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Hermann Brandenburg, Ingo Bode u.a.: Soziales Management in der stationären Altenhilfe

Cover Hermann Brandenburg, Ingo Bode, Werner Burkhard: Soziales Management in der stationären Altenhilfe. Kontexte und Gestaltungsspielräume. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. 308 Seiten. ISBN 978-3-456-85452-6. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema

Die drei Autoren des Buches bekleiden Lehrstühle unterschiedlicher Fachbereiche, namentlich die der Pflegewissenschaft, Soziologie und Gerontologie. Sie sind sich dennoch in ihrer Einschätzung der aktuellen Situation in Deutschland einig: Es kann im Rahmen der derzeitigen Heimwirklichkeit nicht darum gehen, diese an die von außen gegebenen Rahmenbedingungen anzupassen. Vielmehr muss an fachlich-konzeptionellen Grundlagen gearbeitet werden, um so das Management sachzielorientiert auf die gesellschaftliche Forderung, des Vorrangs des Sozialen vor dem Kommerz, auszurichten. Durch ihre Perspektive auf das Management in stationären Altenhilfeeinrichtungen fokussieren die Autoren auf der einen Seite qualitative Ansprüche an eine gute Pflegepraxis und beschreiben auf der anderen Seite eine übergeordnete Herangehensweise und eine grundsätzliche, an nachhaltigem Organisieren orientierte, Gestaltungsphilosophie. Mit ihren Überlegungen wenden sich Brandenburg, Bode und Werner an Studierende gesundheitsbezogener Lehrprogramme, aber auch an Verantwortliche auf der Leitungsebene in Alten- und Pflegeheimen sowie an Mitarbeiter in der Fachpraxis.

Autoren

Hermann Brandenburg ist Professor für Gerontologische Pflege an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und Prodekan der Pflegewissenschaftlichen Fakultät. Ingo Bode hat einen Lehrstuhl für Sozialpolitik mit dem Schwerpunkt organisationale und gesellschaftliche Grundlagen an der Universität Kassel inne. Burkhard Werner ist Professor für Organisation des Pflegedienstes im Gesundheitswesen an der Katholischen Hochschule Freiburg.

Des Weiteren sind Bianca Berger, Helen Güther, Stefanie Klott, als Promovendinnen an der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, mit jeweils einem Gastbeitrag vertreten.

Entstehungshintergrund

Die Publikation basiert auf Studienmaterial, welches die drei Autoren für die Fern-Hochschule Hamburg erstellten und das dort in den Bachelorstudiengängen der Fakultät Gesundheit in den Studiengängen Pflegemanagement (B. A.) sowie Gesundheits- und Sozialmanagement (B. A.) eingesetzt wird. Es ist explizite Zielsetzung des Buches, zu einem Grundlagenwerk für Leitungskräfte in der stationären Altenhilfe zu werden. Die Autoren geben zudem an, kein Managementhandbuch schreiben zu wollen in dem allein betriebswirtschaftliches Wissen wiedergegeben wird, sondern vielmehr ist es ihr Anspruch, Diskussionen auf einer anderen Ebene zu führen und qualitative Ansprüche an eine gute Pflegepraxis zu erörtern – nur so könne im Sinne einer Metasteuerung nachhaltige Pflegeorganisationen entwickelt werden.

Ausgangspunkte ihrer Überlegungen sind die zunehmende erwerbswirtschaftliche Ausrichtung sozialer Dienste und die aktuelle Erwartung der Gesellschaft an die Altenhilfe, bei der die Sachzielorientierung über den ökonomischen Imperativ zu stellen ist.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Teile.

Der erste Teil von Burkhard Werner beschäftigt sich mit der Geschichte der stationären Altenhilfe und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Nachstehend widmet sich Ingo Bode der organisierten Lebenswelt im Heim, insbesondere den verschiedenen Akteuren der stationären Altenhilfe. Helen Güther steuert in diesem Kontext einen Beitrag über die Angehörigen als Teil der Akteursgruppe bei.

Die beiden ersten Teile dienen als Grundlage für die im Teil drei und vier behandelten Gestaltungsspielräume im Rahmen der stationären Altenhilfe. Herman Brandenburg zeigt hier zunächst normative Grundlegungen eines guten Heimes auf. Stefanie Klott und Bianca Berger geben darüber hinaus im dritten Teil des Buches einen Einblick in die empirische Forschungslage bzw. wenden sich der Problematik der Qualitätssicherung zu.

