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Silvester Popescu-Willigmann: Berufliche Bewältigungsstrategien und „Behinderung“

Cover Silvester Popescu-Willigmann: Berufliche Bewältigungsstrategien und „Behinderung“. Undoing Disability am Beispiel hochqualifizierter Menschen mit einer Hörschädigung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-658-03989-9. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Als Ziele des Buchs werden die Entdeckung der subjektiven Sichtweisen der Untersuchungsgruppe zu beruflicher Chancengleichheit und Selbstverwirklichung, die Identifikation von Barrieren und Impulse für weitere Forschungen bzw. die Selbsthilfearbeit genannt.

Aufbau und Inhalt

Kapitel 1 beschäftigt sich mit Problemstellung, Forschungszielen und methodischem Ansatz. Es betont das Fehlen vieler Daten zu behinderten Menschen, insbesondere auch, was ihr Berufsleben und ihre höhere Arbeitslosigkeit betrifft und geht dann auf die wenigen Publikationen über Hörbehinderte ein.

Kapitel 2 analysiert den Begriff „Behinderung“ und seine gesellschaftliche Anwendung. Es stellt dazu anhand eines historischen Rückblicks auf den Umgang mit „Behinderung“ das Defizitmodell („individuelles Modell“ und seine gesellschaftliche Anwendung als „medizinisch-soziologisches Modell“), das „soziale Modell“ (entstanden aus den britischen „Disability Studies“) und das „kulturelle Modell“ (entstanden aus den „Disability Studies“ in den USA) vor. Das erste betrachtet Behinderung als individuelles Schicksal „bedürftiger Objekte“, welche zu möglichst großer „Normalität“ zu führen sind und führt diese Ideologie auch in Medizin und Sozialwissenschaften weiter. Hierzu zählt der Autor die Behinderungsdefinitionen der deutschen Sozialgesetzgebung und die Klassifikation der WHO. Von letzterer stammt die Unterscheidung zwischen „impairment“, ins Deutsche [leider F.D.] als „(körperliche bzw. gesundheitliche) Schädigung“ übersetzt und „disability“ (soziale Teilhabeeinschränkungen). Die „Disability Studies“ betrachteten Behinderung demgegenüber als gesellschaftliches Produkt. Die britische Variante der „Disability Studies“ habe aber den Körper als Faktor vernachlässigt und das Phänomen insgesamt zu wenig ganzheitlich betrachtet. Der Autor schließt sich deswegen dem „kulturellen Modell“ an, weil es diese Faktoren einschließe.

Es folgt ein Exkurs zur „Sinnesbeeinträchtigung Hörschädigung“: Unter „soziale Implikationen einer Schädigung des Gehörs“ bietet der Autor eine „kulturell-konstruktivistische“ Sichtweise auf die Begriffe „Schwerhörigkeit“ und „Hörschädigung“.

Kapitel 3 diskutiert die Themen Chancengerechtigkeit und berufliche Selbstverwirklichung. Anhand des ersten Begriffs geht der Autor auch auf Inklusion ein und stellt – bezogen auf die Selbstverwirklichung - einen Bezug zur „normativen Theorie der Anerkennung“ (Honneth) her.

Kapitel 4 beschreibt Design und Durchführung des empirischen Projekts. Es handelte sich um eine von der Auswertung narrativer Interviews ausgehende qualitative Untersuchung mit besonderer Bedachtnahme auf die Auswahl der InterviewpartnerInnen. In Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft hörbehinderter Studenten und Absolventen (BHSA) wurden letztendlich 13 Gespräche mit Angehörigen der Zielgruppe (mehrjährig berufstätig, mindestens 50%ige Behinderung anerkannt, Hochschulabschluss) geführt, von denen 10 transkribiert und mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet wurden.

Kapitel 5 bietet die Forschungsergebnisse anhand der Frage „Gibt es Chancengerechtigkeit und berufliche Selbstverwirklichung für hochqualifizierte Menschen mit einer signifikanten Hörschädigung?“ Anhand von Interviewausschnitten werden verschiedene Denkbilder der befragten Personen zur Chancengerechtigkeit zu gruppiert. Das Ergebnis war, dass die Interviewten zwar immer wieder eine gewisse Chancengerechtigkeit sahen, ihre berufliche Entwicklung aber trotzdem als eher schwierig interpretierten und deswegen im Resümee das Vorhandensein von Chancengerechtigkeit eher verneinten; Frauen scheinen auch einer Geschlechterdiskriminierung zu unterliegen. Die berufliche Selbstverwirklichung wurde eher als gegeben gesehen, was sich insbesondere auf immaterielle Kriterien wie Freude an der Arbeit oder die Möglichkeit sich einzubringen bezog. Der Autor interpretiert den Widerspruch zwischen wenig oder nicht gegebener Chancengleichheit und gegebener Selbstverwirklichung anhand der Anerkennungstheorie als Ergebnis eines permanenten „Kampfes um Anerkennung“.

