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Ursula Mahlendorf: Führers begeisterte Töchter

Cover Ursula Mahlendorf: Führers begeisterte Töchter. Wie Mädchen die Hitlerzeit erlebt und später verharmlost haben. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2014. 350 Seiten. ISBN 978-3-89741-365-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Erinnerung als Familienprojekt

Die Auseinandersetzungen über die eigene Geschichte und die der jeweiligen Gesellschaft verlaufen selten „objektiv“; weil nämlich Erinnerung ein ungeselliger und subjektiver Geselle sein kann! In der philosophischen Betrachtung ist anamnêsis, Erinnerung, die „Wiedergewinnung“ des früher im Gedächtnis Gespeicherten oder von etwas, was schon einmal gewusst war (Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005, sowie: Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009). Dabei wird hervorgehoben, dass wahres Erinnern nicht nur ein zufällig stattfindender Akt ist, sondern ein aktives, willentliches Sicherinnern im Jetzt-Bewusstsein erfordert, also eine intellektuelle Fähigkeit des Denkens ist. Das betrifft sowohl die individuelle Erinnerung, wie auch das kollektive Gedächtnis einer Gemeinschaft, eines Volkes oder der Menschheit. Soweit erst einmal zu der Frage, welche Anlässe, Erfahrungen, Bedürfnisse und Bedrängnisse wirksam werden können, um biographisches Erinnern in Gang zu bringen (Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12634.php).

Individuelle und kollektive Erinnerungen sind notwendig, um tragfähige und lebenswerte Identitäten entwickeln zu können. In der deutschen Geschichte unterliegen die Erinnerungen und Auseinandersetzungen mit der unheilvollen Zeit des Nationalsozialismus und Faschismus eine zweifachen Problematik: Zum einen sind Verdrängung, Verharmlosung und Geschichtsverklitterung Mittel zur (Nicht-)Befassung der geschichtlichen Ereignisse; zum anderen ist es das Drängen zur Wahrheitssuche, das Menschen (nicht selten im fortgeschrittenen Lebensalter) zum Erzählen über das eigene Denken, Tun und Erleben bringt.

Entstehungshintergrund und Autorin

In der Auseinandersetzung mit dem deutschen Nationalsozialismus und dem europäischen Faschismus ist es wichtig, sich des Menschenbildes bewusst zu machen, die in den Ideologien vorherrschten, propagiert und praktiziert wurden. Erinnert sei an die ideologische Unterscheidung in ein männliches Idealbild, mit der Fähigkeit zum körperlichen Kampf und der Bewältigung von physischen Schmerzen, und dem Frauenbild als Mutter, Hausfrau und duldsames Wesen. Diese Stereotypen und Zuschreibungen brachten Jungen und Mädchen, Männer und Frauen zur Gefolgschaft mit dem Nationalsozialismus, und sie finden sich weiterhin und bis heute in der rechtsextremen Szene bis heute (Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus, Hg., Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten, 2005, www.socialnet.de/rezensionen/2583.php). Es sind aber auch die Bemühungen um die Frage, ob „der Schoß fruchtbar noch ist“, der zur Unmenschlichkeit geführt hat (Helmut Ortner (Hrsg.): Hitlers Schatten. Deutsche Reportagen, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16052.php).

Wenn es darum geht, die eigene, erlebte, junge Zeit im Nationalsozialismus aufzuschreiben, steht meist im Vordergrund der Wunsch, erinnertes Erlebtes an die eigenen Nachkommen weiter zu geben, aufzuheben und das sich in der Erinnerung Aufdrängende für sich und andere zu dokumentieren. Nicht selten ist es die zeitliche und räumliche Distanz zum bewusst und unbewusst Erlebten, die Erinnerungen lebendig werden lassen. Die Erinnerungen der 1929 in Schlesien geborenen Ursula Mahlendorf erschienen 2009 erstmals in englischer Sprache mit dem Titel „Shame of Survival“. Sie studierte nach dem Krieg mit einem Fulbright-Stipendium in den USA, blieb dort und lehrte bi zu ihrer Emeritierung Germanistik und Women´s Studies an der University of California. 2014 nun bringt der Ulrike Helmer Verlag das Buch in deutscher Sprache heraus.

