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Till Kössler, Alexander Schwitanski (Hrsg.): Frieden lernen

Cover Till Kössler, Alexander Schwitanski (Hrsg.): Frieden lernen. Friedenspädagigok und Erziehung im 20. Jahrhundert. Klartext Verlag (Essen) 2014. 288 Seiten. ISBN 978-3-8375-0946-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.

Beiträge zur Historischen Friedensforschung, Bd. 20.
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Friedenskultur und Menschlichkeit

Der friedliebende Mensch steht in krassem Gegensatz zum aggressiven und kriegslüsternen Individuum und Kollektiven. Dabei ist die Sehnsucht nach Frieden eine uralte, menschliche Erwartungshaltung, die immer wieder in der Menschheitsgeschichte Chancen zur Verwirklichung hatte; freilich auch oft genug bestimmt und dominiert wird von Krieg, Vernichtung und Zerstörung. In der „globalen Ethik“, wie die von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierte „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ sich nennt, wird der Zusammenhang von Friedenswillen, -fähigkeit und -bereitschaft mit der menschlichen Eigenschaft hergestellt, dass Friede Menschlichkeit bedeutet: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Daraus ergibt sich das Bewusstsein, dass Friedfertigkeit lernbar ist. Die UNESCO, die Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftsorganisation der Vereinten Nationen, hat am 19. November 1974 die „Empfehlung über die Erziehung zu internationaler Verständigung und Zusammenarbeit und zum Frieden in der Welt sowie die Erziehung zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten“, kurz: Empfehlung zur internationalen Erziehung, vorgelegt. Auf der Grundlage des Artikels 26/2 der Menschenrechtsdeklaration – „Die Bildung soll auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung und Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie soll Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Völkern und allen rassischen oder religiösen Gruppen fördern und die Tätigkeit der Vereinten Nationen zur Aufrechterhaltung des Friedens unterstützen“ – zielt die Empfehlung darauf, Friedensbildung und -erziehung in allen Bildungsebenen und -formen wirksam werden zu lassen, Verständnis und Achtung für alle Völker, ihre Kulturen, Zivilisationen, Werte und Lebensweisen zu schaffen, ein Bewusstsein für die wachsende gegenseitige Abhängigkeit zu erzeugen, die Fähigkeit zur Kommunikation darüber zu entwickeln, und Verständnis für die Notwendigkeit internationaler Solidarität und Zusammenarbeit zu fördern“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung zur „internationalen Erziehung“, 2., veränd. Aufl., Bonn 1990, 37 S.). Beim Internationalen Kongress „Peace in the Minds of Men / Frieden im Denken der Menschen“, den die UNESCO vom 26.6. – 1.7.1989 in Yamoussoukro/Elfenbeinküste durchführte, haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Fragen – Der Frieden unter den Menschen / Der Frieden zwischen dem Menschen und einer intakten Umwelt / Die Instrumente des Friedens – diskutiert und dabei eine (neue) Definition von FRIEDEN entwickelt:

Frieden heißt Ehrfurcht vor dem Leben.
Frieden ist das kostbarste Gut der Menschheit.
Frieden ist mehr als das Ende bewaffneter Auseinandersetzung.
Frieden ist eine ganz menschliche Eigenschaft.
Frieden verkörpert eine tiefverwurzelte Bindung an die Prinzipien der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Solidarität zwischen allen Menschen.
Frieden bedeutet auch eine harmonische Partnerschaft von Mensch und Umwelt (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, „Der Schrei nach dem Gedächtnis der Menschheit – Ein Zwischen(Denkauf-)ruf“, 24.2.2012, www.sozial.de/index).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Friedensforschung als wissenschaftliche Theorie- und Praxis des Friedenlernens, hat spätestens seit der unmenschlichen Zeit der Weltkriege eine Bedeutung für Bildung und Erziehung erlangt. An mehreren Universitäten und Forschungseinrichtungen haben sich Vereine, Arbeitsgemeinschaften und Arbeitskreise gebildet, die Friedens- und Konfliktforschung betreiben und erheblich mit dazu beigetragen haben, dass bei den Bildungs- und Erziehungswissenschaften „Friedenspädagogik“ einen besonderen Stellenwert einnimmt (vgl. dazu z. B.: Peter Schlotter, Simone Wisotzki (Hrsg.): Friedens- und Konfliktforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11889.php; sowie: Matthias Lutz-Bachmann / Andreas Niederberger, Hrsg.,: Krieg und Frieden im Prozess der Globalisierung, www.socialnet.de/rezensionen/8195.php).