Der vierte und letzte Teil des Buches formuliert im Namen der drei Hauptautoren, Ansatzpunkte eines normativen Programms sozialen Managements in der organisierten Altenhilfe ausgehend von den von Wahl und Kruse[1] entworfenen Zukunftsperspektiven.

Zu Teil 1. Geschichte und gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Der erste, von Burkhard Werner verfasste Teil des Buches, gliedert sich in drei Einheiten. Zentral für die Ausführungen Werners gestaltet sich ein Grundwiderspruch stationärer Altenhilfe, dessen Entwicklung er in den drei Kapiteln nachzeichnet: „Einerseits erscheint eine Ausdifferenzierung funktional, denn es gibt immer mehr Angebote für immer spezifischere Zielgruppen. Andererseits entspricht das Leben im Heim nur bedingt oder gar nicht unseren modernen (oder postmodernen) Ansprüchen an Individualität, Eigenständigkeit und Wahlfreiheit.“ [2]

Im ersten Teil führt der Autor den Leser in das Feld der stationären Altenhilfe ein, erläutert dessen historische Bedingtheit sowie die Entstehung der institutionalisierten Versorgungsform Altenhilfe. Den Untersuchungszeitraum stellen hierbei die Entwicklungen vom Mittelalter bis in die Moderne des 19. Jahrhunderts dar, jedoch weitgehend beschränkt auf den deutschsprachigen Raum. Vom Hochmittelalter ausgehend beschreibt Werner den Beginn der institutionellen Versorgung kranker, armer, alter und psychisch erkrankter Menschen in Klöstern und Hospitälern und die Entstehung von Arbeits-, Zucht- und Armenhäusern bis ins 19. Jahrhundert. Auf diesem Wege verdeutlicht er einen Selektionsprozess, der schließlich im Aufbau von Heil- und Pflegeanstalten mündete. Einen Schlusspunkt findet das erste Kapitel in der Darstellung der Situation der Alten- und Siechenheime in der Weimarer Republik: Hier gewinnt das Altenheim als Wohnform für einen Großteil der Menschen im Alter aus dem Mittelstand an Attraktivität. Werner beendet seine Ausführungen der Geschichte und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mit einem knappen Abschnitt über die nationalsozialistische Zeit, in der die Freie Wohlfahrt, insbesondere die beiden großen konfessionellen Verbände, in der stationären Altenhilfe trotz weitgehender Gleichschaltung des Gesundheits- und Sozialwesens durch die Nationalsozialisten ihre Funktionsfähigkeit z.T. erhalten konnten.

Im zweiten Kapitel widmet sich Werner der besonderen Situation der stationären Altenhilfe nach dem Zweiten Weltkrieg und schildert die sich abzeichnende dynamische Expansion, die in den 1960er Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzte. Er geht trotz desolater Datenlage davon aus, dass es zu deutlichen Zuwächsen an Altenheimen und Siechenanstalten kam: Laut Autor stieg deren Zahl in dem Zeitraum zwischen 1930 und 1961 von 150.000 auf 234.000, bis 1978 verzeichnet er eine Steigerung auf über 400.000, bis 1990 sogar auf 517.000. Werner führt diesen Zuwachs auf den demografischen Wandel, aber auch auf die Effekte sozialen Wandels wie die Veränderung der Familienstruktur, Frauenerwerbstätigkeit, Pluralisierung der Lebensformen für Kinder etc. zurück.

Bis Ende der 1950er Jahre blieb das Altenheim weitgehend eine Verwahranstalt. Im Anschluss daran wich die Einrichtung der geschlossenen Fürsorge den Anfängen der stationären Altenhilfe. Es vollzog sich ein Paradigmenwechsel vom Altenheim als Verwahranstalt hin zur Bedürfnisorientierung der stationären Pflege. In den 1960er Jahren professionalisierte sich die Altenhilfe zusehends: Es wurden erste Altenhilfeschulen gegründet; 1974 schließlich verabschiedete man das Gesetz zu Altenheimen, Altenwohnheimen und Pflegeheimen für Volljährige (Heimgesetz, HeimG.), auf dessen Grundlage man diverse Verordnungen erließ, die Mindeststandards für die Versorgungsqualität definierten. Werner diskutiert zum Ende des Kapitels den Ansatz zur Deutung der Geschichte des Heims bzw. der Anstalt von Dörner[3], einem Vertreter der Gemeindepsychiatrie. Werner argumentiert historisch und verweist auf die Auflösung des vormodernen Haushaltes, in dem Arbeiten und Wohnen noch nicht getrennt waren, ab Beginn der Moderne. In einem Ausdifferenzierungsprozess segmentiert sich der vormoderne Haushalt in drei Teile: in ein Wirtschafts- bzw. Produktionssystem, ein Sozialsystem und ein Kleinfamiliensystem. Diesen Zerfall führt Dörner ursächlich für die Entstehung der sozialen Institution Altenheim an.

