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Frank Nestmann, Frank Engel u.a. (Hrsg.): Das Handbuch der Beratung. Band 1 Disziplinen und Zugänge

Cover Frank Nestmann, Frank Engel, Ursel Sickendiek (Hrsg.): Das Handbuch der Beratung. Band 1 Disziplinen und Zugänge. dgvt-Verlag (Tübingen) 2004. 560 Seiten. ISBN 978-3-87159-048-1. 36,00 EUR.

Band 1 und 2 zusammen im Schuber ISBN 3-87159-050-9, EUR 82,–.
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Einführung

Die Herausgeber widmen dieses Handbuch dem größten und vielfältigsten Tätigkeitsbereich der sozialen , pädagogischen, psychologischen und gesundheitlichen Profession - der Beratung. Die Autorinnen und Autoren beschreiben und analysieren den aktuellen Stand der Wissenschaft und Praxis und skizzieren Entwicklungen von Beratung in traditionellen und neuen Beratungsfeldern. Damit ist ein Handbuch entstanden, welches erstmals in deutscher Sprache Beratung in dieser Breite und Differenziertheit vorstellt und erörtert. Dieses Handbuch bietet somit ein lebendiges Bild der gegenwärtigen Beratungslandschaft.

Inhalt

Allein der schon sehr umfangreiche erste Band bietet 40 Kapitel von je ca. 10 Seiten, auf welchen über 40 Autorinnen und Autoren ihre Sicht auf Beratung darstellen.

Alle Kapitel hier eingehend zu beschreiben und zu diskutieren, wäre auf der einen Seite eine anspruchsvolle und wahrscheinlich auch lohnende Aufgabe, auf der anderen Seite aber würde einer solchen Rezension jegliche praktikable Lesbarkeit abgehen. Von daher beschränke ich mich darauf, das Inhaltsverzeichnis hier nur zu nennen und mich später mit einigen, subjektiv ausgewählten Kapiteln exemplarisch eingehender zu beschäftigen.

I .Vorwort und Einleitung
  • Vorwort der HerausgeberInnen
  • "Beratung" - Ein Selbstverständnis in Bewegung (Frank Engel, Frank Nestmann & Ursel Sickendiek)
II. Beratungsdisziplinen
  • Psychologie und Beratung (Annette Schröder)
  • Beratungspsychologie / Counseling Psychology (Frank Nestmann)
  • Pädagogische Psychologie und Beratung (Christine Schwarzer & Norbert Posse)
  • Psychotherapie und Beratung (Ruth Großmaß)
  • Allgemeine Pädagogik, Erziehungswissenschaft und Beratung (Frank Engel)
  • Sozialarbeit / Sozialpädagogik und Beratung (Hans Thiersch)
  • Soziologie und Beratung (Bernd Dewe)
  • Philosophie und Beratung (Eckart Ruschmann)
  • Beratung als Begegnung von Person zu Person - Zum Verhältnis von Theologie und Beratung (Peter F. Schmid)
  • Gesundheitswissenschaften / Medizin und Beratung (Georg Hörmann)
  • Rechtswissenschaften und Beratung (Friedrich Barabas)
  • Wirtschaftswissenschaften und Beratung (Albrecht Becker)
III. Geschlecht und Beratung
  • Frauen und Beratung (Irmgard Vogt)
  • Beratung von Männern (Gerd Stecklina & Lothar Böhnisch)
  • Gender Troubles in der Beratung (Carmen Tatschmurat)
  • Beratung für Lesben und Schwule (Kurt Wiesendanger)
IV. Alter und Beratung
  • Beratungsprozesse mit Kindern (Irmgard Köster- Goorkotte, Sergio Chow)
  • Beratung für Jugendliche (Christian Reutlinger)
  • Beratung für alte Menschen (Fred Karl)
V. Kultur und Beratung
  • Beratung: Interkulturell (Paul Mecheril)
  • Beratung für Migranten (Gari Pavkovic)
  • Interkulturelle Kompetenzen in der Beratung (Stefan Gaitanides)
VI. Beratung und soziale Systeme
  • Personzentrierte Beratung (Klaus Sander)
  • Systemische Paarberatung (Andrea Ebbecke-Nohle)
  • Beratung in Gruppen (Wolfgang Rechtien)
  • Beratung im Kontext von Selbsthilfe:Fachliche Grundlagen und gesellschaftliche Implikationen (Wolfgang Thiel)
  • Teamsupervision (Harald Pühl)
  • Netzwerk und Beratung (Florian Straus)
  • Organisationsberatung und -entwicklung: Veränderung durch Entwicklung und Lernen (Gerhard Fatzer)
  • Beratung in sozialen Kontexten - Community Counseling (Albert Lenz)
VII . Perspektiven und Entwicklung der Beratung
  • Ethische Richtlinien für Beratung (Wolfgang Schrödter)
  • Beratung als Förderung von Identitätsarbeit in der Spätmoderne (Heiner Keupp)
  • Beratungsräume und Beratungssettings (Ruth Großmaß)
  • Beratung und Neue Medien (Frank Engel)
  • Beratung im Kontext von Prävention (Bernd Röhrle)
  • Beratung in der Krisenintervention (Ingeborg Schürmann)
  • Beratung und Empowerment - Empowerment-orientierte Beratung? (Wolfgang Stark)
  • Beratung zwischen alltäglicher Hilfe und Profession (Frank Nestmann)
  • Counselling in the United Kingdom, And Counselling as it might be (Colin Feltham)

