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Hannah Cholemkery, Christine Freitag: Soziales Kompetenztraining für Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen

Cover Hannah Cholemkery, Christine Freitag: Soziales Kompetenztraining für Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 223 Seiten. ISBN 978-3-621-28148-5. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema

Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben das gleiche Bedürfnis nach Freundschaften und Beziehungen wie andere Menschen. Sie haben Probleme damit, soziale Reize zu erfassen und adäquat zu reagieren. Sie reagieren oftmals unverständlich und erleben deshalb Zurückweisungen. Das in diesem Buch vorgestellte soziale Kompetenztraining will Kindern und Jugendlichen zwischen 9 und 18 Jahren wichtige Basiskompetenzen vermittelt.

Autorinnen

Dr. Hannah Cholemkery ist Diplom Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Frankfurt.

Prof. Dr. Christine M. Freitag ist Leiterin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Frankfurt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält 221 Seiten. Zum Buch gehört ein Downloadcode für die pdf-Version des Buches sowie Arbeitsmaterialien, auf die im Fließtext hingewiesen wird. Das Buch gliedert sich in zwei Teile.

I. Störungsbild

  • 1. Geschichte des Autismus
  • 2. Definitionskriterien und Klassifikation
  • 3. Komorbidität und Differenzialdiagnosen.
  • 4. Epidemiologie und Ätiologie
  • 5. Diagnostik
  • 6. Lebensumwelten und Prognose
  • 7. Interventionen

II. Therapie

  • 8. Konzept der Gruppentherapie
  • 9. Struktur des Trainings
  • 10. Beschreibung der einzelnen Sitzungen
  • 11. Elternabende

Ein Literatur- und Sachwortverzeichnis ergänzt diesen Aufbau.

Das erste Kapitel trägt den Titel Geschichte des Autismus, das zweite Kapitel beschreibt Definitionskriterien und Klassifikation: tiefgreifende Entwicklungsstörungen in ICD-10 und DSM-IV-TR sowie Subtypen wie das Rett-Syndrom und die sog. desintegrativer Störung, es gibt einen Ausblick zum Begriff des Autismus-Spektrums. Im Folgenden werden die Aspekte Motorik, Sensorik, Aufmerksamkeit, Exekutive Funktionen, Zentrale Kohärenz/Lokale Informationsverarbeitung, soziale Kognition, Empathie. soziale Motivation und soziales Lernen betrachtet.

Kapitel drei betrachtet mögliche Komorbidität und Differenzialdiagnosen.

Kapitel vier befasst sich mit der Epidemiologie und Ätiologie.

Das fünfte Kapitel Diagnostik erläutert Screening- und Diagnoseinstrumente sowie die Anamnese und eine testpsychologische Leistungsdiagnostik.

Kapitel sechs trägt den Titel Lebensumwelten und Prognose und Kapitel sieben stellt Interventionen vor. Darunter sind die Frühförderung, das Elterntraining, gruppentherapeutische Interventionen für Kinder und Jugendliche mit ASS und guten kognitiven Fertigkeiten, computergestützte Verfahren, ein soziales Kompetenztraining sowie die Entwicklung des SOSTA-FRA-Manuals gefasst.

Das achte Kapitel Konzept der Gruppentherapie stellt grundlegende Ziele, die Zielgruppe und Empfehlungen für die Gruppenzusammenstellung, die Rahmenbedingungen, therapeutische Methoden und Didaktik, Menschenbild und Therapeutenvariablen sowie den Umgang mit schwierigen Situationen vor.

Das neunte Kapitel Struktur des Trainings stellt die Grundstruktur des Trainingsablaufs und Themenbausteine vor. Es gibt einen inhaltlicher Überblick und beschreibt die einzelnen Sitzungen: Sitzung 1: Kennenlernen und Einführung: „Was kommt auf mich zu?“, Sitzung 2: Kommunikation: „Ich sage etwas aus durch …“, Sitzung 3: Gefühle I: Ich spüre was, das du nicht siehst – Gefühle erkennen, Sitzung 4: Gefühle II: „Meine Gefühle ausdrücken, deine Gefühle erkennen – so verstehen wir uns besser!“, Sitzung 5: Gefühle III: „Welches Gefühl passt zur Situation?“, Sitzung 6: Impulskontrolle und Selbstregulation: „Ich kann mit meiner Wut gut umgehen!“, Sitzung 7: Soziale Interaktion und Problemlösen I: „Soziale Regeln -Wann ist ein Fehler wirklich schlimm?“, Sitzung 8: Soziale Interaktion und Problemlösen II: „So komme ich in Kontakt!“, Sitzung 9: Soziale Wahrnehmung: „Heute trau ich mich, selbstbewusst zu sein!“, Sitzung 10: Selbst- und Fremdwahrnehmung I: „Das kann ich gut – das kannst du gut!“. Sitzung 11: Selbst- und Fremdwahrnehmung II: „Perspektivwechsel -so komme ich ins Gespräch!“, Sitzung 12 Abschluss und Abschied nehmen: „Das vergesse ich nicht“. Aktive Nachmittage: Konzept 12+6: „Wiederholung, Vertiefung, Transfer!“

Das Buch endet mit dem Kapitel Elternabende, in dem drei Sitzungen mit Eltern empfohlen werden und einem Literatur- und Sachwortverzeichnis.

