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Daniela Schmitz: Alters- und Generationenbilder im intergenerationalen Wissenstransfer

Cover Daniela Schmitz: Alters- und Generationenbilder im intergenerationalen Wissenstransfer. Die soziale Konstruktion von Wissenstransfer aus der Akteursperspektive in einer wohlfahrtsverbandlichen Organisation. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2014. 303 Seiten. ISBN 978-3-8300-7758-9. D: 99,80 EUR, A: 102,60 EUR, CH: 135,00 sFr.
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Thema

Wenn in einer Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland der Anteil der über 65jährigen Menschen an der Gesamtbevölkerung stetig zunimmt und der Anteil jüngerer entsprechend sinkt, kann diese Entwicklung auf die Dauer nicht gutgehen, und es kann in den verschiedenen Bereichen zu Ungleichgewichten kommen. In der Wirtschaft zeigt sich schon heute der schrumpfenden Anteil der Erwerbspersonen u. a. im sogenannten Fachkräftemangel. Alle Unternehmen, auch die der Sozialwirtschaft, konkurrieren um junge Mitarbeiter und bemühen sich sogar darum, ihre älteren Mitarbeiter möglichst lange im Betrieb zu halten. In diesem Zusammenhang eines immer stärker werdenden Konkurrenzdruckes, der zu unterschiedlichen Optimierungsprozessen auf allen betrieblichen Ebenen führt, wird es auch zunehmend wichtiger, alle Ressourcen des Unternehmens auszuschöpfen und auch die Prozesse des Übergangs in den sogenannten Ruhestand nicht ganz dem Zufall zu überlassen. Welcher der ausscheidenden Mitarbeiter hat ganz besondere Erfahrungen und ein spezielles Wissen, Ressourcen also, die für den Betrieb wertvoll sind und die er dem betrieblichen Nachwuchs zur Verfügung stellen kann? Ist es nicht ratsam, den ausscheidenden, verdienstvollen Experten mit seinem aufstrebenden künftigen Platzhalter in Verbindung zu bringen, damit dieser Wechsel möglichst reibungslos und ohne Wissens- und Erfahrungsverluste für das Unternehmen bewältigt werden kann?

Entstehungshintergrund

Es verwundert also nicht, wenn es tatsächlich unter dem Titel „Nova. Pe-Innovierung der Personalentwicklung von KMU in industriellen Ballungsräumen“ für kleinere und mittlere Betriebe, eben KMU, bereits vor mehreren Jahren ein Projekt mit dem Ziel gegeben hat, ausscheidende Wissensgeber, so die Namengebung für die Ausscheidenden, mit ihrem Expertenwissen inklusive einer Risikobewertung des Know-how-Verlustes zu identifizieren und dieses Wissen durch einen organisierten Transferprozess für das Unternehmen zu sichern. Hier setzt die Untersuchung von Daniela Schmitz an, die der TU Dortmund zugleich als Dissertation vorgelegen hat.

Aufbau und Inhalt

Die Untersuchung beschäftigt sich also mit der Frage, wie der Wissenstransfer zwischen einem ausscheidenden Experten, der der älteren Generation angehört, genannt: Wissensgeber, und seinem aufstrebenden, der jüngeren Generation angehörigen Partner, genannt: Wissensnehmer, abläuft. Dabei richtet die Autorin ihr Augenmerk darauf, welche Perspektiven die beteiligten Personen in Bezug auf die Transfersituationen und im Hinblick auf ihr jeweiliges, einer anderen Generation entstammendes Gegenüber entwickeln und produzieren.

Welche Bedingungen sollten aus Sicht der Akteure gegeben sein, damit der Transfer optimal verlaufen kann? Welche Auswirkungen haben aus Sicht der Akteure die jeweiligen Gernerationsvorstellungen und Altersbilder auf den Austauschprozess?

Diese leitenden Fragestellungen wurden in Einrichtungen des Perthes-Werkes e. V. untersucht, einer großen evangelischen Organisation der Sozialwirtschaft, die immerhin an 32 Standorten fast für 6000 Menschen in den verschiedenen Bereichen Betreuungsplätze vorhält.

