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Anne Broden, Paul Mecheril (Hrsg.): Solidarität in der Migrationsgesellschaft

Cover Anne Broden, Paul Mecheril (Hrsg.): Solidarität in der Migrationsgesellschaft. Interdisziplinäre Befragungen einer normativen Grundlage. transcript (Bielefeld) 2014. 280 Seiten. ISBN 978-3-8376-2686-5. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Der Sammelband verbindet die Reflexion von Aufklärung und Antirassismus mit der Auseinandersetzung über den Solidaritätsbegriff, ergänzt um einen Bericht über die Lage der Roma in Europa.

Herausgeberin und Herausgeber

Dipl. Theol. Anne Broden leitet das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit (IDA) in Nordrhein-Westfalen, Prof. Dr. Paul Mecheril lehrt am Institut für Pädagogik der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg und ist Direktor des Center for Migration, Education and Cultural Studies.

Die Autorinnen und Autoren sind überwiegend als Hochschullehrer an verschiedenen Hochschulen in Deutschland tätig, einzelne auch in Organisationen oder Instituten, die sich mit Migration befassen.

Entstehungshintergrund

Die Beiträge gehen auf Tagungen zurück, die das IDA und das Oldenburger Center 2011 und 2012 durchgeführt haben. Die Publikation ist vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW unterstützt worden.

Aufbau

Der Band beginnt mit einer migrationspolitischen Einführung der Herausgebenden. Es folgen vier Beiträge zur Rassismuskritik, wobei sich der vierte bereits vorwiegend mit Migration und Solidarität befasst, was das Thema der dann folgenden vier Beiträge ist. Ein letzter Beitrag widmet sich der Situation von Roma in Europa.

Alle zehn Beiträge werden im Folgenden kurz charakterisiert.

Inhalt

Für Broden und Mecheril begründen auch neue ökonomische Interessen an Migrationspolitik (Ausgleich des Fachkräftemangels) noch nicht solidarisches Handeln. Dieses verlangt vielmehr Empathie und Wachsamkeit, wenn sich die Opfer der realen Verhältnisse in der Weltgesellschaft, insbesondere Flüchtlinge, melden.

Micha Brumlik weist auf Texte der großen Aufklärer Kant, Hegel, Kleist hin, die nicht anders als rassistisch und eurozentrisch zu verstehen sind, wenn von faulen und rachsüchtigen „Negern“ die Rede ist. Der Freiheitskampf und die Unabhängigkeit Haitis 1804 hingegen werden seit jeher ignoriert.

Astrid Messerschmidt schließt sich, ebenfalls mit Bezug auf die Arbeiten von Susan Buck-Morss, dieser Kritik an und plädiert dafür, das eigene Involviertsein in Rassismus wahrzunehmen und zu reflektieren.

Mark Schrödter definiert Rassismus als eine Handlung oder Handlungsdisposition, die andere Personen benachteiligt oder schädigt, also etwa abwertet oder entwürdigt – wobei dieser zugeschrieben wird, einer bestimmten, ethnisch definierten Gruppe zuzugehören.

Wenn nun Weiße Rassismuskritik betreiben, so inszenieren sie sich, weil ja nicht selbst davon betroffen, als moralisch integer, was ihrer Dominanz und – auch wissenschaftlichen – Karriere durchaus förderlich sein kann. Auf jeden Fall müssen sich, so Schrödter, Mehrheitsangehörige davor hüten, Bilder über die Minorität zu repräsentieren, sie können allenfalls referieren, welche Bilder die Mehrheit hergestellt hat. Und damit ist auch die eigene Subjektivität der Forschenden in den Forschungsprozess systematisch einzubeziehen.

Mecherils Einzelbeitrag befasst sich mit der reichhaltigen Literatur über postkommunitäre Solidarität. Es geht dabei um die Hilfe, genauer noch das Hilfsangebot an jemanden in einer Notlage, wobei Gemeinsamkeiten, aber auch Differenzen gegeben sind, aber nicht die Verbindlichkeit von Zusammengehörigkeitsgefühlen.

Krassimir Stojanov beklagt, dass die spezifische Sozialisation von Kindern in Migrantenfamilien als eine Art von Lernbehinderung gilt, während ihre alltäglichen Übersetzungsleistungen nicht gewürdigt werden. Als autonomieunfähiges Produkt bildungsferner Familien angesehen werden sie Objekte tiefgreifender Geringschätzung. Empathie und Respekt könnten gefördert werden, wenn ihre lebensweltlichen Erfahrungen in das Unterrichtsgeschehen einbezogen werden.

Für Serhat Karakayali beziehen sich Menschen, auch im Werten und Begehren, immer auf andere Menschen. Wenn diese gesellschaftlichen, transindividuellen Wesen dennoch nicht solidarisch sind, dann sind dafür politische Projekte, z.B. nationale Grenzziehungen verantwortlich. Gesellschaften sind prinzipiell ohnehin unabschließbar, die „Anderen“ sind keine Eindringlinge, sondern Momente des notwendigen Wandels und der Beschleunigung.

