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Winfried Böttcher (Hrsg.): Klassiker des europäischen Denkens

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 24.06.2014

Cover Winfried Böttcher (Hrsg.): Klassiker des europäischen Denkens ISBN 978-3-8329-7651-4

Winfried Böttcher (Hrsg.): Klassiker des europäischen Denkens. Friedens- und Europavorstellungen aus 700 Jahren europäischer Kulturgeschichte. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 781 Seiten. ISBN 978-3-8329-7651-4. D: 98,00 EUR, A: 100,80 EUR, CH: 139,00 sFr.

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Ist das Universelle europäisch?

Diese kultur-, anthropologisch- und machtpolitisch formulierte Frage hat die (leider eingestellte) Zeitschrift UNESCO-Kurier anlässlich eines vom Europa-Parlament vom 21. – 22. November 1991 veranstalteten Kolloquiums gestellt und dabei zum einen die uralte Suche der Menschheit hervorgehoben, zwischen dem Bewusstsein des Individuums und der gesamten Menschheit eine Einheit zu finden; zum anderen der aus der europäischen Aufklärung gewonnenen Erkenntnis, dass „Universalität als etwas der menschlichen Natur Inhärentes, das allen Menschen kraft ihrer Zugehörigkeit zu dieser Spezies zu eigen ist“, zu neuer Bedeutung zu verhelfen (UNESCO-Kurier 7/8/1992). Dass dabei sowohl die Errungenschaften von Bedeutung sind, die sich durch das europäische Denken vollzogen haben, als auch die doppelte Identität von Gut und Böse, von Hölle und Paradies, von Krieg und Frieden, von Totalitarismus und Liberalismus, von Macht und Ohnmacht…, kennzeichnen das europäische Denken.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Das Nachdenken über eurobestimmtes, -motiviertes und -zentriertes Denken macht die abendländische Identitätssuche aus. Dass dabei der Kulturbegriff bedeutsam geworden ist, braucht nicht zu verwundern. Die in der antiken griechisch-römischen Philosophie grundgelegten Zugangsformen als „Kultur des lebendigen Geistes“ (Cicero) drückt aus, dass der Mensch als kultiviertes Lebewesen gewissermaßen an der obersten Stufe der scala naturae und eine Mittelstellung zwischen Gott und Tier einnimmt (Aristoteles; vgl. dazu z. B.: Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, Stuttgart 2009; sowie: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005). Diese geisteswissenschaftlichen Auffassungen gipfeln schließlich in der bekannten UNESCO-Definition von Kultur als „in ihrem weitesten Sinne die Gesamtheit der einzigartigen, geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte, die eine Gemeinschaft kennzeichnen“. Kulturelles Bewusst-Sein umfasst also alle menschlichen Lebensformen, Menschenrechte, Grundfreiheiten, Wertesysteme, Traditionen und Weltanschauungen. In der Präambel der bisher nicht verwirklichten „Verfassung für Europa“ kommt zum Ausdruck, „dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner… die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft“ (2003).

Der Aachener Politikwissenschaftler Winfried Böttcher, nach seiner Emeritierung als Leiter des postgradualen Studiengangs am Europa-Institut Klaus Mehnert der Staatlichen Technischen Universität Kaliningrad/Russland engagiert, hat sich an ein Werk gewagt, das möglicherweise gar nicht möglich, aber im Zeichen des europäischen Einigungsprozesses, wie Martin Schulz in seinem Vorwort zum Ausdruck bringt, äußerst notwendig und nützlich ist. „Denn weder der europäische Integrationsprozess noch der durch ihn geschaffene Frieden und Wohlstand sind unumkehrbar“. So gestaltet sich das Nachschlagewerk über „Klassiker des europäischen Denkens“ als ein Leitfaden, der bei der Identitätssuche und -entwicklung des europäischen Menschen berücksichtigt, wie „wir geworden sind, was wir sind“. Die philosophische, alltagsbestimmte wie intellektuelle Herausforderung besteht dabei darin, Vergangenheit, also Geschichte, Gegenwart, also Daseinsbewältigung, und Zukunft, also Vision, am europäischen Denken und Denkern zu messen. Es sind unsere Klassiker, die dabei zu entdecken und zu befragen sind. Den wissenschaftlichen Zugang dazu bietet uns die Kulturgeschichte, wie sie sich in vielfältigen Studien und Forschungsergebnissen ausdrückt (z. B.: Michael Gehler / Silvio Vietta, Hrsg., Europa – Europäisierung - Europäistik.: Neue wissenschaftliche Ansätze, Methoden und Inhalte, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9268.php; Manfred Geier, Aufklärung. Das europäische Projekt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13289.php).

Aufbau und Inhalt

Der Herausgeber gliedert das Lexikon in vier Kapitel.

Im ersten Teil stellt er „Idee, Plan und Aufbau des Buches“ vor. Dabei ist ihm wichtig, die im Untertitel formulierten „Friedens- und Europavorstellungen aus 700 Jahren europäischer Kulturgeschichte“ herauszuarbeiten und deutlich zu machen, dass die vielfältigen Wirkungszusammenhänge zu beachten sind und technische, ökonomische, machtpolitische … Entwicklungen als bedeutsame Bestandteile von Kultur zu verstehen sind; gleichzeitig aber auf die Gefahren zu verweisen, die sich durch die „Dominanz der Ökonomie über die Kultur“ ergeben. Es ist die Herausforderung, (kantischen) Fragen zu beantworten: „Wie sollen wir uns verhalten? Was sollen wir tun? Wie wollen wir in Zukunft leben?“

Im zweiten Kapitel geht es um die Erkundung unseres europäischen Erbes. Der Würzburger und Tübinger Philologe Thomas Szlezák zeigt mit seinem Beitrag „Das griechische Erbe“ die „nachhaltige Prägung der europäischen Identität durch die antike griechische Geisteswelt“ auf und verdeutlicht dies durch die vielfältigen Grundlegungen und Einflüsse, wie sie sich in der Literatur, der Historie, dem Demokratie- und Freiheitsbegriff und im philosophischen Denken darstellen.

Der Historiker von der Universität in Frankfurt/M., Klaus Bringmann, stellt das „römische Erbe“ vor. Er setzt sich auseinander mit den Entwicklungen beim Übergang von der griechischen zur römischen Geschichte und benennt die Prägungen, die bei der Entstehung und Wirkung der „sieben freien Künste“ (septem artes liberales) entstanden sind und sich bis heute darstellen, den Übergang vom römischen zum allgemeinen Recht, von der monarchischen Verfassung und Verwaltung, bis zur Begründung der christlichen Weltreligion.

Der Alttestamentler von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Eckart Otto, reflektiert das „jüdisch-christliche Erbe“, indem er darauf hinweist, dass „die kulturelle Identität Europas ( ) auf einer Amalgamierung christlich-jüdischer Ideen mit solchen der griechisch-römischen Antike (beruht), die durch die christliche Theologie seit der Antike tradiert und noch in die Moderne Wirkung zeigen“. Er ist davon überzeugt, dass „die ethischen Wertideen des biblischen Erbes von Judentum und Christentum… aller Säkularisierung der öffentlichen Diskurse zum Trotz fester Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses in Europa bleiben“.

Der Honorarprofessor für Semistik und Arabistik an der Freien Universität Berlin, Gotthard Strohmaier, macht darauf aufmerksam, „was Europa dem Islam verdankt und was den Byzantinern“. Er setzt sich auseinander mit den unterschiedlichen, kontroversen Deutungen und Ideologien, die sich als Überzeichnung des islamischen Einflusses auf das christliche Denken, wie andererseits als Minderwertung darstellen. Er erinnert anhand der historischen Entwicklung daran, dass es wichtig ist, im christlich-islamischen Dialog sich der unterschiedlichen, religiösen und kulturellen Bedeutung und Benutzung des Begriffs „Islam“ bewusst zu werden.

Der Aachener Historiker Max Kerner stellt mit seinem Beitrag „Das Erbe Karls des Großen“ die Frage nach der geschichtlichen Bedeutung der „Karoli praesentia“ und danach, wie sich sein historisches Erbe heute (noch) zeigt. Bei der „Suche nach der Karlspräsenz in Geschichte und Gegenwart“ wird er fündig natürlich in Aachen und im hochmittelalterlichen Karlskult. Er thematisiert die unterschiedlichen Zugriffe in den deutsch-französischen Auseinandersetzungen und Verständigungsprozessen; und er wagt Interpretationen und Ausblicke auf ein geeintes Europa, „das sich einerseits seiner Herkunft und dabei auch seines Karlserbes bewusst ist …“; andererseits als „offenes Europa“ sowohl den west-östlichen, als auch den globalen Kulturaustausch zu entwickeln.

Im dritten Kapitel werden die Klassiker vorgestellt, die für die 700jährige europäische Geschichte bedeutsam sind. Es wird deshalb eine zeitliche Untergliederung vorgenommen, mit den Teilkapiteln „Auf dem Wege in die Frühe Neuzeit“ (1306 – 1648), „Die Aufklärung und ihre Folgen“ (1649 – 1815), „Der Umbruch zur Moderne“ (1816 – 1913), „Die doppelte Katastrophe“ (1914 – 1945) und „Der Phönix aus der Asche“ (1946 – 2011). Die insgesamt 69 am Lexikon mitarbeitenden Autorinnen und Autoren thematisieren dabei die Klassiker, die nach unserem heutigen Verständnis wesentliche Aspekte zu den Europa- und Friedensvorstellungen beigetragen haben, Neben kurzen biographischen Angaben konzentrieren sich die Expertinnen und Experten auf die Frage: „Was haben die ausgewählten Klassiker zu unserem heutigen Europaverständnis beigetragen?“. Dass dabei nicht alle möglicherweise in dem Zusammenhang relevanten Klassiker mit einem eigenen Beitrag vorgestellt werden können, liegt angesichts der Bandbreite der Fragestellung auf der Hand. Deshalb werden gesondert rund 160 Klassiker des europäischen Denkens namentlich und mit ihren Geburts- und Sterbedaten aufgelistet, die aber nicht ausführlich dargestellt werden.

