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André Beauducel, Anja Leue: Psychologische Diagnostik

Rezensiert von Dr. Anne-Kathrin Mayer, 04.09.2014

Cover André Beauducel, Anja Leue: Psychologische Diagnostik ISBN 978-3-8017-2256-2

André Beauducel, Anja Leue: Psychologische Diagnostik. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2014. 326 Seiten. ISBN 978-3-8017-2256-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,90 sFr.

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Thema, Entstehungshintergrund und Zielgruppe

Psychologische Diagnostik stellt eine der zentralen Aufgaben von Psychologinnen und Psychologen in der beruflichen Praxis dar. Unter Rückgriff auf diagnostische Befunde werden beispielsweise Selektions- und Platzierungsentscheidungen getroffen (z.B. in der Schullaufbahnberatung, der Personalauswahl und -entwicklung), Indikationen für klinisch-therapeutische Maßnahmen gestellt oder retrospektive Erklärungen bzw. Prognosen von Verhalten entwickelt (z.B. im Rahmen der rechtspsychologischen Begutachtung).

Entsprechend bildet Psychologische Diagnostik eines der Kernfächer innerhalb des Bachelor-Studiengangs Psychologie. Das Ziel des Lehrbuches von Beauducel und Leue besteht darin, die Kernbegriffe und grundlegenden Prinzipien dieses Methodenfachs zu vermitteln. Ergänzend soll es gemäß Vorwort eine Hilfe für diejenigen sein, „die sich für die Grundlagen verantwortungsvoller psychologischer Diagnostik interessieren“ (Beauducel & Leue, 2014, S. 11).

Der Schwerpunkt des Bandes liegt auf einer Darstellung und Diskussion allgemeiner Qualitätsmaßstäbe (inklusive möglicher Fehlerquellen und Qualitätssicherungsmaßnahmen) der psychologischen Diagnostik. Für eine Erläuterung von Prinzipien der Testtheorie und Testkonstruktion wird auf den Band von Eid und Schmidt aus der gleichen Lehrbuchreihe verwiesen.

AutorInnen

Prof. Dr. André Beauducel ist Professor für Methodenlehre, Psychologische Diagnostik und Evaluation an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und (Mit-)Entwickler zahlreicher psychometrisch konstruierter Testverfahren. Jun. Prof. Dr. Anja Leue hat eine Juniorprofessur an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn sowie der Klinik für Epileptologie der Universität Bonn inne.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst zehn Kapitel sowie ein Glossar mit den wichtigsten Fachbegriffen. Die Kapitel enthalten zahlreiche Textboxen mit Begriffsklärungen oder zentralen Inhalten sowie Tabellen, Abbildungen und Beispiele. Kernbegriffe sind auch als Stichworte am Rand angegeben, um die Übersichtlichkeit zu erhöhen. Jedes Kapitel endet mit einer Zusammenfassung sowie Wissens- und Verständnisfragen, zu denen auf den Webseiten des Verlags Lösungshinweise bereit gestellt werden. Auf diesen Seiten finden sich ferner zusätzliche Informationen für Studierende und Lehrende.

Kapitel 1 (Definitionen, Aufgaben und Rahmenbedingungen der psychologischen Diagnostik) dient der Begriffsbestimmung und der Definition allgemeiner Aufgaben psychologischer Diagnostik in der Anwendungspraxis. Ferner wird auf ethische und rechtliche Rahmenbedingungen der Diagnostik eingegangen. Zu den ethischen Aspekten wird beispielsweise auf die einschlägigen Berufsordnungen für Psychologinnen und Psychologen verwiesen. Aus rechtlicher Perspektive werden unter anderem die Freiwilligkeit der Teilnahme an Untersuchungen, die Zulässigkeit spezieller Untersuchungsverfahren („Lügendetektor“) sowie die Verschwiegenheitspflicht diskutiert.

Kapitel 2 (Psychologische Diagnostik als Prozess) stellt die Schritte des diagnostischen Prozesses von der Problemklärung resp. Definition der Fragestellung über die diagnostische Untersuchung, Ergebnisintegration und -interpretation sowie Interventionsplanung bis hin zur Follow-up-Diagnostik dar. Es erläutert ausführlich die verschiedene Wege der diagnostischen Urteilsbildung und Entscheidungsfindung sowie damit verbundene mögliche Fehler- bzw. Verzerrungstendenzen und Möglichkeiten diese zu vermeiden.

In den Kapiteln 3 (Testgütekriterien I: Objektivität und Reliabilität), 4 (Testgütekriterien II: Validität) und 5 (Nebengütekriterien und Wechselbeziehungen zwischen Gütekriterien) werden die Gütekriterien psychologischer Tests nach der Klassischen Testtheorie sowie die verschiedenen Methoden ihrer Bestimmung vorgestellt. Knapp eingegangen wird auch auf Zusammenhänge zwischen den Gütekriterien und Möglichkeiten, die verschiedenen Kriterien zu maximieren; zur Vertiefung wird auf die aktuelle einschlägige Literatur zur Testkonstruktion verwiesen.

Kapitel 6 (Messinvarianz, Testfairness und Normen) behandelt Gesichtspunkte psychologischen Testens, die bei Konstruktion und Einsatz eines Tests in verschiedenen Personengruppen zu beachten sind, um eine systematische Benachteiligung bestimmter Gruppen zu vermeiden. Von zentraler Bedeutung ist die Frage, inwieweit der Test unabhängig von der Gruppenzugehörigkeit interindividuelle Merkmalsunterschiede vergleichbar abbildet und gleichermaßen zur Vorhersage spezifischer Kriterien geeignet ist. Unter dem Gesichtspunkt der Normierung werden verschiedene Normtypen sowie unterschiedliche Möglichkeiten der Gewinnung von Normierungsstichproben dargestellt. Schließlich wird diskutiert, welche Vor- und Nachteile die Verwendung gruppenspezifischer Normwerte besitzt.

