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Beate Radzey: Lebenswelt Pflegeheim

Cover Beate Radzey: Lebenswelt Pflegeheim. Eine nutzerorientierte Bewertung von Pflegeheimbauten für Menschen mit Demenz. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. 385 Seiten. ISBN 978-3-86321-211-7. 39,90 EUR.
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Thema

Die Demenzarchitektur ist in Deutschland im Gegensatz zu anderen westlichen Industrieländern noch eine relativ junge Sparte im Kontext der stationären Demenzversorgung. Denn bis vor ca. 20 Jahren galt eine so genannte „integrative Versorgung“. Das Ideal war das Zusammenleben von Demenzkranken und geistig nicht beeinträchtigten Bewohnern in einem Wohnbereich. Entsprechend wurden homogene Versorgungseinheiten wie spezielle Demenzwohnbereiche abgelehnt. Noch im Jahr 2001 sprach sich z. B. das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) vehement gegen „demenzgerechte Milieus“ und „Demenzarchitekturen“ aus „fachlichen und ethischen Gründen“ aus. Auf diesem Hintergrund konnte sich nur schwerlich eine fachlich weit gefasste Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld entwickeln. Es bedarf jedoch des Hinweises, dass auch in Deutschland bereits fundierte Arbeiten von Architekten zur Demenzarchitektur vorliegen (www.socialnet.de/rezensionen/3889.php und www.socialnet.de/rezensionen/5763.php). Die vorliegende Studie befasst sich mit der Nutzung der Räumlichkeiten im Pflegeheim durch Demenzkranke im Kontext mit sozialökologischen und architektonischen Fragestellungen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Beate S. Radzey, Dipl.- Haushaltsökonomin, ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Demenz Support Stuttgart mit dem Arbeitsbereich Wohnen und Unterstützungssettings beschäftigt. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um ihre Dissertation an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit ist in neun Kapiteln untergliedert.

Kapitel 1 und 2 (Problemstellung und Aufbau der Arbeit: Seite 33 – 41) dienen als kurze Einleitung in die Themenstellung.

In Kapitel 3 (Demenzielle Erkrankungen und ihre Folgen: Seite 43 – 62) werden die Grundlagen der demenziellen Erkrankungen dargestellt: Epidemiologie, kognitive und psychiatrische Symptome mitsamt körperlicher Begleitsymptome und die Folgen dieses Leidens in Gestalt des Autonomieverlustes und der Pflegebedürftigkeit. Anschließend wird auf die stationäre Versorgung dieser Patientengruppe in den Pflegeheimen und auf die Lebensqualität und das Wohlbefindens der Demenzkranken als Handlungsmaxime aller Versorgungsleistungen verwiesen.

Kapitel 4 (Theoretische Ansätze zur Konzeptualisierung institutioneller Umwelten für Menschen mit Demenz: Seite 63 – 110) enthält eine ausführliche und vertiefte Explikation des ökologischen Kontextes der Person-Umwelt-Beziehung bzw. der Person-Umwelt-Passung teils mittels grafischer Darstellungen und Tabellen. Hierbei werden u. a. die Stressoren der Umwelt in den Pflegeheimen auf das Verarbeitungsvermögen der Demenzkranken beschrieben.

In Kapitel 5 (Planungspraxis: Stationäre Versorgungskonzepte: Seite 111 – 155) unternimmt die Autorin den Versuch, u. a. anhand einer Matrix von Sibylle Heeg („Umweltattribute und physische Orte“) ein Rahmenkonzept zur Analyse und Bewertung des Pflegeheimes als Lebenswelt Demenzkranker zu entfalten. Als Umweltattribute werden Orientierung, Alltagskompetenz, Sicherheit, Autonomie und Kontrolle, Regulierung und Qualität von Stimulation, Förderung der Sozialkontakte, Privatheit und Vertrautheit und Kontinuität bezeichnet. Die physischen Orte im Pflegeheim hingegen sind: Bewohnerzimmer, Übergang zum Flur, Flur, Küche, Ess- /Wohnbereich, Beschäftigungen, Eingangs- und Freibereich. Des Weiteren werden verschiedene empirische Erhebungen angeführt, die z. B. die Auswirkungen der Qualität der sensorischen Stimulierung auf das Verhalten der Demenzkranken belegen.

Kapitel 6 (Methodischer Ansatz und Untersuchungsmethoden: Seite 157 – 176) beinhaltet das Vorgehen in der Gegenstandserfassung mit den dazu erforderlichen Analyseformen, wobei sich die Autorin für den methodischen Ansatz der „Post-Occupancy Evaluation“ (nutzungsorientierte Bewertung von gebauten Umwelten durch die Nutzer) entschieden hat, einem in der Umwelt- und Architekturforschung gängigen empirischen Instrumentarium. Die Erhebungsmethoden hierbei bestehen u. a. aus Checklisten, Fragebögen, Interviews, Verhaltensbeobachtungen, Beobachtung baulicher Schlüsselbereiche und Grundrissanalysen. Die Untersuchung wurde in drei Pflegeheimen in Offenburg, Stuttgart und Bad Wimpfen durchgeführt, die sich auf die Pflege und Betreuung Demenzkranker spezialisiert haben und bereits Preisträger im Gestaltungswettbewerb „Vorbildliche Milieugestaltung für Menschen mit Demenz“ der Gradmann-Stiftung in Stuttgart waren.