Das dritte Kapitel setzt mit der Wiedervereinigung Deutschlands ein und beschreibt die Entwicklungen der stationären Altenhilfe nach 1989. Insbesondere erfasst man hier die Einflüsse der 1995 in Kraft getretenen Pflegeversicherung, deren Ziele und Auswirkungen. Nach dem 3. Oktober 1989 wurde das ostdeutsche Altenhilfesystem schnell in das westdeutsche integriert, dabei übernahm die freie Wohlfahrtspflege der alten Bundesländer die Trägerschaft vieler Altenhilfeeinrichtungen in den ostdeutschen Bundesländern; so wuchs die Zahl der Plätze in den Altenpflegeheimen bis 1994, also kurz vor Inkrafttreten der Pflegeversicherung, auf 682.000 und bis 2011 auf fast 842.000. Mit der Einführung der Pflegeversicherung schuf man zusätzliche Marktmechanismen unter den Leistungserbringern und beendete auf diese Weise die bisher bestehende Partnerschaft zwischen Staat und Freier Wohlfahrtspflege. Werner geht an dieser Stelle ausführlicher auf verschiedene neue Steuerungsmechanismen wie den Anbieterwettbewerb, den sogenannten Pflege-Bahr oder auch die Qualitätssicherung ein.

Im zweiten Teil dieses Kapitel widmet sich der Autor dem gesetzlichen Ordnungsrahmen stationärer Altenhilfe; kursorisch sei hier auf die Heimgesetzgebung oder auch das Betreuungsrecht verwiesen. Im Kontext der Vorgabe „ambulant vor stationär“ werden im Folgenden anhand statistischer Rahmendaten die Entwicklungen ambulanter und stationärer Einrichtungen gegenübergestellt. Werner rundet das Kapitel über die Geschichte und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mit einem Ausblick auf die Diversifizierung des Leistungsangebots, der daraus resultierenden Personalentwicklung sowie der sich stetig verändernden Personalstruktur ab. Er verweist hier unter anderem auf neue Wohngruppenkonzepte wie das der Hausgemeinschaft, in der man neben der Berufsgruppe der Altenpflege ebenfalls Alltagsassistenten oder Präsenzkräfte einsetzt. Auch Quartiershäuser, die sich durch in die Stadt oder das Dorf eingestreute Wohnhäuser auszeichnen und eine weitgehende Privatheit des Wohnens gewährleisten, werden angesprochen. Als große Herausforderung benennt Werner die modifizierte Bewohnerstruktur, denn diese verändert sich im Vergleich zur Situation vor der Einführung der Pflegeversicherung stark. Vermehrt anzutreffen sind hoch- und höchstaltrige Menschen, pflegebedürftige sowie schwer- und schwerstpflegebedürftige Personen, demente Patienten und palliativ Versorgungsbedürftige und Sterbende.

Werner zieht den Schluss, dass das Altenpflegeheim innerhalb eines recht kurzen Zeitraums zu einer Institution geworden ist, die nicht nur die schwere Pflegebedürftigkeit, sondern auch das Sterben institutionalisierte. All diese Veränderungen zeitigen Auswirken auf die Personalstruktur eines Altenheims. Werner legt statistisches Material zum Personal nach Berufsabschluss vor und zeigt vor dem Hintergrund der beschriebenen Entwicklungen auf, wie die Berufsgruppe der Altenpfleger zunehmend Bedeutung erfährt, zudem berührt er Themen der Akademisierung und Professionalisierung von Pflege. Schlussendlich muss er konstatieren, dass trotz jeglicher Verbesserungen das Heim als Wohn- und Lebensort der letzten Lebensphase unbeliebt bleibt.

