, 2004), fand in der linksalternativen Szene großen Zuspruch – meist ohne dass ihre Herkunft bekannt war. Es sind zwei Punkte, in denen eine solche Konzeptualisierung des Therapieprozesses sowohl der Behandlungslehre der Freudschen Orthodoxie widersprach als auch den Wertvorstellungen der Linksalternativen entgegen kam. Da ist zum einen die Betonung von intensivem leibhaftigem Erleben, um das jede(r) weiß, die/der sich „wie neu geboren“ fühlte. Das im Gegensatz zur „Einsicht“, die die Freudsche Orthodoxie zum wesentlichen therapeutischen Wirkfaktor erklärt. Solche Patienten-„Einsicht“ folgt einer mit allen Insignien der Unfehlbarkeit ausgestatteten Therapeuten-„Deutung“. Gegenüber einer solchen Konzeption von Therapeut als absoluter Autorität und Allein-Bewirker nimmt sich eine Konzeptualisierung des Therapeuten als „Hebamme“ egalitärer und humaner aus. In ihrer Grundstruktur ähnelte die damalige Psychoanalyse doch allzu sehr dem, was man an den K-Gruppen jener Tage verabscheute: Die Vorstellung, „Heilung“ liefe hauptsächlich oder gänzlich „über den Kopf“, und das Dogma der absoluten Deutungshoheit der „Führer“.

Und warum wusste selbst ein kritischer Psychoanalytiker damals nichts von Rank und seinem in vielen Punkten ähnlich denkenden früheren Weggefährten Sándor Ferenczi (vgl. Heekerens, 2014)? Weil sie nach offizieller Lehrmeinung Verrückte waren. In Ernest Jones gleichsam amtlicher Freud-Biographie war beispielsweise zu lesen: „Bei beiden entwickelten sich psychotische Erscheinungen, die sich unter anderem darin äußerten, daß sie sich von Freud und seinen Lehren abwandten.“ (Jones, 1984, S. 62; englischsprachiges Original 1957)

Fazit

Das vorliegende Buch hat Schwächen im Detail. Aber diese wiegen aufs Ganze gesehen doch sehr wenig. Das Buch ist daher allen zu empfehlen, die, aus welchen Gründen auch immer, Interesse haben am bundesrepublikanischen linksalternativen Milieu der siebziger und frühen achtziger Jahre. Es gehört zwingend in die Bibliotheken der Hochschuleinrichtungen, die in Sozialer Arbeit ausbilden. Zu deren noch zu festigender Identität als Disziplin und Profession gehört auch die Vergewisserung ihrer historischen Identität. Und das linksalternative Milieu der siebziger und frühen achtziger Jahre hat die deutsche Soziale Arbeit (Sozialarbeit / Sozialpädagogik) nach meiner Einschätzung intensiver und nachhaltiger geprägt, als die „offizielle“ Geschichtsschreibung der hiesigen Sozialen Arbeit das erkennen lässt.

Ich benenne hier nur einmal drei Fragen, denen nachzugehen fruchtbar sein dürfte.

  • Zunächst: Wie viele der in den siebziger und frühen achtziger Jahren als Professor(innen) für die Ausbildung in Sozialarbeit und/oder Sozialpädagogik Berufenen oder als Lehrende Sozialarbeiter(innen)/-pädagog(inn)en Verpflichteten waren zumindest Sympathisanten des linksalternativen Milieus?
  • Ferner: Ist denn das, was heute als „Therapeutisierung der Sozialen Arbeit in den 1970ern und 1980ern“ bezeichnet wird (zur Diskussion vgl. etwa Cohnen, 2006) überhaupt denkbar ohne die „Vermittlungsarbeit“ des linksalternativen Milieus?
  • Und schließlich: Ist die hierzulande ab Mitte der achtziger Jahre sichtbar werdende Ausbreitung der Erlebnispädagogik mit ihrer Betonung der Erfahrung und Hervorhebung eines ganzheitlichen Ansatzes (Lernen mit Herz, Hirn und Hand) denkbar ohne die „Vorbereitungsarbeit“ des linksalternativen Milieus?

Ergänzende Literaturnachweise

  • Cohnen, M.-L- (2006). Therapeutisierung der Sozialarbeit? Oder: Zirkuläres Fragen ist zirkuläres Fragen. Kontext, 37, 191 – 198.
  • Greffrath, M. (2014). Politik in der ersten Person. DIE ZEIT vom 26.6.2014, S. 47.
  • Heekerens, H.-P. (2014). Rezension vom 20.03.2014 zu Ferenczi, S. (2013). Das klinische Tagebuch. Gießen: Psychosozial-Verlag. Socialnet Rezensionen (http://www.socialnet.de/rezensionen/16363.php).
  • Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (2005). Am Anfang war Otto Rank: 80 Jahre Experienzielle Therapie. Integrative Therapie, 2005, 31, 276-293.
  • Jones, E. (1984). Sigmund Freud: Leben und Werk Bd. III. München: dtv (englischsprachiges Original 1957).
  • Leitner, M. (1998). Freud, Rank und die Folgen: Ein Schlüsselkonflikt für die Psychoanalyse. Wien: Turia + Kant.
  • Ohling, M. & Heekerens, H.-P. (2004). Otto Rank und die Soziale Arbeit. Neue Praxis, 2004, 34, 355-370.
  • Webster, W. (2000). Heinrich Böll: Du fährst zu oft nach Heidelberg (https://www.uni-due.de/literaturwissenschaft-aktiv/nullpunkt/pdf/boell_heidelberg.pdf).
  • Wiele, J. (2014). Alt Heidelberg, du Wilde. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.7.2014, S. 12.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 17.07.2014 zu: Sven Reichardt: Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2014. ISBN 978-3-518-29675-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16987.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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