socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hans Sohni: Geschwisterbeziehungen in Familien, Gruppen [...]

Cover Hans Sohni: Geschwisterbeziehungen in Familien, Gruppen und in der Familientherapie. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2004. 140 Seiten. ISBN 978-3-525-46223-2. 16,90 EUR, CH: 30,80 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung in das Thema

Während die Eltern/ Kind- sowie die Paar-Ebenen routinemäßig bei Beratungen und Therapien berücksichtigt werden, wird der Geschwisterebene seltener die hinreichende Beachtung geschenkt. Dieses Buch vermittelt diesbezüglich einen Perspektivenwechsel. Der Autor stellt die Potentiale in den Mittelpunkt, die sich für Einzel-, Familien- und Gruppenberatungen bzw. -therapien ergeben, wenn geschwisterliche Beziehungserfahrungen im ausreichenden Maße einbezogen werden.

Autor

Dr. med. Hans Sohni ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin sowie für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse. Er arbeitet zudem als Lehranalytiker, Dozent und Supervisor und ist in einer eigenen Praxis tätig.

Aufbau und Inhalte

Das gesamte Buch durchzieht die Unterscheidung von horizontalen Ebenen, wie man sie bei Geschwistern oder auf der Paarebene finde, und vertikalen Ebenen, wie sie im Eltern-Kind-Verhältnis vorzufinden seien. Das besondere Augenmerk legt Hans Sohni auf die horizontale Ebene, welche sich durch Kooperation, Gegenseitigkeit und eine Verflechtung kognitiver und sozialer Kompetenz auszeichne. Bei Störungen in bzw. zwischen den einzelnen Ebenen haben diese Konsequenzen für die Geschwisterlichkeit.

Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt, die sich beschäftigen mit

  1. Grundsätzlichem der Geschwisterbeziehung,
  2. dem gesellschaftlichen Kontext,
  3. der Rolle der Geschwister in der Paar- und Familientherapie,
  4. der Gruppenarbeit mit geschwisterlichem Potenzial.

Zunächst stellt der Autor im ersten Kapitel Grundlegendes zu Geschwisterbeziehungen dar. Er berücksichtigt hierbei verwandtschaftliche, kulturelle, genetische, soziale und psychodynamische Aspekte und verdeutlicht, dass es sich beim Geschwisterstatus um eine eigenständige Lebenserfahrung handelt. Vom Sprachlichen her gäbe es selbst in Europa sehr unterschiedliche Begriffe für Geschwisterbeziehungen. So würde kulturell verschieden ausgedrückt, ob es sich beispielsweise bei der Schwester um eine jüngere oder ältere handele, während dies im Deutschen nicht berücksichtigt wird. Die vielfältigen neuen familialen Lebensformen würden zudem neue Formen von Geschwisterlichkeit schaffen. Neben den leiblichen Geschwistern gäbe es Halb-, Stief-, Adoptiv-, Pflegegeschwister sowie neue, noch nicht näher benannte Konfigurationen in Fortsetzungs- und Patchworkfamilien. Die Reproduktionsmedizin würde zusätzlich neue Geschwisterbeziehungen ermöglichen.

Diese vielfältigen Geschwisterbeziehungen müssten auch bei der Analyse demographischer Daten berücksichtigt werden. Auch wenn es beispielsweise in 50 % aller Familien in Deutschland nur ein Kind gäbe, bedeute dies keineswegs, dass dies alles Einzelkinder seien. Vielmehr gäbe es einen bestimmten Anteil der "Geschwister auf Zeit" (durch Trennungen der Eltern und erneute Veränderungen der Familienkonstellationen). Diese Zahl dürfe künftig stärker steigen. Hans Sohni beschreibt im weiteren die vielfältigen Veränderungen der Geschwisterbeziehungen in den einzelnen Lebensphasen. Der Prototyp menschlichen Beziehungserlebens - sich ähnlich sein und sich unterscheiden zu wollen - würde dabei immer wieder speziell durchlebt werden können. Eine besondere Dynamik komme in Familien ins Spiel, wenn eigene Geschwistererfahrungen der Eltern auf das Verhältnis zu den Kindern übertragen werden. Weder eine Überbetonung des Gemeinsamen noch des Verschiedenen seien in der Erziehung von Geschwistern angebracht. Vielmehr komme es darauf an, dass sie aneinander wechselseitig partizipieren. Geschwisterstreitigkeiten könnten hierbei vielfältige Chancen eröffnen, sich weiter zu entwickeln.