Zu Teil 2. Organisierte Lebenswelten im Heim

Im zweiten Teil des Buches beschreibt Ingo Bode aus verschiedenen Perspektiven, was unter organisierter Lebenswelt im Heim verstanden werden kann. Dabei befasst er sich mit wesentlichen ethischen und kritischen Debatten, die sich um die stationäre Pflege ranken. Bode nimmt in diesem Zusammenhang einen multidisziplinären Blickwinkel auf das Alter ein und schildert aus sozialgerontologischer, gesellschaftskritischer, demografischer und ethischer Sicht die aktuelle Situation. Der Leser erhält auf diese Weise ein Grundverständnis der Phänomene und Probleme älterer Menschen. Der Autor geht dabei davon aus, dass das Altern ein Prozess zunehmender Differenzierung darstellt und infolgedessen einerseits als mehrdimensionales Geschehen zu begreifen ist und andererseits als multifaktorieller Prozess Einfluss auf körperliche, psychische und soziale Phänomene ausübt. Grundlegendes Referenzwerk des Schreibenden stellt in diesem Kontext ein Standardwerk sozialer Gerontologie, die Monografie von Baltes und Mittelstraß[4] aus dem Jahre 1992, dar.

Hinlänglich bekannte und vielerorts diskutierte demografische Kennzahlen behandelt Bode nur kurz, ebenso finden ethische Ausführungen zum menschenwürdigen Altern und Sterben nur eine knappe Erwähnung. Das folgende Kapitel präsentiert Akteure stationärer Altenhilfe, wobei Bode über die soziale und finanzielle Situation der Bewohner, über deren Gesundheit, Geschlecht und ethnische Differenzen referiert. Des Weiteren geht er jeweils kurz auf weitere Aktanten stationärer Altenhilfe wie Pflege- und Betreuungskräfte, medizinische, soziale, therapeutische und hauswirtschaftliche Berufe, auch auf Ärzte und Sozialarbeiter ein. Differenziert und unterstützt wird Bode von Helen Güther, die die Personengruppe der Angehörigen näher beleuchtet. Im Folgenden setzt sich Bode mit Einrichtungen der stationären Altenhilfe als besonderer Organisationsform auseinander, fasst die wesentlichen Kernbotschaften der Organisationssoziologie hinsichtlich interner Strukturen und Prozesse im Altenheim zusammen und gibt schließlich Einblicke in die Besonderheiten sozialer Dienstleistungen.

Ausgangspunkt seiner soziologischen Analyse stellt die Tatsache dar, dass klassische Pflegeeinrichtungen mit althergebrachtem Heimcharakter durch sogenannte Special Care Units und Pflegeoasen, beides spezielle Organisationformen stationärer Altenhilfe mit Ausrichtung auf die Versorgung demenziell erkrankter Menschen, bekommen. Es folgt eine ausführliche und detaillierte Einführung in organisationssoziologische Fragestellungen moderner Dienstleistungsunternehmen am Beispiel stationärer Altenhilfe. Bode setzt sich u.a. kritisch mit Totalisierungsstrategien im stationären Setting auseinander, zeigt hierbei Parallelen zu Goffmans Theorie totaler Institutionen auf. Er klärt des Weiteren in diesem Kontext interne und externe Einflüsse auf die alltägliche Organisation der Altenhilfe, wobei er deren Anforderungsprofil als strukturell hybrid beschreibt: Es müssen Erwartungen lokaler Öffentlichkeit und Sozialpolitik erfüllt werden, da auf ein bürgernahes Versorgungsangebot und Partizipationsmöglichkeiten der Angehörigen gedrängt wird. Darüber hinaus verlangen die Angehörigen eine verlässliche Versorgungspraxis seitens der professionell tätigen Personen und ein sparsames Wirtschaften bei optimaler Qualität seitens der Kostenträger.

