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Armin Krenz: Entwicklungs­orientierte Elementarpädagogik

Rezensiert von Jutta Daum, 06.10.2015

Cover Armin Krenz: Entwicklungs­orientierte Elementarpädagogik ISBN 978-3-944548-02-9

Armin Krenz: Entwicklungsorientierte Elementarpädagogik. Kinder sehen, verstehen und entwicklungsunterstützend handeln. Burckhardthaus Laetare Körner Medien UG (München) 2014. 200 Seiten. ISBN 978-3-944548-02-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Die Zunahme an Verhaltensauffälligkeiten und psychosomatischen Erkrankungen bei Kindern – wie dies u.a. die KIGGS-Studien belegen- macht deutlich, dass Kinder in ihrer persönlichen Identitätsbildung für den Auf- und Ausbau einer eigenen Ich-Kompetenz häufig keine ausreichende Sicherheit und Stabilität finden. Diese Tatsache ist Ausgangspunkt des Autors für das vorliegende Buch. „Entwicklung geschieht durch eine positiv erlebte, Sicherheit-vermittelnde Bindung- und diese fehlt vielen Kindern“ (S.6)

Es gehört zu den zentralen Aufgaben von Fachkräften von frühpädagogischen Einrichtungen mit ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag Kindern ein Bindungserleben durch Nähe, Aufmerksamkeit Zuneigung und Zutrauen zu ermöglichen. Somit verfolgt der Autor mit dem vorliegenden Buch das Ziel dazu beizutragen „dass jedes Kind in seiner Kindestagesstätte die Grundlagen findet, die es braucht, um sich mithilfe der elementarpädagogischen Fachkräfte – in einer guten Fortsetzung der elterlichen Pädagogik – und ihren humanistisch geprägten Persönlichkeitsmerkmalen förderlich zu entwickeln“. (S.8)

Autor

Dr. Armin Krenz ist mit dem Schwerpunkt Elementarpädagogik, als Fortbildner, Dozent und Autor zahlreicher Veröffentlichungen im Feld der Frühpädagogik einschlägig bekannt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben Kapiteln unterteilt.

1. Kindheit heute: veränderte Kindheit (9-30). Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels haben vielfältige Faktoren (demografischer Wandel, vielfältige Familienformen, Arbeitsmarktsituation, Erwerbstätigkeit beider Elternteile, Armut, institutionell strukturierter Alltag, Medien, Bildungsstandard + soziale Herkunft, Mulitkulturalität). zu veränderten Sozialisationsbedingungen der heutigen Kindheit geführt, so dass Krenz von „Kindheiten mit typischen Einflüssen und häufigen Kindheitserfahrungen“ (18) spricht. Kinderalltag findet häufig in zeitlich verplanten und pädagogisch organisierten Erfahrungswelten statt, in denen Kindern einerseits vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten geboten werden, andererseits die „Sättigung der seelischen Grundbedürfnisse“ (18) von Krenz in Frage gestellt wird. Daher zieht er aus diesen Analysen „Konsequenzen für eine gegenwartsorientierte Pädagogik“.

2. „Vorschulpädagogik“ – das Unwort des Jahres in der Elementarpädagogik (31-42). Auf den folgenden 10 Seiten erhält der Leser eine Betrachtung zu dem häufig verwendeten Begriff der „Vorschulpädagogik“. Juristisch wie auch entwicklungspsychologisch/ pädagogisch betrachtet ist dieser Begriff nach Krenz schlichtweg falsch, da der für Tageseinrichtungen für Kinder eigene Bildungs- und Erziehungsauftrages zunächst nicht auf die nachfolgende Institution „Schule“ ausgerichtet ist. Auch dieses Kapitel schließt mit Argumenten für eine klare fachliche Positionierung.