Im Rahmen der Studie wurden alle beteiligten Personen aus den 18 durchgeführten Wissenstransfers mit einem Leitfadeninterview, das mit Hilfe der aktuellen Literatur zur Generationenfrage, zu Altersbildern und zum Wissenstransfer operationalisiert worden war, sowie einem standardisierten Fragebogenteil zu den einzelnen Phasen des Übergabegespräches befragt.

Die Autorin fasst die Ergebnisse ihrer Untersuchung in drei generalisierten Aussagen zusammen:

  1. Wissenstransfer ist eine berufliche Sozialisationssituation, in der vorhandene Altersbilder entweder bestätigt oder in Richtung stärkerer Personalisierung abgebaut und verändert werden können.
  2. Kontakte im Wissenstransfer verändern die Vorstellungen der Akteure. Mit Zunahme der Kontaktintensität werden Alters- und Generationsschablonen überflüssig und durch den Blick auf die Individualität ersetzt.
  3. Es bestehen zwei dominierende transferrelevante und verhaltensbeeinflussende Generationenbilder: Die „Wissbegierigen“ und die „aktiven Erfahrungsgeber“, die beide eine transferförderliche Wirkung zeigen.

Werfen wir jetzt einen kurzen Blick auf die Gliederung der Studie:

Nach der Einleitung werden im 2. Kapitel „Akteure im Wissenstransfer“ die für die Arbeit relevanten Gernerationen- und Altersbegriffe festgelegt. Ferner wird der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen die Altersbilder auf den Transfer haben können.

Das 3. Kapitel „Wissenstransfer in Organisationen“ setzt sich mit dem Forschungsstand des Wissensaustausches zwischen unterschiedlichen Generationen auseinander.

Im 4. Kapitel „Empirische Untersuchung zum intergenerationalen Wissenstransfer in Organisationen“ werden die aus der Theorie gewonnenen forschungsleitenden Annahmen formuliert und das qualitative Forschungsdesign begründet.

Das 5. Kapitel „Methodisches Vorgehen“ stellt die Erhebung im Perthes-Werk dar und erläutert die Methoden der Datenerhebung, das Sampling, die Datenaufbereitung und Datenauswertung.

Ausführlich und detailliert werden über knapp 120 Seiten im 6. Kapitel die „Ergebnisse“ der Studie vorgestellt, bevor im Kapitel 7 in kurzer Form noch „Schlussfolgerungen“ gezogen werden.

Diskussion und Fazit

Es lässt sich wohl kaum vermeiden, dass eine empirische Untersuchung sehr genau die einzelnen Schritte des Forschungsganges darstellt und die Methoden der Untersuchung erläutert. Doch frage ich mich manchmal, ob nicht an der einen oder anderen Stelle Verknappung und Kürze auch zielführend sein könnte, um Selbstverständlichkeiten, Überschneidungen und Längen in der Darstellung zu umgehen.

Damit jetzt keine Missverständnisse aufkommen, sei ausdrücklich gesagt: Die vorliegende Studie ist lesenswert und anregend und darüber hinaus innovativ, weil sie die Sozialwirtschaft auf eine Herausforderung für Organisation und Management hinweist, nämlich den mit dem Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand für die Institution oft verbundenen Wissensverlust zu minimieren und Vorkehrungen der Wissensweitergabe zwischen ihren Mitarbeitern zu treffen. Dies gilt auch für das Perthes-Werk selbst. Für den konkreten Umsetzungsprozess gibt es in der Studie reichlich Anregungen.

Eine wohl unbeabsichtigte Nebenwirkung der Studie liegt darin, dass sie die Wichtigkeit eines Familienlebens für das intergenerative Miteinander indirekt unterstreicht.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 15.12.2014 zu: Daniela Schmitz: Alters- und Generationenbilder im intergenerationalen Wissenstransfer. Die soziale Konstruktion von Wissenstransfer aus der Akteursperspektive in einer wohlfahrtsverbandlichen Organisation. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2014. ISBN 978-3-8300-7758-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17149.php, Datum des Zugriffs 24.11.2017.


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