Zu Teil 3. Auf dem Weg zu einem guten Heim

Im dritten Teil des Buches umreißen Brandenburg, Klott, Bode und Berger aus verschiedenen Perspektiven die Vision eines guten Heimes, stellen Konzepte für den Umgang mit der Alltagsrealität dar und werfen die Frage nach Wahlfreiheit sowie Partizipation im Umgang mit Organisationsprozessen auf. Gleich zu Beginn der Erörterungen führt Brandenburg in verschiedene Theorien des guten Lebens ein (hedonistische Theorie des Guten, Wunschtheorie und objektive Theorie des Guten) und konstatiert, dass aus seiner Sicht die objektive Theorie des Guten Vorzüge gegenüber den anderen aufweist und diesen entsprechend überlegen ist. Des werden darüber hinaus Leitbegriffe der Bewohnerorientierung wie Lebensqualität, Kompetenz oder Autonomie behandelt. Klott zeigt Ansätze zur Operationalisierung eines guten Heims auf, führt die Debatte um Deinstitutionalisierungsprozesse ins Feld und zieht schließlich Parallelen zu Goffmans totaler Institution. Ein wichtiger Schritt, so Klott, sei die Lockerung des institutionellen Charakters stationärer Altenhilfe, an dem sich soziales Management orientieren sollte. Im Folgenden gehen die Autoren der Frage nach, was man unter „guter Pflege“ zu verstehen habe. Den theoretischen Rahmen hierfür bildet der Qualitätsbegriff, den die Autoren mit Bezug auf Görres[5] an drei Indikatoren festmachen: a) an der Lebensqualität der Bewohner, b) an den gesundheitsbezogenen Parametern der Bewohner, c) an der Zufriedenheit der Bewohner und deren Selbstbestimmung.

Es folgt ein kurzer Einblick in interne und externe Methoden der Qualitätssicherung, insbesondere im Hinblick auf die externe Qualitätskontrolle der Pflegetransparenzvereinbarung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen und die nationalen Expertenstandards des DNQPs (Deutsches Netzwerk für Qualität in der Pflege). Abschließend nimmt Bode eine Managementperspektive ein, um sich mit den Prinzipien nachhaltigen Organisierens zu befassen. Er entwirft eine allgemeine Marschroute, die er als Metasteuerung bezeichnet. Diese Managementphilosophie stellt die besonderen Organisationsziele und -bedingungen in den Mittelpunkt des Interesses und liefert in einem zweiten Schritt Richtlinien für ein sozial sensibles Steuern von Organisationsprozessen. Dieser sachzielorientierte Ansatz richtet alle Entscheidungen darauf aus, den ureigenen Zweck der Institution, nämlich eine menschenwürdige Pflege, zu realisieren. Um zu verdeutlichen, dass es sich hier um einen Balanceakt handelt, stellt der Autor verschiedene Ansätze, angefangen von der totalen Organisation über das Schnittstellenmanagement hin zu den Potenzialen von inter- und supervisionsbasierter Metasteuerung, vor. Er kommt zu dem Schluss, dass sozial sensibel orientierte Metasteuerung als aussichtsreiches Instrument der nachhaltigen Steuerung von Pflegeeinrichtungen zu gelten hat und sich auf Aspekte des einrichtungsinternen Qualitätsmanagements, der Personaleinsatzplanung, der gemeinsamen Folgeeinschätzungen größerer Umbauprojekte oder auf die Öffentlichkeitsarbeit bezogen werden sollte.

Zu Teil 4. Zukunftsperspektiven für die organisierte Altenhilfe

Im letzten Teil des Buches blicken die Autoren in die Zukunft und analysieren im Speziellen die Perspektiven organisierter Altenhilfe und deren Entwicklungsmöglichkeiten. Es geht ihnen dabei nicht ausschließlich um einen Ausblick auf die stationäre Altenhilfe, vielmehr nehmen die Diskutanten darüber hinaus auch alternative Versorgungsformen für hilfe- und pflegebedürftige alte Menschen in den Blick. Es werden zunächst grundlegende Optionen für soziales Management dargestellt, um diese anschließend aus zwei Perspektiven zu diskutieren. Diagnostisch fokussiert der Text zukünftige Entwicklungen des Alterns: Es werden Bevölkerungsentwicklung, unter anderem hinsichtlich der Kategorien des differenziellen Alterns, der Potenziale des Alterns, der Selbstbestimmung und Selbstständigkeit, sowie Tendenzen der Multimorbidität und der chronischen Erkrankungen angesprochen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass vieles darauf hindeutet, dass die Probleme der heute 70- bis 85-Jährigen nicht verschwinden, sondern sich lediglich in eine höhere Altersgruppe verschieben.