3. Sprache als lebendiges und integriertes Alltagserlebnis für Kinder und Erwachsene (43-70). In diesem Kapitel ist für Krenz die hohe kommunikative Bedeutung der Sprache Ansatz für eine auf die Erlebnis- und Alltagswelt des Kindes bezogene Sprachförderung. Daher distanziert er sich von den unterschiedlichen Programmen zur Sprachstandeserfassung. Sprachförderung findet nach Krenz nicht in didaktisch verabreichten Häppchen, sondern als fest „integrierter Bestandteil der gesamten pädagogischen Tätigkeit im Tagesablauf einer Kindertageseinrichtung“ (49) statt. Die Kindertagesstätte muss daher für Kinder ein Alltags- und Lebensraum sein, der auf Beziehung basiert und Räume für intensive Erfahrung bietet. Unter dem Aspekt der „sprachfreundlichen Rahmenbedingungen“ stellt Krenz einen Reflexionsbogen vor, an Hand dessen die pädagogischen Fachkräfte ihr eigenes Sprach- und Sprechverhalten analysieren können.

4. Entwicklungsgesetze in der frühen Kindheit – ihre Bedeutungswerte für eine kindgerechte Pädagogik (71-108). Durch den engen Zusammenhang zwischen Motorik und kognitiver Entwicklung gehört die Motorik zur Basis der kognitiven Entwicklung. Weitere Entwicklungsbereiche werden thematisiert: soziale Entwicklung, Körperpflege, kognitive Entwicklung. Krenz geht der Frage nach, unter welchen Gesetzmäßigkeiten Entwicklung erfolgt und führt hierzu Gesetzmäßigkeiten auf, mit der Absicht „Ansatzpunkte für die praktische Arbeit zu liefern“ (94), die abschließend mit drei Kernbereichen eine bindungs- und kindorientierte Entwicklungsbegleitung kennzeichnen.

5. „Verhaltensauffälligkeiten“ sind Verhaltensweisen auf entwicklungshinderliche Umgebungseinflüsse und Signale für das Umfeld (109-122). Schon allein die Überschrift macht die Position des Autors deutlich, wonach Kinder ihr Verhalten in Beziehungen interaktiv entwickeln. Auffälliges Verhalten muss daher als ein „Ergebnis einer wenig geglückten bzw. gestörten Beziehung und Entwicklungsatmosphäre zwischen dem Kind und seinem Umfeld betrachtet werden“ (116). Einen pädagogischen Zugang für diese Verhaltensbesonderheiten sieht Krenz in einer beschreibenden und fragenden Annäherung. Hierfür bietet er eine Auflistung von Fragen, die für die Erstellung einer Verhaltensanalyse hilfreich sein kann.

6. Beobachtung von kindlichen Entwicklungsprozessen: Ausgangspunkt und Grundlage für eine kindorientierte Pädagogik (123-148). Im Unterschied zur Wahrnehmung ist Beobachtung „eine aktive, planmäßige, auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtete und methodisch aufgebaute, zweckorientierte Registrierung von Ereignissen oder Verhaltensweisen einzelner Menschen oder Gruppen in Abhängigkeit von unterschiedlichen Situationen und Rahmenbedingungen“. (125) Im Abschnitt „Stellenwert der Beobachtung in der (Sozial-)Pädagogik“ werden die unterschiedlichen Beobachtungsformen und Einflussfaktoren auf den Beobachter vorgestellt. Fragestellung und Strukturierung der Beobachtungsaktivität sind wesentlicher Ausgangspunkt für eine qualifizierte Beobachtung. Dabei ist Beobachtung zunächst Selbstbeobachtung und beginnt immer mit dem Beobachter selbst. „Erkenne dich selbst, bevor du andere zu erkennen trachtest“ (132). Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels zu „Grundsätzen zur Durchführung und Auswertung erhobener Daten“ gibt Krenz einen für die Erstellung von Entwicklungsberichten hilfreichen Überblick über unterschiedliche Gliederungshilfen (Raster nach Entwicklungsbereichen, Beobachtungsbögen sowie Impulsfragen), denn „aufgrund der jeweils besonderen Fragestellungen und der unterschiedlichen Zielsetzungen für Entwicklungsberichte und Beurteilungen“ (147) gibt es nie das eindeutige ‚richtige‘ oder ‚beste‘ Verfahren.

