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Hella von Unger: Partizipative Forschung

Cover Hella von Unger: Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 121 Seiten. ISBN 978-3-658-01289-2. D: 14,95 EUR, A: 15,37 EUR, CH: 19,00 sFr.
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Thema

Der Einführungsband eröffnet Zugänge zur partizipativen Forschungspraxis, die für die Autorin als Oberbegriff für solche Forschungsansätze steht, die „soziale Wirklichkeit partnerschaftlich erforschen und beeinflussen“ (S. 1) will. Obwohl diese doppelte Zielsetzung einer Beteiligung von gesellschaftlichen Akteuren als Co-Forscher/innen einerseits und Maßnahmen zur individuellen wie kollektiven Selbstbefähigung und Ermächtigung der Forschungspartner/innen andererseits, keinen neuen Forschungsansatz umreißen, wie der Band ausführlich zeigt, fokussiert der Band mit der partizipativen Forschung neue Formen der Wissensproduktion, die nachhaltig das Verhältnis von Gesellschaft und Wissenschaft neu bestimmen. Die wahrnehmbare „Renaissance“ partizipativer Forschung im Anschluss an gesellschaftliche Kontexte, die Partizipation und Bürgerbeteiligung ein hohes Gewicht beimessen und die Etablierung und Ausdifferenzierung der qualitativen Sozialforschung seit den 1980er Jahren, erklärt die Aktualität der Befassung mit diesen Forschungsansätzen. Der Fokus des Bandes liegt auf dem praktischen empirischen Vorgehen sowie auf wissenschaftlichen Perspektiven auf die partizipative Forschung „als anwendungsorientierte, kooperativer und wertebasierte Forschung“ (S. 104) innerhalb des Kanons der Wissenschaften. Deshalb führt der Band ein in Konzepte, Verfahren und Methoden, Probleme und Anwendungsfelder dieser Forschung.

Autorin

Hella von Unger ist seit 2013 Professorin für qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung und Soziologie von Gesundheit und Krankheit am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilian-Universität München. Zuvor war sie von 2006 bis 2013 als Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe Public Health und der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) tätig.

Aufbau und Inhalt

Der als Einführung konzipierte Band gliedert die wesentlichen Fragestellungen zur partizipativen Forschung in sechs Hauptkapitel.

Die Einleitung „Zur Aktualität der partizipativen Forschung“ setzt sich zunächst mit den vielfältigen Formen und Begriffen auseinander, die in ihrer Gesamtheit die Frage beantworten sollen „Was ist partizipative Forschung“ eigentlich? Anschließend erörtert die Autorin die „Dynamik und die Dis-/Kontinuität“, dieser Forschungsansätze, die sich nicht nur in der Vielfalt der Begriffe zeigt, sondern auch die Konjunkturen beschreibt, die diese Forschungsrichtung international und in Deutschland erfahren hat. Dabei wird bereits aufgezeigt, dass gerade in Deutschland die Auseinandersetzung mit partizipativer Forschung erst spät einsetzte, sich in der eher konservativen Forschungsförderung der 1980er Jahre nicht wirklich durchsetzen konnte, zeitweilig generell in ihrer Wissenschaftlichkeit angezweifelt wurde und ab den 1990er Jahren – zumindest unter dem politisch aufgeladenen Begriff der Aktionsforschung – nahezu verschwand … um gleichzeitig z.B. als Praxisforschung in der Sozialen Arbeit oder in einzelnen Handlungsfeldern und Disziplinen wie der Gemeindepsychologie sich weiter zu entwickeln.

In Kapitel 2 werden die drei zentralen Ansätze partizipativer Forschung beschrieben. Die Autorin unterschiedet hier die „Aktionsforschung/Action Research“ (2.1), die „Praxisforschung und partizipative Evaluationsforschung“ (2.2) sowie die „Community-basierte partizipative Forschung“ (CBPR, 2.3). Entlang zahlreicher Zitate aus Originalquellen der Protagonist/innen der Forschungsansätze, werden die Postulate, Zielsetzungen, Unterformen und Kernelemente dargestellt. Unter der Überschrift „Weitere Ansätze und Anwendungsfelder“ (2.4) werden eine ganze Reihe weiterer Begrifflichkeiten für partizipative Forschungsansätze benannt, die auch aus Sicht der Autorin nur eine Auswahl aus der wachsenden Vielfalt der Ansätze widerspiegeln. Dem Hintergrund der Autorin entsprechend, geben die Beispiele insb. Einblick in aktuelle Formen einer partizipativen Gesundheitsforschung. Die in diesem Kapitel aufgeführten Ansätze und Anwendungsfelder „unterscheiden sich nicht nur in ihren Begrifflichkeiten […], sondern auch im Hinblick darauf, wer, woran und zu welchem Zweck partizipiert“ (S. 34).

