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Katja Irle, Jesper Juul: Das Regenbogen-Experiment

Rezensiert von Dipl. Psychol. Andrea Gilles, 12.11.2014

Cover Katja Irle, Jesper Juul: Das Regenbogen-Experiment ISBN 978-3-407-85987-7

Katja Irle, Jesper Juul: Das Regenbogen-Experiment. Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern? Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 220 Seiten. ISBN 978-3-407-85987-7. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,40 sFr.

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Thema

„Die Minderheiten sind die Mehrheiten der nächsten Generation.“ Diese Aussage von Paul Sartre trifft wohl kaum auf die Regenbogenfamilien zu. Aber sind Regenbogeneltern vielleicht die besseren Eltern? Hat die sexuelle Orientierung der Eltern Einfluss auf die kindliche Entwicklung und wenn ja inwiefern? Damit beschäftigt sich Katja Irle in ihrem Buch. Irle zeichnet ein differenziertes Bild über die Hintergründe einer hochaktuellen Debatte.

Autorin

Katja Irle studierte Geschichte, Politik und Germanistik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und Florenz. Viele Jahre arbeitete sie als Bildungs- und Wirtschaftsredakteurin der Frankfurter Rundschau sowie als Reporterin für den hessischen Rundfunk. Heute ist sie als freie Journalistin für verschiedene Tages- und Wochenzeitschriften sowie Onlinepublikationen tätig. Darüber hinaus moderiert sie u. a. Podiumsdiskussionen, Tagungen, Kongresse und leitet Workshops aus den Bereichen Bildung und Wissenschaft.

Aufbau

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Das Vorwort hat der Familientherapeut Jesper Juul.

Der erste Teil beschäftigt sich mit den Erwachsenen der Regenbogenfamilien. Entwicklung und Bedeutung des Begriffs der „Regenbogenfamilie“ werden dargestellt. Das gleichgeschlechtliche Paar wird, vor dem Hintergrund des Ringens um Anerkennung in der Gesellschaft als solches, auch in seiner Funktion als Eltern näher betrachtet. Die verschiedenen Möglichkeiten für gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland und international ein Kind zu bekommen, werden umfassend aufgezeigt. Es wird Bezug genommen auf die kontroverse, aktuelle Debatte bezogen auf die Akzeptanz von Regenbogenfamilien. Diskriminierungen, denen Homosexuelle noch immer ausgesetzt sind werden erörtert.

Im zweiten Teil geht es um die Kinder der Regenbogenfamilien. Ausführlich wird dargestellt welche Themen für Regenbogenkinder aufgrund ihrer besonderen Zeugung von Bedeutung sind und wie wichtig es ist auf diese Themen einzugehen. Es wird ein Überblick über internationale Studien und Ergebnisse zur Situation und Entwicklung der Kinder gegeben. Namenhafte Vertreter aus Bindungsforschung, Sozialwissenschaft sowie Neurobiologie kommen zu Wort. Anschließend wird der Alltag von Regenbogenfamilien anhand von Fallbeispielen anschaulich dargestellt. Die Schwierigkeiten, mit denen Erwachsene und Kinder aus Regenbogenfamilien konfrontiert sind, werden kurz thematisiert. Abschließend wird ein Ausblick gegeben.

Inhalt

Bekannte Persönlichkeiten aus Theater, Politik und Familientherapie und -forschung kommen in diesem Buch zu Wort wie der Frankfurter ev. Pfarrer Nulf Schade-James ein Vorreiter der Ehe für Schwule und Lesben. Der homosexuelle Schauspieler Rupert Everett, der Grünen Politiker Volker Beck, der Kinderarzt Remo Largo, der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann, der Entwicklungs- und Gehirnexperte Ralph Dawirs, die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber, die Familientherapeutin Petra Thorn und weitere.

In der Einführung wird der Begriff der Regenbogenfamilie auf seine Entwicklung und seine aktuelle Geläufigkeit in der Gesellschaft hin beleuchtet. Seine Symbolkraft wird dargelegt, auch unter dem Aspekt eines politischen Statements gegen Rassismus (am Beispiel von Josephine Baker).

Vorurteile gegenüber Fremdgruppen gehören einerseits zu unserem menschlichen Erbe andererseits sind sie gelernt wie die psychologische Forschung mittlerweile belegen konnte. Vorurteile zu ändern ist eine langwierige Angelegenheit. Irle führt an, dass es noch immer Vorurteile und Verurteilungen gegenüber homosexuellen Menschen gibt. Dass Schwule und Lesben nun verständlicherweise auch Eltern werden möchten, stellt eine weitere Herausforderung für die Betroffenen und für die Gesellschaft dar. Eindrucksvoll legt die Autorin die aktuellen Debatten in Ländern wie Deutschland, Italien, Frankreich und Russland dar: Da finden sich Solidarisierung mit den Regenbogenfamilien (italienische Bevölkerung boykottiert Barilla) ebenso wie massive Diskriminierungen (Russland).