Unter der Überschrift „Verzerrungstendenzen“ werden in Kapitel 7 verschiedene Arten der absichtlichen versus unabsichtlichen Verfälschung von Testergebnissen und Möglichkeiten ihrer direkten und indirekten Erfassung vorgestellt. Mit Blick auf die Relevanz solcher Tendenzen werden zum einen mögliche Einflüsse auf die Konstruktvalidität und zum anderen ihr diagnostisches Potenzial diskutiert.

In dem zwangsläufig vergleichsweise statistisch gehaltenen Kapitel 8 (Psychometrische Einzelfalldiagnostik) wird gezeigt, worauf bei der Interpretation individueller Testwerte zu achten ist, wenn aus Testdaten die gemäß der Klassischen Testtheorie „wahren“ Werte einer Person ermittelt werden sollen. Diese Frage ist von besonderer Bedeutung, wenn Testwerte innerhalb von bzw. zwischen Personen verglichen werden sollen, z.B. um die Bedeutsamkeit von Veränderungen (etwa durch eine Intervention) oder von Unterschieden zwischen Personen (z.B. zur Begründung von Auswahlentscheidungen) zufallskritisch abzusichern. Ausführlich erläutert wird die Vorgehensweise bei der Profilanalyse von Testwerten auf mehreren Untertests bzw. Skalen. Schließlich wird unter dem Stichwort „Reliabilitätsgeneralisierung“ auf die Robustheit von bekanntermaßen stichprobenabhängigen Reliabilitätskoeffizienten eingegangen.

Kapitel 9 ist dem komplexen Thema „Psychologische Begutachtung“ gewidmet. Nach einer Auflistung wichtiger Einsatzbereiche psychologischer Gutachten wird die Frage des erforderlichen Detaillierungsgrads solcher Gutachten diskutiert. Ferner werden Arten von Gutachten vorgestellt, die formale Struktur solcher Gutachten beschrieben und ihre Qualitätsmerkmale erläutert, und es werden Hilfen zur Auswahl diagnostischer Verfahren gegeben.

Kapitel 10 (Qualitätsbeurteilung in der psychologischen Diagnostik) stellt schließlich verschiedene Qualitätsstandards und Qualitätsbeurteilungssysteme (z. B. DIN 33430, ISO 10667) vor. Am Beispiel eines ausgewählten Testverfahrens zur berufsbezogenen Persönlichkeitsdiagnostik wird die Anwendung des DIN Screen detailliert illustriert.

Diskussion

Psychologische Diagnostik stellt eines der methodischen Kernfächer des Bachelorstudiengangs Psychologie dar; entsprechend vielfältig ist das Lehrbuchangebot zu dieser Thematik. Zugleich ist das Fach in Teilen kaum von dem der Testtheorie und Testkonstruktion abzugrenzen, dem in den meisten Curricula ein separates Modul gewidmet ist. Innerhalb der Lehrbuchreihe „Bachelorstudiengang Psychologie“ des Hogrefe-Verlags liegen zu beiden Fächern Lehrbücher vor; entsprechend nutzen Beauducel und Leue in ihrem Band die Möglichkeit, mathematisch-statistische Inhalte auf ein erforderliches Minimum zu beschränken und hierfür auf den Band zur Testkonstruktion zu verweisen. Stattdessen legen die AutorInnen den Fokus auf ein inhaltliches Verständnis des Aufgabenbereichs der Psychologischen Diagnostik sowie der zentralen Fragen und Probleme, die mit der Anwendung diagnostischer Verfahren verbunden sind.

Dieses Verständnis vermag der Band in hervorragender Weise zu vermitteln. Ein gelungene Auswahl der Inhalte, flüssig und interessant geschriebene Texte und eine leserInnenfreundliche, übersichtlich strukturierte Aufbereitung der Materialien erlauben eine Gewinn bringende Lektüre nicht nur für Studierende, sondern auch für graduierte PsychologInnen, die ihr entsprechendes Wissen auffrischen wollen. Für Lehrende wird als zusätzlicher Service die komfortable Möglichkeit angeboten, Grafiken und Tabellen unproblematisch aus dem WWW herunterzuladen und in die eigenen Lehrmaterialien (insbesondere Veranstaltungsfolien) zu integrieren.

Kritisch anmerken könnte man allenfalls, dass durch die starke Betonung von Qualitätskriterien der Eindruck entsteht, psychologische Diagnostik sei mit der Anwendung standardisierter Leistungstests und Persönlichkeitsfragebögen gleichzusetzen. Obschon dies aus wissenschaftlicher Perspektive von zentraler Bedeutung ist, vernachlässigt diese Gleichsetzung, dass in der diagnostischen Praxis nach wie vor häufig Situationen eintreten, in denen nur unzureichende standardisierte Instrumente zur Verfügung stehen, gleichwohl aber eine Entscheidung getroffen werden muss. Eine Vorstellung alternativer diagnostischer Vorgehensweisen und eine differenzierte Diskussion der Grenzen standardisierter bzw. der Potenziale nicht-standardisierter Diagnostik hätte den Band weiter abgerundet.

Fazit

Der Band von Beauducel und Leue stellt ein gelungenes Lehrbuch für den Bachelor-Studiengang Psychologie dar, der die zentralen Aufgaben, Konzepte und Probleme der Psychologischen Diagnostik differenziert und zugleich verständlich vermittelt und sich hervorragend als Grundlage einschlägiger Lehrveranstaltungen eignet.

Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier
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Es gibt 23 Rezensionen von Anne-Kathrin Mayer.

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ISSN 2190-9245