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Holger Kirsch (Hrsg.): Das Mentalisierungskonzept in der sozialen Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. phil. Barbara Wedler, 16.03.2015

Cover Holger Kirsch (Hrsg.): Das Mentalisierungskonzept in der sozialen Arbeit ISBN 978-3-525-40221-4

Holger Kirsch (Hrsg.): Das Mentalisierungskonzept in der sozialen Arbeit. Vandenhoeck & Ruprecht Brill Deutschland GmbH (Göttingen) 2014. 177 Seiten. ISBN 978-3-525-40221-4. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.

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Herausgeber

Der Mediziner und Psychotherapeut Dr. med. Holger Kirsch ist Professor für Sozialmedizin an der Evangelischen Hochschule Darmstadt am Fachbereich Sozialarbeit/ Sozialpädagogik. Zusätzlich ist er in eigener Praxis sowie als Lehranalytiker und Redakteur der Zeitschrift für Individualtherapie tätig.

Entstehungshintergrund

Die Buchbeiträge fassen herausragende Lehr-Praxis-Projekte zusammen, die im Rahmen des Masterstudienganges Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt erarbeitet, umgesetzt sowie evaluiert werden.

Aufbau und Inhalt

Kirsch setzt im Vorwort den Rahmen für die einzelnen Buchbeiträge. Ausgehend von der Tatsache, dass sich benachteiligende Lebensbedingungen akkumulieren können, gibt der Autor einen kurzen Abriss über sich verändernde gesellschaftliche Strukturen und sich daraus ergebende Herausforderungen für die Menschen generell und die Heranwachsenden im Besonderen. Teil der Bewältigung dieser Herausforderungen ist die Mentalisierung. Kirsch verweist auf die Bedeutung des Mentalisierungskonzeptes und spannt den Bogen zu den Lehr-Praxis-Projekten mit den Schwerpunkten „Gesundheit und Krankheit: Differenz – Anerkennung – Teilhabe“.

Mit den Grundlagen des Mentalisierens legt Kirsch die theoretische Basis der einzelnen Kapitel sowie der vorgestellten Projekte. Das Mentalisierungskonzept wird ausführlich vorgestellt. Verbindungen zur Objektbeziehungstheorie und Bindungstheorie werden geknüpft. Die Diskussion zum Mentalisierungskonzept endet mit Gedanken zur Mentalisierungsforschung.

Köhler-Offierski positioniert Das Mentalisierungskonzept im Kontext der Lehre und [zeigt] Aufgaben Sozialer Arbeit unter Zuhilfenahme des Mentalisierungsansatzes.

Kirsch stellt einige wegweisende Projekte aus den Handlungsfeldern Sozialer Arbeit vor. Die vorgestellten Projekte belegen nicht nur den Erfolg der zielgerichteten Förderung des Bewusstseins des eigenen mentalen Lebens sondern zeigen ebenfalls, dass eine mentalisierungsfördernde Haltung von Sozialpädagogen eine sichere Basis für die beratende Arbeit und Soziale Arbeit ist.

Kaufmann und Zimmer beschreiben das Projekt der Mentalisierungsgestützte[n] Erziehungsberatung. Dabei handelt es sich um ein niederschwelliges Angebot für soziale benachteiligte Menschen in einem Frankfurter Stadtteil. Im Focus der Elternarbeit stehen die Bedürfnisse der Kinder. Das hochakzeptierte Programm wurde hauptsächlich von Frauen mit Migrationshintergrund besucht. Trotz kritisch betrachteter Kürze des Angebotes wurde der entspanntere Umgang mit den Kindern sowie ein besseres Verständnis für Gefühle und Reaktionen beobachtet. Im Fazit stellen die Autorinnen fest, dass das Bewusstsein der Frauen für gelingende Beziehungen geschärft werden konnte.

Wie Mentalisieren der Erzieherinnen über Eine Fortbildung in der Kindertagesstätte erfolgen kann, erläutern und diskutieren Klein/ Armendinger in ihrem Beitrag. Ergebnisse dieser Fortbildung sind der bewusstere Umgang mit sich selbst und anderen Menschen. Dieser persönliche Gewinn wurde durch die TeilnerhmerInnen am höchsten bewertet.

Das von Straunb/ Stavrou beschriebene Projekt richtet sich gegen die Gewalt in der Schule. Ziel der Mentalisierungsbasierte[n] Gewaltprävention an einer Grundschule waren Stärkung des Selbstkonzeptes und die Förderung einer positiven Klassen- und Schulkultur. Dafür wurde die Klasse als „mentalisierungsförderndes System“ entwickelt. Als besonders vorteilhaft zeigte sich die Gruppenarbeit. Mit diesem Projekt verweisen die Autorinnen auf eine wichtige Funktion der Schule: Handlungs- und Erfahrungsräume für Kinder und Jugendliche ermöglichen!

Kalbfuss/ Polat und Urbanek stellen sich mit ihrem Projekt der Herausforderung, die „die Wechselwirkung psychischer Gesundheit und Krankheit mit gesellschafts- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen“ (S. 115) darstellen. Die Mentalisierungsbasierte Psychoedukation mit Patienten einer psychiatrischen Institutsambulanz könnte zukünftig einen Beitrag für „eine bessere psychosoziale Versorgung von chronisch psychisch kranken Menschen liefern“ (S. 139).

Bildung und Empowerment bei mehrfach behinderten Menschen zielt auf die Ermächtigung und Befähigung älterer Menschen mit Lernschwierigkeiten und mehrfacher Behinderung. Das Projekt richtete sich an eine stark stigmatisierte Gruppe. Und obwohl die Anzahl der Zusammenkünfte zu gering war, konnten die TeilnehmerInnen stark von diesem Bildungsangebot profitieren. Ruf/ Wiens sehen ihr Angebot u.a. als Beitrag zur „Alphabetisierung der Empfindungen“ (S. 160).

In seinem Fazit und Ausblick resümiert Kirsch, dass der Mentalisierungsansatz „anschlussfähig an bestehende Konzepte“ (S. 164) ist. Gleichzeitig spiegeln die vorgestellten Projekte, dass Studierende und Ausbildungskandidaten dank der Fähigkeit zum Mentalisieren handlungsleitende Kompetenzen für „eine beziehungsorientierte Pädagogik, Beratung oder Psychotherapie“ (S. 164) gewinnen.

Inhaltlich endet der Sammelband mit der Literatur und den [Die] Autorinnen und Autoren.

Diskussion

Beim Lesen der einzelnen Beiträge faszinieren nicht nur die vorgestellten Projekte sondern in erster Linie das Mentalisierungskonzept selbst. Bereits beim Vorwort „springt der Funke über“, denn alle AutorInnen beschreiben leidenschaftlich „ihre“ Projekte. Und diese bewegen sich im breiten Spektrum von der Beratung, über die Sozialpsychiatrie bis hin zur Behindertenarbeit. Allen AutorInnen gelingt die Verbindung zwischen theoretischen Grundlagen, Projektarbeit und den subjektiven Gewinn für die TeilnehmerInnen anschaulich darzustellen. Dank dieser Kombinationen wird das Mentalisierungskonzept den LerserInnen näher gebracht und deren Anwendbarkeit für die Soziale Arbeit deutlich. Und ebenso profitieren dank dieser Kombination Studierende, Lehrende sowie PraktikerInnen von den einzelnen Buchbeiträgen. Sowohl das Mentalisierungskonzept als auch die die Lehr-Praxisbeispiele versprühen Lust auf das Studieren und Vermitteln des Mentalisierungskonzeptes. Dies Buch regt an, macht neugierig und ist ein wahrhaftes Arbeitsmaterial.

Fazit

Sensibel führt dieser Sammelband in das Mentalisierungskonzept ein – in verschiedene Bereiche, auf unterschiedlichen Ebenen. Deshalb eignet sich dieses Buch sowohl für sozialwissenschaftliche Studiengänge ebenso wie für die Arbeit mit Menschen. Die vorgestellten Praxisprojekte regen zur Adaption bzw. Weiterentwicklung an. Und die Beiträge belegen, dass studentische Projekte mehr sind als ein Testfeld für die Praxis: sie sind wissenschaftlich fundierte Handlungsansätze. Kirsch vermittelt Freude am Forschen, am Entwickeln neuer Arbeitsansätze und zeichnet so ein lebendiges Bild der Dynamik der Sozialarbeitswissenschaft. Wünschenswerter als das Durcharbeiten dieses Buches ist die Verinnerlichung des Mentalisierungskonzeptes.

Rezension von
Prof. Dr. phil. Barbara Wedler
Professur für klinische Sozialarbeit und Gesundheitswissenschaften
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Es gibt 82 Rezensionen von Barbara Wedler.

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ISSN 2190-9245