Die „Rahmenbedingungen und Bewältigungsstrategien“ dieses „Kampfes um (berufliche) Anerkennung“ werden in Kapitel 6 erörtert. Der „Schauplatz“ des Kampfes ist die berufsorientierte Gesellschaft. Die in den „Lebensbereichen“ Studium und Beruf vorhandenen Charakteristika der Berufsausübung für die Angehörigen der Zielgruppe werden unter Rückgriff auf Interviewtexte ausführlich behandelt. Die befragten Personen gaben an, dass sie ihre Berufsausübung aufgrund der vorhandenen Barrieren und des Verhaltens der Hörenden als schwieriger ansehen. Danach werden als wesentliche Bewältigungsstrategien der eigene Umgang mit der Hörbehinderung, die Entwicklung persönlicher Kompetenzen (u.a. wird der Kommunikationswille als wichtig betont) und spezielle soziale Interaktionen (u.a. die Herstellung eines „gemischten Umfelds“ von Hörbehinderten und Hörenden, Netzwerkbildung) herausgearbeitet.

Kapitel 7 bietet eine Interpretation des angesetzten „Kampfes um (berufliche) Anerkennung“. Der Autor erstellt dafür ein komplexes Prozessmodell, das in zwei Abbildungen grafisch vorgestellt und anhand einer Zusammenfassung der Ergebnisse erörtert wird.

Kapitel 8 gibt Fazit und Ausblick. Ausgehend von der Annahme von 1,3 Millionen „hörgeschädigter Menschen im berufsrelevanten Alter“ sieht der Autor Inklusion bzw. gleichberechtigte Partizipation als noch nicht erreicht an. Als Forschungsdesiderat sieht er eine präzise Analyse der immer noch vorhandenen Problembereiche inklusive z.B. der relevanten Vorgänge in der frühen Sozialisation, der innerbetrieblichen Entscheidungsvorgänge. Curricula sollten im Sinne des Empowerment-Konzepts verändert werden, sozialpsychologische und betriebswirtschaftliche Arbeiten und Ausbildung auf eine bessere Inklusion vorbereiten und auch die politische Praxis verbessern. Die in der vorliegenden Arbeit erhobenen Berufsbiografien könnten dabei als Ausgangs- bzw. Quellmaterial dienen.

Ein Literaturverzeichnis schließt das Buch ab.

Diskussion

Das Aufgreifen eines solchen Themas in der Forschung ist selbst schon verdienstvoll, die Durchführung über einen qualitativen Ansatz sowohl dem Thema als auch der Zielgruppe angemessen. Meine Kritik ist in diesem Kontext zu verstehen:

Im Abschnitt „soziale Implikationen einer Schädigung des Gehörs“ fällt der Autor – die nach seinem Ansatz angeblich kulturell-soziale Konstruktion von Behinderung völlig vergessend – in eine rein medizinische und sozial negative Sichtweise zurück, ohne auf die vielfältig gegebenen Möglichkeiten von Inklusion einzugehen: „Schädigungen des Gehörs beeinträchtigen die zwischenmenschliche Kommunikation … Mit ihnen gehen häufig besondere seelische und soziale Beeinträchtigungen einher, …“ (S. 59f). In einer ausführlichen Tabelle werden weiters die „Erschwernis der Perzeption von Sprache“, der „Ausschluss aus sozialen und informellen Kommunikationsprozessen“ (S. 61) und sogar „Defizite in der Sensibilität gegenüber Gefühlen der Mitmenschen“ (S. 63). Das ist beim Rückgriff auf eine deutschsprachige Untersuchung von 1980 (Richtberg) auch kein Wunder. Damit führt der Autor seine „kulturell-konstruktivistische“ Sichtweise grundsätzlich ad absurdum und kann daher auch keine angemessene Diskussion zum Begriff der „Schädigung“ bieten, welche er gar nicht als zentralen Begriff des Defizitmodells erkennt (er übersetzt „impairment“ auf S. 47 immerhin mit „Beeinträchtigung“, ohne aber darauf hinzuweisen, dass diese Übersetzung – neben „(Ver)minderung“, „Schwächung“ – durchaus üblich sein könnte, im Deutschen aber immer noch durch das Beharren auf „Schädigung“ eine wesentlich negativere Zusatzbedeutung konstruiert wird).