Ursula Mahlendorf schreibt, wie sie im Prolog erklärt, in englischer Sprache. Sie bekennt, dass sie ihre Erinnerungen an ihr Leben als Kind und junges Mädchen in der Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Muttersprache hätte gar nicht schreiben können: „Erst das Englische hat mir die nötige Distanz gegeben, um die vielen schlimmen Erfahrungen, die sich von den letzten Kriegstagen bis in die späten vierziger Jahren hinzogen, überhaupt niederzuschreiben“. Sie lenkt damit den Blick auf ein Phänomen, das in der deutschen NS-Forschung bisher kaum thematisiert wird. Der Historiker Götz Aly nennt das „Distanzierungs- und Beschwörungswissenschaft“. Die Autorin begründet ihr Schreib- und Erinnerungsprojekt auch damit, dass „es nur wenige autobiographische Berichte über eine weibliche Kindheit unter den Nationalsozialisten gibt, die den Versuch unternehmen, zu verdeutlichen, was es bedeutete, in einer Familie national gesinnter Menschen und unter Nationalsozialisten aufzuwachsen“.

Aufbau und Inhalt

Ursula Mahlendorf schreibt detailliert und empathisch darüber, „was Mädchen in der Volksschule und bei den Jungmädeln lernten und … welche Bedeutung die Indoktrination für ihr Gefühlsleben hatte und welche Folgen dies für ihr weiteres Leben zeitigte“. Als Mitglied der nationalsozialistischen, weiblichen Jugendorganisation „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) und „Jungmädel“ wurde sie zur „willfährigen Helferin“ (vgl. z. B. dazu den Ausstellungskatalog „Faschismus“ (Renzo Vespignani) der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst und dem Kunstamt Kreuzberg/Berlin, 1976, S. 64ff) Erst nach dem Krieg, konfrontiert und aufgedeckt durch die „Nürnberger Prozesse“ und beim Nachdenken über ihren „fatalen Enthusiasmus“, ihrem Engagement in der (US-amerikanischen) Frauen- und Friedensbewegung, wurde ihr bewusst, dass „das Persönliche politisch ist“.

Die Autorin erzählt ihre Geschichte in zwölf, zeitlich orientierten Kapiteln.

„Meine Familie und die Nazis (1929 – 1936)“, in dem sie ihr Aufwachsen in einer kleinbürgerlichen, „sprachlosen“ Familie schildert, in der, wie in vielen anderen auch, zur Anpassung und nationalem Gehorsam erzogen wurde, und der Vater Mitglied der SS war („Was ist die SS?“).

Im zweiten Kapitel – „Eine kleine Stadt am größten Steinbruch Europas“ (Strehlen) – in der die Menschen (freiwillig und mit völkischer und nationaler Begeisterung) „gleichgeschaltet“ und gläubig (katholisch) waren und entweder begeistert bei den „Säuberungen“ in der Gemeinde und im Land mitmachten, oder teilnahmslos abseits standen.

Das dritte Kapitel titelt sie: „Von der Pogrommacht bis in den Zweiten Weltkrieg (1938 – 1941)“, einer Zeit, in der im Heimatort die Diskriminierungen und Verfolgungen der bis dahin von der Bevölkerung kaum anders wahr genommenen jüdischen Mitbürgern begann, und die zaghaften und unbeholfenen Fragen der Jungen und Mädchen „Warum?“ mit einem Tabu belegt wurden. Als der Krieg begann, erfuhren die Kinder in der Schule, dass die Soldaten „mutige und siegreiche Helden“ seien und gegen den „Schandfrieden von Versailles“ kämpften. Mit dem Liedtext „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt (1940 – 1941)“ und „Deutschland, Deutschland, über alles…“, stand dem selbstverständlichen Eintritt in die „Hitlerjugend“ nichts mehr im Wege, und damit auch der unbedingten, selbstverständlichen Bereitschaft, mit „Heil Hitler“ im Gleichschritt der Fahne zu folgen. „Ihr seid die Zukunft der Hitlerjugend (1941 – 1942)“, mit diesem Motto vollzog sich ein geplanter und als besondere Ehre und Auszeichnung von der Lehrerin in der Klasse und den Jugendführerinnen betonter Schritt hin zur Ausbildung „in der Schaft für zukünftige Führerinnen“, mit militärischer Schulung, Rassenlehre und Indoktrination.