Dieser Erkenntnis geschuldet, ergänzen die Verfasser ihre Zukunftsdiagnose um die von Kruse und Wahl entwickelten Zukunftsszenarien [6], nehmen dabei allerdings eine Fokussierung auf das Altenheim vor. Die drei Prognosen Kruses und Wahls werden relativiert, nur teilweise bestätigt bzw. kritisch kommentiert. Geht man von einem deutlich pessimistischeren Szenario aus, ist ein ähnlicher Verlauf der Auseinandersetzungen zu erwarten. Generell werden die Hypothesen und Forderungen Kruses und Wahls aus dem Jahr 1994 in Zweifel gezogen und für eine Zukunftsdebatte abgelehnt. Erforderlich sei vielmehr eine Gesamtperspektive auf den gesellschaftlichen Kontext, in dem sich organisierte Altenhilfe in den kommenden Jahrzehnten bewege. Ausgehend von der These einer optimierungsbedürftigen organisierten Altenhilfe formulieren die Verfasser eine Entwicklungsagenda für soziales Management, die sich an drei allgemeinen Entwicklungszielen orientiert: a) Die Lebenswelt von in ihrer Selbständigkeit beeinträchtigen alten Menschen benötigt eine stärkere Bindung an das öffentliche Leben – die Heime brauchen infolgedessen mehr Öffnung nach außen: in Quartiere hinein, in die Nachbarschaft, zu anderen Einrichtungen. b) In der organsierten Altenhilfe muss es mehr Raum für private Lebenswelten, also mehr innere Freiheit sowie mehr Partizipation bzw. Mitwirkung geben. c) Neue und alte Optionen müssen allen Bürger(innen) offen stehen, unabhängig von wirtschaftlichen Möglichkeiten und verfügbarem Sozialkapital.

Anhand dieses Orientierungsrahmens werden drei handlungsleitende Thesen entwickelt, denen zufolge stationäre Langzeitpflege ein eigenes Profil ausbilden muss, um auf diesem Wege dem Klammergriff der Medizin zu entgehen, sodass sich eine neue Sorgekultur entwickeln kann. Des Weiteren sollten Einrichtungen ihre interne Qualitätsentwicklung neu überdenken, um sich von externen Normierungen der Prüfinstanzen zu lösen und eine Öffnung der Heime anzustreben. Radikal lehnt die Entwicklungsagenda die Forderung ab, Heime abzuschaffen, welche Dörner in seiner programmatischen Veröffentlichung „Helfensbedürftig – Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert“ formuliert [7]. Mit Blick auf das Individuum in seiner Selbstsorge, das Privatsystem, den dritten Sozialraum, das Religionssystem sowie das Erziehungs- und Bildungssystem mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, gute Pflege zu realisieren, folgen die Autoren Dörners Argumentation. Sie ergänzen diese jedoch um einen Community-Organizing-Ansatz mit einem strengen Territorialprinzip – auf diese Weise sollen die Unterstützung und Organisation von Bürgern und deren Initiativen mit dem Ziel der Selbstorganisation etabliert werden.

Abschließend schlagen die Autoren den Bogen zum Ausgangspunkt ihrer Argumentation: dem Anliegen, qualitative Ansprüche an eine gute Pflegepraxis zu beschreiben und eine übergeordnete Handlungsgrundlage als grundsätzliche Gestaltungsphilosophie im Sinne einer Metasteuerung zu formulieren. Es kristallisieren sich in der Zusammenschau sechs normative Ansprüche an soziales Management in der organisierten Altenhilfe heraus: a) Qualitätsentwicklung sollte zu einer eigenständigen Agenda im Organisationsalltag der Pflege und zum integralen Bestandteil jeder Einrichtungspolitik werden. b) Es muss permanent und proaktiv nach praktischen Optionen der Öffnung nach außen gesucht werden. c) Gleiches gilt für die Bemühungen Spielräume für Partizipation und Mitwirkung zu schaffen. d) Die Entwicklung eines Disziplinen übergreifenden Versorgungs- und Betreuungskonzepts muss vorangetrieben werden. e) Heiminterne Sozialbeziehungen im Sinne einer Intervisions- und Supervisionsperspektive müssen gestaltet werden. f) Der Ruf nach politischem sozialem Management darf nicht verklingen.

Diskussion

Die vorliegende Veröffentlichung ist als Lehrbuch konzipiert. Vor jedem Kapitel werden Lernziele definiert und ggf. auf ergänzende Literatur verwiesen, was ein strukturiertes und vertiefendes Studium der gelesenen Inhalte ermöglicht. Die übersichtlich und inhaltlich klar angeordnete Gliederung des Lehrbuches gestattet einen schnellen Überblick. Zusätzlich sichern Übungsaufgaben und Zusammenfassungen den Lernerfolg am Ende jedes Kapitels. Somit stellt der gesamte didaktische Aufbau, insbesondere die kurzen Zusammenfassungen und Aufgaben, einen gezielten Lernerfolg sicher.