Dabei hat der Gedanke eine besondere Bedeutung, dass Friedenskompetenz individuell entwickelt und kollektiv verwirklicht werden muss. So gründete sich im Jahr 2000 eine Vereinigung von Friedenserzieherinnen und -erziehern aus acht europäischen Ländern: EURED (Education for Europe as Peace Education), die sich zum Ziel gesetzt hat, Konzepte für eine europäische Friedenserziehung zu entwickeln, den Bildungsauftrag „Friedenserziehung in die europäischen Bildungs- und Erziehungssysteme zu implementieren, Programme für die Aus- und Fortbildung von LehrerInnen und MultiplikatorInnen als Friedenserzieher zu erarbeiten und wissenschaftliche Forschungen anzuregen“ (Werner Winterstein / Vedrana Spajić-Vrkaš / Rüdiger Teutsch, eds., Peace Education in Europe. Visions and experiences, New York / Berlin 2003, 355 S.). Und es liegen mittlerweile eine Reihe von Studien und Praxisberichten vor, wie Friedenserziehung lokal (Monika Rosenbaum / Barbara Schlüter, Kindern den Frieden erklären. Krieg und Frieden als Thema in Kindergarten und Grundschule, www.socialnet.de/rezensionen/3359.php) und global ( z. B.: Andeselassie Hamednaka, Konsolidierung des Friedens durch Bildung? Der Beitrag von Bildungspolitik und Friedenspädagogik am Beispiel von Eritrea, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/14354.php).

Der Erziehungswissenschaftler von der Ruhr-Universität in Bochum, Till Kössler und der Historiker vom Archiv für soziale Bewegungen im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets, Alexander J. Schwitanski, geben den Band „Frieden lernen“ heraus. Damit werden u. a. die Referate wiedergegeben, die bei der Arbeitstagung des Arbeitskreises „Historische Friedensforschung“ vom 4. – 6. 11. 2011 zum Tagungsthema „Erziehung zum Krieg. Erziehung zum Frieden. Friedenspädagogik im 20. Jahrhundert“ gehalten wurden.

Aufbau und Inhalt

Der Tagungsband wird in fünf Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten Kapitel geht es um „Geschichte und Perspektiven“,
  2. im zweiten um „Friedenspädagogik und Erziehungsreform zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik“,
  3. im dritten um „Friedenspädagogik, Erziehung und Jugend seit dem Ersten Weltkrieg“,
  4. im vierten um „Friedenspädagogik und Friedenserziehung im Kalten Krieg“, und
  5. im fünften und letzten Kapitel um „Friedenserziehung und Historische Friedensforschung“.

Friedenserziehung zu historisieren und damit Licht im Dunkel von Krieg, Gewalt und Konflikt zu erkennen, das Frieden möglich ist und Schwerter tatsächlich zu Pflugscharen umgeschmiedet werden können, das ist eine bedeutsame, pädagogische und zivilisatorische Herausforderung!

Im ersten Kapitel stellt Till Kössler „Perspektiven einer Geschichte von Friedenspädagogik und Friedenserziehung im 19. und 20. Jahrhundert“ vor. Es geht um die „Ächtung des Militärischen in der Erziehung und die Ausrichtung staatlicher Bildung und Erziehung auf den Erhalt des Friedens sowie die Einübung ziviler, gewaltloser Tugenden“; zweifellos eine hehre und humane Aufgabe. Weil menschliches Denken und Handeln immer auch von der Geschichte geprägt ist, von Versuch und Irrtum, von Versuchungen und Visionen, und von Idealen und Ideologien, ist ein Blick auf die Bildungs- und Erziehungskonzepte und -praktiken wichtig. Es gilt erfahrbar zu machen, dass bei der Erforschung von Friedenserziehung themen- und fächerübergreifende Fragestellungen zu berücksichtigen sind, wie z. B.: Menschenrechtserziehung, Aufklärung über Rechtsextremismus und Rassismus, Anti-Gewalttraining, genderorientierte Erziehung, globales und interreligiöses Lernen, Umwelterziehung und Nachhaltigkeitsbildung. Der Autor schlägt vor, gerade die Vielfältigkeiten und Uneindeutigkeiten von friedensbildenden Konzepten „zum Ausgangspunkt einer Forschung zu machen, die sich in umfassender Weise mit Krieg, Gewalt und Frieden im Bereich von Aufwachsen und Erziehen befasst“.