Die Aachener Studiendirektorin Doris Lauer beginnt die Präsentation der Klassiker mit dem französischen Juristen und Abgeordneten Pierre Dubios (um 1255 – um 1321), der nach unserer bisherigen Geschichtskenntnis den ersten Europa-, bzw. Friedensplan vorgelegt hat. Anlass seiner zahlreichen Streitschriften, die er zum Teil anonym verfasste, waren die Auseinandersetzungen zwischen Krone und Papsttum, den Herrschafts- und Machtverhältnissen und im Rechts- und Verwaltungswesen. Das Traktat „De recuperatione terre sancte“ hatte zu seiner Zeit keine wesentlichen Wirkungen, sondern wurde erst viel später als bedeutsam für die Europa-Idee wahr genommen.

Der Schweizer Historiker Volker Reinhardt stellt Enea Silvio Piccolomini (1405 – 1464) vor. Der Gelehrte und Humanist hat als Papst Pius II. vielfältige Spuren beim Konzilwesen gelegt und die Verpflichtungen des Christentums gegen das Heidentum und für einen Kreuzzug gegen die Türken in teilweise prosaischer und literarischer Form hervorgehoben. Er setzte dabei mit der Schrift „orbis christianus“ moralische und intellektuelle Maßstäbe, die für seine Zeit und seine Nachfolger jedoch nur wenig Anlass zur Realisierung boten.

Die Rechtswissenschaftlerin von der Universität Graz, Anita Prettenthaler-Ziegenhofer, berichtet über den bömischen „Hussitenkönig“ Georg von Podiebrad (1420 – 1471), der sich für einen christlichen Fürstenbund (1464) einsetzte, der zwar bei den kontroversen Auseinandersetzungen um Herrschaft und Macht in Europa keine Chance zur Realisierung hatte, jedoch im tschechischen (und europäischen) Bewusstsein als „Non armis, sed consilio et prudentia magis“ bei der Umschmiedung von Schwertern zu Pflugscharen und bei der Bildung eines Nationalbewusstseins hilfreich war.

Der Erfurter Politikwissenschaftler Alexander Thumfart weist mit seiner Charakterisierung des Giovanni Pico della Mirandola (1463 – 1494) auf die philosophischen Fähigkeiten des jungen Gelehrten hin, indem er seine 900 Thesen (Conclusiones nongentae) in den Zeitdiskurs stellt und deutlich macht, dass sein kreativer Geist, in seiner Zeit mehr als häretisch denn philosophisch verstanden, im Postulat der Menschenwürde und Menschenrechte weiter wirkt.

Der wissenschaftliche Assistent am Tübinger Lehrstuhl für Neuere Geschichte, Philip Hahn, setzt sich mit dem Werk des Niederländers Erasmus von Rotterdam (1466 – 1536) auseinander und fragt nach den Gründen und Entwicklungen, die Erasmus´ Schriften und Wirken beim Werden des Europas der Kultur(en) hat.

Volker Reinhardt zeigt die Widersprüche, Provokationen und revolutionären Vorstellungen des wortmächtigen Florentiners Niccolò Machiavelli (1469 – 1527) auf. In der zeitgeschichtlichen Rezeption seines Werkes, wie in der machtvollen, unterschiedlichen Übernahme und Vereinnahmung seines Denkens für kriegerische wie friedliche Zwecke zeigt sich: „Gegen allzu umfassende Domestizierungen und Vereinnahmungen hilft allein der Blick in Machiavellis Texte…“.

Philip Hahn rezipiert Sebastian Münster (1488 – 1552). Das Europabild des deutschen Kosmographen war eurozentristisch; und in dieser Form gemeinschaftsbildend wie mit Höherwertigkeitsvorstellungen versehen, bleibt für die europäische Identitätsbildung aber auch im Spannungsfeld von Einheit und Vielfalt bis heute wirksam.

Der Passauer Romanist und Kulturwissenschaftler Klaus Peter Walter erinnert an das französische Multitalent Maximillien de Béthune, dem Duc de Sully (1559 – 1641). Mit seinem „Großen Plan“ (le Grand Dessin) skizzierte er die politische Neuorganisation Europas als Staatengemeinschaft. Das Programm einer Nationen übergreifenden Völkerverständigung zeigt Parallelen, wie sie in der Europäischen Union und im Europäischen Rat heute wirksam werden.

Die Kanzlerin des Gerichts für den öffentlichen Dienst der Europäischen Union in Luxemburg, Waltraud Hakenberg, weist auf den niederländischen Gelehrten Hugo Grotius (1583 – 1645) hin, der als Begründer der Lehre vom Völkerrecht gilt. Sein Einfluss auf die Entwicklung des europäischen Rechtsdenkens und seine Praxis ist unübersehbar.

Doris Lauer skizziert Eméric Crucé (ca. 1590 – 1648). Der französische Humanist und Katholik hat einen Ratgeber an die Monarchen und Fürsten seiner Zeit verfasst, den „Nouveau Cynée…“, in dem er den verantwortlichen Entscheidungs- und Handlungsträger amempfiehlt, über alle religiösen Überzeugungen hinweg Menschlichkeit zu üben. Sein Friedensplan richtet sich nicht nur an die Christen in Europa, sondern an die gesamte Menschheit. Die Autorin erkennt in ihm heute einen „Begründer eines modernen, realistischen und realitätsbezogenen internationalen Pazifismus“.

Im zweiten Unterkapitel wird der Zeit der Aufklärung und ihren Folgen (1649 – 1815) Klassiker zugeordnet. Der Politik- und Verwaltungswissenschaftler von der Universität der Bundeswehr in München, Rüdiger Voigt, thematisiert Thomas Hobbes /1588 – 1679). Der englische Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosoph gilt als Begründer der modernen Philosophie und, wie er von sich selbst behauptete, der aus der Politik eine Wissenschaft gemacht habe. Mit seinem Leviathan, seinem negativen Menschenbild und seinem Verweis auf die zentrale, ökonomische und politische Bedeutung hat er den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs seiner Zeit bestimmt und den „schier unauflösbare(n) Widerspruch zwischen Sicherheit und Freiheit“ bis heute beeinflusst.

Der Bonner wissenschaftliche Referent Peter Kainz beschäftigt sich mit einem weiteren Heroen des gesellschaftlichen und politischen Denkens: John Locke (1632 – 1704). Mit seiner berühmtesten Schrift „Two Treatises of Government“ hat er die Entwicklung des westlichen Liberalismus bestimmt, indem er von einer fundamentalen Gleichheit der Menschen ausgeht und sich gegen jede Interpretation etwa von anthropologischer, naturbedingter Ungleichheit wendet. Er gesteht der Mehrheit „eine deutliche Bestimmungshoheit über das Einzelindividuum“ zu und begründet damit ein in allen liberalen Gesellschaften vorhandenes Spannungsverhältnis zwischen individuellen und kollektiven Rechten.

Winfried Böttcher weist auf den politisch-pragmatischen Pazifismus des in seiner Zeit führenden, britischen Quäkers William Penn (1644 – 1718) hin, der leidenschaftlich für demokratische Formen – „Gewalt in der Hand des Volkes“ – eintrat und von den monarchischen Herrschern seiner Zeit Gewissens- und Glaubensfreiheit forderte. Er gilt z. B. in der Geschichtsschreibung als erster „Kriegsdienstverweigerer“. Bei den Entkolonisierungsprozessen in der Neuen Welt wirkte er als Friedensstifter. Mit der Philosophie der Quäker forderte er die Unterordnung der weltlichen Regierung unter die göttliche Ordnung. 1693 verfasste er ein „Essay über den Frieden Europas“, in dem er in zehn Artikeln die Vorteile des friedlichen Zusammenlebens der Völker beschrieb.

Der Politikwissenschaftler von der Universität Vechta, Peter Nitschke, stellt den Hannöverschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) vor. Neben der philosophischen Gegenüberstellung von westlichen und östlichen Traditionen und christlichen und chinesischen Zivilisationen, hat er sich besonders der Begründung der Reichsverfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewidmet. Er plädierte für ein föderales Modell von Souveränität und Machtausübung. Sein „Europagedanke ist … kein Kontinentalmodell, sondern basiert auf der zivilisatorischen Vorstellung einer gemeinsamen Ordnung von Völkern, unabhängig von historisch-aktuellen Grenzen“.

Doris Lauer verweist auf Charles Irénée Castel, Abbé de Saint-Pierre (1658 – 1743). Der geistliche französische Denker hat mit seinem gesellschaftlichen und politischen Wirken zwei zeitgeschichtliche Perioden beeinflusst: Absolutismus und Aufklärung. Mit seinem „Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe“ forderte er angesichts des Elends der Menschen und von Kriegsgewalt eine dauerhafte Friedenssicherung Mit seinem Vorschlag, einen europäischen Bund zu gründen, nahm er eine Reihe von zukünftigen, aber bis heute nur ansatzweise verwirklichte Entwicklungen vorweg.

Der Literaturwissenschaftler von der Universität St. Petersburg, Alexander Belobratow, benennt den russischen Zaren Peter I. (1672 – 1725) als Klassiker des europäischen Denkens. Mit der Modernisierung und Europäisierung Russlands brachte er Reformbewegungen in Gang, die in der Geschichtsrezeption nicht einheitlich interpretiert werden: Die Inanspruchnahme insbesondere der armen Bevölkerungsschichten, wie die Bevorzugungen der Wohlhabenderen und Mächtigen.

