socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jacques Rancière (Hrsg.): Kurze Reisen ins Land des Volkes

Cover Jacques Rancière (Hrsg.): Kurze Reisen ins Land des Volkes. Passagen Verlag (Wien) 2014. 168 Seiten. ISBN 978-3-7092-0121-3. D: 21,90 EUR, A: 21,90 EUR, CH: 31,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autor und Hintergrund

Bereits im Jahr 1990 erscheint das französische Original „Courts voyages au pays du peuple“, das 2003 ins Englische übertragen wurde und nun als „Kurze Reisen ins Land des Volkes“ in deutscher Übersetzung vorliegt. Thema ist dabei, wie der Titel verrät, das Reisen. Jacques Rancière beschäftigt sich hierbei jedoch mit dem Reisen innerhalb von Literatur und Film. Dabei Reisen die Literaten zum Teil persönlich und thematisieren die ihnen nicht bekannten Landschaften in ihren Texten, zum Teil besteht das Reisen auch darin, die eigenen Grenzen aufzusuchen und zu reflektieren. Reisen wird hier ausnahmslos zum Abenteuer: „als Rückkehr zum Ursprung, Abstieg in die Hölle oder Ankunft im gelobten Land.“ (11)

Thema und Aufbau

In drei Abschnitten beschreibt Rancière kürzere Reisen in die ländlichen Gebiete. Dabei ist für ihn das Reisen eine Bewegung an die Grenzen unserer Sprache und Identität. Er selbst schreibt in seinem Vorwort: „Vielleicht war der Kern der politischen Erfahrung unserer Generation – noch vor der Analyse der Unterdrückung oder dem Pflichtgefühl gegenüber den Unterdrückten – zu reisen, diese wiedererkennbare Fremdartigkeit, dieses Glänzen des Lebens selbst zu entdecken, das den Wörtern des Buches so gänzlich entgegengesetzt und doch so ähnlich ist.“ (12) Reisen an sich ist für ihn ein Entdecken. Das Schreiben der Literaten und Literatinnen soll dabei helfen den Stimmlosen eine Stimme zu verschaffen. Nicht die großen Namen aus den Metropolen sollen beschrieben werden, sondern die unbekannten Menschen am Rande unserer Umwelt, dort am Land wo neugierige Blicke seltener hinschauen. Die Reisenden sind laut Rancière aber anders als Politiker, die die vorzufindende Realität ihren Vorstellungen oder besser ihrer Vorstellungskraft anpassen und die Probleme leugnen.

Inhalt

Im ersten Abschnitt thematisiert Rancière Begegnungen von Schriftstellern auf Reisen. Er beginnt mit dem britischen Dichter William Wordsworth, der mit 20 Jahren als Student nach Frankreich reiste und nicht von den revolutionären Vorgängen, aber von den festlichen Aktivitäten angesteckt wurde. Die ausgelassenen, freundlichen und feiernden Menschen sind dann auch der Grund, dass der Dichter ein Jahr später wieder den Ärmelkanal überquert und diesmal eine völlig andere Atmosphäre erlebt. Die Revolution hat ihre Folgen gezeigt. Wordsworth trifft nach den Septembermassakern in der französischen Hauptstadt ein. Er sucht und findet in seinen Gedichten eine Sprache, die das bereiste Land nicht mehr so neidvoll färbt. Dabei zieht es ihn auf das Land, wo er eine schlichte Poesie verfolgt und seine Stimme den Ausgegrenzten leiht, die in der Erzählung der (glorreichen) Revolution keinen Platz gefunden haben. So schreibt er über ein totes Kind, das vier Jahre lang von seinen Eltern umhergetragen wurde, da man es nicht einem Armengrab überlassen wollte. „Der Dichter spricht am Grab des Kindes, das mit den Vögeln der Weisheit und der Nacht sprach. Das Gedicht ist die Zukunft desjenigen, dessen Spuren sich am Ufer des Wassers verlieren; es ist das bewahrte Leben des Kindes, das sterben hätte sollen, die Schranke des Sichtbaren, die inmitten des Sichtbaren überschritten wurde.“ (35)

Reisen hat dabei ein utopisches Moment, in dem die eigenen Träume durchquert werden. Die Schreibenden wissen dabei, dass ihre Imagination nur im Gegensatz zur Realität bestehen kann. Die Bewegung lässt den Reisenden die aufgesuchten Orte wie das eigene Zuhause erscheinen. Immer ferner rückt dabei die Rückkehr. Vielleicht geht deshalb Rancière bald zu Georg Büchner, denn dieser scheint selten bis kaum dorthin zurückgekehrt zu sein, wo er einst aufbrach. So ist Büchner auch nur schwer in eine Schublade einzuordnen, da er neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit und dem Verfassen von revolutionären Schriften auch Naturwissenschaftler und Mediziner war. Hier trennt Rancière Wissenschaft von Revolution und schreibt mit Büchner, dass Revolution und Aufklärung nicht zu vereinen sind. Sie sind nicht abgeschlossene Teilungen, die zur ewigen (sich teilenden) Bewegung verdammt sind.