Diskussion

Der enorme Umfang diese ersten Bandes bietet eine Differenziertheit des Themas "BeratungÓ, die in Deutschland ihresgleichen sucht. Wird der in Kürze erscheinende zweite Band, der ebenso umfangreich wird, hinzugenommen, mag der eine oder andere Leser sich schon fast wieder etwas mehr praktische und konzeptionelle Vereinheitlichung wünschen. Die Herausgeber werten diese Differenziertheit in der Theorie und Praxis jedoch als eine besondere Stärke der Beratung, da sie offen sei für unterschiedlichste Felder, Klientele und Anliegen. Somit findet sich hier auch keine einheitliche Theorie der Beratung. Stattdessen machen Frank Engel, Frank Nestmann und Ursel Sickendiek in ihrem Kapitel "Beratung - Ein Selbstverständnis in Bewegung" deutlich, dass Beratung eine professionelle Querschnittsintervention durch alle pädagogischen, psychologischen und sozialen Bereiche ist, welche nur in jedem einzelnen Kontext wissenschaftlich erforscht werden kann.

Diese Breite des Begriffs "Beratung" und seine Verortung im Professionellen, Semi- Professionellen und im Alltäglichen mache ihn schwierig. Positiv daran sei, dass Beratung so schwellenniedrig anbietbar und nutzbar ist. Negativ sei, dass die Fähigkeit, beratend tätig zu sein, quasi als "naturwüchsig" angesehen werde und keine besondere Ausbildung zu benötigen scheine (vgl. S. 34). Die Herausgeber erheben natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, jedoch fallen mir nur noch wenige Bereiche der Beratung ein, die nicht in einem der Bände ihren Platz gefunden haben. So wird mit Sicherheit für jeden Praktiker und Theoretiker der Beratung Wichtiges dabei sein.

Persönliche Anmerkung

Ich erhoffe mir von diesem bedeutenden Werk, dass es der Beratung einen großen Schritt nach vorne verhilft zu dem Ziel einer autonomen und wissenschaftlich untersuchten Profession.

Von einer "Alltagsberatung" hat sich die professionelle Beratung schon lange entfernt, nun muss sie sich noch entfernen und verselbständigen von ihrem Dasein als "Stiefkind" der Psychotherapie. Obwohl diese Diskussion schon in den 70er Jahren entstand, wird allzu häufig Beratung und Praxis und Lehre noch verortet als "kleine" Psychotherapie mit "einfachen" Fällen und "geringer" Ausbildung. Ich wünsche mir, dass dieses Buch der Beratung in Deutschland ein Stück mehr zu einer eigenen Identität mit professioneller Kompetenz verhilft.