Der Didaktiker für Sozialwissenschaften von der Universität Vechta, Karl-Heinz Breier, setzt sich mit dem Werk von Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu (1689 – 1755) auseinander. Der Kritiker des absolutistisch dominierten Frankreich hat mit seinem „esprit général“, den Geist der Gesetze, der gesellschaftlichen Ordnung und der Institutionen Alternativen aufgezeigt, die bis heute unser demokratisches Denken und Handeln bestimmen: „Um im vollen Sinne Mensch zu sein, um ein Handelnder zu anderen in Bezug treten zu können, muss die Möglichkeit zu handeln gewährleistet, offen gehalten und … gesichert sein“.

Für Peter Kainz ist Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) „eine der schillerndsten europäischen Persönlichkeiten“, weil er in seiner Person die Widersprüche des Zeitalters in seiner Person vereint. Der politische Philosoph und Pädagoge hat zwei Verfassungsentwürfe und zahlreiche Bücher und Schriften hinterlassen. Mit seinem 12bändigen „Confessions“ tritt er für Individualismus und Gleichheit, Mitleid und Freiheit ein und beklagt den Verfallsprozess und Entartung des Menschen. Mit dem „Contrat Social“ plädiert er für den „neuen Menschen“, dessen Idealbild das evolutionäre und revolutionäre europäische Denken in ganz unterschiedlichen Ausprägungen beeinflusst hat.

Der Mainzer Historiker Martin Espenhorst führt ein in das Werk des sächsischen Ökonomen und Verwaltungsfachmanns Johann Heinrich Gottlob von Justi (1717 – 1771). Als Mitglied der so genannten „Wiener Schule“ hat er in Osterreich und Göttingen die politische Ökonomie befördert und als „Vielschreiber“ zu zahlreichen Fragen der Zeit Position bezogen. Seine Schriften zum Frieden in Europa favorisierten das Modell der „Universalmonarchie“, bei der das Prinzip vorherrscht, „das die vielfältigen ökonomischen, politischen und religiösen oder auch kulturellen Differenzen… überbrückt“.

Der Philologe von der Immanuel Kant-Universität in Kaliningrad, Wladimir Gilmanov, zeigt die Bedeutung von Immanuel Kant (1724 – 1804) für europäisches Denken auf. Kants unvergleichbar-einzigartige Position charakterisiert er mit der Aussage: „Ohne Kant ist die Denkgeschichte der Menschheit undenkbar“. Sein Werk „Zum ewigen Frieden“ fordert er „die Anerkennung des Vernunftrechts über alle nationalstaatlichen Grenzen hinaus, denn nur durch die Etablierung eines internationalen Rechtszustandes kann sich die Menschheit von der Gefahr befreien…, auf dem Kirchhof der Menschengattung zu landen“.

Martin Espenhorst stellt mit August Ludwig (von) Schlözer (1735 – 1809) den „deutschen Voltaire“ vor. Der dem „Göttinger Kreis“ angehörende Aufklärer entwickelte sein Europabild als Franke und Europäer mit seinem europaweiten Netzwerk, in dem er seine sprachlichen und intellektuellen Kompetenzen ins Spiel brachte und so aus dem Europa des „unkultivierten Chaos, Zufälle(n), Revolutionen, Aufklärung, Macht, Sitten und Christentum“ ein neues Profil entwickelte.

Der Aachener Pädagoge und Politologe Jürgen Lauer nennt Antoine Marquis de Condorcet (1743 – 1794) als den „Adoptivsohn der drei großen Aufklärer“: D´Alembert, Turgot, Voltaire. Die mit dem Schlagwort „Die Revolution frisst ihre Kinder“ charakterisierte Zeitanalyse trifft auch auf Condorcet zu. Doch sein aufklärerisches Wirken und seine intellektuelle Denkkraft haben ihn zu einem Vordenker des modernen Europa werden lassen. Seine Forderungen zur Trennung von Kirche und Staat, die auf dem Naturrecht gründenden Rechtsauffassungen, zur Verwissenschaftlichung des Denkens und Handelns der Menschen, zur Allgemeinbildung… finden sich im demokratischen und freiheitlichen Werden Europas wieder.

Die Düsseldorfer Kulturwissenschaftlerin Barbara Schommers-Kretschmer weist auf die Bedeutung von Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) hin. Der Philosoph und Verfasser der „Ideen zur Geschichte der Philosophie der Menschheit“ gilt als Begründer der Geschichtsphilosophie und großer Vordenker Europas. Mit seinem Humanitätsideal, in dem „Friedfertigkeit und Güte als natürliche Normen der Menschlichkeit“ grundgelegt sind, hat Herder wesentliche Elemente des europäischen Denkens postuliert.

Für Klaus Peter Walter ist der niederländische Weltverbesserungsutopist Johann Baptist Baron von Cloots (1755 – 1794), der sich im Zuge der revolutionären Bewegungen in Frankreich als Anacharsis Cloots umbenannte und damit seine kompromisslos-idealistischen, freiheitlichen und anarchistischen Auffassungen zum Ausdruck bringen wollte, in die Reihe der europäischen Klassiker einzuordnen. Seine Vorstellungen von einem geeinten Europa als Zwischenstufe hin zu einer globalisierten „Nation des Menschengeschlechts“ lassen sich auch als „globale Ethik“ lesen, wie sie mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommen.

Der Warschauer Volkswirt und Unternehmer Klaus H. Tacke setzt sich mit den Schlesischen Theologen Johann Gottfried Schindler (1756 – 1811) auseinander. Sein patriotisches Friedenskonzept, in dem er in sieben Punkten Anregungen an die „Allerdurchlauchtigsten, Großmächtigsten und Unüberwindlichsten, Allergnädigsten Häupter Europas“ gibt, um Kriege abzuwenden und ein Friedensbündnis aufzubauen, hat zwar bei einigen Regenten Aufmerksamkeit erzeugt; es bleibt jedoch nach Auffassung von Tacke weit hinter den Entwicklungen zurück, die in der Zwischenzeit durch die Aufklärung in Gang gebracht wurden.

Der Münsteraner Ideengeschichtler Karl Hahn referiert über die Grundlagen der Rechtstheorien von Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814). Mit seinem grundlegenden Werk zur Wissenschaftslehre (1794), entwickelte Fichte sein Konzept zur Bildung von modernen Staaten, indem er, als Ergänzung und Korrektur zur Kantischen Schrift „Zum ewigen Frieden“, darauf verweist, „dass in einem sich integrierenden Europa und in einer wirtschaftlich globalisierten Welt Wirtschaftsgemeinschaft, Rechtsgemeinschaft und politische Gemeinschaft sich wechselseitig bedingen“.

Jürgen Lauer wendet sich Germaine de Staël-Holstein (1766 – 1817) zu. Die Schriftstellerin hat weder eine Europa-Theorie entwickelt, noch ein Einigungs- oder Friedenskonzept entworfen. Es sind vor allem ihre durch Montesquieu und Rousseau geprägten Aussagen zu Europa, die sie zu einer „großen Europäerin“ gemacht haben. Mit ausgewählten Passagen aus ihrem Werk würdigt Jürgen Lauer die Literatin und stellt sie in die Reihe der europäischen Klassiker, wenn sie europäisches Denken und Handeln im Geist des Liberalismus fordert:“ Künftig muss man den europäischen Geist besitzen“.

Der Historiker von der Universität Mannheim, Erich Pelzer, reiht auch Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) in die Liste der europäischen Klassiker ein. Dabei differenziert er zwischen seiner Rolle als Eroberer, Machtmensch, seinem Rückgriff auf die symbolische Bedeutung der Herrschaft Karls des Großen und seinem Anspruch, „den Säbel Karls des Großen zu tragen“, und der Stilisierung als Vordenker eines föderalen Europas während seines „zweiten Lebens“ im Exil auf der Insel St. Helena. Dort entwickelte er mit dem „Code Civil“ eine Vision von Europa, das freilich in keinerlei Hinsicht Ähnlichkeit mit der europäischen Wirklichkeit aufweist.

Im dritten Unterteil wird für den Zeitraum von 1816 – 1913 der „Umbruch zur Moderne“ gelistet. Winfried Böttcher beginnt mit Jeremy Bentham (1748 – 1832). Der englische Utilitarist, Moralist und Sozialreformer Bentham hat mit seinen Schriften, insbesondere mit seinem Hauptwerk „The Principles of Morals“, die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in England beeinflusst. Mit dem „Prinzip der Nützlichkeit“ widerspricht er utopischen und revolutionären Veränderungsforderungen, was Karl Marx veranlasste, ihn einen „Urphilister“ zu nennen; und Goethe sah in ihm gar den „närrischen Bentham“. John Stuart Mill allerdings und andere der utilitarististischen Ethik verpflichteten Denker charakterisierten Bentham „als großen schöpferischen Geist Englands in seiner Zeit“; und Böttcher resümiert: „Unter den revolutionären, sozialreformerischen Geistern Europas gebührt Jeremy Bentham ein ganz besonderer Platz“.

Der Mainzer Historiker Heinz Duchhardt spricht über Karl Freiherr vom und zum Stein (1757 – 1831). Dass der preußische Reformer in die Phalanx der europäischen Klassiker aufgenommen wird, ist weniger seinem europäischen Wirken zu verdanken, sondern eher seiner Fähigkeit zum praktischen politischen Denken. Es waren seine Auffassungen, die „im Innern der Staaten für ein deutliches Mehr an Partizipation der Bürger“, und für eine „nach außen hin absolute Gleichberechtigung der Staaten und die Verwerfung jeder Superstaatsbildung“ eintraten.

