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Günter Rittmann: Der Umgang mit Komplexität

Cover Günter Rittmann: Der Umgang mit Komplexität. Soziologische, politische, ökonomische und ingenieurwissenschaftliche Vorgehensweisen in vergleichender systemtheoretischer Analyse. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 390 Seiten. ISBN 978-3-8487-0990-8. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR, CH: 99,00 sFr.
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Thema

Günter Rittmann beschreibt im vorliegenden Werk an Hand einer systemtheoretisch orientierten komparatistischen Analyse den Umgang ausgewählter Disziplinen – der Systemtheorie sensu Luhmann, steuerungstechnischen politischen Systemtheorien sowie Methoden aus dem Kontext der Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften – deren Umgang mit dem Phänomen „Komplexität“. Ziel der Untersuchung ist es, „Analogien und Ähnlichkeiten in allen drei Untersuchungsbereichen“ (S.19) nachzuweisen.

Autor

Der Autor hat Elektro/Nachrichtentechnik studiert und nach über 30-jähriger Berufstätigkeit ein Zweitstudium der Politikwissenschaft absolviert.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie ist die Dissertation des Autors an der Universität der Bundeswehr München aus dem Jahre 2013.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist übersichtlich in sechs Kapitel gegliedert und wird durch ein Vorwort des Autors eröffnet. Die Merkmale und Ergebnisse der jeweiligen Unterkapitel werden zusammenfassend dargestellt. Für jeden der drei Untersuchungsbereiche wird ein einheitliches Analyseschema gewählt, welches nach Theorie-/Methodenebene und empirischer Ebene unterscheidet. Im 6. Kapitel erfolgt eine Synopse der Untersuchungsergebnisse nach dem „tabellarischen Prinzip“ (S. 22). Durchgängige Randspalteneinträge runden die sehr übersichtliche Struktur des Bandes ab.

Im 1. Kapitel werden Aufbau und Zielsetzung der Untersuchung benannt.

Darauf aufbauend behandelt das 2. Kapitel die Untersuchungsumfänge und deren Grundlagen, die an drei systemtheoretisch-historische Entwicklungslinien anknüpfen: Die gesellschaftliche Komplexität/Soziologie, die steuerungstechnische Systemtheorie sowie die wirtschafts- und ingenieurwissenschaftlichen Methoden. Daran anschließend werden die zentralen Termini „Komplexität“, „Systeme“ und „systemisches Denken“ definitorisch ausgearbeitet.

Die eigentliche Untersuchung beginnt mit der Systemtheorie Luhmanns im 3. Kapitel. Sie besteht im Wesentlichen aus der Wiedergabe deren zentralen Begrifflichkeiten, wobei die Begriffe „Macht“ und „Vertrauen“ für den Untersuchungszusammenhang von besonderer Bedeutung sein dürften.

Im 4. Kapitel werden politikwissenschaftliche Theorien daraufhin betrachtet, „wie durch Steuerung unter dem Primat der Politik mit der gesellschaftlichen Komplexität umgegangen wird.“ (S.123). Behandelt werden der funktionale Ansatz von Easton und Almond, der kybernetische Ansatz von Deutsch, der akteurzentrierte Institutionalismus sowie das Governance-Konzept. Abgerundet wird das Kapitel durch ein Beispiel zum Umgang mit Komplexität an Hand eines idealtypischen Gesetzgebungsprozesses.

Das 5. Kapitel widmet sich nun den Methoden der Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften aus systemtheoretischer Sicht, konkret der Portiofolio-Analyse, dem System Engineering, dem V-Modell in der Informatik und dem Projektmanagement. Abgeschlossen wird das Kapitel mit zwei Beispielen aus der Informatik und dem Projektmanagement.