Es folgen sehr präzise Informationen über Möglichkeiten für gleichgeschlechtliche Paare ein Kind zu bekommen. Über gängige Verfahrensweisen in Deutschland und im Ausland wird umfassend berichtet. Adoption, Pflegschaft, Leihmutterschaft und Insemination werden differenziert dargestellt. Auf Schwierigkeiten, die durch komplizierte verwandtschaftliche Verhältnisse entstehen können wird hingewiesen. Empfehlungen von Experten gehen dahin, dem Kind die Zeugung und seine Herkunft nicht zu verheimlichen, sondern es altersgerecht darüber aufzuklären.

In der Kontroverse wie die Bevölkerung Homosexuelle mit Kinderwunsch sieht, greift die Autorin auch starke Vorurteile gegenüber Homosexuellen auf, wie beispielsweise den Pädophilenverdacht. Dieses Vorurteil wurde aktualisiert durch die Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen und Diskussion um pädophile Gruppierungen in der Politik. Die Autorin resümiert schließlich, dass „Pädophilie kein Schwulen-Phänomen“ ist. Auch wenn seit 2013 das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare erweitert wurde, so gibt es sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik ein Unbehagen im Umgang mit dem Thema Regenbogenfamilie insgesamt.

Die Autorin betrachtet auch die Haltung gegenüber Regenbogenfamilien in den verschiedenen Religionsgemeinschaften: Der Vatikan lässt derzeit mit einer weltweiten Umfrage die Einstellung von Katholiken zu Themen wie Empfängnisverhütung, Umgang mit Geschiedenen und Homosexualität erfragen. Jedoch machte der Vatikan auch vorsorglich deutlich, dass es sich nur um eine Bestandsaufnahme handele. In der evangelischen Kirche gibt es zwar Segnungen für homosexuelle Paare aber diese sind von der Gleichstellung mit heterosexuellen Paaren noch weit entfernt. Die evangelische Kirche spricht sich für das Leitbild der „Normalfamilie“ aus. Für Muslime ist die gleichgeschlechtliche Beziehung ein Tabu und somit auch das Thema Regenbogenfamilie. Im Iran folgt auf eine gleichgeschlechtliche Beziehung hin noch immer die Todesstrafe. Auch das Judentum lehnt Homosexualität ab, jedoch pflegen viele liberale jüdische Gemeinden einen toleranten Umgang mit Homosexuellen. Bei vielen Juden stößt hingegen eine Regenbogenfamilie auf Ablehnung.

Im zweiten Teil des Buches geht es um die Kinder der Regenbogenfamilien. Irle thematisiert die Babybestellung aus dem Katalog der Samenbanken von der Festlegung der Hautfarbe über Bildungsstand bis hin zu Profilen von Spendern, die berühmten Schauspielern ähnlich sehen sollen. Kurz wird auch auf die Motivation der Spender eingegangen. Anhand des Beispiels eines Pfarrers und dessen Lebensgefährten wird ein vorbildlicher, achtsamer Umgang mit dem Thema und der Situation geschildert. Darüber hinaus geht die Autorin der Frage nach, ob Kinder die bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen, sich ebenso gut oder schlecht entwickeln wie gleichaltrige Kinder mit heterosexuellen Eltern. Bis auf wenige Ausnahmen kommen nationale wie internationale Studien übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass keine Hinweise gefunden worden seien, dass Kinder aus Regenbogenfamilien in ihrer sozialen, psychischen oder sexuellen Entwicklung in irgendeiner Form eingeschränkt seien. Es wird sogar von Vorteilen für das Regenbogenkind gesprochen: Experten der Melbourne-Universität untersuchten 500 Regenbogenkinder: sehr positiv seien Selbstbewusstsein, emotionale Stabilität sowie der familiäre Zusammenhalt dargestellt. Als Erklärung hierfür wird angeführt, dass zum einen eher gebildete Homosexuelle sich für das Modell einer Regenbogenfamilie entscheiden. Zum anderen erziehen gebildete Eltern zu mehr Toleranz und Offenheit gegenüber Andersdenkenden und deshalb sind die Kinder sozial kompetenter und vorurteilsfreier. Diese Untersuchungen beziehen sich hauptsächlich auf lesbische Eltern. Es gibt zwar bisher nur geringe Fallzahlen über homosexuelle Väter, diese kommen aber zu ähnlichen Befunden. Bei der Interpretation der Studienergebnisse muss berücksichtigt werden, dass viele der untersuchten Kinder in einer heterosexuellen Familie gezeugt, zumindest zeitweise dort aufgewachsen sind, bis die Kinder später in eine Regenbogenfamilie kommen und somit häufig Bezug zu beiden Elternteilen Mutter und Vater haben. Die Studienzahl zur Entwicklung der Kinder, die direkt in eine homosexuelle Ehe hinein geboren wurden ist gering. Zusammenfassend scheint das jeweilige Geschlecht der Eltern weniger wichtig als Faktoren wie stabile Elternbeziehung, wertschätzendes Familienklima und sichere Bindung. Es wird darauf hingewiesen, dass weniger wichtig aber nicht heißen muss, dass das Geschlecht der Eltern bzw. das Fehlen einer Geschlechterrolle keinen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder hat. Es bedarf diesbezüglich weiterer Forschung.