Jürgen Lauer reflektiert in der Person von Henri de Saint-Simon (1760 – 1825) die politische Richtung, die mit einer „Religion der Zukunft“ eine „Herrschaft des Geistes“ über klerikale, monarchische und nationale Dogmen in Europa setzen wollte. Der als „Urvater der katholischen Soziallehre“ bezeichnete französische Aufklärer Saint-Simon (und sein Schüler und Mitarbeiter Augustin Thierry) traten für eine Neugestaltung der europäischen Gesellschaft ein. Um Gemeinwillen und gemeinsame Interessen zu verwirklichen, sollten sich die europäischen Völker einer „übergeordneten Instanz verpflichtet fühlen“, mit einer Verfassung, in der die Zweigliederung von Krone und Volk, etwa in der Form einer erblichen Monarchie und dem Parlament nach dem britischen Vorbild

Jürgen Nielsen-Sikora von der Konrad-Adenauer-Stiftung befasst sich mit dem Werk des deutsch-dänischen Philosophen Conrad Georg Friedrich Elias von Schmidt-Phiseldek (1770 – 1832). In ihm erkennt Nielsen-Sikora den Visionär, der als einer der ersten erkannte und aussprach, dass der „alte Kontinent“ Europa sich gegenüber dem neuen, Amerika, emanzipieren und eine eigene Identität entwickeln müsse. Die imperialen, totalitären und rassistischen Bewegungen, die im 19. Jahrhundert in Europa entstanden, verhinderten seine Ideen (vorerst).

Wenn der Münchner Historiker Wolfram Siemann den „Reaktionär“ und „unheilbaren Doktrinär“ Clemens von Metternich (1773 – 1859) in die Liste der europäischen Klassiker aufnimmt, will er damit einen neuen Blick auf die Figur und das Wirken des österreichischen Staatskanzlers richten. Er sieht in ihm einen kritischen Zeitbeobachter, „der fortwährend darüber nach(dachte), wie sich politisch leitende Begriffe wie ‚Freiheit‘, ‚Gerechtigkeit‘, ‚Volk‘, ‚Nation‘ unter dem Einfluss der Revolution mit neuen Inhalten füllten und wie andererseits Vokabeln als parteibildende Kampfbegriffe auftraten“. Sein Bemühen, die drohende, sich im Nationalitätenkonflikt sich andeutende „große Elementarkatastrophe“ zu verhindern, war zwar nicht erfolgreich; doch sein Blick auf Europa lässt sich nicht als „rückwärtsgewandt“ interpretieren, sondern eher in die „Zukunft gerichtet“ lesen.

Der Lehrbeauftragte am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Bonner Universität, Lazaros Miliopoulos, stellt den „Meister des universellen Denkens“, Joseph Görres (1776 – 1848) vor. In der Zeitspanne zwischen französischer Revolution, napoleonischer Herrschaft, Heiliger Allianz und Restauration wirkte Görres mit seinem Anliegen, die gesellschaftliche Neuorientierung als nationale und religiöse Wende zu begreifen. Dies hoffte er mit einem christlichen Konservativismus zu erreichen, den er als Mittelweg zwischen Revolution und Restauration ansah.

Die Professorin für Iberische Studien am Institut für Europäische Studien der Technischen Universität in Chemnitz, Teresa Pinheiro, weist auf Juan Francisco Siñeriz (1778 – 1857) hin. Der spanische Schriftsteller und politische Denker nahm mit seiner 1839 veröffentlichten Schrift „Constitución Europea“ die Gründung eines europäischen Gerichtshofs als Mittel und Prävention gegen innereuropäische und innerstaatliche Konflikte vorweg. Nur eine europäische Verfassung könne ein friedliches Europa schaffen; dieser Gedanke freilich fand in seiner Zeit und über die weiteren Jahrhunderte hinweg wenig Aufmerksamkeit und Zustimmung.

Der Tübinger Historiker Fabian Fechner erinnert an Carlo Cattaneo (1801 – 1869). Sein Wirken während des italienischen Einigungsprozesses („Risorgimento“) ist bisher in der Geschichtsrezeption wenig beachtet worden. Sein Eintreten für Föderalismus und gegen Zentralismus bei der Nationenbildung hat er in seinen Schriften verbunden mit der Forderung, die „Vereinigten Staaten von Europa“ zu etablieren, und in diesem Prozess den föderalen Gedanken grundzulegen.

Jürgen Lauer interpretiert François Pierre Guillaume Guizot (1787 – 1874). Es sind insbesondere die Ausführungen, die Guizot ab 1828 in seiner Vorlesungsreihe an der Pariser Sorbonne zur Entwicklung der europäischen Gesellschaft hielt und die sein politisches Wirken, auch als Außenminister, in Frankreich kennzeichnen. Aus der Geschichtskenntnis heraus sollte es gelingen, „die fortschreitende Ausbildung eines europäischen und christlichen Rechts“ zu etablieren. Der Anker dafür: Ordnung als Denken und System, im individuellen wie im kollektiven, gesellschaftlichen Leben. Das Loblied, das Guizot auf Europa singt, findet sich in zahlreichen, offiziellen und offiziösen Verlautbarungen über die Notwendigkeit und Chance zur Einheit Europas wieder.

Klaus Peter Walter verdeutlicht an den akademischen Vorlesungen des französischen Philosophen Théodore Simon Jouffroy (1796 – 1842), dass die Nachschau auch nach eher unbekannten oder vergessenen europäischen Klassikern lohnt. Es ist das frühe „planetarische“ Denken, das die Welt in übergeordnete zivilisatorische Systeme gliedert – das christliche, das mohammedanische und das brahmanische – hier allerdings mit der eurozentrierten Sicht von Europa „als Kraft- und Fortschrittszentrum der Zivilisationsentwicklung“, das seine Europavision eingrenzt.

Noch einmal der o. a. Autor, der Victor Hugo (1802 – 1885) als europäischen Klassiker einsortiert. Mit seinen schriftstellerischen und gesellschaftspolitischen Arbeiten ist Hugo ein früher Hero als europäischer Denker. Seine Visionen für die „Vereinigten Staaten von Europa“ und eine republikanische Einheit sind aktueller denn je: „Das ist das Ziel, das ist der Hafen“.

Der Romanist von der Universität Regensburg, Ralf Junkerjürgen, stellt einen weiteren Klassiker in die Reihe: Alexis de Tocqueville (1805 – 1859). Zwar widmete er sein erstes Werk „Demokratie in Amerika“ der Entwicklung in der Neuen Welt; aber sein Bemühen, die Ideen von demokratischer Einheit und Gleichheit auch in Europa wirksam werden zu lassen. Schon früh weist er darauf hin, dass demokratisches Denken und Handeln (mühsam und stetig) erworben und gegen die Feinde der Demokratie streithaft verteidigt werden müssen.

Lazaros Miliopoulos skizziert den italienischen Nationaldemokraten Guiseppe Mazzini (1805 – 1872). Die Nationenbildung seines Heimatlandes war für ihn Motivations- und Kampffeld. Mit seinem Gründungspathos „Junges Europa“ jedoch war er gefangen in der Spirale Liberalismus – Sozialismus.

Die Grazer Rechtswissenschaftlerin Anita Prettenthaler-Ziegerhofer positioniert den Schweizer Juristen Johann Caspar Bluntschli (1808 – 1881) in die Reihe der europäischen Klassiker. Er brachte die Idee, Europa als Staatenbund zu entwickeln (1878/1881). Darin lehnte er die in der Zeit diskutierten Vorschläge von den „Vereinigten Staaten von Europa“ mit monarchisch-parlamentarischen Strukturen ab; vielmehr sollten im „Staatenbund“ die nationalen Souveränitäten der europäischen Staaten aufrechterhalten bleiben.

Jürgen Lauer stellt den französischen Soziologen und Staatstheoretiker Pierre-Joseph Proudhorn (1809 – 1865) vor, der sich in seiner Identitätsfindung als politischer Mensch auf Erfahrungen aus fünf Regierungsformen stützen konnte: „Nach einer monarchischen Verfassung kommt eine ultra-demokratische; nach dieser präsentiert sich eine Republik der bourgeoisen Mitte, dann folgt eine militärische Autokratie, dann eine parlamentarische Monarchie. Es folgt wieder eine Republik, dann ein Kaiserreich“. Daraus entwickelt er das „Föderativ-Prinzip“, das auf einen Gesellschaftsvertrag beruht, „der zwischen Individuen und Gruppierungen oder zwischen Gruppierungen geschlossen werden soll und über die Grundeigenschaften verfügen muss, dass er ausgleichend und bilateral ist“.

Der Inhaber der Jean-Monnet-Professur für Europäische Geschichte an der Universität zu Köln, Jürgen Elvert, hat den Staatswissenschaftler, Philosophen und Publizisten Gustav Adolph Constantin Frantz (1817 – 1891) ausgewählt. Er, der keinen Europaplan hinterlassen hat, sondern sich in zahlreichen Schriften zu den Möglichkeiten und Notwendigkeiten zur Schaffung einer Ordnung der europäischen Staatenwelt äußerte, entwickelte eine heute eher „reichsromantisch“ anmutende Vorstellung von einer „germanischen, deutsch-europäischen“ Ordnung. Er lehnte die Einbeziehung Russlands in den europäischen Einigungsprozess genau so ab, wie die Amerikas. Dass seine Ideen etwa in der Weimarer Republik durch das völkische Denken Anklang fanden, lässt sich, wie Jürgen Elvert konstatiert, eher als ein Missverständnis seines intellektuellen Nachlasses, denn als Programm verstehen.