Der Politikwissenschaftler und Friedensforschung von der Tübinger Berghof-Foundation, Uli Jäger, zeigt mit seinem Beitrag „Friedenspädagogik in Zeiten des Kalten Krieges“ Herausforderungen, Etappen und Erfahrungen aus der Zeit von 1945 bis 1989 auf und informiert über die gesellschaftlichen und politischen Phasen, Bezugspunkte, Kontroversen und Grenzen zur Friedenspädagogik.

Das zweite Kapitel leitet der (em.) Erziehungswissenschaftler von der Universität Paderborn, Wolfgang Keim, mit dem Beitrag „Friedensengagement in der Reformpädagogik“ ein. Er reflektiert die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der Zeit zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik und macht deutlich, dass friedenspädagogische Initiativen in dieser Zeit des pädagogischen Aufbruchs nicht grundlegende Bestandteile der Bildungs- und Erziehungsinitiativen waren; lediglich in einigen Ausnahmen, etwa Pädagogen vom „Bund Entschiedener Schulreformer“ und vom „Weltbund für Erneuerung der Erziehung“ erkannten die Herausforderung für Friedenserziehung; was den Autor veranlasst zu fragen, „inwieweit äußerer und innerer Frieden auch mit der Verfassung des Gesellschaftssystems“ zu tun haben.

Der Kasselaner Studiendirektor Reinhold Lütgemeier-Davin fragt mit seinem Beitrag: Aufbruch in eine „neue Zeit“? Er setzt sich auseinander mit den Zusammenhängen von Friedensbewegung und bürgerlicher Jugendbewegung jener Zeit. Die verschiedenen Zielsetzungen und Aktivitäten der Friedens-, Frauen-, Jugend- und Lebensreformbewegungen fanden sich in der Reformpädagogik wieder; doch es gab auch kontroverse und teilweise sogar konträre Auffassungen. Der Autor stellt einige Modelle und Konzepte vor, in denen friedenspädagogische Ansätze von Reformpädagogen erkennbar werden, etwa in der „Freideutschen Jugend“ (Knud Ahlborn) und im Erziehungsmodell „Wickersdorf“ Die Initiativen endeten abrupt mit der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten.

Christian Brunnenberg vom Historischen Institut der Universität Duisburg-Essen setzt sich in einem Fallbeispiel über die Folgen des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 auseinander, indem er mit der „Fröschweiler Chronik“ des elsässischen Pfarrers Karl Klein (1838 – 1898) auf die völkischen und nationalen Stimmungen in der Bevölkerung der Sieger und Verlierer verweist und die in der Zeit vorherrschenden geschichtlichen Auslegungen und Rezeptionen in Frage stellt, ob es sich dabei um ein „Anti-Kriegsbuch“ des deutschen Kaiserreichs, oder nicht doch eher um ein willkommenes, zum Krieg und Vormachtstellung aufforderndes Machwerk handelte.