Einen wichtigen Beitrag liefert hierzu Klaus Sander in seinem Kapitel "Personzentrierte Beratung", in welchem er sich den spezifischen "Störungen" der Beratungsklienten, sowie deren Ursachen zuwendet. Laut Sander erlebt auch ein Beratungsklient Inkongruenzen (erhebliche und andauernde Erfahrungen von Unstimmigkeit), jedoch andere als der Psychotherapieklient. Während der Therapieklient eher Inkongruenzen zwischen Selbst und inneren, organismischen Erfahrungen erlebt, hat der Beratungsklient Inkongruenzen zwischen Selbstkonzept und gegenwärtiger Anforderungen aus Erlebnisbereichen intimer Bezugspersonen, -Gruppen und Lebenswelt (vgl.S.336). Somit liefert Sander hier einen ersten Beitrag zu einer "Störungstheorie", oder besser gesagt, einer "Belastungstheorie" der Beratung.

Dem Verhältnis und der Differenzierung von Psychotherapie zu Beratung widmet sich Ruth Großmaß in ihrem Kapitel "Psychotherapie und Beratung". Sie formuliert: "Psychosoziale Beratung bezeichnet ein professionelles psychosoziales Handeln, das Orientierungshilfe bei der Klärung individueller Probleme bietet, die aus sozialen Anforderungen entstehen und den persönlichen, intimen Bereich der Person betreffen und irritieren. Beratung beruht auf der Freiwilligkeit ihrer Inanspruchnahme. Arbeitsmittel sind unterschiedliche Ebenen der Kommunikation von der Information über Sachverhalte über die Bereitstellung von pragmatischen Tipps bis zu Selbstmodifikationsangeboten und psychotherapeutischen Interventionen" (S. 100). Leider findet sich dabei auch keine Definition für "die" Beratung, da es "die" Beratung nicht gibt. Wie dieses Handbuch deutlich zeigt, gibt es informelle Beratung, psychologische Beratung, soziale Beratung, pädagogische Beratung, psychosoziale Beratung usw. usw.

Fazit

Den Herausgebern ist es hier gelungen, eine große Auswahl von renommierten Autorinnen und Autoren aus Theorie und Praxis für ihr Buch zu gewinnen, welche umfangreich den aktuellen Stand der Beratung beschreiben. Die Kapitel sind in verständlicher Sprache verfasst, garantieren daher eine gute Lesbarkeit. Wenn vielleicht auch nicht jeder Leser das Interesse und die Ausdauer hat, das komplette Buch zu lesen, so eignet es sich auch sehr gut zu einem lexikonartigen Nachschlage einzelner Kapitel. Mich als beratender Nicht- Psychologe freut es besonders, Beratung nicht nur im Bereich der klinischen Psychologie zu sehen, sondern auch in Bereichen der Pädagogik, Sozialarbeit, Soziologie, Philosophie, Recht- und Wirtschaftswissenschaften usw. So vertritt z.B. Frank Engel in seinem Kapitel "Allgemeine Pädagogik, Erziehungswissenschaft und Beratung" die Meinung, welcher ich mich als Pädagoge nur anschließen kann, dass "Beratung gerade in der pädagogischen Praxis auf weiten Strecken psychologischer Import ist ( . . .) Eine so "psychologiereduzierte" pädagogische Beratung bleibt zwangsläufig in der Konsequenz mit ihren Konzepten der Denktradition der Psychotherapie verhaftet" (S.105). Hier stellt sich mir die Frage, wo die theoretische Identität pädagogischer und sozialpädagogischer Beratung ist . . . ? Vielleicht gibt hierüber ja der zweite Band Aufschluss.

Auf jeden Fall ein bedeutendes und absolut lesenswertes Werk !


Rezensent
Dipl. Soz.-Päd. Torsten Ziebertz
Personzentrierter Berater, Systemischer Familientherapeut
Promovend am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Düsseldorf. Praktisch tätig in der Familienberatung und der Erwachsenenbildung.


Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zum 2. Band des Handbuchs der Beratung.


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Zitiervorschlag
Torsten Ziebertz. Rezension vom 27.07.2004 zu: Frank Nestmann, Frank Engel, Ursel Sickendiek (Hrsg.): Das Handbuch der Beratung. Band 1 Disziplinen und Zugänge. dgvt-Verlag (Tübingen) 2004. ISBN 978-3-87159-048-1. Band 1 und 2 zusammen im Schuber ISBN 3-87159-050-9, EUR 82,–. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1706.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


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