Diskussion

Auf jeder Seite ist am unteren Seitenrand die Kapitelüberschrift benannt, was die Orientierung im Buch erleichtert. Der Fließtext enthält grau hinterlegte Textboxen, die Tabellen, Merksätze, Erläuterungen oder Fallbeispiele enthalten. An den Seitenrändern weisen Icons auf die Arbeitsmaterialien hin. Im neunten Kapitel „Struktur des Trainings“ beginnt jede Beschreibung der Sitzung mit einer Tabelle, in der der jeweilige Themenblock, Ziele und Materialien aufgelistet sind.

Wie andere Kinder und Jugendliche auch haben Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben das Bedürfnis nach Freundschaften und Beziehungen. Sie haben Probleme soziale Reize in der Mimik, Sprache oder Körperhaltung ihres Gegenübers zu erfassen. Das führt zu Verhaltensweisen, die der Umwelt oftmals unverständlich erscheinen. Sie erleben täglich Zurückweisungen, die sie verunsichern. Ihre Kompensationsversuche münden nicht selten in Depressionen oder Aggressionen.

Das hier vorgestellte soziale Kompetenztraining gibt Anleitungen und Übungen zur Verbesserung sozialer Fertigkeiten für Kindern und Jugendlichen zwischen 9-18 Jahren. Ziel ist sich in der sozialen Umwelt besser zu orientieren, mit Schwierigkeiten zurechtzukommen und soziale Kontakte zu gestalten. Das Soziale Kompetenztraining vermittelt eine Vielzahl an Materialien und Übungen. In 12 strukturierten und 6 freien Gruppenstunden werden wichtige Basiskompetenzen mit geübt. Sie beziehen sich auf die Bereiche

  • Benennen, Erkennen und Üben des emotionalen Ausdrucks
  • Kommunikationsregeln
  • Kontaktaufnahme und Gestaltung
  • Fremd- und Selbstwahrnehmung
  • Umgang mit schwierigen Situationen

Die Termine haben immer den gleichen Ablauf. Dieser wird ausführlich erläutert. Jede 3. Sitzung kann zur Wiederholung und freien Gestaltung gemeinsamer Aktivitäten zur Förderung von Selbstständigkeit und Transfer des Gelernten in Alltagssituationen genutzt werden. Bei dem Konzept handelt es sich um ein Stufenmodell von Themenbausteinen. Die Begleitung der Eltern gehört zum Training dazu. Dafür sind drei Sitzungen vorgesehen. Nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern sind häufig vor enorme Herausforderungen gestellt.

Es war den Autorinnen ein Anliegen, dies hier vorgelegte Therapiemanual so zu gestalten, dass es von niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen adaptiert werden kann. Die Anwendung des Therapiemanuals setzt ein therapeutisches Grundwissen voraus. Man sollte mit dem Personenkreis Erfahrung haben und sich sorgfältig in das Therapiekonzept einarbeiten. Das Konzept (SOSTA) wurde in drei Jahren an sechs Standorten in 14 Gruppen eingesetzt. Es zielt darauf ab, Umgangsstrategien zur Verbesserung des sozialen Funktionsniveaus herzustellen, denn es fehlt an Behandlungskonzepten und Therapieplätzen. Diese Lücke soll durch diese Art des Gruppentrainings geschlossen werden. Bemerkenswert fand ich die angegebene Gruppengröße: auf zwei Therapeutinnen sollten nicht mehr als 5 teilnehmende Kinder und Jugendliche kommen. Das sind sehr kleine Gruppen und dieses Vorgehen bedeutet, dass es zahlreiche dieser Gruppen geben muss, um die beschriebene Lücke zu schließen.

Mit Auflage des Buches ging der Anspruch einher, dass die vorgestellten Arbeitsmaterialien aufwandsarm in die eigene Praxis übertragen können. Die Praxis wird zeigen, ob die Übertragung in einen außerklinischen Kontext gelingen kann. Das betrifft auch die Empfehlungen an die Eltern. Der Einsatz von Plänen wird zwar empfohlen, leider nur sehr spärlich erklärt, was dahinter steht und wie die Eltern diese erarbeiten sollen. Aus meiner Erfahrung sind Pläne dann hilfreich, wenn sie gut gemacht sind und die Bedürfnisse des Kindes/Jugendlichen nach Vorhersehbarkeit und Sicherheit abbilden. Ich bezweifle, dass Eltern dieses Wissen aus sich heraus mitbringen. Es wäre sehr bedauerlich, wenn die Methode mit Strukturierungshilfen durch Visualisierung zu arbeiten (wie nach dem TEACCH Ansatz) durch derartige Tipps in Misskredit gebracht würde. An dieser Stelle wäre es wünschenswert, dass Eltern intensiv in die Methodik eingearbeitet würden oder flankierend in der Form begleitet würden, dass sie sich in der Lage fühlen, mit Plänen zu arbeiten. Die Evaluation des hier vorgestellten Gruppentrainings ist noch nicht abgeschlossen. Es bleibt spannend,ob dieses Training nachhaltige Ergebnisse erzielen wird.

Fazit

Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben das gleiche Bedürfnis nach Freundschaften und Beziehungen wie andere Menschen. Sie haben Probleme damit soziale Reize zu erfassen. Sie reagieren oftmals unverständlich und erleben deshalb Zurückweisungen. Das in diesem Buch vorgestellte soziale Kompetenztraining will Kindern und Jugendlichen zwischen 9 und 18 Jahren wichtige Basiskompetenzen vermitteln.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 15.09.2014 zu: Hannah Cholemkery, Christine Freitag: Soziales Kompetenztraining für Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. ISBN 978-3-621-28148-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17061.php, Datum des Zugriffs 27.05.2019.


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