Radostin Koloianov lehnt „Integration“ als Kontrolle des Staates und Dominanz der Mehrheit strikt ab; selbst multikulturalistische Politiken, die die Kultur von Minderheiten pflegen, verstärken letztlich die Dominanz der Mehrheitsgesellschaft. Es gilt, die Solidarisierung von Migranten und Migrantinnen untereinander zu verstärken, denn nur so können sie sich selbst vertreten. Er verweist auch auf das Beispiel der Stadt Toronto, die der gesamten Wohnbevölkerung, ohne Rücksicht auf deren Status, den Zugang zu allen Dienstleistungen eröffnen will.

Die bis dahin vorgetragenen Überlegungen bringen Gudrun Perko/ Leah Czollek auf den Punkt: Es geht um eine spezifische Form der Solidarität, die nicht auf kollektive, d.h. abgrenzende Identität, Sympathie oder gemeinschaftliche Bindungen baut, sondern darauf zielt, dass alle Menschen an den Ressourcen einer Gesellschaft teilhaben können.Es geht gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung, um Umverteilung, Chancengleichheit (social justice).

Abschließend stellt Sabine Hornberg die Lebenslagen von Roma in verschiedenen europäischen Ländern, auch die Positionen der Sinti in Deutschland vor. Die Bildungsbenachteiligung der Roma wird hinlänglich belegt. Die Autorin stellt einen umfassenden Katalog von Möglichkeiten der individuellen Förderung auf, befürwortet u.a. auch Kitas, in denen (nur) Roma-Kinder auf die Grundschule vorbereitet werden: Sie regt auch an, Roma als Coaches für Neuankömmlinge auszubilden.

Diskussion

Der vorliegende Band vereinigt Beiträge auf hohem intellektuellen Niveau. Sie setzen sich mit zahlreichen theoretischen Arbeiten und damit der internationalen Debatte differenziert auseinander. Man sucht allerdings vergebens empirische Daten, pragmatische Vorschläge, politische Konsequenzen. Auch dieses Wissenschaftsprodukt entkommt der Aporie nicht, Bestandsaufnahmen zu liefern und eine Praxis zu fordern, die sie nicht leisten kann.

Nur an wenigen Stellen werden reale gesellschaftliche Situationen beschrieben oder Praxisbeispiele vorgestellt, am ehesten noch im Beitrag zur Social Justice; und gerade die sind kontrovers zu diskutieren: Wie kommen Menschen dazu, sich mit „Anderen“ zu verbünden? Mit wem, und damit mit wem nicht? Globale Identität tendiert zur Beliebigkeit.

Wenn zum Rassismus die ethnische Zuordnung gehört, besteht dann die Lösung nicht gerade darin, diese zu ignorieren? Was aber, wenn Minderheiten sich gerade damit Power verschaffen, dass sie auf gemeinsame Herkunft, Verfolgung etc. rekurrieren, und die Verbündeten genau dafür gewinnen wollen?

Es wäre reizvoll gewesen, die sehr abstrakten neun Essays mit dem zehnten, empirischen Beitrag zu verbinden. Wo war die europäische Aufklärung, als die „Zigeuner“ verachtet und vertrieben wurden? Immerhin deutet Homberg, einen kritischen Punkt an: Es gibt Sinti, die ihre mündliche Tradition der Schriftkultur vorziehen, also Integration nicht als Anpassung missverstehen.

Es wäre wichtig gewesen, den Begriff der Solidarität im Sinne des punktuellen Bündnisses weiter auszubreiten, auch mit praktischen Beispielen und Fallstudien. Es ist gut, den letztlich totalen Anspruch aufzugeben, alle müssten mit allen einer Meinung sein. Gesellschaftliche Kategorien oder Zuordnungen nach Alter, Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung usf. gelten jeweils für einige, nicht immer die gleichen Personen. Schwarze Frauen, beispielsweise, haben nicht notwendigerweise die gleichen „Anliegen“ (Perko/ Czollek ) wie weiße Frauen. Wieso auch sollten z.B. alle behinderten Menschen oder alle Flüchtlinge die gleichen Anliegen haben? Bündnis trifft m.E. die Wirklichkeit politischer Prozesse weit besser als „Solidarität“.

Wer sich durch die Beiträge durcharbeitet, wird sicherlich nachdenklich. Wir geben so viel auf die Aufklärung, die wir eurozentrisch verkürzen. Wir nutzen Solidarität zu gerne zur Vereinnahmung derer, die nun der gleichen Meinung sein müssen.

Fazit

Wer intellektuelle Anstrengungen nicht scheut und theoretische Debatten goutiert, liest dieses Buch mit Gewinn. Es lädt ein zur selbstkritischen Reflexion unseres Selbstverständnisses als aufgeklärte Europäer. Es fordert eine präzise Klärung dessen, was wir unter Solidarität verstehen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 22.07.2014 zu: Anne Broden, Paul Mecheril (Hrsg.): Solidarität in der Migrationsgesellschaft. Interdisziplinäre Befragungen einer normativen Grundlage. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2686-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17086.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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