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Werner Müller-Pelzer (Hrsg.): Selbstevaluation interkultureller Erfahrungen

Cover Werner Müller-Pelzer (Hrsg.): Selbstevaluation interkultureller Erfahrungen. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2014. 282 Seiten. ISBN 978-3-95404-620-1. D: 49,50 EUR, A: 50,90 EUR, CH: 65,90 sFr.
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Thema

Das Thema dieses Sammelbandes sind Forschungsprojekte und Evaluationen aus dem Kontext Sprachenlernen. Die zentrale Frage die in verschiedenen Projekten untersucht wird, ist wie Fremdheitserfahrung so gestaltet werden kann, dass sie einen Lernprozess zu mehr interkultureller Kompetenz auslöst und wie das erforscht und evaluiert werden kann.

Herausgeber

Herausgeber Werner Müller-Pelzer, Dozent für Wirtschaftsfranzösisch, Wirtschaftsspanisch und Interkulturalität an der Fachhochschule Dortmund ist mitverantwortlich für den Studiengang International Business. Er eröffnet das Buch mit einem Überblick und beteiligt sich mit seinem Abschlussbeitrag auch selbst an der Diskussion.

Entstehungshintergrund

In diesem Buch werden zwölf Beiträge von Teilnehmenden eines Forschungsateliers veröffentlicht, dessen Thema „Selbstevaluation interkultureller Erfahrungen - Auto-évaluation d´expériences interculturelles“ war. Es trafen sich Teilnehmende über nationale und disziplinäre Grenzen hinweg. Die Beiträge sind in Deutsch, Französisch oder Englisch verfasst. Mit dem Forschungsatelier soll das „lebenslänglich notwendige Sich-Rechenschaft-ablegen über Erlebtes als unentbehrlicher Aspekt der „Evaluation“ neu begründet werden“. Ein Thema das, laut der Webseite zur Veranstaltung www.ciera.fr/ciera/evaluation-interkultureller?lang=fr, bereits seit den 1990er Jahren im Auftrag des Europarats im Kontext der „Autobiographie interkultureller Erfahrungen“ diskutiert und beforscht wird.

Aufbau

Das Buch enthält neben der ausführlichen Einleitung zwölf Fachbeiträge und ein Verzeichnis mit den Teilnehmenden des Forschungsateliers sowie Kurzporträts der Autoren und Autorinnen.

Inhalt

Bereits die Titel der Beiträge geben Auskunft über die grosse Spanne der beschriebenen Projekte, in denen es im weitesten Sinne um das Verhältnis zwischen „Erlernen von Fremdsprachen und interkultureller Erfahrungen“ (S. 11) geht.

In seiner Einleitung diskutiert der Herausgeber zunächst die methodische Angemessenheit evidenzbasierter Forschung für die Evaluation interkultureller Erfahrungen im Kontext von Trans- und Interkulturalität. Er diskutiert und hinterfragt, ob Studierende, die in ihrem Auslandsemester unter anderen englischsprechenden Studierenden irgendwo auf der Welt z.B. in China in ihrem „Erasmus bubble“ leben (S.13), gleichwohl als Person interkulturelle Lernprozesse machen können.

Bereits in den Kurzfassungen des Herausgebers fallen die Unterschiede der Projekte ins Auge.

Je nach beruflichem Schwerpunkt oder professioneller Herkunft des Autors/der Autorin beziehen sich die Berichte u.a. auf

  • Projekte im Fremdsprachenunterricht von Schulen, um Interkulturelle Kompetenz zu fördern;
  • ähnliche Projekte in Hochschul-Studiengängen, z. B. für International Management oder für IngenieurInnen mit hohen virtuellen Anteilen in eTandems;
  • ein Forschungsprojekt zu „kultureller Fremderfahrung“ in einem interkulturellen Studiengang;
  • eine Untersuchung zur Anwendung „reflexiver Interviews“ bei FremdsprachenlehrerInnen;
  • die REPA Deskriptoren (Referenzrahmen für plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen) als Instrument zur Evaluation interkultureller und mehrsprachiger Kompetenz;
  • die Evaluation transnationaler Netzwerke im Rahmen von Projekten, die durch europäische Institutionen gefördert werden;
  • das Thema „interkulturelle Existenz“ und was unter „subjektiver Erfahrungen bei interkulturellen Begegnungen“ zu verstehen ist.