7. „Das Spiel ist der Beruf des Kindes!“ – Die hohe Bedeutung des Spiels als Bildungsmittelpunkt für Kinder und als Basiswert einer späteren „Schulfähigkeit“ (149-200). Unter den Abschnitten „Grundsatzgedanken zur Psychologie des Spiels“, „zur Theorie des Kinderspiels“, „Spielformen und ihre Bedeutung für die Entwicklung der individuellen und sozialen Identität“, „Spielen und Lernen: ein kontextuales Geschehen“ sowie „Bedingungen zur Förderung des Spiels“ erhält der Leser auf 50 Seiten differenziert zentrale Informationen zum Phänomen Spiel. Der Begriff der Schulfähigkeit erhält im Abschnitt „Spielen und Lernen“ eine besonders ausführliche Erörterung. Nach einen historischen Exkurs zu dem auf Reifungsphänomene reduzierten Begriff der Schulreife, entwickelt Krenz ein Verständnis von Schulfähigkeit, die „aus einem ganzen Bündel sehr spezifischer Merkmale“ (179), unterschiedliche Kompetenzen in den vier Schulfähigkeitsbereichen – emotional, sozial, motorisch, kognitiv – aufweist. Als Fazit beschreibt Krenz Schulfähigkeit „als das Ergebnis einer stabilen Gesamtpersönlichkeitsentwicklung von Kindern, ausgestattet mit einem gut und sicher ausgeprägten Selbstwertgefühl“ (185). Dem Bildungs- und Erziehungsauftrag von Kindertagesstätten wird abschließend mit der Vorstellung von notwendigen „Bedingungen zur Förderung des Spiels“ (189) inhaltlich Rechnung getragen.

Diskussion

Mit seiner ausgesprochen hervorragenden Expertise im Feld der Frühpädagogik hat der Autor mit den vorgestellten Themen eine Auswahl getroffen, die für die Arbeit in Kindertagesstätten von zentraler Bedeutung sind. In sprachlich sehr verständlicher Form stellt Krenz die einzelnen Themen mit einer differenzierten Fachlichkeit aus unterschiedlichen Blickpunkten vor. Damit erhält der Leser einerseits einen guten Überblick über die verschiedenen Positionen, wird aber auch angeregt, eine eigene Bewertung vorzunehmen. Die Themen haben neben wissenschaftlich fundierten Fakten immer auch einen engen Praxisbezug, der durch Reflexionsfragen, Arbeitshilfen oder pointieren Leitsätzen zum Nachdenken des eigenen Handelns anregt. Jedes Kapitel endet mit einigen Literaturhinweisen, die sich auch auf ältere, aber nicht unwesentliche Publikationen beziehen.

Fazit

Das vorliegende Buch ist für alle an der Frühpädagogik interessierten LeserInnen zum Nachdenken für die eigene Haltung zu empfehlen. Für die Fort- und Ausbildung bietet es Anregung, den Diskussionsprozess in der Lerngruppe anzustoßen.

Rezension von
Jutta Daum
Erziehungswissenschaftlerin (M.A.), Gießen
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Es gibt 20 Rezensionen von Jutta Daum.

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Zitiervorschlag
Jutta Daum. Rezension vom 06.10.2015 zu: Armin Krenz: Entwicklungsorientierte Elementarpädagogik. Kinder sehen, verstehen und entwicklungsunterstützend handeln. Burckhardthaus Laetare Körner Medien UG (München) 2014. ISBN 978-3-944548-02-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17110.php, Datum des Zugriffs 26.11.2022.


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