Der Ausschluss von Interviewpartnern, welche eine Gebärdensprache als bevorzugte Sprache verwenden und diese auch als Interviewsprache hätten verlangen können, verfälscht durch diese reine Lautsprachorientierung die Ergebnisse: Die Erfahrungen hörbehinderter Personen, welche diese in Deutscher Gebärdensprache hätten wiedergeben wollen, weil sie da bessere Beschreibungen bzw. eine intensivere Kommunikation bieten hätten können, bleiben unberücksichtigt. D.h., dass eine ganze Gruppe „hörbehinderter hochqualifizierter“ Personen - aufgrund der bisherigen Erfahrungen wird man sagen können: die am stärksten diskriminierte Gruppe – durch die Forschungsmethodik von vornherein ausgeschlossen wurde. Besonders ärgerlich dafür ist die Begründung: es sei kein Geld für eine DGS-Dolmetschung vorhanden gewesen. Da kann man nur sagen: So viel zum Glauben des Autors an den „Empowerment-Ansatz“ und leider wieder ein irreführender Buchtitel, der glauben macht, der Autor habe alle Gruppen hörbehinderter Menschen in seine Arbeit miteinbezogen.

Der Autor ist mit seinem Ansatz auf der Höhe der Zeit, auch wenn man die Literatur betrachtet. Allerdings habe ich das Gefühl, dass er zu seiner Zielgruppe, schwerhörigen Menschen, recht wenig Literatur ausgewertet hat; insbesondere finden sich keine Erfahrungsberichte, wozu man den „Taubenschlag“, die Webseite des Deutschen Schwerhörigenbundes oder die Webseite von Drolsbaugh (www.deaf-culture-online.com/hard-of-hearing.html) bzw. entsprechende Diskussionsforen hätte auswerten können.

Das vom Autor erarbeitete Prozessmodell ist in Ordnung; weil es zu allgemein bleibt, aber auch sehr trivial: Es werden zwar die Zusammenhänge zwischen den relevanten Faktoren dargestellt, aber nur in neutraler, völlig abstrakter Form: Z.B. werden „Kommunikationswille“ mit „soziale Folgen“ oder „Persönlichkeit“ mit „Einstellungen gegenüber nicht Hörgeschädigten“ durch Linien oder Pfeile miteinander verbunden, aber die konkreten dazugehörigen Inhalte bzw. Verhaltensweisen nicht oder nur unvollständig erörtert. Wenn die Arbeit schon eine konstruktivistische kulturell-sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise bietet, hätte sie hier z.B. eingehend untersuchen sollen, ob die hörbehinderten Interviewpartner klassisches Aufsteigerverhalten (Anpassung, Akzeptanz der herrschenden Meinung, Demonstrieren von Unterordnung- und Leistungswillen) zeigen müssen, um erfolgreich zu sein. Oder es müsste umgekehrt analysiert werden, welche konkreten Verhaltensweisen den hörbehinderten in Betrieben negativ angelastet werden. Die vollständige Beantwortung solcher Fragen hätte eine zusätzliche Steuerung des qualitativen Interviews benötigt (Motto: „Was tun/empfinden sie in einer Situation, in der konkret …“), was offensichtlich nicht geschah. Dadurch wirken auch die Schilderungen der befragten Personen manchmal wenig konkret auf ihre Lebenssituation bezogen.

Fazit

Ein wichtiges Buch, welches das Konzept des „Kampfes um Anerkennung“ eines Großteils der hochqualifizierten hörbehinderten Berufstätigen plausibel macht. Freilich: Es ist ein erster Blick in den Bereich mit Unzukömmlichkeiten; z.B. hätte die Inhaltsanalyse noch weiter ins Konkrete getrieben werden sollen. Und es hätte die Zielgruppe auch im Titel klarer umschrieben werden sollen. Mit dem Autor wünsche ich mir jedenfalls die Realisierung seiner Zukunftsvorschläge.


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 12.12.2014 zu: Silvester Popescu-Willigmann: Berufliche Bewältigungsstrategien und „Behinderung“. Undoing Disability am Beispiel hochqualifizierter Menschen mit einer Hörschädigung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-03989-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17150.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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