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Hilde Jarecki: Spielgruppen. Ein praxisbezogener Zugang

Cover Hilde Jarecki: Spielgruppen. Ein praxisbezogener Zugang. Playgroups - a practical approach. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 147 Seiten. ISBN 978-3-7815-1977-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.

Aus der Schriftenreihe „Pädagogische Beispiele“/ Reformpädagogik im Exil, Band 12. Herausgegeben und kommentiert von Hildegard Feidel-Mertz und Inge Hansen-Schaberg unter Mitarbeit von Beate Bussiek und Hermann Schnorbach.
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Thema

Der Kern dieses Buches ist das 1975 auf Englisch erschienene Buch von Hilde Jareki zum Thema Spielgruppen (als innovativer Ansatz in Vorschulpädagogik und Elternbildung in England) und wie diese konkret, praktisch umgesetzt werden können. Umrahmt wird dieser Kern von Aufsätzen, die eine historische und fachliche Einordnung ermöglichen.

Autorin und Übersetzerin

Hilde Jarecki (1911-1995) wurde im Jugendheim Charlottenburg ausgebildet, das mit dem reformpädagogischen Prinzip der Selbsttätigkeit arbeitete.1939 emigrierte sie nach England. 1964 übernahm sie den Aufbau (für Inner London) von neuen Playgroups, die in den Folgejahren flächendeckend in ganz England als innovativer Ansatz der Kleinkinderziehung etabliert wurden.

Die Übersetzerin dieses Buches, Sophie Friedländer, war ebenfalls nach England emigriert und unterstütze Hilde Jarecki fachlich beim Aufbau der Spielgruppen.

Aufbau

Durch den Aufsatz „Ein innovativer Ansatz in Vorschulpädagogik und Elternbildung“ von Hildegard Feidel-Merz wird in das Thema eingeführt. Vor dem Buch von Hilde Jarecki „Spielgruppen – ein praxisbezogener Zugang“ ermöglicht ein Glossar die Einordnung verschiedener Fachbegriffe. Mit Aufsätzen zur Situation von Spielgruppen 1995 – 2001 in England (Hanna Corbishley) und zur weiteren Entwicklung (Beate Bussiek) wird das Buch durch eine Beschreibung der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Hilde Jarecki und Sophie Friedländer von Inge Hansen-Schaberg abgeschlossen.

Das Buch von Hilde Jarecki selbst orientiert sich im Aufbau an den notwendigen Schritten zum Aufbau und der Durchführung von Spielgruppen: schrittweise Vorbereitung, Funktionsweise einer Spielgruppe und Kurse für Spielgruppenleiterinnen. Im Detail werden hier alle praktischen Schritte vorgestellt.

Inhalt

Das Buch von Hilde Jarecki geht zunächst kurz auf die Bedürfnisse von Kindern und Eltern ein und skizziert kurz die Spielgruppenbewegung in In- und Ausland.

Teil I ist der schrittweisen Vorbereitung einer Spielgruppe gewidmet: Wahl und Zusammensetzung eines Komitees, finanziell und räumliche Voraussetzungen, Auswahl von Spielzeug und Räumlichkeiten, Anweisungen und Projekte für die Mütter.

In Teil II wird die Funktionsweise einer Spielgruppe näher erläutert. Die Durchführung einer ersten Spielgruppensitzung, wiederkehrende Aufgaben mit konkreten Spielmöglichkeiten für die Kinder (Spiele im Freien, Bücherecke, Sachen zum Verkleiden, Spielzeug zum Bauen, Einbezug von Natur und Tieren,…), die Beendigung einer Spielgruppe, das monatliche Treffen der Eltern und der Spielgruppen-Mitarbeiterinnen.