Entsprechend widmet sich das Kapitel 3 den „Zentralen Komponenten eines partizipativen Designs“, die partizipative Forschungen auszeichnen: Die „Beteiligung von Co-Forscher/ innen“ (3.1), die „Befähigungs- und Ermächtigungsprozesse (Empowerment)“ (3.2), die Teil des Forschungsinteresses und -auftrages sind, sowie die „Doppelte Zielsetzung: soziale Wirklichkeit verstehen und verändern“ (3.3). Im Unterschied zu anderen Formen der qualitativen Forschung, argumentiert die Autorin, gilt „das Prinzip der Teilhabe in der partizipativen Forschung in zweifacher Hinsicht: Zum einen haben die Forschenden an den Prozessen und sozialen Bezügen der untersuchten Settings teil, und zum anderen wirken die Teilnehmer/innen als Co-Forscher/innen am Forschungsprozess mit“ (S. 43).

Das Kapitel 4 des Einführungsbandes skizziert den „Forschungsprozess“ partizipativer Forschungen entlang der praktischen Arbeitsschritte „Partner/innen finden, Betroffene einbeziehen“ (4.1), „Gemeinsam Ziele setzen“ (4.2), „Studiendesign und die Beteiligung von Co-Forscher/innen“ (4.3), „Daten erheben in Zyklen von Aktion und Reflexion“ (4.4), partizipative Auswertung (4.5) sowie als letzten Schritt die „Verbreitung und Verwertung der Ergebnisse“ (4.6). Zu jedem Schritt wird ein konkretes Beispiel der Umsetzung aus einem Forschungsprojekt illustrierend angeführt.

Zwei Beispiele der „methodischen Umsetzung“ werden in Kapitel 5 dargestellt, die „in der internationalen partizipativen Forschung häufig zur Anwendung kommen“ (S. 69): „Photovoice“ als Beispiel für den Einsatz von fotografischen Daten und „Community Mapping“ als Beispiel für kartografische Visualisierungen. Beide Verfahren werden in ihren Schritten, Vorzügen und Grenzen beschrieben und ihre Anwendung wiederum anhand eines konkreten Forschungsprojekts illustriert.

Das letzte Kapitel 6 benennt „Probleme und Perspektiven“ partizipativer Forschung. Unter dieser Überschrift diskutiert die Autorin „Konflikte, Selbstreflexivität und Forschungsethik“ (6.1) sowie die „Stärken und Grenzen der partizipativen Forschung“ (6.2), bevor in diesem Kapitel abschließend eine „Verortung der partizipativen Forschung im Wissenschaftskanon“ folgt.

Diskussion

Mit gerade einmal 120 Seiten bietet der Band einen leicht verdaulichen Einstieg in eine Forschungspraxis, die sich von ihrer Grundhaltung her einer vereinheitlichenden Methodologie und einem einheitlichen methodischen Vorgehen bewusst versperrt und handbuchähnliche Anleitungen eigentlich nicht zulässt. Dennoch kann Hella von Unger sehr gut verdeutlichen, dass es grundsätzliche Forschungsprinzipien gibt, die alle derzeit kursierenden Ansätze partizipativer Forschung auszeichnen. Das gemeinsame Ziel, soziale Wirklichkeit zu verstehen und zu verändern sowie Teilhabe zum Handlungsprinzip der Forschung zu machen, lässt genügend Spielraum für die notwendige Flexibilität im methodischen Vorgehen – jeweils angepasst an die Forschungsthematik und den Gesamtkontext. Dass partizipative Forschungen in ganz unterschiedlichen Disziplinen und Handlungsfeldern umgesetzt werden, betont die Autorin schon im Vorwort und stellt fest, dass sie die Gesundheitswissenschaften als prominentes Anwendungsfeld für partizipative Ansätze versteht. Entsprechend ziehen sich Referenzen und Projektbeispiele aus der sozialwissenschaftlichen Gesundheitsforschung durch die Kapitel des Bandes. Trotzdem gelingt es, in dem übersichtlichen Einführungsband ohne große Transferleistung, die entscheidenden Komponenten, Haltungen und Arbeitsschritte nachzuvollziehen und auf eigene disziplinäre Fragestellungen zu übertragen. Die Beispiele der methodischen Umsetzung können nur als Blitzlichter in einen weitaus größeren Methodenkoffer hinein, verstanden werden. Gerade die Soziale Arbeit bietet in der Lebenswelterkundung und der Sozialraumarbeit zahlreiche Methoden an, die im Sinne einer partizipativen Forschung eingesetzt werden und anschlussfähig sind an andere Handlungsfelder und Disziplinen. Aber vielleicht ist ein Methodenbuch dann eher ein neues Buchprojekt.

Fazit

Der Wert dieses Einführungsbandes liegt eindeutig in der Strukturierung der international weit verzweigten Forschungslandschaft partizipativer Ansätze und kann gerade denen, die selbst qualitative Sozialforschung bisher noch als Forschung auf Distanz verstehen und aus Subjekten Probanden machen, einen stringenten, schnörkellosen Einblick mit ebenso konkreten Handlungsschritten zur Umsetzung liefern.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Monika Alisch
Professorin für Sozialraumbezogene Soziale Arbeit, Gemeinwesenarbeit und Sozialplanung an der Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, Leiterin des CeSSt – Zentrum Gesellschaft und Nachhaltigkeit der Hochschule Fulda
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Zitiervorschlag
Monika Alisch. Rezension vom 19.11.2014 zu: Hella von Unger: Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-01289-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17155.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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