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Ilse Schimpf-Herken, Ingrid Jung (Hrsg.): Das Fremde als Chance. Wie entstehen Lernprozesse?

Cover Ilse Schimpf-Herken, Ingrid Jung (Hrsg.): Das Fremde als Chance. Wie entstehen Lernprozesse?. Erfahrungen in der Bildungsarbeit mit chilenischen und deutschen LehrerInnen. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2003. 262 Seiten. ISBN 978-3-88939-720-1. 19,90 EUR, CH: 31,80 sFr.

Reihe: Internationale Beiträge zu Kindheit, Jugend, Arbeit und Bildung - Band 11. Originaltitel: Descubriéndonos en el otro.
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Entstehungshintergrund

In der Reihe "Internationale Beiträge zu Kindheit, Jugend, Arbeit und Bildung", die sich seit 1998 immer wieder mit bemerkenswerten Diskussionsbeiträgen, Theorie- und Praxisberichten zu der Frage, wie wir künftig, als Individuen, nationale Gruppen und internationale Gemeinschaft im Zeitalter der sich immer interdependenter entwickelnden globalen Welt human leben und überleben können, legen die Soziologin und Bildungsberaterin Ilse Schimpf-Herken und die Leiterin der Abteilung Bildung bei InWent (Internationale Weiterbildung und Entwicklung, 2002 mit der Deutschen Stiftung für Internationale Entwicklung, DSE und der Carl-Duisberg-Gesellschaft fusioniert) Ingrid Jung, mit dem Band 11 einen bemerkenswerten Erfahrungsbericht vor. CurriculumexpertInnen, WissenschaftlerInnen, Ministerial- und Schulverwaltungsangehörige und LehrerInnen aus Deutschland und Chile arbeiten seit 1996 in verschiedenen Kooperationsprojekten zur Schulentwicklung, Lehrerfortbildung, Curriculumentwicklung und Pasant‘as - Auslands-Stipendiatenprogramme - zusammen, mit den gegenseitigen Zielen

  • persönliche Erfahrungen gemeinsam zu diskutieren, zu reflektieren und für die eigene konkrete Bildungsarbeit anzuwenden,
  • auf der methodischen Ebene eine intellektuelle Analyse und sinnliche Erfahrungen zu erleben,
  • Informationen auszutauschen und im interkulturellen Kontext zu vergleichen.

Aus den ursprünglichen mehrwöchigen Aufenthalten von ausgewählten chilenischen Lehrkräften und Experten in Deutschland und von deutschen Fachleuten in Chile, kam es ab Sommer 1999 auch zu Gegenbesuchen von deutschen LehrerInnen in Chile, die bei den Stipendiatenprogrammen der chilenischen KollegInnen beteiligt waren; mit überraschenden und bemerkenswerten Erfahrungen, dass nämlich "durch die Konfrontation mit der fremden Realität die Reflexion über die eigene Situation angeregt wird", wie Ilse Schimpf-Herken in ihrem einführenden Beitrag "Das Fremde als Chance - Internationale Lehrerfortbildung als zentraler Baustein der chilenischen Erziehungsreform" schreibt. Ihr Fazit, das sicherlich nicht nur für die Lehrerfortbildung gilt, sondern in gleicher Weise die berufliche Auseinandersetzung, Aus- und Weiterbildung in den meisten anderen Berufen in unserem Land auch betrifft, dass wir uns "zu wenig mit Entwicklungen in anderen Erziehungswirklichkeiten auseinandersetzen".