Der dritte Teil beschreibt konkret die Inhalte und Durchführung der Kurse für Spielgruppenleiterinnen. Dabei werden die Anforderungen an die Kursleiterin und externe Spezialisten thematisiert, Rekrutierung der Studierenden, Verwaltung, Räumlichkeiten werden verdeutlicht, um anschließend den genauen Grundkurs mit dem Lehrplan und seiner konkreten Durchführung vorzustellen. Als Beispiele für die Inhalte seien genannt:

  • Organisation der Spielzeit,
  • Sprachentwicklung,
  • Geschichten erzählen,
  • der „Natur- und Interessen“-Tisch.

Der inhaltliche Schwerpunkt des zweiten Trimesters liegt in der genauen Beobachtung der Kinder, im dritten Trimester wird in der Ausbildung besonders auf die emotionale und intellektuelle Entwicklung von Kindern eingegangen. Der Kurs im zweiten Jahr ist als stützendes Element gedacht, um mögliche Probleme und Fragen in der alltäglichen Durchführung aufgreifen zu können. Ein kurzer Blick in die Zukunft rundet dieses praktisch-orientierte Buch ab.

Die Titel der ergänzenden Aufsätze erklären ihren Inhalt selbst und ermöglichen dem Leser, eine fachliche und historische Einordnung.

Diskussion

Auf den ersten Blick wirkt Buch, Inhalt und das Stichwort Reformpädagogik unspektakulär und man ist geneigt, es als interessante, historische Facette der Geschichte der Pädagogik einzuordnen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die nüchterne und sachliche Darstellung der Inhalte. Lässt man den Inhalt auf sich wirken und durchdenkt den vorgestellten Ansatz mit all seinen Folgerungen, ist man tief beeindruckt und fast sprachlos, wie fortschrittlich dieses Konzept auch heute noch ist. In einer klaren Sprache verfasst, wird ein Gesamtansatz für viele Fragen der Vorschulpädagogik vorgelegt, bei denen in Deutschland in manchen Bereichen vielleicht Projekte für einzelne Bereiche existieren, aber noch lange kein umfassendes Gesamtkonzept wie dieses. Mittels der Methode des Spiels wird Vorschulkindern eine ganzheitliche Entwicklung ermöglicht, die durch die Organisation in Gruppen auch zugleich das soziale Verhalten anregt. Durch den konsequenten Einbezug von allen Eltern bzw. Müttern in die Durchführung und Organisation der Gruppen werden diese als ebenbürtige Partner mit in die Verantwortung genommen und gleichzeitig in ihrem nachbarschaftlichen Engagement bestärkt.

Der Einbezug aller Fachkräfte eines Stadtteils in das Konzept ermöglicht die Arbeit auch bzw. gerade in sozialen Brennpunkten. Durch die Entwicklung eines klaren Aus- und Weiterbildungskonzeptes für diese Spielgruppenleitungen wird die Ausbreitung dieses Ansatzes für das ganze Land ermöglicht und auch die fachliche Weiterentwicklung dieses Konzeptes.

Letztlich vereinigt dieses Buch alle modernen Fragen und Diskussionsstränge der Sozialarbeit und Pädagogik: Gemeinwesenarbeit und Stadtteilmanagement, nachhaltige und kindgerechte Förderung von Kindern als „frühe Hilfe“, Netzwerkarbeit, ehrenamtliche Arbeit, Aktivierung und Bildung von und für Eltern, Organisation der Weiterqualifizierung von Fachkräften und viele andere Aspekte mehr.

Fazit

Neben den faszinierenden Lebensgeschichten, die historisch interessant sind, eignet sich das vorgestellte Konzept als Anschauungsbeispiel für ganzheitliche Ansätze der Gemeinwesenarbeit im Bereich frühe Hilfen beispielsweise im Studium der Pädagogik oder Sozialarbeit. Praktiker in diesem Bereich bekommen ebenfalls wertvolle Anregungen, welche Möglichkeiten für die Arbeit mit Gruppen vorstellbar sind oder wie der Einbezug von Eltern gelingen kann.


Rezension von
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 20.11.2014 zu: Hilde Jarecki: Spielgruppen. Ein praxisbezogener Zugang. Playgroups - a practical approach. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-1977-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17001.php, Datum des Zugriffs 25.02.2020.


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