Der Historiker für German and Scandinavian Studies von der University of Massachusetts Amherst, Andrew Donson, schaut mit seinem Beitrag „Friedenserziehung und Siegfriede im frühen 20. Jahrhundert“ nach, welche Bedeutung Friedenserziehung in der Zeit gehabt habe. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die vom Kaiserreich propagierte Militärdoktrin vom „Siegfrieden“ in der Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen weitgehend vollständig und unkritisiert übernommen und weitergegeben wurde, und so die Bereitschaft in der Bevölkerung fördern konnte, Ja zum Ersten und erst recht zum Zweiten Weltkrieg zu sagen; nur zaghaft und weniger von den Lehrkräften der höheren Schulen, als von denen der Volksschulen, entwickelte sich nach den Kriegen eine Bereitschaft zur Friedenserziehung

Das dritte Kapitel „Friedenspädagogik, Erziehung und Jugend seit dem Ersten Weltkrieg“ beginnt der wissenschaftliche Mitarbeiter des Deutschen Historischen Instituts in Paris, Arndt Weinrich, mit der Frage: „Heldengedenken und Friedenserziehung?“. Er setzt sich dabei mit den offiziellen und offiziösen Verlautbarungen und Programmen auseinander, die in der Weimarer Republik die Stimmungen und Meinungen von jungen Menschen zum Ausdruck brachten und sich in starkem Maße als „Heroisierung und Sakralisierung der Gefallenen des Ersten Weltkriegs“ ausdrückten. Die als Minimalkonsens in der Gesellschaft verbreitet vorhandenen, gepflegten und offiziell geförderten Auffassungen von (männlicher) Pflichterfüllung, Opferbereitschaft und Kameradschaft konnten so anschlussfähig werden für die nationalsozialistische Ideologie.

Alexander J. Schwitanski vergleicht mit seinem Beitrag „Sozialistische Friedenserziehung nach zwei Weltkriegen“ die Programme und Entwicklungen der „Kinderrepublik Seekamp“ und der Initiative „Falkenstaat Junges Europa“ (1952). Die „Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde“ (RAG) führte 1927 ein Zeltlager im Schleswig-Holsteinischen Gut „Seekamp“ durch, in dem, organisiert und geführt von sozialdemokratischen Einrichtungen, wie etwa der „Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer“ die Parole – „Die Staatsgewalt geht vom Kinde aus“ – exemplarisch die Forderungen nach Umgestaltung der schulischen Lehrpläne, der Bildungs- und Erziehungsmethoden und nach einem pazifistischem Bewusstsein praktiziert wurden. Die aus der sozialistischen Idee der „Erziehungsinternationale“ hervorgegangene Jugendorganisation „Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken“ hat nach dem Zweiten Weltkrieg internationale Zeltlager durchgeführt, in denen deutlich und zuvorderst eine Erziehung zum Frieden geübt wurde.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des DFG-Graduiertenkollegs „Generationengeschichte“ an der Universität Göttingen, Christine G. Krüger, referiert über „Arbeit – Gemeinschaft – Internationalität“, indem sie über die Friedenspädagogik der Workcampbewegung reflektiert. Es war der vom amerikanischen Psychologen, Philosophen und Pazifisten Wil1iam James 1910 initiierte Gedanke, für arbeitslose Jugendliche einen zivilen Arbeitsdienst einzurichten und so den „jugendlichen Träumereien von Heldentaten vom Krieg“ die Idee vom Frieden entgegen zu setzen. Im Vordergrund stand dabei von Anfang an der Gedanke, dass eine gemeinsame Arbeit von jungen Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und Freundschaft, anstatt Krieg und Gewalt erzeugen und demokratische Erfahrungen nicht nur in Worten, sondern auch in Tagen erlebbar zu machen. Die Idee einer kritischen Friedenspädagogik, „dass Frieden nur auf der Grundlage demokratischer Strukturen zu erreichen sei“, wird von den verschiedenen, weltanschaulichen und freien Einrichtungen der Workcamporganisationen praktiziert.

Die Freiburger Historikerin Sonja Levsen diskutiert mit ihrem Beitrag „Kontrollierte Grenzüberschreitungen: Jugendreisen als Friedenserziehung nach 1945“ am Beispiel der deutsch-französischen Jugendbegegnungen die Entwicklung des Gedankens, dass Frieden durch Anschauen und Berühren möglich werden kann. Die in Frankreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebrachten, durchaus unterschiedlichen Ideen und Programme einer Erziehung zum Frieden werden vorgestellt. Die Erfolge der Schüleraustauschprojekte und Begegnungen werden heute als ein Beleg dafür genommen, dass die (traditionelle) Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen sich in eine (etablierte) Freundschaft gewandelt hat. In der historischen Forschung kommt allerdings auch zum Ausdruck, dass die offiziellen Vorstellungen in Deutschland und Frankreich unterschiedlich gewertet wurden, etwa beim Gedanken, ob programmatisch organisierte deutsch-französische Jugendbegegnungen höhere Wirkungsgrade erreichten als individuelle Kontakte.

Im vierten Kapitel „Friedenspädagogik und Friedenserziehung im Kalten Krieg“ beginnt der Freiburger Historiker Wolfram Wette mit der Feststellung: „Abschied von der Kriegskultur“, indem er über friedenspolitische Lernprozesse in Deutschland nach 1945 nachdenkt. Er stellt verschiedene Stationen und Auffassungen vor, wie der Wandel von der Kriegs-, hin zur Friedenserziehung möglich gemacht werden und sich als „kritische Friedenserziehung“ etablieren konnte. Die gesellschaftlichen Mentalitäts- und Meinungsbildungsprozesse, die sich nicht mit dem Status quo zufrieden gaben, sondern durch die (kollektive?) Bereitschaft zur Aufarbeitung von Gewalt- und Kriegsdenken im gewaltgesättigten „Zeitalter der Extreme“ ein lebbares Friedensbewusstsein entwickelten, können als positive und zukunftsfähige Erfolge bezeichnet werden; es gilt jedoch wachsam zu sein, dass in der Spannweite von militärisch fokussierter Sicherheitspolitik einerseits und Friedenssehnsucht andererseits das Bewusstsein überwiegt, dass, wie Albert Einstein 1932 es ausdrückte: „Die Massen sind niemals kriegslüstern, solange sie nicht durch Propaganda vergiftet werden“.

Roman Faure vom Braunschweiger Georg-Eckert-Institut / Leibnitz-Institut für internationale Schulbuchforschung setzt sich mit seiner Frage „Frieden durch internationale Schulbuchrevision?“ mit der europäischen Debatte um Veränderungen von Geschichtsbildern und -Instrumentalisierungen in den 1950er Jahren auseinander. Es war tatsächlich eine neue, didaktische und ideologische Entdeckung, dass übermittelte und propagierte Nationalgeschichte vermeintliche Wirklichkeitsbildung erzeugt – und eine international, auf den Grundlagen einer „globalen Ethik“ und Menschenrechtsbildung basierte Revision von Lehrbüchern und -materialien Verständigung- und Friedenserziehung bewirken könne. Dieses Denk-Wagnis hat sich entwickelt aus den deutsch-französischen Friedensbemühungen. Die Übereinstimmungen wie auch die Kontroversen der Historiker, geschichtliche Ereignisse „ideologiefrei“ in den Schulbüchern darzustellen, diskutiert der Autor insbesondere am Beispiel und der Arbeit des französischen, marxistischen Historikers Pierre Vilar, der die Auffassung vertrat, dass eine Schulbuchrevision über den deutsch-französischen und europäischen Kontext hinausgehen und sich global entwickeln müsse.

Der Münchner Historiker und Publizist Detlef Bald thematisiert „Frieden im Bildungskonzept von Graf Baudissin“, indem er über die Reform der militärischen Pädagogik nachdenkt. Dass Friedenspädagogik nicht nur in der institutionalisierten schulischen und in der Erwachsenenbildung einen hohen Stellenwert, sondern auch „für das staatliche Instrument der Macht, das Militär“ einzunehmen hat, wurde in der Geschichte der Nationenbildung und militärischen Entwicklung lange übersehen: „In der modernen deutschen Militärgeschichte bis 1945 bestand eine absolute und prinzipielle Unverträglichkeit zwischen Friedenspädagogik und Militär“. Der Militärhistoriker und Friedensforscher Wolf Stefan Traugott Graf von Baudissin (1907 – 1993) hat beim Aufbau der Bundeswehr mitgewirkt und insbesondere die Konzepte zur „Inneren Führung“ mit entwickelt. Die Diskussionen und Auseinandersetzungen über eine neue Sichtweise der Rolle des Militärs in der Gesellschaft konnten zwar in den Zeiten des Kalten Krieges und der Waffenkonfrontationen nicht zugunsten des neuen Leitbildes vom „Staatsbürger in Uniform“ verwirklicht werden; es zeigt sich aber, dass sie als „Beitrag für eine aufgeklärte Gesellschaft der Bundesrepublik … einen Anteil an der militärpolitischen ‚Kultur der Zurückhaltung‘ hat und weiterhin im Sinne der Friedenserziehung wirkt.