Winfried Böttcher und Martin Schulz setzen sich mit dem Werk des Schweizer Historikers Jacob Burckhardt (1818 – 1897) auseinander. Die grundsätzliche, antimodernistische und konservative Haltung Burckhardts zeigt sich in seinem Europabild, „als alter und neuer Herd vielfältigen Lebens, als Stätte der Entstehung der reichsten Gestaltungen, als Heimat aller Gegensätze, die in der einzigen Einheit aufgehen, dass eben hier alles Geistige zum Wort und zum Ausdruck kommt“. Die Autoren wollen ihn jedoch nicht in die Ecke des „ewig Gestrigen“ stellen; vielmehr sehen sie in ihm einen großen, konservativen, dem europäischen Geist verpflichteten Europäer.

Für den Historiker Peter Brandt ist Karl Marx (1818 – 1883) nicht in erster Linie als Autor von europapolitischen Entwürfen interessant, sondern als europäischer Intellektueller. Mit dem proletarisch-sozialistischen Internationalismus hat Marx eine notwendige, europabildende und -förderliche Alternative zum Kapitalismus und Ökonomismus eingebracht, die als „ein ureigenes, nicht zu ignorierendes Produkt europäischer Ideen- und Sozialgeschichte“ zu verstehen ist.

Der Leiter des Instituts für Verlags- und Buchwissenschaft der Udmurtischen Staatlichen Universität in Ischewsk / Russische Föderation, Alexander Erochin, berichtet über das Werk von Fjodor Michailowitsch Dostejewskij (1821 – 1881) und seine Europa-Polemiken und Europa-Visionen. Er stellt den „Meister aus Russland“ als Eisbrecher dar, der Russland zu einer „kulturellen Weltmacht“ gemacht hat und im Prozess des Europa-Diskurses den „Anspruch auf mehr Gerechtigkeit für die Slawen und ihre Kulturleistungen im Kulturraum Europa“ einforderte.

Alexander W. Belobratow informiert über Nikolaj Jakovlevi? Danilevskij (1822 – 1885). Der russische Kulturphilosoph, Naturforscher und Soziologe hat mit seiner „Zivilisationstheorie der Geschichte und Ideologie des Panslawismus“ den Fingerzeig auf die schwierigen, ideologischen Beziehungen und Irritationen im russisch-europäischen Verhältnis gelegt. Die Kontroverse – slawisch oder germano-romanisch – und die Analyse – „Europa erblickt in Russland und im Slawentum etwas Fremdes, und nicht nur Fremdes, sondern auch Feindliches“ – klingen wie permanente Begleiter im Europa-Diskurs; und die Forderungen Danilevskijs, als Gegengewicht zu den europäischen Entwicklungen einen „Slawischen Bund“ zu bilden – sind das nicht ganz aktuelle Anzeichen?

Jürgen Lauer rückt die Passagen des französischen Universalgelehrten Joseph-Ernest Renan (1823 – 1892) über seine Vorstellungen und Vorschläge zum (friedlichen) Zusammenleben der europäischen Nationen in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Renans Auseinandersetzungen mit dem Ursachen und Folgen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 gipfelten in den Analysen über die historischen Entstehungsbedingungen. In der Lösung der Nationenfrage im preußisch-deutschen und französischen Nationalbewusstsein sah er den Schlüssel für ein gemeinsames, europäisches Verständnis; wobei er nicht soweit gehen wollte, um von einer „europäischen Identität“ zu sprechen.

Die Aachener Romanistin und Historikerin Stephanie Wolff-Rohé stellt die Literatin, Friedensaktivistin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843 – 1914) in die Reihe der europäischen Klassiker. Ihr unermüdliches, auf viele konservative, hegemoniale und emanzipationsfeindliche Widerstände stoßendes Wirken bei Kongressen und Friedensaktivitäten bewirkten zwar, dass beim vierten Weltfriedenskongress 1892 in Basel der Beschluss gefasst wurde, einen europäischen Staatenbund zur Regelung der Konflikte und zur Förderung von Einigungsprozessen zu gründen. Die beiden Weltkriege verhinderten die Verwirklichung; doch Bertha von Suttners Visionen finden sich wieder in den aktuellen europäischen Einigungsbemühungen.

Der Philosoph Enno Rudolph (Luzern / Neckargemünd) nennt Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) den „letzten Humanisten“. Das Werk des „freien Geistes“, wie der Moral- und Religionskritiker Nietzsche bezeichnet wird, wird für den europäischen Einigungsprozess relevant, wenn es darum geht, sich auf den schwierigen Weg zu machen und zu realisieren, dass „Kritik an der jeweiligen Herrschaft der Moral einer Kritik an der Moral der jeweiligen Herrschaft gleichkommt“.

Alexander W. Belobratow beschließt das dritte Teilkapitel mit der Skizze über Leonid Alekseevi? Kamarovskij (1846 – 1912). Der russische Jurist und Pazifist wird für die Thematik bedeutsam, weil er eine Theorie des „Völkergerichts“ entwarf und damit durchaus Bausteine lieferte, wie sie im Europäischen Gerichtshof und im Internationalen Gerichtshof wieder zu finden sind.

Im vierten Teilkapitel werden die europäischen Klassiker aufgelistet, die bei der „doppelten Katastrophe“ der beiden Weltkriege (1914 – 1945) zu nennen sind. Der Klagenfurter Soziologe Josef Langer nennt den tschechischen Sozialphilosophen und ersten Präsidenten der Tschechoslowakei Tomá? Garrigue Masaryk (1850 – 1937). Seine Vorschläge für das „Neue Europa“ sind nur teilweise kompatibel mit der aktuellen europäischen Entwicklung; und Josef Langer würde Masaryk, lebte er heute noch, eher bei den Euroskeptikern einordnen.

Der Politikwissenschaftler von der Universität Kiel, Wilfried Röhrich, erinnert an Georges Sorel (1847 – 1922). Als Vertreter des „radikalen Syndikalismus“ und Befürworter des italienischen Faschismus wird man Sorels Denken und politisches Handeln wohl nicht als einen positiven Europa-Beitrag einordnen können; jedoch als widerständige Reaktionen schon.

Die Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin von der rumänischen Babe?-Bolyai-Universität in Cluj-Napoca / Klausenburg, Edit Szegedi, thematisiert das europäische Wirken von Friedrich Naumann (1860 – 1919). Die Autorin charakterisiert „Friedrich Naumann, der Imperialist mit sozialer Sensibilität, der Nationalist, der den Antisemitismus ablehnte“, gehörte als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) zu den Gründervätern der Weimarer Republik. Seine schillernde Persönlichkeit spiegelt die gesellschaftliche und ideologische Situation seiner Zeit wider. Seine Vorstellungen von einem „Mitteleuropa“ waren „genauso paradoxal wie die Nachkriegsordnung, in der Kolonialreiche die Entstehung von Nationalstaaten ermöglichten“.

Der Hannöversche Politikwissenschaftler Dominik Hammer und die Passauer Kulturwissenschaftlerin Irene Kögl reflektieren die Wirkungen des französischen Außenpolitikers und Diplomaten Aristide Briand (1862 -1932). Es sind vor allem die Initiativen, die er als Außenminister beim Annäherungs- und Verständigungsprozess zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg einleitete, der Briands „Europaplan“ langfristig (nach dem Zweiten Weltkrieg) wirksam werden ließen.

Der Münchner Philologe Marc Stegherr weist auf den „Vordenker eines föderalen Europa“ hin: Aurel Constantin Popovici (1863 – 1917). Seine Bemühungen, die krisenhafte, verfahrene nationalitätenpolitische Situation in der Österreich-Ungarischen Doppelmonarchie vor Beginn des Ersten Weltkriegs durch ein europäisches Bündnis, den „Vereinigten Staaten von Großösterreich“ zu entkrampfen, wurden durch das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 jäh beendet. So bleibt das Konzept historische Makulatur.

Wilfried Röhrich setzt sich mit der Kritik von Max Weber (1864 – 1920) am „unhistorische(n) und unpolitische(n) Geist des deutschen Bürgertums“ (1895) auseinander. Röhrig sieht in der ambivalenten Weberschen Interpretation von individueller Freiheit und einem „demokratisch gezügelten Cäsarismus“ Wegzeichen hin zum Faschismus und Nationalsozialismus.

Die Kulturwissenschaftlerin Marina Ortrud M. Hertrampf zeigt auf, wie „Europas Stimme des Friedens“ im Wirken des französischen Literatur-Nobelpreisträgers (1915) Romain Rolland (1866 – 1944) deutlich wird. Mit seinem Buch „Jean-Chrostophe“ legte er den in seiner Zeit bedeutendsten Europa-Roman vor. In ihm finden sich Ermunterungen und Herausforderungen, sich im europäischen Einigungsprozess daran festzuhalten, was gut ist und besser gemacht werden kann, beständig und nachhaltig.

Stephanie Wolff-Rohé erinnert an Rosa Luxemburg (1871 – 1919). „Wenn es eine Konstante in ihrer Lebenswelt gibt, dann ist es ihre Ablehnung, ja Verachtung, gegenüber der nationalen Idee“. Die Friedenskämpferin und Revolutionärin trat für eine friedliche, im marxistischen Internationalismus verankerte, europäische Entwicklung ein, bis faschistische und nationalistische Meuchelmörder diese Aktivitäten beendeten

Marina Ortrud M. Hertrampf porträtiert den französischen Dichter und Denker der europäischen Moderne, Paul Valéry (1871 – 1945). In seinen philosophischen und kulturpolitischen Essays schrieb Valéry unermüdlich und skeptisch für eine Politik des europäischen Geistes an. Seine Überzeugung, dass sich Frieden in Europa nur durch die Stärkung des europäischen Geistes und Bewusstseins erringen lasse, wird immer wieder durch die nationalen, machtpolitischen und egoistischen Interessen konterkariert. Doch seine Hoffnungen, dass insbesondere die jungen Europäer die Chancen für ein friedliches, vereinten Europa be- und ergreifen würden, blieben, wenn auch die Zeitläufte dies anders vorsahen.

Der Düsseldorfer Philosoph Christoph Kann erinnert an den niederländischen Kunsthistoriker Johan Huizinga (1872 – 1945). Der von den Nationalsozialisten verfolgte und aus seinen akademischen Ämtern entlassene, niederländische Philosoph hat mit seinen Arbeiten über die Geschichte und Kulturen Nordwesteuropas Passagen für den internationalen und globalen Diskurs bereit gestellt.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin für Internationale Politik an der TU Chemnitz, Antje Nötzold, interpretiert die Vision für eine Integration kontinentaleuropäischer Staaten als „Vereinigte Staaten von Europa“, wie sie Winston Churchill (1874 – 1965) entwarf. Mit der Definition von „britischen Interessen“ wollte er Großbritannien den gebührenden Platz in Europa sichern. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Mut und die Absicht, ein gemeinsames, geeintes Europa zu schaffen, auch und gerade heute Anerkennung verdienen und Nachahmung erfordern.

Der Münchner Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld stellt Gustav Stresemann (1878 – 1929) vor. Der für die Zeit der Weimarer Republik als überragend geltende und wirkende Versöhnungspolitiker hat in der Geschichtsschreibung und historischen Bewertung seines politischen Wirkens vielfältige Wendungen erfahren. An den Angriffen durch völkische und nationalistische Kräfte gegen seine Politik ist er gewachsen und gescheitert. Sein Bewusstsein, dass sich Volks- und Nationenbildung niemals ethnozentrisch vollziehen könne, sondern immer integrativ und intentional verlaufen müsse, hat ihn den Blick über die nationalen Grenzen, hin zu Europa, wenden lassen: „Seine Politik war nicht der Integration, sondern der internationalen Kooperation zur Wiedererlangung einer weltpolitisch relevanten Stellung Deutschlands verschrieben“.

„Der Untergang des Abendlandes“, dieses Endzeitszenario von 1918 stammt von Oswald Spengler (1880 – 1936). Annabella Petschow von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn setzt sich mit dieser Geschichtsdeutung auseinander. Es ist eine „preußisch-sozialistische“ Betrachtung mit der heute eher exotisch klingenden Vorausschau,: „Deutschland wird zu dem Ort erkoren, an dem sich das Schicksal der gesamten Zivilisation entscheiden werde“. Bei dieser nationalistischen, antidemokratischen Einschätzung ist wenig Platz für europäische Integration; es sei denn, sie wird, wie bei Spengler, als Schwäche und Ohnmacht gekennzeichnet.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts an der Universität in Trient, Maurizio Cau, formuliert seine Einschätzungen über das politische Wirken von Alcide De Gasperi (1881 – 1954). Das Wirken des italienischen, politischen und religiösen Denkers war bestimmt von den beiden Eckpunkten seines Bewusstseins: Solidarität und Kooperation. Sein politisches, europäisches Programm umschloss die Themenkomplexe: Prinzip der Freiheit, Begriff der Demokratie und die Frage der sozialen Gerechtigkeit.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte an der Universität Mainz, Carl Antonius Lemke Duque sieht in den Madrider Philosophen José Ortega y Gasset (1883 – 1955) einen „Vorzeigeeuropäer“. Seine universalgeschichtliche Positionsbestimmung zu Europa beruht auf den aus der spanischen, geschichtlichen Entwicklung übertragenen Begrifflichkeiten „decadencia“ und „cirisis“. Nur durch eine kulturelle Erneuerung könne hergestellt werden, was Europa zu Europa machen könnte: „Europäisches Gleichgewicht“.

Der Stuttgarter Historiker Joachim Rogall erinnert an Carl Friedrich Goerdeler (1884 – 1945), den politischen Kopf des deutschen Widerstandes gegen das nationalsozialistische Regime. Seine Ideen von Europa waren bestimmt von Vorstellungen über eine künftige europäische Friedensordnung in einem Europäischen Staatenbund, der vorerst aus den Ländern Deutschland, Frankreich und Großbritannien bestehen sollte, mit dem Ziel des Beitritts von weiteren europäischen Ländern.

Winfried Böttcher beschließt mit seinem Beitrag über Jacob ter Meulen (1884 – 1962) das vierte Teilkapitel. Der niederländische Historiker und Jurist war Pazifist. Mit seinem Opus Magnum, einem Forschungswerk, in dem er mehr als 120 Friedens- und Europapläne dokumentiert und damit für die Geschichtswissenschaft wie für die öffentliche Meinungsbildung eine Schneise schlug. Es ist sein Denken und Wirken, das in Vorschlägen zur Vermeidung von (europäischen) Kriegen durch Schiedsgerichte, bis hin zur Gründung eines Völkerbundes und einer europäischen Einheit in Vielfalt, dass Jacob ter Meulen zu recht als europäischer Klassiker gilt.

Im fünften Teilkapitel „Phönix aus der Asche“ wird die Zeit von 1946 bis 2011 dokumentiert. Werner Weidenfeld beginnt mit Konrad Adenauer (1875 – 1967). Die Außenpolitik des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland zeichnet sich durch drei Grundkomponenten aus: Kontinuität – geistig-politisch-normatives Denken – Pragmatismus. Seine Schwerpunktsetzung auf die deutsch-französische Einigung kann als Exempel für europäische Integrationsbemühungen gelten; in ihrer hegemonial-verdächtigen Fokussierung lassen sich aber auch Hemmschwellen für den europäischen Einigungsprozess erkennen.

Die Düsseldorfer Kulturwissenschaftlerin Barbara Schommers sagt von Rudolf Pannwitz (1881 – 1969), er sei ein „Universalgelehrter in den Traditionen des 19. und 20. Jahrhunderts“ gewesen. Der Philosoph, Kulturkritiker, Schriftsteller, Pädagoge und Dichter sah die Rolle Europas in der Weltpolitik auf dem Fundament eines allgemein verbindlichen Völkerrechts ruhen. Dies leitete er philosophisch mit Nietzsche, historisch mit dem Imperium Romanum und Karl den Großen und politisch in der Auseinandersetzung mit dem Ost-West-Konflikt her.

Annabelle Petschow ordnet den Philosophen Karl Jaspers (1883 – 1969) als europäischen Klassiker ein. Jaspers ständiges Bemühen, die Menschen daran zu erinnern, „zu einer inneren Revolution unserer Seelen und damit zu einem Leben des Geistes (zu gelangen), das auch in der Ohnmacht und selbst unter schweren Daseinsbestimmungen möglich ist“, verdeutlicht seine Hoffnung, von der „Stunde Null“ aus ein individuelles und gesellschaftliches Europa- und Weltbild zu erreichen, das eingebettet ist im globalen Bewusstsein der einen Menschheit.

Der Leiter der Regionalvertretung der Europäischen Kommission in Bonn, Stephan Koppelberg und die Passauer Politikwissenschaftlerin Christine Frohn sprechen über Robert Schumann (1886 – 1963). Der französische Staatsmann und Politiker hat mit dem „Schuman-Plan“ und seinen weiteren Aktivitäten entscheidend dazu beigetragen, dass sich bereits 1951 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) bilden konnte, die als Wegbereiter des europäischen Einigungsprozesses gilt. Die in der Präambel des Lissabonvertrages (2009) formulierten Kerngedanken von Frieden und Aussöhnung, als Grundlage der Europäischen Union, sind auf Schumans Denken und Handeln zurückzuführen.

Jean-Claude Juncker erinnert an den Luxemburger Werte-Realisten Joseph Bech (1887 – 1975). Seine Warnungen vor einer „Verkürzung des historischen Gedächtnisses“ haben den europäischen Einigungsprozess kritisch begleitet. Mit seiner konservativ-liberalen, ländlich-katholischen Haltung war Bech so etwas wie ein ruhender Anker in der politisch-stürmischen See, wie auch der Zeigefinger, dass die europäische Einigung „vor allem die Sache der Bürger in einem nachhaltig menschlichen Zeitalter“ sein muss.

Der Passauer Sozialwissenschaftler Mariano Barbato skizziert den „Vorläufer der Integrationstheorie des Neofunktionalismus“, David Mitrany (1888 – 1975). Der britische Politikwissenschaftler mit rumänischen Wurzeln wandte sich gegen Hau-Ruck-Projekte und spektakuläre Aktivitäten im europäischen Einigungsprozess; er sah vielmehr einen Friedensweg in der „Verschiebung vom Ideal individualistischer Anstrengung und Belohnung zu gemeinsamen Handeln und zu gemeinsamem Fortschritt“, wie er sich in der US-amerikanischen Politik des „New Deal“ (Tennessy Valley Authority) zeigte.

Der Wuppertaler Historiker Franz Knipping nennt Jean Monnet (1888 – 1979) eine „Lichtgestalt“ im europäischen Diskurs. Der französische Politiker und politische Visionär gehört zu den Architekten der Montanunion und der EWG; und er war mit seiner Fachkenntnis und seinem unbeugsamen Willen zur Friedenssicherung im Nachkriegseuropa an der Gründung des Europäischen Rats und schließlich auch der werdenden Europäischen Union beteiligt. Seine endgültige Beisetzung im Pariser Pantheon ist eine posthume Ehrung an den großen Europäer.