Pflegemanagement im Setting „stationäre organisierte Altenhilfe“ erscheint als eine relativ junge akademische Disziplin im Feld der Gesundheitsversorgung. Üblicherweise werden in ähnlichen Lehrbüchern meist Optimierungsprozesse der Organisation in den Blick genommen, auf höhere Effizienz und Effektivität hin befragt und entsprechende Managementmethoden erläutert. Brandenburg, Bode und Werner beschreiten hier einen anderen Weg: Sie liefern diskursive Anhaltspunkte, wie Wissenserwerb im Pflegemanagement, mit dem Ziel verknüpft werden kann, das Feld organisierter Altenhilfe als Teil der Gesellschaft zu verändern und an bestehenden Verhältnissen Kritik zu üben.

Die Autoren entwerfen ein sachzielorientiertes Rahmengerüst und ermöglichen es so der Führungsebene und den strategischen Entscheidern, sich nicht den oktroyierten Gegebenheiten anpassen zu müssen, sondern vielmehr eigene Vorstellungen zu entwickeln, wie zukünftig ein „gutes Heim mit guter Pflege“ gelingen kann.

Fazit

Das vorliegende Werk zeigt sich als sehr gut für (angehende) Gestalter im Feld organisierter Altenhilfe in der Bundesrepublik Deutschland geeignet, unabhängig von deren Ausbildung-und Bildungsweg. Es bietet darüber hinaus einen umfangreichen Einblick in die Entstehungsgeschichte der stationären Altenpflege, aber auch auf den aktuellen Status quo sowie auf mögliche zukünftig relevante Aspekte in diesem Feld.

Das Lehrbuch eignet sich sowohl für den Einsatz in der Weiterbildung zur leitenden Pflegefachkraft als auch im Rahmen eines akademischen Studiengangs des Pflegemanagements.

„Soziales Management in der stationären Altenhilfe“ kann als ein gelungenes Lehrbuch mit facettenreichen Einblicken in aktuelle Diskussionen rund um Thematiken der Altenhilfe eingestuft werden. Das vorliegende Buch mit seinem Abgesang auf die stationäre Altenhilfe enthält anregende Aufforderungen für das Pflegemanagement neue Wege guter Pflege zu denken und diese zu diskutieren.

Literaturverzeichnis

  • Baltes, P./ Mittelstraß, J. (1992). Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung. Forschungsbericht 5 der Arbeitsgruppe Altern und gesellschaftliche Entwicklung, Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Berlin und New York: De Gruyter.
  • Dörner, K. (1975). Bürger und Irre – Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie (dt. Erstausgabe 1969). 2. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.
  • Dörner, K. (1988). Tödliches Mitleid. Gütersloh: Verlag Jakob van Hoddis.
  • Dörner, K. (2012). Helfensbedürftig – Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert. Neumünster: Paranus Verlag.
  • Görres, S. (2007). Was ist gute Pflege? Überlegungen zur Messung Ergebnisqualität. IPP-Bremen, Tagungsunterlagen, November 2007, http://www.hpg-ev.de/download/EQS-Pflege-Goerres-Ergebnisqualitaet.pdf [05.11.2014]
  • Kruse, A./ Wahl, H.-W. (Hrsg.) (1994). Altern und Wohnen im Heim: Endstation oder Lebensort. Bern: Hans Huber.
  • Werner, B. (2014). Geschichte und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. In: Soziales Management in der stationären Altenhilfe. Kontexte und Gestaltungspielräume (2014), S. 19 – 32. Bern: Huber.

[1] Vgl. Kruse/Wahl (1994)

[2] Vgl. Werner (2014; S. 21)

[3] Vgl. Dörner (1975) sowie (1988)

[4] Vgl. Baltes/ Mittelstraß (1992)

[5] Vgl. Görres (2007)

[6] Vgl. Kruse/Wahl (1994)

[7] Vgl. Dörner (2012)


Rezensent
Michael Krisch
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Zitiervorschlag
Michael Krisch. Rezension vom 18.12.2014 zu: Hermann Brandenburg, Ingo Bode, Werner Burkhard: Soziales Management in der stationären Altenhilfe. Kontexte und Gestaltungsspielräume. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. ISBN 978-3-456-85452-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17018.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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