Monika Müller: Trauergruppen leiten
Rezensiert von HS-Prof. Dr. Doris Lindner, 15.12.2014
Monika Müller: Trauergruppen leiten. Betroffenen Halt und Struktur geben. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. 124 Seiten. ISBN 978-3-525-40237-5. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 20,90 sFr.
Thema
Trauer ist fester Bestandteil menschlichen Lebens und in Form der modernen Trauer zumeist individuelle Trauer, die kaum mehr von einem Kollektiv (mit)getragen wird. Vielfach wird Trauer als Ausnahmesituation gewertet; zurückgeworfen auf sich selbst hat das Individuum verlernt, mit Trauergefühlen umzugehen. Das ruft professionelle Hilfe auch in Form von Orientierungshilfen auf den Plan, die richtungsweisend mögliche Wege aus der Isolation zeigen. Trauergruppen können hier eine wesentliche Stütze in der Zeit der Trauerphase(n) sein.
Die Idee des Gruppenkonzeptes in seinem konkreten Ablauf fußt auf dem Gedanken, dass Struktur und Ordnung wesentliche Elemente der Begleitung Trauender in einer Zeit von Orientierungslosigkeit und Haltlosigkeit sind.
Zielgruppen
Dieses Buch richtet sich vornehmlich an Leiterinnen und Leiter von Trauergruppen, die darin eine kompakte Übersicht und Anregungen für die Konzeption und Durchführung ihrer Gruppen finden können.
Autorin
Monika Müller, geboren 1947 in Bonn, ist Pädagogin, Therapeutin und Supervisorin. Sie war Leiterin von ALPHA Rheinland, der Ansprechstelle von Nordrheinwestfalen zur Palliativversorgung, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung mit Sitz in Bonn. Im Jahre 2002 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihren besonderen Einsatz in der Hospizbewegung, den sie den Hospizverein Rheinbach widmete. Müller arbeitet als Supervisorin und ist Dozentin im Bereich Trauerbegleitung und Spiritual Care. Darüber hinaus ist sie Autorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher, in denen sie ihre Erkenntnisse unter anderem zu Themen der Sterbebegleitung und Trauer einer interessierten Leserschaft näherbringt.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in drei Grundkapitel unterteilt.
In Begleitung von trauernden Menschen schreibt die Autorin Grundsätzliches zu Trauer, Trauergruppen und Trauerbegleitung. In der Trauerbegleitung hat die Familie traditionell eine tragende und stützende Rolle. Trauernde können in einem geschützten Rahmen ihre Trauer erleben und auf den Zusammenhalt innerhalb der Familie bauen. Fehlen Familie und soziale Netze, wohnen Kinder oder Angehörige nicht vor Ort, können Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleiter in vielerlei Hinsicht wertvoll in Trauerprozessen sein. Trauerbegleitung kann aber auch in Form von zeitlich begrenzten Trauergruppen erfolgen. Diese eröffnen einen Raum, in dem Trauerende Gefühle zulassen, den Schmerz teilen können und erleben, dass auch andere Menschen ihre je eigenen Trauerwege beschreiten. Dazu bedarf es zunächst Vertrauen und Offenheit, dann können Trauergruppen auch vielfach ein Weg aus der oft nicht gewollten Isolation Trauernder sein. Eine besondere Rolle und ein hoher Stellenwert in der Begleitung Trauernder erlangt die Gruppenleitung, da sie in einem intensiven Kontakt mit Trauernden steht. Die verinnerlichte Haltung der Leiterinnen und Leiter in Bezug auf Sterben, Tod und Trauer sowie ihre Erkenntnis, dass Trauer immer individuelle Trauer bedeutet, sind dabei wesentliche Elemente ihres Selbstverständnisses. Erfolgt Trauerbegleitung im Auftrag von Institutionen, kann die gleichbleibende Zuverlässigkeit institutioneller Begleitung ein wesentlicher Eckpfeiler in der Begleitung Trauernder sein. Dafür sind entsprechende Qualifizierungen der Gruppenleitung jedoch unumgänglich und sichern den Grad der Verbindlichkeit. Geleitete Trauergruppen gehören auch in der Hospizbewegung zu den sich etablierenden Strukturen, die ihren Dienst in der gezielten Begleitung Trauernder stellen.
In Vorgehensweise der Trauergesprächsgruppen wird zunächst der Arbeitsstil von Trauergruppen nach dem auf Unterstützung beruhende Konzept von Trauer erwärmen® vorgestellt. Diese Trauergruppen haben eine ‚professionelle‘ Leitung, eine Expertin, einen Experten in Gruppendynamik und in Fragen der Trauer, eine Leitung, die einen eigenen Trauerfall erlebt und gelernt hat, damit umzugehen sowie Kenntnisse in der ehrenamtlichen Begleitung besitzt. Die Autorin gibt an dieser Stelle Informationen und Vorschläge für Gruppenleitungen, die sich in der Praxis als hilfreich erwiesen haben. Darüber hinaus beschreibt sie die Struktur der Gruppen sowie den Aufbau der Gruppentreffen. Abgebildet ist auch ein Raster für ein Vorgespräch, das vor der Aufnahme in die Gruppe durch die Leitung erfolgen sollte, sowie daran anschließend eine Checkliste nach Sven Lehmann für häufig auftretende Stress-Symptome. Das Kapitel wird durch eine Übersicht an Informationen für die Mitglieder von Unterstützungsgruppen abgeschlossen, in dem die Autorin Ziele der Gruppe, die Struktur der Gruppen, die Funktion von Notizbücher erklärt sowie die diversen Themen der jeweiligen Termine vorstellt.
In dem anschließenden dritten Grundkapitel Die Gruppentreffen werden diese zehn Treffen detailliert beschrieben. Dargestellt sind Aktivitäten, Aufgaben sowie Unterrichtsblätter, die kostenlos aus dem Internet heruntergeladen werden können und die Arbeit unterstützen sollen. Die Beschreibungen der Gruppentreffen sind wiederum unterteilt in einzelne Abschnitte zu unterschiedlichen Themen (u.a. Zweck und die Grundlage des Treffens, die benötigten Materialien, Hinweise zur Gruppendynamik und Aufgaben für die kommenden Gruppentreffen). Im Literaturverzeichnis findet sich eine Auswahl von Werken, die möglicherweise von der Autorin selbst als bedeutsam eingestuft werden, wobei vieles dabei nicht mehr ganz so aktuell ist.
Diskussion
Dieses Buch verfolgt zwei Hauptziele: einerseits werden relevante Erkenntnisse zu dem Themengebiet Trauerbegleitung dargestellt sowie Informationen für Leiterinnen und Mitglieder von Unterstützungsgruppen kurz referiert; zum anderen – und das scheint der wesentliche Teil der Orientierungshilfe zu sein – werden in einer detaillierten Auseinandersetzung und beruhend auf etlichen Erfahrungen Schritte zur Begleitung Trauernder vorgestellt. Wie die Autorin schreibt, sind diese Überlegungen mehr als Anregungen zu begreifen, denn als Patentrezepte, die man nur mehr anzuwenden braucht. Eine für alle gleichermaßen gültige Lösung in Trauerfragen kann es nicht geben, da Trauern heute zunehmend individualisiert erscheint und normiertes Trauern als ausgehöhlt und unangemessen empfunden wird. Auch für diejenigen, die Trauernden begegnen und Trauerende begleiten bedeutet das, sich immer wieder neu auf einen existentiellen Weg einzulassen. Die einzelnen Gruppentreffen sind aufeinander aufbauend strukturiert und auf einen gewissen Zeitrahmen fixiert, sodass eine bausteinartige Verwendung einzelner Themen daher nicht möglich und wenig zielführend erscheint. Struktur ist wesentliches Thema und konstitutiver Bestandteil des vorgestellten Konzepts der Begleitung Trauernder in Gruppen. Das kann mitunter an der einen oder anderen Stelle irritieren und Fragen aufwerfen und möglicherweise, wie die Autorin selbst zu bedenken gibt, „sehr direktiv“ wirken. Dieser stark dirigierende Habitus ist sicherlich zu prüfen und muss in der eigenen Anwendung gegebenenfalls an die Handlungskontexte angepasst werden. Durch den klar strukturierten Ordnungsrahmen scheint die Arbeitshilfe für Leiterinnen und Leiter offener Gruppen daher wenig geeignet. Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter benötigen zunächst vermutlich auch Zeit, sich durch die einzelnen Themen durchzuarbeiten, da diese auch teils sehr komplex sind und erst in der Praxis erprobt werden müssen. Warum in „Vorgehensweise der Trauergesprächsgruppen“ nur weibliche Gruppenleiterinnen dezidiert angesprochen sind, kann von außen nicht nachvollzogen werden und bedarf ergänzender Erläuterungen.
Fazit
Auch wenn die Trauerproblematik in der populärwissenschaftlichen Literatur Hochkonjunktur hat, findet man wenige Arbeiten, die auf eigenen Erkenntnissen und selbst entworfenen Konzepten beruhen. Umso mehr Beachtung sollte dieser Arbeitshilfe geschenkt werden, da es insgesamt zahlreiche Anregungen und Leitgedanken gibt, die es lohnen, sich damit in der Praxis auseinanderzusetzen. Damit kann der Anspruch einer Arbeitshilfe für die Konzeption und Leitung von Trauergruppen durchaus eingelöst werden.
Rezension von
HS-Prof. Dr. Doris Lindner
Institut Qualitätsmanagement und Hochschulentwicklung
Private Pädagogische Hochschule Wien/Niederösterreich
Website
Mailformular
Es gibt 36 Rezensionen von Doris Lindner.