Im zweiten Kapitel befasst sich Hans Sohni mit der gesellschaftlichen Relevanz der Berücksichtigung von Geschwistererfahrungen. Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte habe - insbesondere in der Arbeitswelt - zu einem starken Verfall von hierarchischen Strukturen geführt und die Teamfähigkeit im Sinne von Mitverantwortung in den Vordergrund gestellt. Das Prinzip der Geschwisterlichkeit könne hierbei wegweisend sein, da Konflikte auf einer (horizontalen) Ebene angegangen werden. Dies bedeute nicht einfach Harmonisierung, sondern vielmehr Konfliktaustragung auf einer gleichen Ebene, ohne Verantwortung abzugeben an autoritäre, vertikale, machtbezogene Strukturen. Hierbei seien auch Verantwortliche im Bildungsbereich sowie in der psychotherapeutischen Szene gefordert, denn all zu oft (wie die Attraktivität Bert Hellingers zeige) würde man eigene Verantwortlichkeit an andere (vertikale) Strukturen delegieren wollen. Menschen mit entsprechenden Geschwistern hätten die Chance, jahrelang Konfliktaustragungen eingeübt zu haben und ihre Geschwistererfahrungen entsprechend einbringen zu können.

Im dritten Kapitel werden die vorangestellten Erläuterungen auf die psycho- und beziehungsanalytische Familientherapie in verschiedenen Settings konkretisiert. Es solle überlegt werden, inwieweit bei Störungen eine Geschwisterproblematik relevant sein könnte. Die therapeutische Person solle zudem berücksichtigen, ob sie z.B. das Elternpaar nur aus der Perspektive Eltern-Kind betrachtet oder ob auch die Kinder als Geschwisterpaar gesehen werden. Wenn man die Geschwisterperspektive einbeziehe, eröffneten sich vielfältige Ressourcen im therapeutischen Kontext, u.a. durch die Einbeziehung von peers als "Geschwisterkorrelat". Die Bedeutung von Trennung, Krankheit, Tod, Behinderung bei neuen Geschwisterkonfigurationen in Pflege-, Stief- und Adoptivfamilien sowie anderen Familienformen stellt Hans Sohni im weiteren Verlauf sehr klar heraus. Hierbei gibt der Autor zahlreiche Fallbeispiele, wie Störungen hilfreich begegnet werden kann.

Das letzte Kapitel stellt die Möglichkeiten von Selbsterfahrungsgruppen für Familien und Geschwister zur Bearbeitung von Problemen und Konflikten in den Vordergrund. Dabei werden die gruppendynamischen Prozesse als "Trainingsfeld horizontaler Kompetenz" mit vielen Praxisbeispielen erlebbar gemacht. Es werden einzelne Techniken - wie z.B. Musikimprovisation, Skulpturarbeit, Graphik - zur Bearbeitung von Reinszenierungen biographischer Geschwistermuster vorgestellt. Damit könnten neue geschwisterliche Beziehungserfahrungen mit Modellcharakter in solchen Gruppen erprobt werden.

Das facettenreiche Literaturverzeichnis lädt zur weiteren Beschäftigung mit der Thematik ein.

Zielgruppen

Das Buch ist sehr lesenswert für alle Personen, die im beraterischen oder therapeutischen Kontext mit Familien und Gruppen zu tun haben. Insbesondere können sich Psychotherapeuten/-innen, Erziehungsberater/-innen und Familientherapeuten/-innen vielfältige Anregungen holen für eine bislang wenig beachtete Perspektive in der therapeutischen Arbeit.

Fazit

Dieses Buch erweitert in vortrefflicher Weise den Blickwinkel und vermag neue Potentiale zu erschließen und in kreativer Weise Veränderungsprozesse zu begleiten. Insbesondere der Blick auf die demographischen und gesellschaftlichen Veränderungen ist sorgfältig erfolgt. Bei einzelnen Fallbeispielen wäre es wünschenswert gewesen, dass diese konkreter beschrieben worden wären. Zudem hätte eine explizite Beschreibung eines Therapieverlaufs einer Geschwister-Selbsterfahrungsgruppe den Lesenden das konkrete Vorgehen mehr erschlossen. Insgesamt gesehen ist dieses Buch eine grundlegende Hilfe, der Bedeutung von Geschwistern in den vielfältigen Familienkonstellationen die notwendige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
E-Mail Mailformular


Alle 63 Rezensionen von Detlef Rüsch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 29.06.2004 zu: Hans Sohni: Geschwisterbeziehungen in Familien, Gruppen und in der Familientherapie. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2004. ISBN 978-3-525-46223-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1700.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht