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Monika Alisch (Hrsg.): Älter werden im Quartier

Cover Monika Alisch (Hrsg.): Älter werden im Quartier. Soziale Nachhaltigkeit durch Selbstorganisation und Teilhabe. Kassel University Press (Kassel) 2014. 227 Seiten. ISBN 978-3-86219-702-6. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Wie wird man heute im städtischen Quartier alt: in einem städtischen Quartier, das sich nicht nur durch den Alterungsprozess der meisten dort auszeichnet, sondern auch durch die Verschiedenheit der kulturellen Muster des Lebens und Alterns der dortigen Bewohnerschaft? Schließlich ist das Quartier der Ort, an dem durch Teilhabe soziale Integration gelingt, und durch Mitwirkung an seiner Gestaltung auch das Gefühl der Zugehörigkeit und des Anerkanntseins erwächst und auch Vertrauen in die lokalen Strukturen der Alltagsgestaltung und Lebensbewältigung entsteht. Wie geht das vor dem Hintergrund unterschiedlicher kultureller Vorstellungen des Alterns und des Zusammenlebens und wie geht das vor dem Hintergrund, dass auch in weniger privilegierten städtischen Quartieren oft die Alten zurückbleiben und die Jungen einen anderen Weg gehen?

Herausgeberin

Dr. Monika Alisch ist Professorin für sozialraumbezogene Soziale Arbeit, Gemeinwesenarbeit und Sozialplanung an der Hochschule Fulda und Leiterin des Centre of Research for Society and Sustainability.

Autorinnen und Autoren

Die weiteren Autorinnen und Autoren stammen aus den Bereichen der der Sozial- und Planungswissenschaften, der Kulturwissenschaften, der Sozialen Arbeit und Gemeinwesenarbeit in Wissenschaft und Praxis.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist das Ergebnis einer Fachtagung, die das Centre of Research for Society an Sustainability der Hochschule Fulda organisiert hat. Der Anlass waren die Ergebnisse eines vom BMBF geförderten Forschungsprojektes AMIQUS – Ältere Migranten und Migrantinnen im Quartier: Stützung und Initiierung von Netzwerken der Selbstorganisation und Selbsthilfe, das von 2009 - 2012 in Wiesbaden, Fulda und München umgesetzt wurde. Weiter wurde die Diskussion angereichert durch einige Praxisforschungsprojekte, die die sozialräumlichen Bedingungen und die partizipativen Perspektiven der Lebenssituation älterer Menschen in der Stadt untersucht haben.

Aufbau

Nach einem einleitenden Beitrag der Herausgeberin gliedert sich das Buch in vier Kapitel, die einige Beiträge enthalten.

  1. Älter werden im Quartier
  2. Zugänge
  3. Netzwerk und kollektives Handeln
  4. Politik und Partizipation

Zur Einleitung

In ihrem einleitenden Beitrag („Zur Nachhaltigkeit sozialer Innovationen für mir mehr Lebensqualität im Alter“)stellt M. Alisch das Programm SILQUA Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter des BMBF vor und geht kurz auf die zentralen Begriffe Soziale Innovation und Nachhaltigkeit ein.

Weiter diskutiert sie die Praxisforschungsprojekte kurz, um dann die einzelnen Beitrage des Buches vorzustellen.

Zu 1. Älter werden im Quartier

Nur wer fragt, bleibt künstlich dumm! Quartiersentwicklung gesehen durch die Brille der Kultur (Andreas Thiesen)

Der Beitrag beruht auf zwei Thesen:

  1. Die Quartiersentwicklung muss das „Lokale“ neu denken und mit den unterschiedlichsten Akteuren praktisch aushandeln.
  2. Die Lebenswelten dieser Akteure sind heterogen und implizieren überörtliche Parameter, bis hin dass auch die virtuelle Welt des Internets zu einer „Heimat“ geworden ist.

Nach einer methodologischen Kritik Sozialer Arbeit definiert der Autor die zentralen Begriffe Quartiersentwicklung in Anlehnung an Häußermann und Siebel als „Wandel kleinräumiger urbaner Strukturen, deren Entwicklung durch bestimmte gesellschaftliche Kräfte beeinflusst wird und durch unterschiedliche Nutzungsinteressen verschiedener Bevölkerungsgruppen immer auch ein Maß an Ungleichheit impliziert“.

Diversity wird als eine Paradigma verstanden, das auf eine sensibilisierte Haltung für gesellschaftliche Vielfalt und Differenz hinwirkt.

Dann geht der Autor auf Quartiere in ihrer Bewegung ein, deren Kerndynamik Aushandlungsprozesse sind, wobei die Frage der Macht im Aushandlungsprozess thematisiert wird und damit auch die Frage der sozialräumlichen Inklusion und Exklusion durch Machkonstellationen.

Was sind die Herausforderungen einer diversitätsbewussten Quartiersentwicklung? fragt Thiesen weiter. Sicher sind Stadtteile als Teile einer Stadt auf die Kernstadt strukturell bezogen und die Stadt hat ihre eigene Logik von Integration und Ausgrenzung und von unvollständiger Integration, zu der Identifikation mit der Stadt nicht notwendig ist. Das wäre eine andere, soziologische Zugangsweise als die kulturwissenschaftliche. Und dennoch braucht der Stadtbewohner den lokalen Lebenszusammenhang als Hintergrund, vor dem ihm soziale Verortung gelingt.

Altersgerechte Wohnquartiere - sozialräumliche Methoden als Partizipations- und Beteiligungsinstrumente (Reinhold Knopp, Anne van Rießen)

Dieser Beitrag thematisiert die Diskussion um altersgerechtes Wohnen und seine sozialräumlichen Bedingungen. Noch mehr stellen sich Knopp und van Rießen aber die Frage, wie alte Menschen im Quartier an der Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse und lokalen Lebenszusammenhänge beteiligt werden könnten. Dabei geht es nicht nur um die Sicherung einer Nahversorgung und der notwendigen Mobilität zu Erreichung von sozialen und medizinischen Diensten.

Die Autoren berichten von einem Düsseldorfer Forschungsprojekt SORAQ (Soziale Ressourcen für altersgerechte Quartiere), wo in sechs ausgewählten Düsseldorfer Stadtteilen die sozialen Ressourcen und infrastrukturelle Angebote für ältere Menschen untersucht wurden. Sie stellen die Methoden der Untersuchung vor und schildern die Ergebnisse. Zentrales Ergebnis: ältere Menschen sind durchaus Experten ihrer eignen Lebenswelt.

AMIQUS – Initiieren und Stützen von Netzwerken der Selbstorganisation: Projektdesign und Kernergebnisse (Monika Alisch, Michael May)

Es geht in diesem Projekt um die Bedingungen und Ressourcen einer angemessenen Lebensführung älterer Menschen mit Migrationshintergrund. M. Alisch und M. May stellen das Forschungsprojekt vor und gehen auf die sechs Arbeitsziele ein:

  • Es geht um die quartiersbezogene Erhebung der Netzwerke von Selbsthilfe und -organisation, um die Sichtweise auf die Probleme und Barrieren, um Vorstellungen, wie das Leben aussehen könnte und um Unterstützungsangebote im Quartier.
  • Diese Erkenntnisse sollten Anstoß für partizipative Projekte sein; sie sollten konkrete Ansätze der Selbsthilfe aufgreifen und dazu qualifizieren; sie sollten die institutionalisierten Beratungs- und Begleitungsangebote öffnen; sie sollten ortsspezifische niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungssysteme entwickeln und sie sollten die Kooperation zwischen Professionellen und Laien verbessern.

Nachdem die Untersuchungsorte vorgestellt werden, beschreiben die Autoren sehr ausführlich die einzelnen Phasen:

  • Phase 1: Beziehungsarbeit und Teilhabe
  • Phase 2: Die repräsentative, aktivierende Befragung
  • Phase 3: Kritische Situationen – Critical Incidents

Ausgewählte Ergebnisse:

  • Die Struktur des Gemeinwesens prägt entscheidend die Lebensbedingungen, den Vergesellschaftsgrad und die Interesse älterer Migranten.
  • Die Vernetzung in herkunftslandorientierte Gruppen wird genutzt, mit Alteingesessenen in Kontakt zu kommen.
  • In den Wohnquartieren finden sich vielfältige Formen informeller Unterstützung im Alltag.

SACLIC (türk.: Gesundheit). Netzwerke und sozialraumorientierte Gesundheitsförderung älterer türkischer Frauen und Männer in Hamburg (J. Buchcik, R. Schattschneider, A. Beyer, M. Schmoecker, C. Deneke, J. Westenhöfer)

Zunächst geht die Autorengruppe auf die Bedeutung sozialer Netzwerke für die Gesundheitsförderung bei Migranten ein. Dabei spielen gerade bei türkischen Migranten die Mitglieder des eigenen Herkunftslandes eine zentrale Rolle. Auch familiäre und verwandtschaftliche Netzwerke haben eine große Bedeutung als Unterstützungssysteme. Dabei sind aber gerade bei diesen auch die Grenzen schnell deutlich.

Die Autorinnen und Autoren stellen dann das Projekt SAGLIK vor, wo vor allem auch die Teilhabe an Netzwerken von zentraler Bedeutung für die Gesundheitsförderung ist. Dabei geht es einmal um die Vernetzung der Akteure, dann aber auch um institutionelle Vernetzungen. Dies wird in einer Graphik veranschaulicht. Weiter geht es dann um eine Bedarfsanalyse und um eine regionale Ressourcenanalyse; deren Methoden, Ziele und zentrale Ergebnisse werden vorgestellt. Im weiteren geht es um Interventionen und aktive Vernetzung, die während des Projektverlaufs in drei Phasen ablief:

  • Zugang zu den Einrichtungen,
  • Erarbeitung der Interventionsinhalte bzw. Einschätzung der Anschlussmöglichkeiten,
  • Durchführung von Gesundheitskursen.

Zum Schluss geht es dann noch um die Phase des Transfers und um die Nachhaltigkeit und die Bedeutung der Netzwerke in diese Phase.

Zu 2. Zugänge

Die „Unerreichbaren“ erreichen. Methodische Zugänge zu älteren Zuwanderern (Stefan Fröba)

Wie erreichen wir die Migranten, welchen Zugang haben sie zu Einrichtungen und wie erreichen die Einrichtungen die Migrant/innen? Diese Frage steht im Mittelpunkt des Beitrags, der sich auf Ergebnisse des AMIQUS-Projekts stützt und auf Erkenntnisse, die im Münchner Norden, in Harthof und im Hasenbergl gewonnen wurden. Nach der Darstellung der Schwierigkeiten des Zugangs fragt der Autor, wie Kontakt aufgebaut werden kann und wie der Zugang der Teilnehmenden zum Projekt gelingen könnte. Dabei schildert Fröba ausführlich unterschiedliche Faktoren, die Bedeutung haben wie die Motivation, die Gestaltung des Zusammenlebens (statt Integration), die Kommunikation bzw. der kommunikative Umgang, der Umgang mit (interkulturellen) „Fettnäpfchen“, die Forderung, Nachfragen bevorzugt zu behandeln, das Erhalten des Engagements. Es geht dann auch um Netzwerk und Öffentlichkeitsarbeit und um Grundsätze und Grenzen der Machbarkeit.

Zugangswege zu älteren Menschen in benachteiligten Quartieren (Jana König, Anke Strube, Walter Hanesch)

Der Beitrag beschäftigt sich mit den zentralen Fragen des SILQUA-Projektes „Teilhabemöglichkeiten für benachteiligte ältere Menschen – Sozialraumbezogene Ansätze der Aktivierung und Beteiligung“. Es geht um das für Soziale Arbeit konstitutives und zugleich schwierigstes Ziel der Erreichbarkeit von Menschen in benachteiligten Lebenslagen.

Zunächst werden der Projekthintergrund und die Zielsetzung des SILQUA-Projektes dargestellt, der Untersuchungs- und Handlungsansatz erörtert. Zwei kommunale Gebiete im städtischen Kontext und im Kontext eines Landkreises werden in ihrer Unterschiedlichkeit untersucht, um dann herauszufinden, welche Teilhabemöglichkeiten die Zielgruppen unter ihren jeweiligen sozialräumlichen Bedingungen haben oder entwickeln können. Diese jeweiligen Standorte werden ausführlich vorgestellt, um dann grundsätzliche Herausforderungen und Vorgehensweisen zu diskutieren. Die Palette der Zugangsmöglichkeiten reicht von Zugängen über Multiplikatoren über informelle Türöffner und Schneeballsysteme bis zu Zugängen über Gruppenzusammenhänge. Dies wird ausführlich erörtert und diskutiert.

In ihrer kritischen Bewertung und dem Ausblick kommen die Autorinnen und der Autor zu dem Schluss, dass insgesamt mit dem angewandten Handlungs- und Untersuchungsansatz die Zielgruppe erreicht wurde. Sowohl in der Erhebungsphase als auch in der Umsetzungsphase konnten Kontakte hergestellt werden und die Bedürfnisse der Zielgruppe eruiert werden.

Zum Schluss stellt sich die Frage der Übertragbarkeit, wobei die Probleme der je spezifischen Sozialraumstruktur immer wieder bedacht werden muss.

Initiierung niedrigschwelliger Bildungsangebote für ältere Menschen mit und ohne Migrationshintergrund im Quartier (Kathrin Hahn)

Wie kann Bildung mit sozial benachteiligten älteren Menschen initiiert und gestaltet werden? fragt die Autorin in diesem Beitrag vor dem Hintergrund eines Teilprojektes, das im Rahmen des Hamburger Projektes „Lernen vor Ort“ durchgeführt wurde. Im Mittelpunkt dieses Projektes steht das lebenslange Lernen. Es geht um transparentere Angebote vor Ort auf kommunaler Ebene und um die Abstimmung der Angebote auf die Bedürfnisse bzw. die Bedarfe älterer Menschen.

Die Autorin beschreibt dann sogenannte „Gelingensfaktoren“ wie die Kooperation im Quartier aufbauen, Interessen und Bildungsbedarfe der älteren Menschen erfassen und zusammenführen (aktivierende Befragung), durch Beratung und Unterstützung an den Alltagsproblemen anknüpfen, wohnortnahe, niedrigschwellige Begegnungsmöglichkeiten schaffen, Partizipation fördern, Gruppenprozesse professionell gestalten und begleiten, Bildungsinhalte und -themen lebensweltorientiert entwickeln Zugehende Bildungsarbeit für spezifische Adressatengruppen entwickeln und insbesondere den Faktor „Zeit“ berücksichtigen.

Diese Gelingensfaktoren werden jeweils ausführlich beschrieben.

Zu 3. Netzwerk und kollektives Handeln

Netzwerkbildungen älterer Zugewanderter (Michael May)

Nach einer einleitenden ausführlichen kritischen Würdigung der Netzwerkforschung und der konzeptionellen Designs der einzelnen Netzwerke setzt sich der Autor mit der Netzwerktypologie des AMIQUS-Projektes auseinander, die auf der Basis genetischer Rekonstruktionen aus knapp 80 Sozialraum/Netzwerk-Tagebüchern entwickelt wurde. Diese Typologie wird im Folgenden dargestellt und diskutiert. Es geht einmal um den Typus der an Heimatverwandtschaftsnetzwerken orientierten Beziehungen, dann um den Typus des aus Netzwerken Zurückgezogenen/ Nichtvernetzten, um den in familiäre Netzwerke eingebundenen Typus, um den in Flaneurs-Netzwerke eingebunden Typus, um den in nachbarschaftliche Hilfsnetzwerke eingebundenen Typus, um den in ein isoliertes, institutionelles Netzwerk Eingebunden und um den in speziellen Organisationen und darüber vermittelt auch anders vernetzten Typus.

Diese Typen werden ausführlich begründet und mit Literatur unterlegt.

Zum Schluss diskutiert M. May diese Typologie auch vor dem Hintergrund der Stabilität der sozialräumlich durchaus verorteten älteren Zugewanderten.

Empowerment für Lebensqualität im Alter (Stephan Beetz)

Der Beitrag ist aus dem Forschungsprojekt „Empowerment für Lebensqualität im Alter“ entstanden. In diesem Projekt ging es um die Ermittlung, Untersuchung und Begleitung von Aktivitäten, die auf eine wohnortnahe und aktivierende Infrastruktur gerichtet sind. Der Autor beschreibt zunächst die Zielsetzung des Projektes und erörtert den Begriff Empowerment in seinen zwei Dimensionen Bemächtigung und Ermächtigung. Bemächtigung meint die gemeinsame Praxis von Akteuren auf der Basis eines kollektiven Handelns zur Schaffung von Teilhaberäumen in Quartieren – ein zentraler Ansatz der Gemeinwesenarbeit. Diese Form wird ausführlich auch historisch und sozialraumtheoretisch begründet und in unterschiedlichen Dimensionen der Ermächtigung gegenübergestellt.

So kommt die Wohnungsgenossenschaft als intermediäre Organisation im Quartier ins Spiel, die als Genossenschaft Lebensverhältnisse kollektiv gestalten will und kann. Sind dann Quartier und Nachbarschaft die Voraussetzungen, unter denen Altern als kollektive Identität entstehen kann, gelingt soziale Verortung, also Zugehörigkeit, Vertrauen in die lokalen Strukturen vor Ort für die Alltagsbewältigung, und Anerkennung eher unter den Bedingungen genossenschaftlichen Handelns? Diese Fragen diskutiert der Autor ausführlich.

Zu 4. Politik und Partizipation

Integration – ein Paradigma ohne Alternative (Dieter Filsinger)

Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Integrationsbegriff und um die Diskussion um ihn. Nachdem D. Filsinger einleitend erst einmal feststellt, dass der Begriff nicht mehr unbefragt ist, geht es ihm um die Karriere eines Leitbegriffs der die Migrations- und Zuwanderungsdebatte entscheidend geprägt hat. Gleichzeitig wird aber auch nach der Ebene gefragt und kommunale Akteure sind hier noch einmal anders herausgefordert als die staatsrechtlichen und politischen Regulierungen der Integration Zugewanderter auf nationaler Ebene.

Weiter geht dann D. Filsinger auf die Beiträge der sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung ein, die gründlich recherchiert wird und einen guten Überblick über die sozialwissenschaftliche Debatte bietet. Der Autor geht dann weiter auf die inzwischen einführte Integrationsberichterstattung ein und fragt, ob sie eher Fortschritt ist oder ein Anlass für einen Perspektivwechsel.

Was wäre die Alternative zur Integration? fragt D. Filsinger anschließend und diskutiert die neuere sozialwissenschaftliche Debatte um Inklusion und Exklusion, um Integration in pluralen und kulturell heterogenen Gesellschaften, um Teilhabemöglichkeiten in modernen Gesellschaften u. v. m.; weiter diskutiert er die Diversity-Ansätze.

Selbstorganisation; Partizipation und Politik: Die Analyse der Critical Incidents (Monika Alisch)

Es geht um die Ermittlung und Analyse kritischer Situationen, Situationen „die entweder als problematisch oder besonders gelungen angesehen werden“ (198). Die Autorin beschreibt, wie in der Projektphase von AMIQUS die älteren Migrant/innen ihre in Zukunftswerkstätten entwickelten Ideen umsetzen. Dabei gingen die Forscher davon aus, dass weder die Selbstorganisation diese Umsetzung ermöglicht hätten noch der Anspruch der Forschergruppe erfüllt worden wäre, dass die Projekte als niedrigschwellige Unterstützungsangebote der Sozialverwaltung in die Gemeinwesenarbeit integriert wurden.

Durch teilnehmende Beobachtung und Ergänzung durch Reflexionsrunden wurden eine Reihe von Fragen diskutiert, wie z. B.: Was hat mir geholfen und was hat mich gehindert, mich in der Gruppe zu engagieren oder: wie kann man den Umgang in der Gruppe verbessern und was habe ich für mich als hilfreich empfunden.

M. Alisch setzt sich dann mit dem Begriff der Partizipation auseinander und setzt ihm den Begriff der Anpassung gegenüber, wobei die Zukunftswerkstätten sicher auch als strategische Ausgangspunkte für Selbstorganisation und Selbsthilfe betrachtet werden können. Anschließend werden die Critical Incidents ins Verhältnis zu Partizipation und Planung gesetzt. Dabei müssen auch die politischen Rahmenbedingungen einer repräsentativen Demokratie noch einmal unter dem Aspekt diskutiert werden, wie sie die durch ihre Strukturen und Verfahren die Selbstorganisation von älteren Migranten einschränken.

Politische Partizipation in der Einwanderungsgesellschaft (Markus Ottersbach)

Es steht außer Frage, dass zivilgesellschaftliches Engagement sowohl als politische Einflussnahme und Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen als auch als „soziales Engagement“ und bürgerschaftliches Eintreten für die res publica Werte sind, hinter die man nicht mehr zurück kann. Ottersbach begründet dies auch historisch.

Wie aber steht es damit in Einwanderungsgesellschaften, sind doch die Zugewanderten meist auch ohnehin sozial benachteiligt und sehen wie die einheimischen Benachteiligten auch wenig Zugänge zu Formen der Beteiligung?

Der Autor setzt sich zunächst mit Fragen der politischen Partizipation in Anlehnung an die Habermas´sche Unterscheidung von System und Lebenswelt auseinander. Dabei wird deutlich dass es eher die lebensweltlichen assoziativen Vernetzungen lokaler Sozialzusammenhänge sind, die Beteiligung und den Zugang zu ihnen ermöglichen.

Danach fragt der Autor nach dem gesellschaftlichen und individuellen Nutzen politischer Partizipation. Natürlich schafft Partizipation Bedingungen der Interessenartikulation, die für die Identitätssicherung der Beteiligten von zentraler Bedeutung ist. Das macht Beteiligungsprozesse auch authentisch, vielleicht auch gerechter. Die Frage ist allerdings dann, wie Migrant/innen in ihrer Benachteiligung überhaupt ihre Identität sichern können und auch welche sie sichern wollen, wenn sie die Chance haben, sich zu beteiligen.

Ottersbach setzt sich dann noch mit dem Verhältnis von politischer Partizipation und deliberativer Politik auseinander. Damit wird die Frage virulent, wie verständigungsorientierte Aushandlungsprozesse initiiert werden können, die den jeweils anderen als einen Gleichen betrachten. Diese Frage wird in Bezug auf Migrant/innen eine relevante Frage bleiben. In diesem Kontext spielen dann Migrantenselbstorganisationen als politische Akteure eine zentrale Rolle – auch bei der Art der Verständigung. Welche (intermediäre?) Rolle hier Soziale Arbeit hat, wird vom Autor ausführlich diskutiert.

Diskussion

Soziale Nachhaltigkeit durch Selbstorganisation und Teilhabe ist ja nicht nur eine Frage älterer Migrant/innen; es ist sicher eine Frage, die alle gesellschaftlichen Gruppen in ihren Integrationsbedingungen und -möglichkeiten berührt. Gerade benachteiligte Gruppen bedürfen eines Weges, der ihnen zeigt, dass sie sich als Teil einer res publica verstehen können und erwarten dürfen, dass sie sich öffentlich organisieren können, um ihre Interessen im öffentlichen Raum zu bündeln und ihnen damit eine gewisse Schlagkraft zu verleihen.

Dass hier der Fokus auf den älteren Migrant/innen ist sicher auch dem Umstand geschuldet, dass hier ein Projekt reflektiert wird, das sich mit diesem Thema befasst. Aber wenn hier die Älteren in den Blick genommen werden, dann zeigt dies auch, dass Migrant/innen hier auch alt werden, über den Arbeitsprozess hinaus hier sesshaft werden und sich integrieren wollen. Teilhabe am gesellschaftlichen Leben im Quartier wird damit auch für Migrant/innen zu einer konstitutiven Voraussetzung für soziale Verortung im Quartier, für das Vertrauen in die lokalen sozialräumlichen Strukturen der Alltagsbewältigung, für das Gefühl der Zugehörigkeit und für das Anerkanntsein im lokalen Kontext von Nachbarschaft und Netzwerken. Und Integration in und Teilhabe an Netzwerken spielen in allen Beiträgen eine Rolle, egal von welcher Perspektive her argumentiert wird. In einigen Beiträgen werden auch die sozialräumlichen Strukturen verdeutlicht: die Infrastruktur, der Zugang zur Kernstadt, die städtebauliche Gestaltung des Quartiers - Strukturen, die auch Netzwerkbildung und Selbstorganisation befördern und verhindern können, ohne dass die einzelnen dies beeinflussen könnten und zwar unabhängig von der Frage, ob sich Migranten organisieren oder Einheimische. Und geht auch etwas zusammen – aus der gemeinsamen Erfahrungen der Benachteiligung heraus?

Das Buch greift eine Frage auf, die moderne plurale und offene Gesellschaften insgesamt beschäftigt: Wie müssen wir Integration in der Stadt verstehen unter den Bedingungen der kulturellen Vielfalt und Heterogenität, die die moderne Stadt prägt und was dürfen wir von Integration in der Stadt erwarten?

Fazit

Das Buch regt an, über den Alterungsprozess und seine Folgen anders nachzudenken als wir dies in üblichen Zusammenhänge gerne tun: Überalterung, demographischer Wandel und zu wenig Junge und gefährdete soziale Absicherung im Alter.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 04.11.2014 zu: Monika Alisch (Hrsg.): Älter werden im Quartier. Soziale Nachhaltigkeit durch Selbstorganisation und Teilhabe. Kassel University Press (Kassel) 2014. ISBN 978-3-86219-702-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17147.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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