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Sven Rahner: Architekten der Arbeit

Cover Sven Rahner: Architekten der Arbeit. Positionen, Entwürfe, Kontroversen. Edition Körber (Hamburg) 2014. 310 Seiten. ISBN 978-3-89684-156-8. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.

Ralf Nietmann (Illustrationen).
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Thema

Das Buch umfasst ca. 300 Seiten und führt durch 18 Gespräche, die Sven Rahner mit Persönlichkeiten aus Forschung, Politik und Wirtschaft im Rahmen seiner Arbeit geführt hat.

Autor

Sven Rahner arbeitet als Experte journalistisch und forschend zu den Themen Bildung und Arbeit, Digitalisierung der Arbeitswelt und Arbeitsmarkt- und Sozialplitik. Er promoviert zum Thema Fachkräftesicherung an der Universität Kassel und veröffentlicht regelmäßig in Fachzeitschriften und entsprechenden Online-Medien.

Entstehungshintergrund

Inspiriert wurde der Autor zu diesem Buch bei einem Forschungsaufenthalt in der Library of Congress in Washington, D.C. 2012. In den USA führte Sven Rahner eine Interviewreise durch. Bei dieser fand er sich darin bestätigt, neben der Literaturarbeit aus anregenden und aufschlussreichen Gesprächen wichtige Kenntnisse zu ziehen. Mit dem vorliegenden Buch stellt er diese Gespräche in ihrer unmittelbaren Form als Abdruck des Gesprochenen einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Aufbau

Das Buch ist entlang der 18 Gespräche aufgebaut, die wiederum in vier Gruppen gegliedert wurden. Der Autor beginnt mit einem rahmenden Plädoyer: Die Arbeit der Zukunft braucht uns alle! als Einleitung.

Anschließend werden unter der Überschrift „Arbeit in Deutschland, Europa und der Welt“ folgende Gespräche angeführt:

  • Richard Sennet,
  • Richard B. Freeman,
  • Peter A. Hall.

Im zweiten Block zum Thema „Megatrends, Arbeitsglück und die stille Revolution“ sind folgende Gespräche gesammelt:

  • Matthias Horx,
  • Tim Hagemann und
  • Mercedes Bunz.

Innenansichten und praktische Perspektiven“ liefern die GesprächspartnerInnen im dritten Teil:

  • Thomas Sattelberger,
  • Günter Wallraff,
  • Henning Kagermann,
  • Detlef Wetzel,
  • Brigitte Ederer und
  • Michael Sommer.

Den letzten Block stellen die Interviews mit den VertreterInnen der Politik „Politische Reflexion und Gestaltung“ dar:

  • Franz Müntefering,
  • Rita Süssmuth,
  • Kurt Biedenkopf,
  • Katrin Göring-Eckardt,
  • Christian Lindner und
  • Katja Kipping.

Den Abschluss des Buches bildet eine Danksagung des Autors.

Ausgewählte Inhalte

In seinem Einstiegsszenario zeichnet Sven Rahner den Alltag in einer „Smart Factory“ nach. Aufträge setzen vollautomatisch durch Webapplikationen gesteuerte Vorgänge in Produktionsstätten in Gang. Menschen überprüfen die Leistung der Computer und Maschinen und leiten Informationen weiter bzw. bestätigen den Eingang von wichtigen Informationen. Bis an den Punkt, wo der LKW-Fahrer des Spediteurs beim Frühstück über sein Smartphone prüft, ob die Lieferung pünktlich abholbereit ist.

Nicht nur Berufsbilder verändern sich in den letzten Jahren durch techische Änderungen rasant, sondern auch die Verläufe der Erwerbsbiografien. Neue Lebensarbeitszeitmodelle werden in den Büros der VordenkerInnen entworfen und vereinzelt in den Unternehmen sogar schon umgesetzt. Das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in aller Munde. Sven Rahner sieht dabei heute schon eine gute Vereinbarkeit (S 11) umgesetzt. Dieser Punkt ist jedoch alle mal zu diskutieren. Wenn z.B. Brigitte Ederer im Gespräch argumentiert wieso Teilzeitführungspositionen nicht vorstellbar sind (S 184), dann reduziert dieses Verständnis eine wesentliche Möglichkeit die Vereinbarkeit vor allem für sorgetätige Frauen und Männer zu verbesssern.

Dem Autor liegt es am Herzen, Zukunftsszenarien für die Arbeitswelt zu zeichnen. Unter diesem Blickwinkel hat er seine GesprächspartnerInnen ausgewählt und sie „Architekten“ genannt. Eine möglichst große Vielfalt der Positionen ist ihm wichtig. Er will mit seinem Buch ein Plädoyer für die (Mit-)Gestaltbarkeit der Zukunft der Arbeit legen und zum Vordenken der LeserInnen anregen.

