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Jana Simon: Alltägliche Abgründe. Das Fremde in unserer Nähe

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 12.10.2004

Cover Jana Simon: Alltägliche Abgründe. Das Fremde in unserer Nähe ISBN 978-3-86153-319-1

Jana Simon: Alltägliche Abgründe. Das Fremde in unserer Nähe. Reportagen und Porträts. Links Verlag (Berlin) 2004. 206 Seiten. ISBN 978-3-86153-319-1. 14,90 EUR.
Mit 18 Schwarz-Weiß-Fotos.

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Von fashion-victims, Prostis, Neonazis, Knackis und Kanaken...

... , von "ganz normalen Leuten" also, schreibt die 1972 in Potsdam geborene Jana Simon ihre Geschichten, die sich wie Kurzreportagen anhören. Über das "Fremde in unserer Nähe" erzählt sie mit ihrer eindringlichen, einfachen Sprache. Sie hat in Berlin und London Politologie und Publizistik studiert. Seit 1998 arbeitet sie als Reporterin beim Tagesspiegel in Berlin, schreibt für Geo und Die Zeit. Ihre Reportagen wurden mit dem Axel-Springer- und dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Ihr erstes Buch mit dem Titel "Denn sie sind anders" markiert gleichzeitig ihr Programm. "Schon als Kind faszinierte mich das Andersartige", bekennt sie, und damit auch ihre Neugier: "Wenn es etwas ist, das ich noch nicht kenne, wenn ich verstehen will, wie jemand denkt, oder wenn es sich um einen Ort handelt, an dem ich noch nie war". Ihre "harten Geschichten" von Menschen in ihrer Nähe und auch fern von ihr, in Berlin, in der Provinz und an der Wolga, "dramatisieren die Realität, die Gefühle sind überhöht und wie in einem deformierten Spiegel verzerrt", so charakterisiert sie ihre Arbeit, auch in ihrem neuen Buch.

Inhalt

Jana Simon besucht die Menschen gerne in ihrem Lebensumfeld, denn "Wohnungen sind so etwas wie der Fingerabdruck ihrer Bewohner, sie wissen alles über sie". Ihre Gegner, daraus macht sie in ihren Geschichten keinen Hehl, sind diejenigen, die auf der "Fettschicht" unserer Gesellschaft schwimmen. Man merkt ihr den Ekel an, wenn sie sich darüber mokiert, wenn etwa jemand in einer der teueren Hochglanzmagazine über seine Turnschuhe schreibt,"adidas Super E mit oliven Streifen", und seine augenscheinlichen Interessen: "Vorsichtig zog ich an einem sehr heißen Sommertag meine New-Balance-Wildleder-Lauftrainer aus dem Schuhregal und entdeckte ihre Harmonie mit den sandfarbenen Polo-Chinos, die ich trug". Wie anders ihre Geschichten:

  • Von der Puffmutter Elke, die das "Freudenhaus Hase" leitet und ihre Mädchen.
  • Vom ehemaligen Major und strengen Wehrerziehungslehrer in Ostberlin, der heute Hausmeister in einer Musikschule ist; er, Klaus Mendel "hat sein Land vor zehn Jahren verloren. Aber nur draußen. Hier drinnen existiert es noch immer".
  • Von Ronnie und Anna, den Heroinsüchtigen, die sich durch Prostitution, Betrug und Klauen am jämmerlichen Leben erhalten, die zusammen und doch so unendlich armselig und allein sind.
  • Von der 22-jährigen Leila, der "VIP-Tante". Ihre Devise "The better you look the more you see" hilft ihr nicht, zu sich zu finden. Deshalb hinaus in die Nacht.
  • Wie eine nüchterne Reportage klingt ihr Bericht über die Jugendlichen, die ihren alten Nachbarn umbringen und danach einen Joint rauchen. Ihre Suche nach einer Perspektive ihres beschissenen Lebens bleibt vergeblich: "Alles bleibt, wie es ist".
  • Das Ideologie-Gequatsche von sächsischen Rechtsradikalen klingt in ihrem Text beinahe harmlos; und doch kommt dabei eine Ahnung von verpfuschtem Leben, von Illusionen, fehlgeleiteten Hoffnungen und Wünschen nach einer "heilen Welt" zu Tage.

Fazit

Die insgesamt 19 Reportagen künden von einer "Normalität in der Unnormalität". Sie lassen dem Leser den Respekt der Autorin von den Existenzen der gesellschaftlichen Außenseiter erfahren. Und es wird ihm dadurch nicht so leicht möglich, sich zurück zu lehnen: "Ich bin ja nicht so!". Vielmehr verspürt der Leser eine Mischung aus Mitleid und Ablehnung. Welche Gefühle überwiegen, wird Jana Simon nicht bestimmen wollen. Das überlässt sie ihren Lesern. Und die sind nicht selten alleine gelassen mit den alltäglichen Abgründen beim Fremden in unserer Nähe.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1566 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.10.2004 zu: Jana Simon: Alltägliche Abgründe. Das Fremde in unserer Nähe. Reportagen und Porträts. Links Verlag (Berlin) 2004. ISBN 978-3-86153-319-1. Mit 18 Schwarz-Weiß-Fotos. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1714.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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