socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Boike Rehbein, Jessé Souza: Ungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften

Cover Boike Rehbein, Jessé Souza: Ungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 228 Seiten. ISBN 978-3-7799-2947-5. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die Publikation ist weder der soziologischen Ungleichheitsforschung noch einem marxistischen Ansatz zuzuordnen, wie manche/r vom Titel her erwarten würde. Die Autoren knüpfen zwar nach eigenen Angaben an Marx, Weber und vor allem Bourdieu an, beanspruchen aber einen eigenen Weg zu gehen und durch die Ausweitung ihrer Forschung auf drei Kontinente neue Erkenntnisse darüber gewonnen zu haben, wie soziale Ungleichheit entsteht und sich reproduziert.

Autoren

Boike Rehbein ist Professor „für Gesellschaft und Transformation in Asien und Afrika“ an der Humboldt-Universität in Berlin.

Jessé Sousa ist Professor für Soziologie in Brasilien an der Universidade Federal Fluminense und forscht über die Gesellschaften Lateinamerikas.

Entstehungshintergrund

Die Vf. verweisen einleitend auf reiches empirisches Material, das sie mit Hilfe von Teams in vier Staaten auf drei Kontinenten gesammelt haben, nämlich außer in Deutschland in Brasilien, Indien und Laos (14). Die Fragestellung der empirischen Studien, die nicht genauer gekennzeichnet wird, bezog sich offenbar auf quasi vererbte soziale Ungleichheit und hat den Anstoß für die beanspruchte theoretische Weiterentwicklung geliefert, wie sich aus dem Kontext erschließen lässt.

Aufbau und Inhalt

Leitend für das ganze Buch ist die Einschätzung, dass die Ungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften (wie auch zwischen dem Norden und dem Süden) symbolisch vermittelt ist. Der „Kapitalismus“, dessen Charakter unklar bleibt, bildet für die Vf. nur die „Oberfläche“. Die „Tiefenstrukturen“ sind der Gegenstand ihrer Untersuchung. In der Einleitung wird festgehalten: Unser überliefertes und herrschendes Verständnis von Ungleichheit diene nur deren Reproduktion, weil die „symbolische Welt“ des Kapitalismus eine Konkurrenz zwischen Gleichen vorgaukle. Die Modernisierungstheorie begünstige einen „symbolischen Rassismus“ (10).

In Kapitel I mit der knappen Überschrift „Kapitalismus“ wird zunächst der „Gründungsmythos“ der kapitalistischen Gesellschaften mit den Ideen von Gleichheit, Freiheit und Entwicklung bzw. Fortschritt zusammen mit dem Entwurf von Adam Smith kritisch beleuchtet. Der so dargestellte „symbolische Liberalismus“ gipfelt vorläufig im Neoliberalismus, so die Ausführungen. Ziel des zweiten Unterkapitels ist die Aufklärung über den „symbolischen Rassismus der Sozialwissenschaften“. Etwas vereinfacht lautet die These der Vf., Max Webers Modell einer rationalen Moderne und Parsons Systemtheorie mit den variable patterns förderten eine verzerrte Weltsicht mit der Trennung in fortschrittliche und rückständige Gesellschaften (42). Anschließend wird aufgezeigt, wie die Unterscheidung zwischen Rationalität und Expressivität in der brasilianischen Soziologie einerseits für die Konstruktion der nationalen Identität genutzt worden ist, und wie andererseits ein missverstandener Max Weber dort zur Kritik am staatlichen Apparat herangezogen wird, dem gegenüber der Markt zum „Ort der Rationalität und Tugend“ stilisiert werde (49). Nach klärenden Ausführungen über die falsche Rezeption von Webers Begriff des Patrimonialismus vertreten die Vf. mit speziellem Blick auf Brasilien die Auffassung, dass Luhmanns Begründung für totale soziale Exklusion den Ober- und Mittelschichten (nicht nur dort) als Interpretationsschema für ihre moralische und kognitive Überlegenheit dienen könne. Die unleugbaren Differenzen, und speziell auch die fast totale Exklusion von Menschen, seien aber das Produkt der kapitalistischen „Klassenkultur“ (67). Der Typologie von ehrbaren Mittelklassen und devianten Unterschichten stellen die Vf. die Unterscheidung zwischen dem „Reich des gesunden Wettbewerbs“ im globalen Norden und dem angeblich korrupten Süden zur Seite (63). Im letzten Abschnitt wird Marx mit Bourdieu kritisiert, geleitet von der wiederholten These, dass der Kapitalismus als solcher nicht Ursache der Ungleichheit sei. Ebenso wie dem Marxismus wird der soziologischen Ungleichheitsforschung mit ihrem Fokus auf Einkommen Ökonomismus vorgeworfen (81). Dagegen würdigen die Vf. bei Bourdieu die Aufmerksamkeit für „symbolische Klassifikationen“ sowie für die Vererbung der Kapitalsorten, selbstverständlich auch das Habituskonzept. Auszusetzen haben sie aber an seinen Arbeiten den Eurozentrismus und die beschränkte Sicht auf ungleiche Kapitalverteilung (86f.).

Im Kapitel II wird Ungleichheit im Kapitalismus zurückgeführt auf „Traditionslinien“ aus vorherigen Kulturen und Sozialstrukturen, die sich über alle Umbrüche hinweg durchhalten, wobei „das symbolische Universum“ die „Ungleichheit konstituiert, legitimiert und unsichtbar macht“ (90). Die These, dass Ungleichheiten auf vorkapitalistischen Strukturen beruhten (ebd.), wird im Folgenden am Beispiel der noch jungen laotischen Gesellschaft expliziert, wo die heutigen Klassen sich als „Nachfahren der vorkapitalistischen Stände und Ränge“ (96) erwiesen. Von dort aus werden dann Verallgemeinerungen getroffen, was „Tiefenstrukturen“ und Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaften betrifft. Konkurrenz sei „nur ein Schein“. Diese Aussage ist für die Vf. „der zentrale Punkt unseres Buches“ (113). Das zeige sich an der Beschränktheit sozialer Mobilität. Auch das Entstehen einer neuen Mittelschicht in Brasilien kann für die Vf. „die Illusion der Mobilität“ nicht widerlegen (118), obwohl ihre empirischen Studien die Aufstiegschancen von Anhängern der Pfingstkirchen aufgrund des Mentalitätswandels belegt haben (120ff.). Ein neuer Aspekt ist sodann die Differenzierung innerhalb der Klassen, bedingt durch historische „Soziokulturen“ und Milieus (125f.). Als Ungleichheitsdimensionen werden ökonomisches Kapital, Lebensstil und Beruf, aber auch das „praktische Ethos“ identifiziert. Am Beispiel der Gesellschaft in Laos werden Milieus und Soziokulturen verdeutlicht (134ff.). Im folgenden Abschnitt wird – der Stellenwert bleibt unklar – das Konzept der gesellschaftlichen Arbeitsteilung durch das der „Tätigkeitsteilung“ ersetzt, weil nicht alle Tätigkeit in Berufsarbeit verwandelt worden sei (153). In den letzten beiden Unterkapiteln „Institutionen und Rekrutierung“ und „Globaler Kapitalismus und Kapitalismen“ wird zum einen festgehalten, dass die Rekrutierung in Institutionen entgegen dem meritokratischen Ideal selektiv nach Soziokulturen erfolgt und zum anderen, dass den Zentren des globalen Kapitalismus unterschiedliche Varianten von Kapitalismus gegenüberstehen.

Zentral für das Kapitel III „Symbolische Ungleichheit“ ist die Annahme, „dass soziale Ungleichheit symbolisch so ausgedrückt und damit legitimiert werden muss, dass sie als natürlich erscheint“ (161). Dabei sind nach Vf. mehrere „Schichten der symbolischen Klassifikation“ zu unterscheiden (ebd.). Dass soziale Klassifikation „großenteils sprachlich statt(findet)“ (170) zeigen die Vf. exemplarisch an der Wirkung der Soziolekte in Laos. Die „moralischen Quellen“ der „Wertehierarchie des Kapitalismus“ suchen die Vf. bei dem Sozialphilosophen Charles Taylor und dessen Konzept der „Würde“, in der Lesart der Vf. die Anerkennung für „Dispositionen wie Disziplin, Selbstkontrolle und vorausschauendes Denken“ (185). Mit Bourdieus Habitus-Konzept wird die Inkorporierung solcher Dispositionen erklärt und mit Foucaults Disziplinarmacht die stille Auswirkung auf unser aller Empfinden, so dass beispielsweise „die unsichtbare Grenzlinie“ gegenüber den Ausgegrenzten in der brasilianischen Gesellschaft verständlich wird. Deren Mentalitäten schildern die Vf. auf Basis empirischer Studien schonungslos im letzten Abschnitt (195ff.).

