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Doris Schaeffer, Klaus Wingenfeld (Hrsg.): Handbuch Pflegewissenschaft

Cover Doris Schaeffer, Klaus Wingenfeld (Hrsg.): Handbuch Pflegewissenschaft. Studienausgabe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 766 Seiten. ISBN 978-3-7799-3123-2. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Neuauflage des bereits 2000 erschienenen Handbuchs (nun auch als Studienausgabe) hat den Anspruch als Grundlage und Orientierung beim Aufbau der Disziplin Pflegewissenschaft beizutragen, die zurückliegende Entwicklung zu reflektieren und Anstöße für die Weiterentwicklung zu setzen. Inhaltlich geht es in dem Buch um einen „systematischen Überblick über den erreichten Entwicklungsstand in den unterschiedlichen Bereichen von Pflege und Pflegewissenschaft“ (S. 14). Die 37 Beiträge wurden von 47 anerkannten FachwissenschaftlerInnen der Szene verfasst. Die Systematik unterscheidet sich etwas von der Erstausgabe, folgt aber im Grundsatz dem Strukturierungsprinzip nach sektoral unterschiedenen Handlungsfeldern und einer Lebensphasendifferenzierung.

Aufbau und Inhalt

Dieser aus Sicht der Herausgeber bewährte Aufbau gliedert sich in sieben Teilbereiche, die exemplarisch vorgestellt werden:

1. Theoretische Grundlagen: Die Texte bieten einen substantiellen Einblick in die Theoriedebatte (und die Historie), wobei auch Perspektiven (vor allem der Theoriediskussion) angemahnt werden. Explizit wird z.B. darauf hingewiesen, dass – im Unterschied zu den USA – die Abkopplung der Theoriediskurse von der Forschung zu vermeiden ist (62).

2. Methodische Grundlagen: Es werden quantitative und qualitative Forschungszugänge expliziert, ebenfalls klinische Pflegeforschung, EBN sowie die Bildungs-, Qualifikations- und Sozialisationsforschung in der Pflege (als Konkretisierungen und Teilbereiche) vorgestellt. Der Bezug zur Pflege (und zur Pflegeforschung) wird unterschiedlich konkretisiert. Insbesondere bei dem quantitativ ausgerichteten Beitrag wird im Kern Lehrbuchwissen präsentiert, der Bezug zur Pflegewissenschaft und Pflegeforschung im engeren Sinne fehlt.

3. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen: Demografische Entwicklung, gesundheits- und sozialpolitische sowie rechtliche Kontexte werden dargelegt, die Herausforderungen in diesen Feldern kompetent beschrieben. Vor allem der demografiebezogene Beitrag (aber z.T auch die anderen Texte) expliziert die Konsequenzen für die pflegerische Versorgung und plädiert dafür, sie stärker im Sinne einer Ressourcenstärkung zu nutzen. Wer das Pflege- und Versorgungssystem auch nur im Ansatz kennt weiß, dass diese Forderung nur allzu berechtigt ist.

4. Pflege in unterschiedlichen Lebensphasen und von verschiedenen Zielgruppen: Dieses größte Teilkapitel umfasst Artikel zur Pflege in einzelnen Lebensphasen (Geburt, Kindheit, Behinderung, chronische Krankheit, Alter). Darüber hinaus finden sich Ausführungen zu allgemeinen Fragen der Pflegedürftigkeit (und der pflegerischen Leistungen), zur Migration und Pflege sowie zur Bedeutung von Familien bei der pflegerischen Versorgung. Die überwiegende Mehrheit der Publikationen argumentiert affirmativ und folgt der Logik einer Optimierung bestehender Systeme. Eine positive Ausnahme stellt der Beitrag von Büker dar, in dem ein Bezug zu dem politisch-emanzipatorischen Anspruch der disability studies aufgegriffen und dem klassischen Versorgungsdenken der Pflege gegenüberstellt wird.

5. Pflegerische Versorgung in unterschiedlichen Settings: Die Situation im ambulanten, teilstationären und stationären Bereich wird differenziert beschrieben, auch die Rehabilitation und Versorgung am Lebensende werden nicht ausgeklammert. Interessant sind auch die internationalen Bezüge (vor allem in dem Beitrag zur „Pflege im Krankenhaus“), die den Blick über den Tellerrand ermöglichen.