Im sechsten Kapitel „Der Dienst in der Hitlerjugend wird mir zur Last“ berichtet die Autorin über ihre Erfahrungen in der Zeit ihrer „Führeranwärterschaft“, mit Uniform und Ehrenzeichen und dem Zeremoniell beim Schwören, „den Führer bis in den Tod die Treue zu halten“, bis hin zum langweiligen Dienst in der „Schaft“: „Immer nur marschieren…“. Die Anzeichen ihrer Unzufriedenheit mit den monotonen und wenig intellektuell herausfordernden Diensten und Denken mehrten sich. Sie wollte mehr werden, nämlich ins Lehrerinnenseminar aufgenommen zu werden: „Im Auge des Sturms. Im Lehrerinnenseminar (Ostern 1944 – Januar 1945)“. Sie wurde im stramm nationalsozialistisch ausgerichteten, von der Öffentlichkeit abgeschotteten Lehrerinnenseminar in Obernigk aufgenommen. Die Schülerinnen erhielten nur die Informationen und hatten nur zu den Lernmaterialen Zugang, die von der Seminarleitung und den Lehrerinnen zugeteilt wurden. Weil die Autorin aber bald Hilfsdienste in der Bibliothek übernehmen durfte, kam sie mit Literatur in Berührung, die eigentlich für die Schülerinnen nicht bestimmt war; etwa Heinrich Heines Harzreise. Mit Hilfe einer Lehrerin, die ihr zur Identifikationsfigur für kritisches, nachfragendes Denken wurde, lernte sie humanistische Ideen und Konzepte kennen, „die mich dem aggressiven Nationalsozialismus weiter entfremdete“.

Im achten Kapitel erzählt die Autorin über „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff (Januar – März 1945)“. Als die russische Front immer näher heran rückte und Breslau verteidigt wurde, war auch Obernigk Kampfgebiet. Ursula Mahlendorf kehrte vom Lehrerinnenseminar nach Hause zurück, und sie erlebte mit den anderen Bewohnern der Stadt die Evakuierung mit Bahn und Lastwagen. In Habelschwerdt erlebte sie die „Invasion der Russen (März – Mai 1945)“. Die Hitlerjugend wird in Feldlazaretten eingesetzt, bis der endgültige Zusammenbruch und das Chaos einsetzte und nur noch Flucht und die Rettung des eigenen Lebens das Dasein bestimmte. Aber wohin? Die Rückkehr in die Heimatstadt? „Meine Vaterstadt wird polnisch“, und die zurückgekehrten und verbliebenen Deutschen waren Feinde. Die drohende Umsiedlung stand bevor. Aber wohin? Nach Sibirien? Nach Westdeutschland? „Flüchtling im gelobten Land“. Im August 1946 erreichten die Schlesier schließlich das Umsiedlerzentrum in Helmstedt., dann der Umzug nach Delmenhorst bei Bremen. Die ersten Versuche scheiterten, dass Ursula Mahlendorf, als „Flüchtlingskind“, in Bremen eine Oberschule besuchen konnte. Aber bereits hier zeigte sich ihre Hartnäckigkeit und ihr Wille, zu lernen, und sie wurde aufgenommen.

Im letzten, 12. Kapitel, erinnert sich Ursula Mahlendorf an „eine intellektuelle Heimat (1948 – 1954)“, in der sie den ersten Wiederaufbau Westdeutschlands erlebte und die Währungsreform, und das Abitur ablegte. Es folgte die Zulassung zum Studium an der Universität Tübingen, wieder gegen Widerstände, weil sie ein Flüchtling war. Dann der Rettungsanker: Die Bewerbung für ein Fulbright-Stipendium in den USA klappte, und sie war angekommen!

Fazit

Die Suche nach der Vergangenheit, nach dem persönlich Erlebten, nach Verstehen und Verzweifeln, nach Schuld und Gelingen, wird in der Autobiographie deutlich, oft als persönliche und ehrliche Bekenntnisse, aus der zeitlichen Distanz und dem Erinnerungsvermögen gelegentlich allzu emotional gefärbte Passagen geratend. Aber wer diesen Prozess des Erinnerns an schlimme Zeiten und Erlebnisse objektiv zu bewältigen versucht, kann dies wohl zwangsläufig nur in einer Sprache ausdrücken, in der sie sich zu Hause fühlt. Ursula Mahlendorf ist in der englischen Sprache zu Hause und hat eine interkulturelle Identität entwickelt, die es ihr ermöglicht, sich mit ihren Erinnerungen distanziert in Englisch auszudrücken und gleichzeitig in ihrer Muttersprache zu schreiben. Die Biographie dürfte deshalb ein gelungenes Beispiel dafür sein, wie Erinnerungen glaubhaft und identisch sein können!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.11.2014 zu: Ursula Mahlendorf: Führers begeisterte Töchter. Wie Mädchen die Hitlerzeit erlebt und später verharmlost haben. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2014. ISBN 978-3-89741-365-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16998.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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