Im letzten Unterkapitel „Affirmative und kritische Wissenschaft“ rücken die Vf. die gesellschaftliche Verstrickung des Wissenschaftlers/ der Wissenschaftlerin ins Bewusstsein und plädieren für einen neuen Beziehungsmodus im Forschungsprozess.

Diskussion

Das Buch enthält interessante Passagen und kann Anstöße liefern, über unseren Eurozentrismus nachzudenken, nicht zuletzt auch klassisch gewordene Theorien der Sozialwissenschaft zu überprüfen. Der Rezensent fragt sich allerdings, was eigentlich neu ist an den Ausführungen der beiden Vf., die mit großem Anspruch vorgetragen werden. Dass die Verfügung über Kapital und die Lohnabhängigkeit allein die sozialen Unterschiede nicht erklären, ist auch Marxisten klar. Der Milieubegriff gehört zum sozialwissenschaftlichen Repertoire. Die Naturalisierung gesellschaftlicher Ungleichheit, die von den Vf. einem „symbolischen Universum“ zugeschrieben wird (161), ist für marxistische Autoren wie Stuart Hall die Leistung von Ideologie. Diese Ideologietheorie ist den Vf. nicht einmal eine Fußnote wert, so dass die Naturalisierungsthese als originär erscheint. Die Argumentation ist an manchen Punkten nicht widerspruchsfrei und irritierend, wenn die Theorien von Gewährsleuten nach zustimmender Aufnahme schließlich relativiert werden, ohne dass die Kritik entwickelt würde. Der Eurozentrismusvorwurf der Vf. trifft alle Klassiker. Verwirrend ist der Gebrauch des Begriffs Kapital, der zwar in der Regel im Sinn von Bourdieu verwendet wird, daneben aber auch gemäß marxistischem Verständnis. Was den Kapitalismus als Gesellschaftsform eigentlich ausmacht, wird im ganzen Buch nicht geklärt. Die sechs Seiten über die angebliche Lehre von Karl Marx sind voller Missverständnisse. Das grundlegende Missverständnis: Marx wollte keinen Beitrag zur Ungleichheitsforschung leisten. Im Fokus seiner Fragestellung stand die Frage nach den Entstehungsbedingungen und Triebkräften dieser Produktionsweise und nach ihren gesellschaftlichen Folgen. Wer außerdem über den Fetisch der Ware und des Geldes bei Marx gelesen hat, kann die Kritik der Vf. am Ökonomismus seiner Theorie kaum nachvollziehen. Beim Forschungsansatz erscheinen Verallgemeinerungen ungeachtet der Unterschiede zwischen Brasilien und Laos nicht unproblematisch. Die Hauptfrage, die sich einem aber am Schluss der Lektüre stellt: Wie ist die von den Vf. nicht bezweifelt Disfunktionalität der Werte und Verhaltensmuster der (brasilianischen) Unterschicht zu bewerten? Welche praktischen Konsequenzen sind zu ziehen? Ein Verdienst der Vf. kann man darin sehen, dass sie die Lage der Ausgeschlossenen thematisieren, womit sie ein Tabu gebrochen haben.

Fazit

Die Thesen der Vf. verdienen eine Auseinandersetzung. Die Ausführungen über Habitusentwicklung, Soziokulturen und Milieus können für Sozial- und Erziehungswissenschaftler von Interesse sein.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
E-Mail Mailformular


Alle 67 Rezensionen von Georg Auernheimer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 06.08.2014 zu: Boike Rehbein, Jessé Souza: Ungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2947-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17068.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Geschäftsführer/in, München

Stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Siegen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung