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Matthias Morten Schöpa: Die Ganztagsschule

Cover Matthias Morten Schöpa: Die Ganztagsschule. Entwicklungsstand, Nutzungspräferenzen und Perspektiven in Mecklenburg-Vorpommern. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2014. 319 Seiten. ISBN 978-3-631-64896-4. D: 54,95 EUR, A: 56,50 EUR, CH: 62,00 sFr.
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Entstehungshintergrund und Untersuchungsbasis

Es handelt sich bei dieser Veröffentlichung um eine Dissertation an der Ernst-Moritz-Arndt- Universität Greifswald aus dem Jahr 2012. Erschienen ist die Arbeit in der Reihe „Studien zur Pädagogik“ herausgegeben von Stephanie Hellekamps, Wilfried Plöger und Wilhelm Wittenbruch, Band 37. Die Datenbasis zu dem empirischen Teil der Studie wurde durch die Forschungsgruppe „Schulentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern“ am Institut für Bildungswissenschaften an der genannten Universität erstellt.

Im Fokus steht die Entwicklung der Ganztagsschule (GTS) im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern (MV).

Aufbau

Die vorgelegte umfangreiche empirische Studie gliedert sich in sechs Kapitel:

  1. Zum wissenschaftlichen Anliegen der Publikation,
  2. Wissenschaftliches Vorgehen,
  3. Ganztagsschulentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland,
  4. Entwicklung der Ganztagsschule in Mecklenburg-Vorpommern,
  5. Empirische Untersuchungen zu Nutzungspräferenzen von Schülern in der Ganztagsschule und Effekten der Teilnahme (ca. 200 S.),
  6. Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse und Schlussfolgerungen.

Inhalt

Auf dem Hintergrund der aktuellen Bildungssituation in Deutschland (u.a. PISA-Ergebnisse, Bildungsberichte, Ganztagsschule) und den schulrechtlichen Rahmenbedingungen in MV wird die dortige Entwicklung untersucht. Dies geschieht in Anlehnung an und in Erweiterung der bundesweiten „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) und es finden sich daher auch in der Studie von Schöpa drei Untersuchungswellen (2005/2007/2009) in den Klassenstufen fünf, sieben und neun. Vier Untersuchungsbereiche stehen im Mittelpunkt der Publikation:

  1. Die rechtliche und statistische Sicht auf den systematischen Aufbau der GTS in MV,
  2. Teilnahmeverhalten der GTS-Schüler, Nutzungsmuster und Einflussfaktoren,
  3. Art und Weise des Lernens und Arbeitens, Einschätzung der Lehrer und Betreuer, Schülerorientierungen (sozialbezogen, lernbezogen, hedonistisch),
  4. Unterschiede von Ganztags- und Halbtagsschülern, Zufriedenheit, Wirkungen des GTS-Besuchs im Urteil der Schüler, Perspektiven.

Um die Differenziertheit der Untersuchung darzustellen sei beispielhaft auf den Punkt 5.6 „Unterricht aus Sicht der Schüler“ eingegangen. Dort werden folgende Merkmalsbereiche untersucht: Effektivität der Unterrichtsgestaltung, Didaktik der Unterrichtsgestaltung, Unterstützung im Unterricht, Partizipation im Unterricht sowie Motivation im Unterricht. Die Merkmalsbereiche sind nach Items gegliedert und in der statistischen Erfassung der Bewertungen ergeben sich folgende Mittelwerte (MW) zu diesen Bewertungen der Schüler zum hier beispielhaft ausgewählten Merkmal Effektivität in der Unterrichtsgestaltung. In einer vierstufigen Skalierung (1=stimmt gar nicht; 2=stimmt eher nicht; 3=stimmt eher; 4=stimmt genau) konnten die Schüler ihre Bewertungen abgeben. Ergebnis: 2005/N=3.713/MW 2,54; 2007/N=1.441/MW 2,60; 2009/N=1.666/MW 2,63. Des Weiteren wird differenziert nach der Teilnahme an Ganztagsangeboten; die dort teilnehmenden Schüler bewerten alle Merkmalsbereiche positiver im Vergleich zu nicht teilnehmenden Schülern. Die Unterscheidung nach leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern zeigt, das die leistungsstarken Schüler Effektivität, Didaktik und Unterstützung positiver jedoch Partizipation (z.B. Beteiligung an der Auswahl von Unterrichtsthemen, Eingehen des Lehrers auf Wünsche) im Unterricht negativer einschätzen.

Ein anderes interessantes Ergebnis ist die im Punkt 5.8.1 untersuchte Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler mit den Ganztagsangeboten. Das Ergebnis ist bei einem kaum vorhandenen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen eine positive, von 2007 nach 2009 jedoch fallende Zufriedenheit von 3.41 auf 3.19 (1=negativ; 5=positiv).

Als Ergebnis mit Empfehlungscharakter zeigt sich in der Studie u.a., dass die qualitative Entwicklung der GTS zukünftig im Vordergrund stehen muss (1. Untersuchungsbereich). Da die Teilnahme am GTS-Betrieb mit steigender Jahrgangsstufe problematischer wird, sind die altersspezifischen Interessen- und Bedürfnislagen der Schülerinnen und Schüler stärker zu berücksichtigen (2. Untersuchungsbereich). Die Verzahnung von Unterricht und unterrichtsbezogenen Ganztagsangeboten muss weiter entwickelt werden, da sich gezeigt hat, dass die Teilnahme an hedonistisch orientierten Angeboten steigt, bei lernbezogenen Angeboten jedoch fällt. Sollen Ganztagsangebote nicht nur auf Freizeit bezogene Kompensationen sein, muss an dieser Differenz gearbeitet werden (3. Untersuchungsbereich). Eine notwendig sich verändernde Unterrichtsgestaltung betrifft jeweils die Kollegien in der GTS. Diesbezüglich sind verbindliche Definitionen zu der Gestaltung des Unterrichts notwendig und eine systematische Begleitung der einzuleitenden Veränderungen durch Evaluation ist erforderlich (4. Untersuchungsbereich).

Diskussion

Die vorliegende Studie stellt detailliert die Situation der GTS in MV dar. Die erarbeiteten Grundlagen sind dabei eine eine Planungshilfe für die landesspezifische Bildungsadministration und Bildungspolitikpolitik sowie eine Arbeitshilfe für die Kollegien an den Schulen. Derartige landesspezifische Untersuchungen sind notwendig, weil die Entwicklung der GTS im Bundesgebiet sehr unterschiedlich verläuft. Obwohl die großangelegte und bundesweite „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ tangiert wird, wären Vergleiche zu den dort festgestellten Ergebnissen wünschenswert gewesen. So wird beispielsweise auch dort auf eine notwendige qualitative Weiterentwicklung im Bereich der Ganztagsangebote innerhalb der GTS hingewiesen. Zu kurz kommt auch die Darstellung der Ganztagsangebote und dem dort tätigen Fachpersonal (in der Studie Betreuer genannt). Die damit zusammenhängenden Kooperations- und Vernetzungsformen mit außerschulischen Institutionen wie z.B. der Jugendhilfe erscheinen nicht in der Analyse. Soll sich die GTS aber zu einem Schwerpunkt in lokalen Bildungslandschaften entwickeln sind sozialräumliche Vernetzungen unabdingbar.

Fazit

Eine grundlegende Studie für Experten der Ganztagsschulentwicklung im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 22.01.2015 zu: Matthias Morten Schöpa: Die Ganztagsschule. Entwicklungsstand, Nutzungspräferenzen und Perspektiven in Mecklenburg-Vorpommern. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2014. ISBN 978-3-631-64896-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17105.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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