Der Geschichtslehrer Andreas Tietze vom Berliner Herder-Gymnasium und die Sozialarbeiterin und Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam, Nicole Vogel, stellen mit ihrem Beitrag „Von Friedenstauben und Pflugscharen“ die unterschiedlichen, offiziellen und oppositionellen Positionen zur Friedenserziehung in der DDR dar. Während auf der einen Seite „Friede“ als verfassungsgemäßer Leitgedanke und Anliegen des sozialistischen Staates festgeschrieben und gleichzeitig „Wehrerziehung“ in den Schulen und Jugendorganisationen praktiziert wurde – „Frieden wurde offiziell als Nichtkrieg bestimmt und zunehmend mit Sozialismus gleichgesetzt“ – entwickelten sich mit den pazifistischen, oppositionellen Gegenpositionen Strategien der Friedenserziehung, die insbesondere unter dem Dach der evangelischen Kirchen Heimat und Ausdrucksmittel fanden.

Der Historiker von der schottischen University of Stirling, Holger Nehring, stellt in dem Schlussbeitrag des Buches „Perspektiven: Friedenserziehung und Friedenspädagogik, Gewalt und Zivilität“ vor und fasst die wesentlichen Gedanken der Texte im Sinne der Historisierung der Friedenserziehung und der Friedenspädagogik zu einer „Praxeologie des Friedens“ zusammen. Es sind die durchaus unterschiedlichen Wirkungen, die durch die historische Betrachtung der Entwicklung der Friedenspädagogik und -erziehung deutlich werden, nämlich einerseits als Kontrolle und Regulierung, andererseits als Autonomie und Freiheit. Es gilt, dieses Spannungsverhältnis in „Friedenspraxis“ zu überführen.

Fazit

Wie können wir aus dem Schlamassel von Unsicherheit und Perspektivlosigkeit in unserer lokalen und globalen Welt der Konflikte und dominanten Machtstrukturen herauskommen und hingelangen zu einer Welt des Friedens, der Gerechtigkeit und Gleichheit? (vgl. auch: Matthias Lutz-Bachmann / Andreas Niederberger, Hrsg., Krieg und Frieden im Prozess der Globalisierung, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8045.php).

Nur, indem wir ernsthaft und eindringlich benutzen, was uns Menschen als Grundbestand unseres Menschseins gegeben ist: Verstand! Der Sammelband „Frieden lernen“ setzt sich insbesondere mit dem Gedanken auseinander, dass Friedenserziehung und Friedenspädagogik als immanent humane Denk- und Lebensauffassung verbunden ist mit der Überzeugung: Friedensbewusstsein und -kompetenz sind Lern- und Aufklärungsherausforderungen! Wenn „Frieden … die Einhegung und Minderung kollektiver Gewalt und der Krieg … organisierte Anwendung kollektiver Gewalt sind“, bedarf es der wissenschaftlichen Nachschau, wie Gewalt und Krieg entstehen und Friedfertigkeit möglich wird. Die historische Friedensforschung zeigt dafür einige Ansätze auf, stellt Fragen und gibt auch Antworten darauf. Sie stellt als fachimmanente wie als disziplinübergreifende Initiative Theorien, Konzepte, Fallbeispiele und Methoden bereit, um Friedenspädagogik und Friedenserziehung für Heute und Morgen wirksam werden zu lassen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.01.2015 zu: Till Kössler, Alexander Schwitanski (Hrsg.): Frieden lernen. Friedenspädagigok und Erziehung im 20. Jahrhundert. Klartext Verlag (Essen) 2014. ISBN 978-3-8375-0946-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17112.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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