Die auf den Zusammenfassungen der Einzelabschnitte beruhenden Ergebnisse werden komprimiert im 6. Kapitel in einer Synopse zusammengefasst und tabellarisch übersichtlich aufbereitet. Sie umfassen zehn Merkmale, von denen acht „unter der Überschrift Komplexitätsreduzierung durch Komplexitätsaufbau subsumiert werden können“ (S.347). Dabei handelt es sich um drei unterschiedliche Merkmalsgruppen:

„Merkmale mit direkter Auswirkung auf die Komplexität:

  • Bildung von System-/Umweltgrenzen
  • Bildung von neuen Systemen durch Anwendung von Differenzierung-bzw./Ausdifferenzierungsmechanismen
  • Anpassung an Umweltänderungen durch Änderung der System-/Umweltgrenzen oder durch Differenzierung-/Ausdifferenzierung neuer System/Teilsysteme

Merkmale mit indirekter Auswirkung auf die Komplexität:

  • Sicherstellung der Systemoperabilität durch entsprechende Mechanismen
  • Sicherstellung der Autonomie eines Systems als Voraussetzung zum eigenständigen Handeln
  • Sicherstellung erforderlicher Koppelungen sowohl innerhalb eines Systems bzw. zwischen den Systemen als auch zwischen System und Umwelt
  • Sicherstellung der Kommunikation zwischen den Systemen/Teilsystemen
  • Sicherstellung Einsatz universeller Kommunikationsmittel

Merkmale auf der Basis sozialer Phänomene:

  • Anwendung von Vertrauen
  • Anwendung von Macht“ (S.348).

Diskussion

Die vorliegende Dissertation ist ein ambitionierter Versuch, einen interdisziplinären Zugang zum Thema „Komplexität“ zu schaffen. Als besonders gelungen darf dabei die verständliche Darstellung komplexer Sachverhalte angesehen werden, die es auch fachfremden Leserinnen und Lesern ermöglicht, einen Zugang zur Thematik zu gewinnen. Insofern bietet das Buch (unbeabsichtigt?) auch ein gutes Beispiel für den kognitiven Umgang mit Komplexitätsphänomenen.

Trotz des insgesamt positiven Gesamteindrucks müssen doch zwei kritische Aspekte angeführt werden:

  1. Der Autor vergleicht in seiner Untersuchung Theorien (Systemtheorie, Steuerungstheorie) mit Methoden (Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaft), eine Vorgehensweise die wissenschaftstheoretisch und forschungsmethodisch Fragen aufwirft, sind deren Gegenstandsbereiche doch unterschiedlich zugeschnitten, mithin nicht analytisch vergleichbar. Die Begründung für diese Auswahl in der Einleitung überzeugt nicht, zumal im erläuternden Schaubild Theorie- und Methodenebene auch nicht getrennt werden (S. 20).
  2. Weiterhin verwundert es, dass für die Systemtheorie Luhmanns im Gegensatz zu den beiden anderen Untersuchungsbereichen kein Praxisbeispiel angeführt wird, obschon sich doch im Kontext von Supervision, Organisationsentwicklung, Familientherapie oder Sozialer Arbeit vielfältige Bezüge finden lassen. Die Begründung, kein „sinnvolles empirisches Beispiel“ (S.20) gefunden zu haben, ist nicht somit stichhaltig, für eine Qualifikationsschrift unpassend und deutet eher auf fehlende Kenntnis auf Seiten des Autors hin.

Fazit

Trotz der genannten Mängel hat Günter Rittmann ein in weiten Teilen überzeugendes, lesefreundliches Werk für interdisziplinär denkende Menschen hervorgebracht, das neugierig macht, sich mit systemtheoretischen Aspekten in scheinbar weit entfernten Disziplinen auseinanderzusetzen.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Harmsen
M.A. Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter, Supervisor, Qualitätsentwickler, Familienberater. Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel, Lehrgebiet Sozialarbeitswissenschaft
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Zitiervorschlag
Thomas Harmsen. Rezension vom 14.01.2015 zu: Günter Rittmann: Der Umgang mit Komplexität. Soziologische, politische, ökonomische und ingenieurwissenschaftliche Vorgehensweisen in vergleichender systemtheoretischer Analyse. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8487-0990-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17007.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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