Die Projekte werden in unterschiedlichen Institutionen verschiedener Länder (Finnland, Peru, Frankreich, Deutschland, Dänemark usw.) realisiert. Ein Bericht bezieht sich auf europäische Netzwerke. Es geht um sehr unterschiedliche Gegenstände: z.B. Lehre bzw. Unterricht, Forschungsprojekte oder transnationale Netzwerke.

Das Verständnis von Evaluation bzw. Selbstevaluation ist sehr verschieden. Einige Beispiele:

  • Röseberg und Wolfradt beschreiben die Entwicklung eines Instruments zur Untersuchung von Fremdheitserfahrungen. Gestartet wird mit einem „Leitfaden für die selbstreflexive Begleitung eigener kultureller Fremdheitserfahrungen“, um Kompetenzen beschreibbar zu machen. Der Methoden-Dreischritt des Leitfadens reicht vom Reisetagebuch über den Fremdheitserfahrungsbericht zur Selbstreflexion vor Beginn einer interkulturellen Begegnung. Die AutorInnen betonen, dass „Fremdheit nicht rein kognitiv sondern stets (…) auch sinnlich-leiblich zu erfahren ist“. (S. 72) Dies stelle Untersuchungen über Fremdheitserfahrung vor besondere Herausforderungen.
  • Zur (Selbst)evaluation deklarativen Wissens der Lernenden wird bei Daryai-Hansen und Stobbe für REPA Deskriptoren untersucht, ob Lernende damit ihrer eigenen Einstellung zur „Andersartigkeit des Anderen“ auf die Spur kommen können. (S. 94)
  • Fehling evaluiert, ob sich der methodische Dreischritt Autobiographie (eigene Erinnerungen), Biographie (Interviews mit Dritten) und Cross cultural Analysis (Vergleich der Ergebnisse mit einem Partner) eignet, um „(inter)kulturelle Erfahrung und das Verständnis des Fremden und des Selbst“ zu verbessern. (S. 110)
  • Larzén-Östermark beschreibt, wie mit Hilfe von oral presentations, Simulation interkultureller Begegnung im Klassenraum und Selbsteinschätzungsverfahren eine „intercultural dimension in EFL-teaching“ im Schulunterricht verfolgt werden kann. „We (… ) rather make the students aware of the complex nature of culture and to deal with the cultural aspects in manners that will engage the student´s whole personality.“(S. 124) Ähnliches versucht Raith und stellt die Frage, ob Fremdverstehen als Lernziel in der Schule mit der Rahmung, dass Leistungen beurteilt werden müssen, überhaupt sinnvoll verfolgt werden kann. (S. 127)
  • Potter evaluiert transnationale Programme und beschreibt, wie er in Gegenden der EU, die noch wenig Erfahrung mit transnational partnerships, diversity management, international management oder cross-cultural management hatten, Evaluationsmethoden entwickeln musste, die das Entstehen von „network culture“ unterstützten. „My task has been to try to build legitimate evaluative methods in these contextes.“ (S. 187)

Das verbindende Thema ist zum einen die Bedeutung subjektiver Erfahrungen für interkulturelles Verständnis, zum anderen, wie subjektive interkulturelle Erfahrung in einem methodischen Diskurs, so aufbereitet werden kann, dass sie der Erforschung durch Dritte bzw. Selbstevaluation zugänglich gemacht werden kann. Müller-Pelzer nennt als Beispiele psychometrische Testinstrumente, Portfolios, Selbstreflexionen, Tagebücher, und autobiographische Texte (S. 217/218).

Interkulturelle Kompetenz wird überwiegend ähnlich verstanden. Es wird als zwingend erachtet, dass konkrete Erfahrungen gemacht werden: „expérience concrète“, „observer le vivant en action“ (S. 26) oder „affektives Betroffensein und leibliches Spüren“ (S. 220). Wiederholt wird "das Bündel nützlicher Fertigkeiten" (Müller-Pelzer, S.217), das interkulturelle Kompetenz bzw. Reflexionfähigkeit über Fremdes und Fremderfahrung ausmacht, beschrieben, um eine Diskussion über die Evaluation dieser Kompetenz auszulösen. Witte greift Byrams Begriffe auf für fünf sub-competences von intercultural competence: „savoir, savoir comprendre, savoir apprendre/faire, savoir s´engager, savoir-être“ auf (S. 43). Bei Röseberg und Wolfradt sind es Empathie, Unsicherheitstoleranz und Fähigkeit zum Perspektivenwechsel (S. 69), Raith nennt „Fremdverstehen, Empathie, Perspektivenwechsel, Toleranz“ (S. 127), Rossini „basic knowledge about other cultures“ und „open-mindedness“ (S. 182).

Diskussion und Fazit

Man wäre gerne dabei gewesen um mitzubekommen, wie bei so viel Unterschieden die interkulturelle Kompetenz der Teilnehmenden erlebt wurde. Wie fit waren die hochspezialisierten Teilnehmenden in interkultureller Begegnung? Was hätte sich wohl Erich Scheurmanns Südseehäuptling Tuiavii aus Tiavea über diese Papalagi gedacht?

Mein erstes – persönliches – Fazit: Ich hatte das Buch wegen des Themas Selbstevaluation für eine Rezension gewählt. Zunächst stellte ich überrascht fest, was alles unter Selbstevaluation verstanden werden kann. Interdisziplinäre Kontexte fördern offensichtlich sich zu erinnern, dass Wörter sehr unterschiedlich verwendet werden. Beim ersten Lesen realisierte ich, dass es in vielen Fällen um Fremdsprachenunterricht geht. Das erinnerte mich an meine erste universitäre Ausbildung als Englischlehrerin. War es in meiner Ausbildungszeit in den 1980 er Jahren vielleicht einfacher? Das Ziel war ziemlich klar und wenig umstritten: Die Welt war gross und vielfältig geworden und man wollte sich mit Fremdsprachen, insb. mit Englisch als globaler lingua franca überall verständigen können. Moderner Sprachunterricht war Kommunikation. Interkulturelle Kompetenz wurde en passant erworben, man reflektierte mit den SchülerInnen nicht explizit darüber.

Beim tieferen Studieren der Beiträge schälte sich ein weiteres Thema der Tagung heraus. Ich fand mich unvermittelt verwickelt wieder, stamme ich doch aus einem Elternhaus mit Eltern, die als Vertriebene des zweiten Weltkrieges starke unfreiwillige Fremdheitserfahrungen bewältigen mussten. Und ich selbst lebe als Deutsche seit einer Dekade in der Schweiz, aber freiwillig. Die Lektüre regte mich an mich zu fragen, ob ich wohl in den zehn Jahren mehr interkulturelle Kompetenz erworben habe und mehr "Selbstreflexivität"? Ob ich wohl eine "veränderte Selbsteinschätzung" erworben habe?

Mein zweites – berufliches – Fazit: Interessierte Lesende können sich mit Hilfe der Gliederung und Einführung den Beitrag identifizieren, der für sie am meisten relevante Informationen verspricht.

Die Beiträge sind definitiv interessant und bereichernd für ambitionierte Fachkräfte aus dem Bereich des Sprachenlernens.

Sie sind sicher lesenswert für Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Pflege und/oder Betreuung für alle Kontexte, in denen sie mit Migration (Schulsozialarbeit, Stadtteilarbeit, etc…) zu tun haben.

Sie sind sehr anspruchsvoll für Lesende, die weniger Übung und Interesse an Metadiskussionen und Methodendiskurs haben.

Bei aller Sperrigkeit ist das Buch wertvoll und anregend für alle, die sich persönlich und/oder wissenschaftlich auf folgendes einlassen möchten: „[…] es geht darum zu lernen, wie man das, was unser ist, als fremd und das, was uns fremd war, als unsriges betrachtet.“ (S. 62)


Rezensentin
M Sc Hanne Bestvater
Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Hochschule für Soziale Arbeit (HSA), Studienorganisatorin für den Bachelor Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Hanne Bestvater. Rezension vom 03.08.2015 zu: Werner Müller-Pelzer (Hrsg.): Selbstevaluation interkultureller Erfahrungen. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2014. ISBN 978-3-95404-620-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17157.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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