6. Steuerung der pflegerischen Versorgung: Dieses Kapitel hat – soweit ich dies sehe – die stärksten Veränderungen im Unterschied zur Erstauflage erfahren. In der Erstausgabe finden sich nur zwei Beiträge zum Qualitätsmanagement, davon einer auf Pflegedokumentation und Informationssysteme ausgerichtet. Nun gibt es fünf Texte, in denen sowohl neue Steuerungsaufgaben, Fragen der Qualitätsentwicklung und neue Aufgabenverteilungen im Gesundheitswesen thematisiert werden. Auch hier fällt das Spektrum zwischen Affirmation und Kritik auf. Der Beitrag zu den „Konzepten des Qualitätsmanagements“ folgt der bekannten Darstellung entsprechender Modelle und spricht auch das Thema der Zertifizierung an. Die substantielle wissenschaftliche Kritik an der Notengebung, der Inszenierung von Qualität in der Pflege sowie der gesellschaftlich verursachten Qualitätsmängeln wird allerdings nicht aufgegriffen. Andere Beiträge (z.B. Case Management oder zu den neuen Aufgabenzuschnitten) greifen kritische Debatten und Kontroversen umfassender auf. Hervorzuheben ist ein Text zu neuen Steuerungsaufgaben in der Pflege, der (und das gilt nicht für alle Beiträge) konsequent die Frage nach der Wirksamkeit und den Effekten auf der Grundlage empirischer Befunde systematisch aufgreift.

7. Neue Aufgaben der Pflege: Unmittelbar anschlussfähig an das vorherige Kapitel werden einige neue Aufgaben in der Pflege skizziert. Es geht um das Entlassungsmanagement, die Patientenedukation und die Gesundheitsförderung. Den Abschluss bildet ein Ausblick der international renommierten Pflegewissenschaftlerin Meleis, welche auf die globalen Herausforderungen in der Pflege eingeht.

Diskussion

Die hier vorgelegte Veröffentlichung ist als Unterstützung in der Lehre gedacht, richtet sich damit an FachdozentInnen wie auch Studierende in der Pflegewissenschaft (im weitesten Sinne). Die Beiträge bewegen sich durchweg auf hohem Niveau, sind kenntnisreich und verständlich formuliert, enthalten eine Fülle von empirischen Detailinformationen und weiterführender Literatur. Das Werk bietet einen sehr guten Überblick über das Handlungs- und Aufgabenspektrum der Pflege in Deutschland. Es ist für den Einsatz in Fachhochschulen und Universitäten zu empfehlen. Allerdings sind drei Kritikpunkte erwähnenswert, die auch z.T. von anderen bereits zur Sprache gebracht wurden.

Erstens (und darauf hat der Kollege Remmers aus Osnabrück hingewiesen) ist es nicht gelungen – auch 14 Jahre nach dem Ersterscheinen – den repräsentativen Wissensstand wissenschaftstheoretisch substantiell zu begründen. Eine systematische Ordnungsform der vorhandenen Erkenntnisse ist immer noch nicht vorhanden. Dieser kritische Hinweis von Remmers bezog sich auf die Neuausgabe des Handbuchs (2011), gilt aber natürlich auch für diese Studienausgabe (2014). So bilden die Beiträge Teilaspekte ab, eine theoretisch begründete „Marschrichtung“ ist jedoch nicht wirklich erkennbar.

Zweitens – und damit zusammenhängend – ist das Thema „Multi-, Inter- und Transdisziplinarität“ nicht geklärt, es fehlt hierzu auch ein grundlegender Beitrag. So steuern die für die Pflege relevanten Disziplinen zwar wichtige Beiträge bei, die berühmte „Klammer“ und Ausrichtung auf Ziele, Aufgaben (und Grenzen) der Pflege und Pflegewissenschaft unterbleibt jedoch. Das Problem der Heterogenität der Texte zwischen Affirmation und Kritik ist bereits genannt worden. Natürlich ist dies vorwiegend der Unterschiedlichkeit der AutorInnen geschuldet, aber umso unverzichtbarer ist eine umfassende und kritische Einführung für dieses wichtige Werk.

Drittens ist der Aspekt der Internationalität anzusprechen, der in manchen Beiträgen aufgegriffen wurde. Natürlich – es geht um ein Handbuch für die deutsche Pflegewissenschaft. Aber wer die Debatten verfolgt, der muss den Blick ins Ausland richten (und aus Fehlern lernen). Das wird verschiedentlich im Buch aufgegriffen, es fehlt aber ein echter Anschluss an internationale Diskussionen, Debatten, Folgerungen.

Fazit

Ein wichtiges Buch, aber sicher noch nicht abgeschlossen. Im Sinne eines „work in progress“ mögen die genannten Kritikpunkte konstruktiv verstanden werden. Die dritte Auflage ist sicher bereits in Planung. Und schlecht wäre es nicht, wenn der eine oder andere Hinweis berücksichtigt werden kann.


Rezension von
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 05.09.2014 zu: Doris Schaeffer, Klaus Wingenfeld (Hrsg.): Handbuch Pflegewissenschaft. Studienausgabe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-3123-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17069.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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