Rüdiger Voigt erzählt vom europäischen Staatsdenker Carl Schmitt (1888 – 1985). Der Völkerrechtler und Geschichtsphilosoph gehört zu den meistgelesenen deutschen Denkern des 20. Jahrhunderts. Seine wissenschaftliche und politische Agenda sah schon früh die Einbindung, vielleicht sogar die Ablösung des nationalen Staates durch den Großraum („Nomos“) vor. Die Carl-Schmitt-Gesellschaft in Plettenberg, wie auch die als „Schmittiana“ bezeichnete Sammlung der von und über Schmitt publizierten Veröffentlichungen zeigen die zustimmenden wie kritischen und ablehnenden Haltungen zu seinem Werk.

Lazaros Miliopulos nennt mit den britischen Historiker Christopher Dawson (1889 – 1970) einen Vertreter des katholisch-konservativen Europagedankens. Die „überpolitische kulturelle Wesenheit“ Europas konstituiere und fordere, so Dawson, ein höheres als das positive Recht, wie es souveräne Staaten beanspruchten. Jede noch so ökonomisch erfolgreiche und technologisch formierte Einheit bleibe leer, fehle ihr der „europäische Lebenssinn“.

Anita Prettenthaler-Ziegerhofer nimmt das im Aachener Rathaus hängende Portrait des altösterreichischen Grafen Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi (1894 – 1972) zum Anlass, nicht nur an den ersten Karlspreisträger (1950) zu erinnern, sondern vor allem sein Wirken „für die Gestaltwerdung der Vereinigten Staaten von Europa“ darzustellen. Sein politisches Konzept „Paneuropa“ ist nicht verwirklicht, wiewohl einige seiner Ideen, wie etwa die Europabürgerschaft, die Entwicklung von europäischen Symbolen als Identifikationsmittel, die Europa-Akademie und die Struktur der Europäischen Institutionen entweder bereits realisiert wurden, oder sich in der Diskussion befinden.

Thomas Schölderle und Ursula Münch von der Akademie für Politische Bildung in Tutzing informieren über das europäische Wirken von Arnold Bergstraesser ((1896 – 1964). Als einer „der wortmächtigsten Mentoren einer europäischen und transatlantischen Kultur- und Wertegemeinschaft“ kann er Initiator der Europaforschung verstanden werden, und als nimmermüder Mahner und Didaktiker, dass europäische Identität als allgemeinbildende, politische Bildung zu verstehen ist und umgesetzt werden muss.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter und Didaktiker am Historischen Institut der Universität Köln, Jens Ruppenthal, stellt fest, dass das akademische und politische Wirken von Carlo Schmid (1896 – 1979) im wesentlichen auf drei Säulen beruhte: Deutschlandpolitik, deutsch-französische Verständigung, europäische Integration. Er litt an den persönlichen Unzulänglichkeiten zur Schaffung eines aktiven Europas, wie an den Zeitläuften, Widerständen und Verzagtheiten seiner Zeit. Doch sein Wirken war und bleibt unverzichtbar, auch für heute!

Der Journalist und langjährige Leiter des Brüsseler Büros der Süddeutschen Zeitung, Martin Winter, erinnert an den belgischen Politiker Paul-Henri Spaak (1899 – 1972), der im Laufe seines Lebens zahlreiche nationale und internationale Ämter innehatte und wie dies mit der Ehrung des Karlspreises 1957 zum Ausdruck kam, als großer Europäer gelten kann. In seinen Memoiren stellt er sich selbst „weniger als europäischer Visionär denn als Realist“ vor. Diese Eigenschaft ermöglichte es ihm, äußerst tatkräftig und erfolgreich bei der Einigung Europas mitzuwirken.

In der Liste der europäischen Klassiker darf Charles de Gaulle (1890 – 1970) nicht fehlen. Der Münsteraner Europawissenschaftler Wichard Woyke bringt ihn ein. De Gaulles Europakonzept ist bestimmt von seinen Erfahrungen bei seiner Regierungstätigkeit in Frankreich. Die nationale Entwicklung seines (gebeutelten) Landes ist für ihn nicht ohne die (hegemoniale?) Einbindung in ein „Europa der Nationalstaaten“ denkbar. Bald entwickelte er, zusammen mit Konrad Adenauer, als „Fanfare“ den „deutsch-französischen Bilateralismus“, mit dem Ziel „eines starken, sowohl von den USA als auch der UdSSR unabhängigen und französisch geführten Westeuropa (zu) erreichen“.

Heinz Duchardt erinnert an einen, der im allgemeinen in der „Liste“ nicht zu vermuten ist: Kurt von Raumer (1900 – 1982). Dem Münsteraner Historiker hing eine zwar bis heute nicht eindeutig charakterisierte Nähe zum Nationalsozialismus, auch als Mitglied der NSDAP und protegierte Bevorzugungen an; doch seine (pragmatische, angepasste?) Neuorientierung nach Kriegsende, die eine deutliche Hinwendung zu europäischen Themen umfasste, charakterisiert Heinz Durchardt wie folgt: „Die Entwicklung vom Grenzlandforscher Raumer zum Friedensforscher Raumer entbehrte nicht einer gewissen Logik“ (!). Mit seiner Quellensammlung „Ewiger Friede. Friedensrufe und Friedenspläne seit der Renaissance“ (1953) findet er in der Zeit der (ersten) Aufbruchstimmung zu Europa hin öffentliche und wissenschaftliche Aufmerksamkeit, was Durchardt zu der Einschätzung veranlasst: „Insofern ist es nicht abwegig, dem Reader von 1953 die Rolle eines Einschnitts auch im Europa-Diskurs der Nachkriegszeit zuzuweisen“.

Jürgen Elvert benennt mit Walter Hallstein (1901 – 1982) einen Politiker, der in den Zeiten des Kalten Krieges die ökonomische und machtpolitische Integration Westeuropas gegenüber den Bedrohungen aus dem Osten als ein wirksames Mittel betrachtete. Dabei avisierte der damalige Staatssekretär im Bonner Auswärtigen Amt „ein relativ kleines Zeitfenster von zwei bis fünf Jahren“, um den Tendenzen einer Desintegration Europas entgegen wirken zu können. Mit der in die Zeitgeschichte eingegangenen „Hallstein-Doktrin“ (1955 – 1969) sollten die Bemühungen des Ostblocks verhindert werden, dass andere Staaten die DDR diplomatisch anzuerkennen. Die Absicht wurde als „unfreundlicher Akt“ der Bundesrepublik gegenüber betrachtet.

Wer an Europa denkt, kommt an Hannah Arendt (1906 – 1975) nicht vorbei. Das sieht auch die Oldenburger Historikerin Gunilla Budde so. Weil Hannah Arendt immer auch „ohne Geländer“ dachte und schrieb und Denken für sie ein „ununterbrochene(s) Einreißen mehr oder weniger befestigter Denkpfade“ bedeutete, war auch ihre Europaidee bestimmt vom Zusammenhang von historischem, kulturellem und politischem Raum. Im (offenen) Neuanfang nach der „europäischen Katastrophe“ sah die Philosophin, Historikerin und Publizistin „die Chance, mitten in der Geschichte die Geschichte auch immer wieder neu anfangen zu können“.

Teresa Pinheiro stellt den Schweizer politischen Denker Denis de Rougemont (1906 – 1985) vor. Beeinflusst und gestärkt von einem von 1940 bis 1947 dauerndem Aufenthalt in den USA, entwickelt Rougement nach seiner Rückkehr in die Schweiz die Idee einer föderalen Ordnung in Europa. Sie fußt auf der Bedeutung der europäischen Kulturen als Einheit in der Vielfalt, und dem Vorschlag, ein „Europa der Regionen“ zu entwickeln.

Die niederländische Journalistin und Historikerin Angelina Hermanns reflektiert über den Idealisten, Pragmatiker, Sozialist und Christ und unangepassten Zeitgenossen Hendrik Brugmans (1906 – 1997). 1951 wurde er mit dem Aachener Karlspreis geehrt. Bei der im Dezember 1946 in Paris gegründeten „Union Europäischer Föderalisten“ (UEF) übernimmt Brugmans den Vorsitz. Der Name war Programm. Beim Versuch, föderale, sozialistisch untermalte Strukturen in den Europadiskurs einzubringen, treffen die Föderalisten auf konservativen Widerstand. Mit seinem Wechsel vom aktiven, politischen Engagement hin zur Entwicklung von Informations-, Aufklärungs- und Bildungseinrichtungen zieht er die Lehre aus dem täglichen Kampf: Nur wenn die Jugend versteht und sich für ein gemeinsames Europa einsetzt, wird es ein geeintes Europa geben!

Anita Prettenthaler-Ziegerhofer schaut in den Quellenmaterialien über Altiero Spinelli (1907 – 1986) nach. Der italienische Widerstandskämpfer gegen den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus hat als Journalist und Abgeordneter des Europäischen Parlaments Spuren beim Werden Europas hinterlassen. Als überzeugter Kommunist wirkte er bis zu seinem Tod dabei mit, im europäischen Einigungsprozess eine Verfassung auf föderativer Grundlage zu etablieren. 1984 legte er den Entwurf eines Vertrages zur Gründung der Europäischen Union vor („Spinelli-Entwurf“), der jedoch aufgrund der verschiedenen nationalen Souveränitätsvorbehalte nicht durchgesetzt werden konnte. Zahlreiche Elemente des Entwurfs jedoch finden sich in den Gründungspapieren der Europäischen Union wieder.

Mit dem „Programm für Europa“ legte der Kommissar für Wettbewerbspolitik Hans Georg Max von der Groeben (1907 – 2005) der Kommission 1969 einen Vorschlag vor, dass die Europäische Gemeinschaft (EG) die Beitrittsverhandlungen mit England und anderen europäischen Staaten aufnehmen solle. Jürgen Elvert erläutert die Hintergründe und Zusammenhänge dieses taktischen Schachzugs, der in der EG den Erweiterungsgedanken festigte und schließlich in der Europäischen Union ausgeweitet wurde.

Der Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Salzburg, Felix Unger, weist auf Otto von Habsburg (1912 – 2011) hin. Der Wandlungsprozess vom (verhinderten) „Thronfolger“ zum Europapolitiker ist nicht nur wegen seiner Abstammung und Herkunft bemerkenswert, sondern kann auch als Exempel dienen, dass jeder, ob Auserwählter, Bürger oder Bettler dazu aufgerufen ist, Europa mit zu gestalten. Der „Diplomat in Friedensangelegenheiten“ hat sich auf seine politische Aufgabe als europäischer Abgeordneter gut vorbereitet. Sein Plädoyer, ein Europa der Gleichen mit zu gestalten und politische und ökonomische Ungleichheiten gerecht und solidarisch auszugleichen und damit, um an ein Wort von Václav Havel zu erinnern, kein geschlossener „Club der glücklichen Nationen“ zu werden, sollte die Skeptiker und Kritiker am Einigungsprozess mahnen, nicht maßlos zu werden, sondern mit Optimismus und Zuversicht das gewaltige Friedenswerk weiter zu entwickeln.

Der Bochumer Historiker Bernd Faulenbach nimmt sich einen weiteren Heroen der deutschen und europäischen Geschichte vor: Willy Brandt (1913 – 1992). Brandts kontinuierlich-politisches Denken und Wollen ist Kennzeichen seiner Persönlichkeit, wie die der deutschen und europäischen Sozialdemokratie. In der Interpretation wie Rezeption seines Denkens und Handelns rangierte der europäische Friedensgedanke vor den nationalen Interessen. Die Integration (West-)Deutschlands in den europäischen Einigungsprozess hatte bei ihm absolute Priorität: „Der engagierte Sozialdemokrat, der deutsche Patriot und der überzeugte Europäer vermochte unterschiedliche Ziele zu bündeln und synergetische Effekte zu nutzen“. Die europäische Einigung sah er immer im unteilbaren Zusammenhang mit einer globalen, gerechten Weltentwicklung.

Jean-Claude Junker beschreibt das christlich-personalistische Menschen- und Weltbild seines Parteifreundes Pierre Werner (1913 – 2002) als vorbildhaft für ihn. Als „Lehrmeister in strategischer Weitsicht und politischer Klugheit“. Er sieht in ihm den eigentlichen Vater des Euro, und in seinem humanistischen Denken ein Vorbild auch für die zukünftige Entwicklung Europas.

Wichard Woyke thematisiert das kooperierende wie konkurrierende deutsch-französische, von Einfluss-, Macht- und Hegemonie-Interessen bestimmte Verhältnis bei den europäischen Einigungsschritten der letzten Jahrzehnte – „Ihr habt die Mark, wie haben die Bombe“ – am Beispiel des Europawirkens von François Mitterand (1916 – 1996).

Der ehemalige Oberbürgermeister von Aachen und Sprecher des Karlspreisdirektoriums Jürgen Lindner diskutiert das europa-politische Wirken von Karol Wojtyla, Papst Johannes Paul II (1920 – 2005). Der Pole Wojtyla schöpfte sein politisches Gespür aus seiner Herkunft und der leidvollen Entwicklung seines Volkes. In seinen Reden und Schriften hob er immer wieder sein Anliegen hervor: „Ich denke an ein Europa ohne selbstsüchtige Nationalismen, in dem die Nationen als lebendige Zentren kulturellen Reichtums wahrgenommen werden, der es verdient, zum Vorteil aller geschützt und gefördert zu werden“. Mit der Verleihung des „Außerordentlichen Internationalen Karlspreises“ am 24. 3. 2004, gewissermaßen der „Ober-Karls-Preis“, wird auf die Bedeutung seines europäischen Engagements hingewiesen.

Winfried Böttcher und die Jülicher Politologin Johanna Krawczynski stellen Ernst B. Haas (1924 – 2003) vor. Der in Frankfurt/M. geborene Jude und US-amerikanische Wissenschaftler hat vor allem mit seinem Buch „The Uniting of Europe“ (1958) und seinen späteren Schriften die kontroverse, politische Entwicklung, etwa zwischen den Konzepten der Föderalisten und den Funktionalisten, analysiert.

Johanna Krawcynski erinnert an Walter Lipgens (1925 – 1984), der in vielfältigen Positionen, vor allem als Leiter des Historischen Archivs der Europäischen Gemeinschaften in Florenz, tätig war und die Dokumentation und wissenschaftliche Europaforschung, aber auch die schulische und außerschulische Didaktik zum „Europalernen“ gefördert hat.

Auch das europa-politische Wirken des Karlsruher Historikers, Poeten und freien Schriftstellers Rolf Hellmut Foerster (1927 – 1990) wird von Krawcynski vorgestellt. Seine Begriffsdefinitionen zu Europa, wie seine (alternative) Gliederung des Kontinents in vier Zeiträume – frühe soziale und politische Mikrogebilde, Weltreichidee, Zeitalter Europa, europäische Gegenwart – bilden Zugangsformen zur wissenschaftlichen wie alltäglichen europäischen Vergewisserung.

„Von Europa habe ich immer geträumt“, das ist die Aussage des polnischen Historikers Bronislaw Geremek (1932 – 2008), der von Joachim Rogall porträtiert wird. Sein Traum sollte sich erst nach 1989 erfüllen, als er als Abgeordneter und Vorsitzender der Solidarno??-Fraktion (die er später verließ und eine eigene Partei, die Demokratische Union, mitbegründete ) im polnischen Parlament und bis 2000 als Außenminister seines Landes und als Europaparlamentarier aktiv mitwirkte, dass Polen Mitglied der Europäischen Union wurde. Die betonte und aktive Versöhnungspolitik, sowohl gegenüber den Deutschen, als auch gegen Russland und die Sowjetmacht, charakterisieren sein Werk.

Der Mitarbeiter der Tutzinger Akademie für Politische Bildung, Andreas Kalina, zeigt die Bedeutung auf, die von Václav Havel (1936 – 2011) für den europäischen Integrationsprozess ausgingen. Der Bürgerrechtler, Poet, Nobelpreisträger und Präsident sah im Universalismus den Weg zur Befriedung und Vereinigung der europäischen Staaten. Mit seiner „Ethik der Verantwortung“ hat er viel dazu beigetragen, dass sowohl euphorische und utopische Gedanken Raum im Europadiskurs haben können, als auch pragmatische und kritische Auffassungen: „Denn das, wonach ich strebe, hat nicht den Charakter eines erreichbaren Ziels, das man in einem bestimmten Augenblick als erreicht aus der Liste dessen, was zu tun ist, streichen kann, sondern eher den Charakter eines Ideals, dem näherzukommen wir uns ständig bemühen, dem wir mal näher, mal ferner stehen, das wir aber nie erreichen können“.

Im vierten Teil analysiert der Herausgeber mit seiner Frage „Europa – quo vadis?“ die aktuelle, krisenhafte Situation des europäischen Prozesses und der Europäischen Union zusammen. Deutlich wird, dass nicht allein die globale, ökonomische Krise es ist, die Zweifel, Widerstand und sogar Kampf gegen den Einigungsprozess stärker werden lassen, sondern vor allem die Identitätslücke der Europäer, die ein Vereintes Europa nicht wert genug schätzen; entweder, weil es für sie schon selbstverständlich geworden zu sein scheint, oder weil sie das Grundkonzept eines friedlichen, gerechten und gemeinsamen Europa nicht verstanden haben: Es geht darum, „den Menschen zur Zentralinstanz der Demokratie zu machen“. Der französische Historiker Jacques Le Goff hat in seinem Büchlein „Das alte Europa und die Welt der Moderne“ (1996) die Forderung erhoben, einen neuen europäischen Humanismus zu entwickeln; dies aber lässt sich nur erreichen, wenn es gelingt, Europa in die Köpfe und Herzen der Europäer zu bringen: „Europa ist, wenn Europa Gefühl ist“, so das Fazit von Böttcher.

Fazit

Benötigen wir angesichts von Wikipedia und den Informationszugangsmöglichkeiten des Internets heute noch ein Lexikon? Wenn es nur darum geht, die bereits dort vorhandenen Angebote in Buchform zu bringen, ist diese Frage höchstens noch für bibliophile Menschen von Bedeutung. Wenn aber lexikalische Einträge vielfältig und differenziert zu speziellen Fragestellungen zur Verfügung gestellt werden sollen, sind weiterhin Lexika, die man in die Hand nehmen, darin blättern, suchen und haptisch handhaben kann, unverzichtbar; insbesondere dann, wenn sie Informationen anbieten, die nicht nur stichwortartig daher kommen, sondern von Spezialisten und Experten zielgerichtet fokussiert werden. Das Lexikon „Klassiker des europäischen Denkens“ ist ein solches, gewichtiges Werk!

Es sollte in den öffentlichen, universitären und schulischen Bibliotheken bereit stehen, in den Bücherschränken von WissenschaftlerInnen greifbar sein und auf den Schreibtischen von EuropapolitikerInnen liegen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.06.2014 zu: Winfried Böttcher (Hrsg.): Klassiker des europäischen Denkens. Friedens- und Europavorstellungen aus 700 Jahren europäischer Kulturgeschichte. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8329-7651-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17006.php, Datum des Zugriffs 05.12.2022.


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