In Kapitel 7 (Darstellung der Ergebnisse: Seite 177 – 297) werden die Ergebnisse der vielschichtigen Erhebung (u. a. Mitarbeiter- und Angehörigenbefragung, Gruppendiskussion mit den Mitarbeitern, Interviews mit den Leitenden und Verhaltensbeobachtung der Bewohner) detailliert dargestellt. Von den Mitarbeitern und Angehörigen wurden u. a. die folgenden Aspekte positiv bewertet: die natürliche Helligkeit durch große Fenster, die Überschaubarkeit der Raumstruktur, die umfangreichen Bewegungsflächen, die wohnlich familiäre Gestaltung der Räumlichkeiten und der Gartenbereich. Negativ wurde der fehlende Sonnenschutz in einigen Wohnbereichen angeführt. Die Verhaltensbeobachtung der Bewohner ergab, dass die meiste Zeit mit Sitzen und Beobachten meist in vertrauten Lieblingssitzgelegenheiten verbracht wird. Vom Zeitaufwand her folgen dann das Essen und Trinken und an dritter Stelle das Wandern. Die meiste Tageszeit verbringen die Demenzkranken in den Gemeinschaftsräumlichkeiten einschließlich Flurbereich. Doch auch die Bewohnerzimmer werden von einigen als Rückzugsbereich genutzt.

Kapitel 8 (Implikationen für Forschung und Planungspraxis: Seite 299 – 325) fasst nochmals die wesentlichen Resultate der Untersuchung zusammen. Rundwanderwege als barrierefreie Bewegungsflächen werden positiv eingeschätzt. Ebenso die „Lieblingsplätze“ zum Sitzen und Beobachten des Geschehens. Abseits gelegene Aufenthaltsflächen werden hingegen kaum genutzt.

Kapitel 9 besteht aus dem Literaturverzeichnis (Seite 327 – 357).

Diskussion

Die vorliegende Arbeit zeichnet sich durch ein fundiertes Vorgehen in der Erfassung des Gegenstandsbereiches Demenzarchitektur und Demenzmilieu u. a. in Gestalt einer ausführlichen Erarbeitung der ökopsychologischen Grundlagen der Person-Umwelt-Passung aus. Kritisch hingegen gilt es folgende Sachverhalte zu betrachten:

  • Es fehlt ein empirisch neurowissenschaftlicher Ansatz über das Verhalten Demenzkranker, der als Grundlage zur Einschätzung des Raumverhaltens der Demenzkranken dient. Somit fehlt ein Bezugsrahmen für das ermittelte Datenmaterial.
  • Es fehlt die Diagnostik der Bewohnerschaft hinsichtlich des Schweregrades der Demenzerkrankung. Der Abbaugrad bestimmt das Umweltverhalten der Betroffenen. Somit können die Aussagen der Autorin hinsichtlich der Widerlegung der These, dass Demenzkranke das Gemeinschaftsmilieu bevorzugen und keine Privatheit im engeren Sinne mehr besitzen, nicht mit den Untersuchungsergebnissen belegt werden. Denn erst im mittelschweren Stadium (Reisbergskalen Stufe 6) zeigen Demenzkranke dieses für Kleinkinder typische Verhaltensmuster einer Suche nach Nähe und Geborgenheit.

Auf der Ebene der Praxisorientierung zeigt die Studie einige wichtige Aspekte, die es bei der Planung von Pflegeheimen strikt zu berücksichtigen gilt:

  • Die Notwendigkeit von ausreichenden barrierefreien Bewegungsflächen (möglichst Rundwanderwege) und Gemeinschaftsflächen, in denen ein Milieu mit Vertrautheit und Geborgenheit gestaltet werden kann.
  • Sitzgelegenheiten mit der Möglichkeit, das Geschehen im Wohnbereich beobachten zu können und somit zugleich hieran passiv teilzunehmen.
  • Als Umlauf gestaltete Balkone für Obergeschosse als zusätzliche Bewegungsflächen, denn nur ein horizontaler und barrierefreier Zugang bietet Gewähr einer ständigen Nutzung der Außenbereiche (Garten, Hof, Veranda und Umlaufbalkone) ohne zusätzlichen Personalaufwand. Zu diesen Außenbalkonen liegen bereits Erfahrungen aus anderen Ländern vor (www.socialnet.de/rezensionen/8857.php).
  • Die Studie zeigt, dass Demenzwohngruppen mit 10 – 12 Plätzen aus personalwirtschaftlichen Gründen zu klein gestaltet sind, denn vom Personalschlüssel her können hierbei nicht ständig zwei Pflegende pro Tagesschicht vorgehalten werden. Erst bei ca. 20 Plätzen ist dieser Personalbesatz gewährleistet. Pflegende haben diesen Sachverhalt in der Studie kritisch angeführt.
  • Der fehlende Sonnenschutz bei der verstärkten Verglasung ist gegenwärtig in vielen Pflegeheimen ein gravierender Mangel. Es darf diesbezüglich an den fachlichen Kompetenzen der Architekten und Bauträger gezweifelt werden.

Fazit

Das Pflegeheim ist in Deutschland vom Umfang her die zentrale Lebenswelt der Demenzkranken im mittelschweren und meist auch schwersten Stadium der Erkrankung geworden. Das Pflegeheim hat sich somit in den letzten Jahrzehnten sukzessive primär zu einem Demenzpflegeheim gewandelt. Dieses Faktum gilt es nun auch bezüglich der Raum- und Milieustrukturen angemessen zu berücksichtigen. Aus diesem Grund verdient es diese Studie trotz der angeführten Mängel, von den Verantwortlichen der stationären Altenhilfe als Impuls für weitere Entwicklungen bezüglich einer notwendigen Demenzarchitektur rezipiert zu werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 30.01.2015 zu: Beate Radzey: Lebenswelt Pflegeheim. Eine nutzerorientierte Bewertung von Pflegeheimbauten für Menschen mit Demenz. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-86321-211-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17134.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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