Inhalt

Im Buch arbeiten rund 40 in den verschiedenen Programmen involvierte Chilenen und Deutsche mit. Im ersten Teil werden u.a. folgende Themen diskutiert:

  • "Integration von sozialen Konflikten in Curriculum und Unterricht in der Grundschule" als eine Analyse der Pasant‘a-Programme der chilenischen LehrerInnen in Deutschland und die Übertragung der Erfahrungen in Chile, sowie deren Anwendung im schulischen Alltag thematisiert;
  • kritische Reflexionen von StipendiatInnen über ihre Hoffnungen, Wünsche, aber auch ihre Enttäuschungen bei der Begegnung in den praktischen Praktikumsteilen;
  • interessante Beiträge zu individuellen Lebens- und beruflichen Situationen.
  • praktisch-theoretische Positionen zur Bildungsreform in Deutschland und Chile

Im zweiten Teil werden "Pädagogische Initiativen nach der Pasant‘a" vorgestellt;

  • etwa, wenn eine chilenische Lehrerin über ihr Unterrichtsprojekt "Harmonie und Ruhe - ohne Gewalt verstehen wir uns besser" berichtet und dabei die Erfahrungen aus ihrem Deutschlandbesuch einbezieht;
  • oder wenn die Beobachtungen über die familiären Situationen bei uns mit denen in der chilenischen Gesellschaft verglichen werden.

Im dritten und vierten Teil des Buches werden Fortbildungsprogramme in Chile und Berlin reflektiert und die verschiedenen Themen in den interkulturellen und professionellen Zusammenhang gebracht. Dabei ist interessant, dass die chilenischen LehrerInnen bei der Themenauswahl Begriffe wie "Disziplin, Normen und Zusammenleben" bevorzugten, für sie die "geschichtliche Erinnerung" ein wichtiges Arbeitsfeld war und "Menschenrechtserziehung" auf dem Fortbildungsprogramm stand; während beim Seminar in Berlin Fragen zur Integration, zur Mediation und zur Prävention im Vordergrund standen.

Der fünfte und letzte Teil widmet sich den Fragen, wie die chilenisch-deutschen Fortbildungserfahrungen als Exempel für "Empathie als übergeordnete Schlüsselqualifikation von LehrerInnen" angesehen werden könnten.

Diskussion

Ilse Schimpf-Herken fasst schließlich die Summe der Erfahrungen aus diesen Projekten mit dem Vorschlag: "Neue Ansätze für eine interkulturelle Lehrerfortbildung" zusammen. Nicht von ungefähr rekurriert sie dabei die vom chilenischen Pädagogen Paulo Freire (1921 - 1997) propagierte "Pädagogik des Dialogs" und auf die "Didaktik als Dramaturgie des Unterricht" des Hamburger Erziehungswissenschaftlers Gottfried Hausmann (1906 - 1994). Wenn in diesem Sinne "Lernen als Aneignung von Wirklichkeit" verstanden wird, dann wird es möglich sein, interkulturelle Begegnungen fruchtbringend und identitätsstiftend für alle Beteiligten zu arrangieren. Das Pasant‘a-Programm von InWent und des chilenischen Erziehungsministeriums kann deshalb als ein gelungenes Beispiel für interkulturelles und globales Lernen im "globalen Dorf" verstanden werden. Es bietet vielfältige Anregungen für andere Begegnungs- und Fortbildungsprogramme, etwa in den sozialen Berufen, allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen und Hochschulen. Dabei ist es sicherlich nicht allzu weit hergeholt, wenn im Zusammenhang mit dem Buch auf die vom Verlag C. H. Beck, München in der fünften Auflage neu herausgebrachte Streitschrift von Ivan Illich, Entschulung der Gesellschaft (vgl. die Rezension des Buchs) verwiesen wird. Die Rezeption der Pädagogik von Paulo Freire wird in Deutschland von zwei Initiativen vor genommen: Die Paulo-Freire-Kooperation, Oldenburg, die insbesondere mit der Zeitschrift "Dialogische Erziehung", im eigenen Verlag herausgegebenen Literatur und mit Kongressen die Ideen des lateinamerikanischen Pädagogen auch in Deutschland verbreitet (www.freire.de) und von der Paulo-Freire-Gesellschaft, München, mit der "Zeitschrift für befreiende Pädagogik" (www.paulo-freire-ges.de).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.05.2004 zu: Ilse Schimpf-Herken, Ingrid Jung (Hrsg.): Das Fremde als Chance. Wie entstehen Lernprozesse?. Erfahrungen in der Bildungsarbeit mit chilenischen und deutschen LehrerInnen. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2003. ISBN 978-3-88939-720-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1707.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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