Die Art der Zeugung geht weit über die Frage nach homo oder hetero hinaus und berührt unsere Vorstellungen von Kindheit und Familie in der Zukunft. Die Frage, ob nun Lesben und Schwule die besseren Eltern beantwortet eine namenhafte Familienforscherin mit „nein“. Jedoch gebe es Belege dafür, dass homosexuelle Eltern ihre Kinder bewusster erziehen und ihr Leben vermehrt auf das Kind ausrichten. Wenn die Umwelt diese Familien akzeptiere, hätten die Kinder keine Probleme.

Gegen Ende des Buches kommen namenhafte Vertreter aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen zu Wort. Vertreter aus Bindungsforschung, Sozialwissenschaft und Neurobiologie verweisen darauf, dass beide Geschlechterrollen als Modelle für eine gesunde Entwicklung von Kindern wichtig sind. Aus psychoanalytischer Perspektive bleibt es abzuwarten wie die Identitätsfindung der Kinder gelingen wird, da es bisher noch wenig Forschung zur Entwicklung von Kindern gibt, die in eine Regenbogenfamilie hinein geboren werden.

Insgesamt folgert die Autorin, dass es bisher keinen Beleg dagegen gibt, dass Kinder aus Regenbogenfamilien glücklich aufwachsen und sich zu stabilen Persönlichkeiten entwickeln können.

Im Anschluss wird der Alltag in verschiedenen Regenbogenfamilien beispielhaft dargestellt. Es wird verdeutlicht, dass gleichgeschlechtliche Eltern unter besonders großem Druck stehen nicht zu scheitern.

Diskussion

Als Leserin, die täglich mit dem Thema des unerfüllten Kinderwunsches in der Reproduktionsmedizin vertraut ist, hat mich die differenzierte Bearbeitung des Buchthemas mit ausgewählten Beiträgen aus Wissenschaft und Forschung beeindruckt. Die Unterteilung des Buches in einen Teil, der sich mit den Erwachsenen beschäftigt und einen, der sich mit den Kindern beschäftigt spricht für die differenzierte und professionelle Herangehensweise der Autorin. Die Auswahl der Fallbeispiele zeigt, dass die Autorin alle Facetten dieses komplexen Themas gründlich recherchiert hat von den legalen bis hin zu den in Deutschland illegalen Wegen im Ausland, die auch von Betroffenen mit Kinderwunsch in Deutschland begangen werden – das ist Realität. Der Ausblick von Irle, dass Regenbogenkinder zwar kein Massenphänomen sind, dass jedoch Wahlverwandtschaften auch in heterosexuellen Familien weiter zunehmen werden, hat mir gut gefallen. Diesbezüglich hätte eine etwas weitere Ausarbeitung dem Thema nicht geschadet. Aus psychologischer Sicht kann ich die Schlussfolgerung nur unterstützen, dass es für die gesunde Entwicklung von Kindern entscheidend ist, dass die Bedürfnisse der Kinder im Vordergrund stehen.

Fazit

Das Buch ist für alle empfehlenswert, die einen gründlich recherchierten und differenzierten Einblick in die Hintergründe und Herausforderungen des Themas Regenbogenfamilie erhalten möchten.

Rezension von
Dipl. Psychol. Andrea Gilles
Psychologische Psychotherapeutin PAN mental Konsiliarische Psychologin PAN Prevention Center, Köln
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Es gibt 1 Rezension von Andrea Gilles.

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Zitiervorschlag
Andrea Gilles. Rezension vom 12.11.2014 zu: Katja Irle, Jesper Juul: Das Regenbogen-Experiment. Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern? Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. ISBN 978-3-407-85987-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17151.php, Datum des Zugriffs 11.02.2024.


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