Trotz aller Unterschiedlichkeit der Aussagen konnte Rahner in einem Verdichtungsversuch drei Thesen zur Zukunft der Arbeitswelt herauskristallisieren:

  1. Die Digitalisierung (am Beispiel der Smart Factory besonders gut verdeutlicht),
  2. die zunehmende Diversifizierung der Arbeit (in Hinblick auf Alter, Geschlecht und Ethnie der handelnden Personen) und
  3. eine verstärkte Demokratisierung der Strukturen innerhalb der Unternehmen.

Als Beispiel für den eigentlichen Inhalt des Buches, die Gespräche, greife ich jenes mit Mercedes Bunz heraus (S 91ff). Bunz ist überzeugt, dass unsere Gesellschaft einer digitalen Transformation unterliegt, mit der jedes Individuum die Möglichkeit zur Mitgestaltung bekommt. Sie sieht in der Digitalisierung große Chancen. Die in Magdeburg geborene promovierte Philosophin lebt in London und vertritt ihre Positionen als „Vordenkerin der Digitalisierung“. Die Algorithmisierung der Arbeit, also das „[…] Sortieren und Filtern von Information durch digitale Geräte und Software“ (S 93), ist für sie einer der entscheidendsten Trends in Bezug auf die Arbeit. Durch technische Möglichkeiten können verschiedenste Endgeräte ans Internet angeschlossen werden und dadurch automatisiert Entscheidungen ableiten. Der große Umfang an Informationen, welcher durch das Internet und die Verarbeitung der Informationen über Algorithmen zur Verfügung steht, birgt Herausforderungen für das Bildungssystem. Anstatt von Wissensreichtum zu sprechen, bekommt es den Anschein einer Informationsüberflutung. Daran angehängt sieht Bunz eine unterschiedliche Bewertung von Wahrheit und Fakten. „Der unbeständige digitale Fakt hat eine andere Wahrheitskonnotation als der Fakt des Industriezeitalters. Als wahr wurde damals angesehen, was dauerhaft Bestand hatte, doch diese Eigenschaft ist mit der sich ständig aktualisierenden Wissenslandschaft der digitalen Gegenwart nicht mehr kompatibel.“ (S 96)

Die von Rahner in allen Interviews gestellte abschließende Frage nach der persönlichen Vision für die Zukunft der Arbeit, beantwortet Mercedes Bunz mit einer Reflexion über den Stellenwert von Arbeit im Leben eines Menschen in der westlichen Gesellschaft. Sie macht darauf aufmerksam, dass Arbeit immer zeitgleich für uns und für andere passiert, und uns daher nicht „gehöre“. Arbeit ist also wichtig, aber sie sollte nicht das Einzige sein, was als „sozial“ und gesellschaftlich relevant gilt. „Meine Vision wäre also, sie als eine komplexe Angelegenheit zu betrachten, die wichtig für uns Menschen ist, die aber gesellschaftlich gestaltet werden muss.“ (S 101)

Diskussion und Fazit

Ich habe dieses Buch quasi ‚verschlungen‘. Der Aufbau in Form der Gespräche ist überaus gelungen. Sven Rahner gibt jeweils zu Beginn eines Gesprächs auf 1,5 – 2 Seiten honorierende Hintergrundinformationen zum Gesprächspartner/zur Gesprächspartnerin und zu den Rahmenbedingungen der Gesprächssituation. Der Verlauf der jeweiligen Gespräche ist durch eine gut vorbereitete Fragestrategie des Autors als Interviewer gesteuert. Obwohl die Kernkompetenzen der verschiedenen Menschen das Thema Arbeit aus den verschiedensten Blickwinkeln erfassen, leitet Rahner mit der Gesprächsführung immer wieder auf seine Kernfragen zur Zukunftsszenarien der Arbeit hin. Mit diesem Konzept gelingt es ihm, in aller Unterschiedlichkeit der Perpektiven, ein stimmiges Gesamtwerk zu veröffentlichen.

Einziger Kritikpunkt, der nicht unbedingt dem Autor zuzusprechen ist, sondern den jahrhunderte langen gesellschaftlichen Strukturen geschuldet zu sein scheint, ist die unausgewogene Geschlechterbalance: von 18 Gesprächen wurden lediglich fünf mit Frauen geführt.

Der Text ist leicht lesbar, eine vielleicht sogar unterschätzte Lektüre, die die Leserin/den Leser zu eigenständigem forschenden Denken anregen kann. Solche Bücher zwischen Wissenschaft und Journalismus wünsche ich mir mehr!


Rezension von
Dr. Lea Putz-Erath
Geschäftsführerin femail, FrauenInformationszentrum Vorarlberg
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Zitiervorschlag
Lea Putz-Erath. Rezension vom 13.11.2014 zu: Sven Rahner: Architekten der Arbeit. Positionen, Entwürfe, Kontroversen. Edition Körber (Hamburg) 2014. ISBN 978-3-89684-156-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17050.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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