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Monika Windisch: Behinderung - Geschlecht - Soziale Ungleichheit

Cover Monika Windisch: Behinderung - Geschlecht - Soziale Ungleichheit. Intersektionelle Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2014. 233 Seiten. ISBN 978-3-8376-2663-6. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.

Gesellschaft der Unterschiede, Bd. 17.
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Thema

Die Auseinandersetzung mit Behinderung und Geschlecht zeigt soziale Ungleichheit auf, die Verschränkung der drei Bereiche miteinander erfolgt vielfach noch nicht in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskursen. Durch die gegenseitige Beeinflussung entsteht eine spezifische Form der Exklusion. Inwiefern können Antidiskriminierungsstrategien in Europa dem Zusammenwirken gerecht werden? Welche Machtstrukturen bestimmen die Wertung von Behinderung und Geschlecht? Welche Formen sozialer Ungleichheit entstehen durch das Zusammenwirken von Behinderung und Geschlecht?

Autorin

Dr. Monika Windisch (Mag.) ist an den Instituten Primar- und Sekundarpädagogik der Pädagogischen Hochschule Tirol tätig. Ihre Arbeit fokussiert Inklusive Pädagogik und Intersektionalität im Bildungsbereich.

Entstehungshintergrund

Benachteiligende Lebensbedingungen sind für Menschen mit Behinderung, insbesondere für Frauen mit Behinderung, alltäglich präsent. Die Bedeutung und Notwendigkeit aktueller Initiativen, die Lebensbedingungen zu verbessern, wie z.B. Artikel 6 der UN-Behindertenrechtskonvention, lässt sich durch die Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Kategorien aufzeigen.

Aufbau

Das Buch von Monika Windisch beinhaltet sechs Kapitel

  1. Der Körper und die Soziologie
  2. Soziale Ungleichheiten
  3. Die UN-Behindertenrechtskonvention
  4. Behinderung als soziale Kategorie
  5. Intersektionalitäten
  6. Europa und die UN-Behindertenrechtskonvention

sowie das Vorwort, die Einleitung, das Fazit und das Literaturverzeichnis.

Das Vorwort spiegelt die Motivation Monika Windischs wider, sich mit der Thematik zu beschäftigen. Mit der Einleitung leitet sie in das Thema ein und legt ihr weiteres Vorgehen dar.

Kapitel 1 setzt sich mit Definitionen und Spannungsfeldern auseinander, Körper – Leib – Soziales (Kap. 1.1), Körper – Wissen – Macht (Kap. 1.2), Behinderung (Kap. 1.3), Geschlecht (Kap. 1.4), Behinderung – Normativität – Macht (Kap. 1.5) und Bodyismen (Kap. 1.6).

Die Beschaffenheit sozialer Ungleichheiten wird in Kapitel 2 näher beschrieben. Gleichheiten und Unterschiede (Kap. 2.1), Modelle sozialer Ungleichheit (Kap. 2.2) und die ‚doppelte Vergesellschaftung‘ der Frau als Phänomen (Kap. 2.3) werden erörtert, um durch den Risikofaktor Behinderung (Kap. 2.4), den Aufbau der Gesellschaft auf Leistung (Kap. 2.5) und soziale Exklusionsprozesse (Kap. 2.6) ergänzt zu werden.

In Kapitel 3 wird die UN-Behindertenrechtskonvention als zentrales Instrument gegen die Diskriminierung aufgrund von Behinderung erörtert, indem Disability Mainstreaming (Kap. 3.1), ‚Nichts über uns ohne uns‘ als Leitmotiv (Kap. 3.2) und Genderperspektiven innerhalb der UN-Behindertenrechtskonvention (Kap. 3.3) beschrieben werden.

Es schließt sich Kapitel 4 an, das Behinderung als soziale Kategorie einordnet mit den Unterkapiteln „Behinderung – eine Strukturkategorie?“ (Kap. 4.1) und „Gleichbehandlung und Antidiskriminierung“ (Kap. 4.2).

Kapitel 5 befasst sich mit Intersektionalitäten und den dazu gehörigen Perspektiven (Kap. 5.1), während das letzte inhaltliche Kapitel 6 die UN-Behindertenrechtskonvention in den europäischen Kontext stellt mit den Aspekten Gender Mainstreaming (Kap. 6.1) und Disability Action Plans (Kap. 6.2).

Das Buch schließt mit dem Fazit.

Ausgewählte Inhalte

Monika Windisch setzt den Körper als zentralen Zuschreibungsort hinsichtlich seiner soziologischen Anerkennung an den Anfang ihrer Argumentation. Anforderung der Gesellschaft an das Individuum ist die Perfektionierung des Körpers, so dass auf den Körper bezogene Behinderung umso stärker als Abweichung in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Wissenschaftliche Erkenntnisse suggerieren die Überwindbarkeit von Behinderung und Krankheit (S. 23, Kap. 1), so dass Körperlichkeit mit „gesellschaftlicher Funktionalität und ökonomischer Effizienz“ (S. 63, Kap. 1) verbunden ist. Durch körperliche Zuschreibungen und weitere Merkmale sowie Ressourcen werden individuelle Partizipationschancen bestimmt, die Pluralisierung der Lebensverhältnisse verschärft soziale Ungleichheiten (S. 76, Kap. 2). Die Zuspitzung der Situation zeigt sich durch die doppelte Vergesellschaftung der Frau, die besonders im privaten Bereich Gleichberechtigung stetig aushandeln muss (S. 82f, Kap. 2).

Eine Anerkennung von unterschiedlichen Lebensbedingungen mit dem Schwerpunkt Behinderung versucht die UN-Behindertenrechtskonvention zu schaffen, indem sie auch die „sozialen und ökonomischen Schwierigkeiten“ der Personengruppe in ihre Ausführungen einbezieht (S. 103, Kap. 3). Mittels Disability Mainstreaming werden Erfahrungen und Erwartungen von Menschen mit Behinderung einbezogen, die zu einem Wandel im sozialen Miteinander beitragen können (S. 105, Kap. 3). Entscheidend ist die Anerkennung von Heterogenität innerhalb scheinbar homogener Personengruppen, wenn z.B. Lebensbedingungen von Frauen aufgrund weiterer Zuschreibungen wie Ethnie, sozioökonomischen Status oder Behinderung, voneinander differieren (S. 143, Kap. 5). Geschlecht verbindet mit Behinderung, dass spezifische Ausgrenzungserfahrungen gemacht werden, „wenn zwei ungleichheitsrelevante soziale Kategorien wechselseitig in Beziehung zueinander stehen“ (S. 144, Kap. 5). Behinderung ist zudem durch weitere Ausschlüsse von Teilhabe gekennzeichnet, wenn aus finanziellen Interessen Unterstützung und Pflege in Familien zurückgegeben werden muss (S. 188, Kap. 6). Es bedarf „zirkulärer Reflexionsprozesse“, um politische Forderungen auf ihre realistische Wirkung hin zu überprüfen.

Diskussion

Monika Windisch möchte mit ihrer Publikation soziale Ungleichheitslagen hinsichtlich des Zusammenwirkens von Behinderung und Geschlecht aufzeigen. Durch eine Pluralisierung von Lebenslagen werden Unterschiede zwischen Individuen – auch innerhalb einer scheinbar homogenen Gruppe - größer. Jene Unterschiede eröffnen den Blick für voneinander verschiedene Lebensbedingungen in einer Gruppe und dienen, ebenso wie die Analyse der Wechselwirkungen von Zuschreibungen dazu, Aussagen über Machtverhältnisse zu treffen. Daraus schließt Monika Windisch auf etablierte asymmetrische Herrschaftsverhältnisse, die „Behinderung als spezifische Form der Vergesellschaftung“ (S. 190) darstellen. Menschen mit Behinderung benötigen eine größere Rechtssicherheit (S. 191), um eigene Interessen zu wahren und einer tatsächlichen Chancengleichheit näher zu kommen.

Die konkrete Übertragung auf die gesellschaftliche und pädagogische Praxis benötigt Reflexion und Interesse, die aber durch die vorliegenden theoretischen Ausführungen entsprechende Unterstützung erhält. Eine Ausweitung auf weitere soziale Kategorien ist denkbar, bleibt aufgrund der verschiedenen Einordnungen jener Kategorien (S. 10) und dem sich daraus ergebenden zu großen Umfang vorerst außen vor. Gleichsam können die Ausführungen anderen Autor_innen als Grundlage zur Ergänzung um weitere soziale Kategorien dienen.

Fazit

Monika Windisch ist es gelungen, ein grundlegendes Werk über das Zusammenwirken der Kategorien Behinderung und Geschlecht zu verfassen. Als Argumentationsgrundlage und -hilfe kann das Werk dazu beitragen, langfristig Mechanismen der Ausgrenzung und Benachteiligung gegenüber Menschen mit Behinderung sichtbar zu machen und die Personengruppe in eigenen Forderungen zu unterstützen. Für Leser_innen, die sich bislang wenig mit dem Theoriekonstrukt sozialen Ungleichheitslagen von Menschen mit Behinderung beschäftigt haben, bietet das Buch umfassende Informationen. Für Menschen, die sich bereits intensiver mit dem Thema beschäftigt haben, weist das Buch eine gute Bündelung der vorliegenden Informationen auf. Trotz der Orientierung an Geschlecht und Behinderung lassen sich die dargelegten Zusammenhänge auch auf weitere soziale Kategorien übertragen. Die Impulse des Buches können dazu beitragen, den Blick auf die Lebenssituationen von Menschen mit Behinderung richten und den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention zur gesellschaftlichen Teilhabe stärker zu entsprechen.

Das Buch kann Wissenschaftler_innen, Fachkräften und Studierenden sowie weiteren interessierten Leser_innen dringend empfohlen werden.


Rezensentin
Dr. Karoline Klamp-Gretschel
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Zitiervorschlag
Karoline Klamp-Gretschel. Rezension vom 18.02.2015 zu: Monika Windisch: Behinderung - Geschlecht - Soziale Ungleichheit. Intersektionelle Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2663-6. Gesellschaft der Unterschiede, Bd. 17. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16989.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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