Im zweiten Abschnitt beschäftigt sich Rancière mit sogenannten wahren und falschen Briefen von Paul Viallaneix Michelet und Rainer Maria Rilke. Die Reise Rilkes geht durch die Erfahrungen von einzelnen Menschen über die sozialen Klassen hinaus. Während sich Büchner, wie etwa im Hessischen Landboten, mit der Mobilisierung der Masse beschäftigt, steht für Rilke der einzelne Mensch im Vordergrund. Dabei wird seine Beziehung mit der Frau Marthe aus der Arbeiterklasse beschrieben. Durch die Beziehung mit Rilke wird Marthe nicht mehr länger der Arbeiterklasse zugehörig empfunden, sondern geht aus dieser hervor. Im Mittelpunkt steht hier die Liebe, die über die Grenzen einer Klasse hinausgehen kann, jedoch in diesem speziellen Fall ohnmächtig gegenüber den sozialen Strukturen ist. Die Beziehung muss scheitern, da die Reise ins Land des Volkes die Differenz von Realität und Dichtung vorzeigt. Der Dichter ist nicht in der Lage beide zu vereinen, obwohl er der ungehörten Realität eine Stimme verleihen kann.

Im dritten Abschnitt beschreibt Rancière eine Szene aus dem Film „Europa 51“ von Roberto Rossellini, in der die Schauspielerin Ingrid Bergman sich in der Beobachtung von spielenden Kindern auf der anderen Uferseite verliert. Am Selbstmord ihres Sohnes, der die Schrecken des Krieges nicht verarbeiten konnte, fühlt sie sich schuldig. Jedoch interessiert sie nicht die Gründe, die zum Selbstmord geführt haben, sondern seine letzten Sätze im Krankenhaus. Ihr Cousin Andrea, der als Journalist sein Geld verdient, sagt es ihr nicht, weil er weiß, dass etwas hinter den Sätzen, den Worten steckt. So führt er sie mit der Straßenbahn an die letzte Ausstiegsstelle und lässt sie dem Volk begegnen. Hier gibt es einen kranken Jungen, der im Sterben liegt, weil man nicht das nötige Geld für eine Operation aufbringen kann. Nachdem sich die Protagonistin Irene dem Jungen zuwendet und es ihm anschließend besser geht, verfällt sie mehr und mehr dem Wahnsinn und kommt in ein Irrenhaus. Damit passe der Film auch zum Reisen, eine Reise die zwar von der Entfernung nur an den Rand der Stadt führt, jedoch keine Rückkehr mehr zulässt. „Die richtige Geste ist das Ende des Wegs, die Erinnerung an eine Verirrung, die zu einem Friedensakt geworden ist. In der Anstalt ist wie anderswo, auch angesichts der Befriedungstechniken, der Frieden möglich, ist es möglich, sich seiner selbst zu erinnern, indem man zum Fremden wird“ (144). Irene wird zur Fremden in einer Atopie, jedoch zeigt der Film auf, wohin Reisende in die Atopie in der Gesellschaft Platz finden können.

Diskussion

Bertold Brecht zeigt in seinem Stück „Im Dickicht der Städte“ bereits zu Beginn die Ohnmacht der Literatur auf, indem er Gangster in einer Leihbibliothek aufmarschieren lässt, die dem Buchhändler Garga seine Ansichten über die Bücher abkaufen wollen und diese, als Garga zuerst nicht versteht, dann verweigert, die Bücher mit Maschinengewehrsalven von den Regalen schießen. Ganz so dramatisch geht Ranciére nicht vor. Letztendlich ist Literatur bei ihm noch immer ein Mittel um das Ungesehene und Ungehörte, sicht- und hörbar zu machen und strotzt damit auch (zumindest im Potential) von einer politischer Kraft. Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen Politik und seinen beschriebenen Reisen ins Land des Volkes. Wie eingangs erwähnt, spielen diese Reise nichts vor, wie es eventuell Politikerinnen und Politiker machen würden, da sie keine Besserung versprechen. Die aufgezeichneten Begegnungen, die Briefe und der Film bauen aber für aus der Gesellschaft ausgeschlossene Menschen ein Brücke zur Heimkehr. Diese Rückkehr ist aber gleichzeitig unmöglich, da der Ort und die Zeit des Aufbruchs nicht mehr existiert. Wozu dient nun die bereitgestellte Brücke, die zum Betreten einlädt? Sie dient dem Reisen, der Bewegung und Veränderung.

Fazit

Obwohl Wordsworth bei seiner zweiten Reise nach Frankreich keine guten Worte der Beschreibung für die damals gegenwärtigen Zustände nach der Revolution verlieren kann, ist Rancière der Revolution grundsätzlich nicht abgeneigt. Für ihn scheint jedoch eine Revolution in der Atopie erstrebenswert, weil dorthin die Reise grundsätzlich an vorderster Stelle steht, der Ort aber nicht erreicht werden kann (bzw. nicht wie bei einer Utopie erreicht werden soll) und die Poesie wesentlich ist. Rancières Reisen bleiben, wie es der Titel verspricht kurz, führen jedoch von Gedichten zu literarischen Briefen bis hin zu Bilder eines Filmes, die alle zusammen Begriffe wie Klasse, Utopie bzw. Atopie und Revolution neu zu bestimmen versuchen. Letztendlich ist das Buch „Kurze Reisen ins Land des Volkes“ ein Text über das emanzipatorische Potential und für die interessant, die sich mit ästhetischen und politischen Prozessen auseinander setzen.


Rezension von
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
E-Mail Mailformular


Alle 16 Rezensionen von Andreas Hudelist anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 11.07.2014 zu: Jacques Rancière (Hrsg.): Kurze Reisen ins Land des Volkes. Passagen Verlag (Wien) 2014. ISBN 978-3-7092-0121-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17034.php, Datum des Zugriffs 28.02.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht