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Hilde Weiss, Gülay Ates u.a. (Hrsg.): Zwischen den Generationen

Cover Hilde Weiss, Gülay Ates, Philipp Schnell (Hrsg.): Zwischen den Generationen. Transmissionsprozesse in Familien mit Migrationshintergrund. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 262 Seiten. ISBN 978-3-658-03122-0. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Thema des Buchs sind die unterschiedlichsten Transmissionsprozesse in Familien mit Migrationshintergrund.

Herausgeberschaft

Das vorliegende Buch wurde von einem in Wien arbeitenden Team herausgegeben. Die Beiträge im Buch stammen von 18 verschiedenen Autor_innen, welche vornehmlich an deutschen Universitäten und in der Schweiz (Schweizerisches Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien, Universität Neuchâtel) tätig sind. Die meisten Schreibenden haben einen soziologischen Hintergrund.

Aufbau

Die inhaltlich mannigfaltigen Beiträge im vorliegenden Buch lassen sich drei grossen Themenkomplexen zuordnen:

  • erstens geht es um intergenerationale Weitergabe von Sprache, Werten und Religion sowie sich bildende ethnische Identitäten;
  • zweitens um vertiefte Einblicke in das „Projekt Migration“ im Zusammenhang sozioökonomischer Perspektiven;
  • der dritte Themenbereich schliesslich befasst sich mit intrafamiliärer Kommunikation und somit mit Brüchen und Kontinuitäten zwischen den Generationen.

Ausgehend von einzelnen Aspekten (die Weitergabe der Sprache von Migrant_innen an ihre Enkelkinder; religiöse Sozialisation; Reproduktion von Armut in der Migration) in unterschiedlichen Fallstudien und Beispielen will das vorliegende Buch die allgemeine Annahme hinterfragen, Migration bedeute eine langsame und kontinuierliche – wiewohl meist in „Stufen“ beschriebene – von Generation zu Generation erfolgende Angleichung der (Werte, Sprache, Chancen der) Migrant_innen an die Kultur der „Aufnahmegesellschaft“. Dabei geht es der Herausgeberschaft weniger um eine Bestätigung oder eine Widerlegung dieser Adaptationstheorie als vielmehr um eine Verschiebung des Fokus: im Zentrum des Interesses stehen Menschen, welche im „Projekt Migration“ involviert sind, sei es als direkte Akteure, sei es als Kinder, Eltern, Enkelkinder. Ihre Strategien, ihre Handlungsmöglichkeiten, ihre Ambivalenzen und ihre Erklärungsmodelle sind das Thema dieses Buches.

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden möchte ich aus den drei grösseren Themenkomplexen je einen Beitrag beispielhaft näher vorstellen. Wie gesagt birgt das Buch eine enorme Fülle an Beiträgen, weshalb ich damit den meisten Autor_innen nicht gerecht werden kann.

I Intergenerationale Weitergabe von Sprache, Werten und Religion, ethnische Identitäten. Chantal Wyssmüller und Rosita Fibbi interessierten sich für Muster der Mehrsprachigkeit bei Jugendlichen der dritten Generation aus Migrationsfamilien in der Schweiz. Dazu befragten sie 32 Familien italienischer und spanischer Herkunft in den Agglomerationen Basel und Genf. In jeder Familie wurde drei Personen aus drei Generationen befragt, wobei die erste Generation die Einwanderergeneration der 1950er und 1960er Jahre repräsentiert. Trotz heterogener familiärer und individueller Ausgangslagen haben die Autorinnen in der dritten Generation ein „breites Ausprägungsspektrum“ (S. 10) der Sprache der Grosseltern festgestellt. Obwohl der Sprachgebrauch in der Einwanderungssprache tatsächlich von Generation zu Generation abnimmt, ist ein solider, funktionaler Bilingualismus bei der dritten Generation feststellbar. Je stärker Faktoren wie räumliche Nähe zu den Grosseltern, Übernahme von Betreuungsaufgaben durch die Grosseltern, transnationale Beziehungen sowie gleiche Sprachkonstellation in der ersten und zweiten Generation sind, desto stabiler ist der Sprachgebrauch der Migrationssprache in der dritten Generation. Wichtig ist aber auch herauszuheben, dass sich der funktionale Bilingualismus in der dritten Generation vor allem durch extra-familiale Kontextfaktoren festigt. Dazu gehören etwa kostenloser Sprachunterricht (auch ein Angebot dazu in postobligatorischen Bildungsgängen) sowie konkrete Sprechgelegenheiten im Alltag.

II Einblicke in das „Projekt Migration“ aus sozioökonomischer Perspektive. Das zweite Beispiel basiert auf Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (in Deutschland). Petra Böhnke und Boris Heizmann, beide an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg tätig, haben das Ausmass des Zusammenhangs zwischen Armut im Jugendalter und gegenwärtig erlebter Armut über einen Zeitraum von 27 Jahren analysiert. Sie können aufzeigen, dass Armutsrisiken intergenerational weitergegeben werden, und zwar unabhängig vom Migrationsstatus. Doch für Migrant_innen der zweiten Generation wirkt sich Aufwachsen in Armut stärker und „eigenständiger“ auf ihre gegenwärtige Armutslage aus als für Personen ohne Migrationshintergrund. Armutsbetroffenheit in der Jugend übersetzt sich bei Deutschen in unvorteilhafte Arbeitsmarktanbindung (mangelnde Schulbildung; keine oder schlechte Berufsbildung), was wiederum ein hohes Risiko bedeutet, nur ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze erzielen zu können. Bei armutsbetroffenen Jugendlichen mit Migrationshintergrund bleibt die Gefahr von Armut im Erwachsenenalter auch dann bestehen, wenn Bildungsstatus, Arbeitsmarktanbindung und Haushaltzusammensetzung berücksichtigt werden. Man kann also sagen, dass in der Jugend erlebte Armut Erwachsene der zweiten Generation hartnäckig „verfolgt“, unabhängig von deren individuellen Anstrengungen dagegen.

III Innerfamiliäre Kommunikation. Als drittes Beispiel möchte ich Ursula Apitzschs Arbeit nennen. Sie hat im Grossraum Frankfurt biographisch-narrative Interviews mit eingewanderten Familien aus verschiedenen Regionen geführt. Dabei zeigte sich, dass junge Frauen der dritten Generation wichtige Normen der Ankunftsgesellschaft übernommen haben. Dies trifft vor allem hinsichtlich der Erwartung zu, beruflichem Aufstieg und Familiengründung vereinbaren zu können. Umgesetzt wird diese Erwartung jedoch oft transnational und nicht nur in der Ankunftsgesellschaft. Damit gibt die Autorin ein Gegenbeispiel zur Erwartung der „vollständigen“ Assimilation über drei Generationen. Vielmehr zeigen ihre empirischen Ergebnisse spezifische Strategien zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie von jungen Frauen mit Migrationshintergrund auf, welche eine neue Facette der Thematik „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ zeigen.

Diskussion

Die auch in der heutigen Zeit beschämend originell wirkende Herangehensweise an Migrantinnen und Migranten als Akteure statt als „Opfer der Umstände“ sowie das Hinterfragen jahrzehntealter theoretischer Konzepte (die stufenweise Assimilation von Generation zu Generation) sind meines Erachtens die Hauptstärken dieses Buches. Die einzelnen Beiträge sind naturgemäss in vieler Hinsicht unterschiedlich, lassen jedoch alle eine neue Facette des Megathemas „Migrationsgesellschaft“ erkennen. Sie sind in diesem Sinn nicht als einzelne, aus dem Gesamtbild herauslösbare Mosaiksteine zu verstehen, sondern eher als Teile eines zusammenhängenden Rhizoms, welches gesellschaftliche Prozesse beschreibt und damit erkenn- und sichtbar macht.

Auf der kritischen Seite ärgerte ich mich über einige sprachliche Flüchtigkeiten und habe mir bei manchen Beiträgen die Frage gestellt, was an diesem Thema nun migrationsspezifisch sei. Die Antwort, die ich mir dazu gebildet habe, ist eine zweifache: einerseits ist es vielleicht an der Zeit, über Sinn und Unsinn von Publikationen mit dem Zusatz „Migration“ nachzudenken. Denn wo in der Sozialwissenschaft gibt es eine Frage oder ein Thema, welche nichts mit Migration zu tun haben? Andererseits, und dies ist als Ergänzung und nicht als Abgrenzung zum vorhergehenden Satz zu verstehen, sind Migrationsstudien – dies zeigt das vorliegende Buch einmal mehr – hervorragend dazu geeignet, gesellschaftliche Prozesse gleichsam in a nutshell zu zeigen: sozialer Aufstieg, beschleunigter sozialer Wandel, Verschiebung von Wertevorstellungen – was soziale Entwicklungsprozesse bedeuten ist hier greifbar und verständlich.

Fazit

Auf den ersten Blick vielleicht ein „Buch über Migrationsprozesse“ wie viele andere. Auf den zweiten Blick eine reiche Sammlung von ganz unterschiedlichen Beiträgen zu Migration. Auf den dritten Blick eine Fundgrube für alle Sozialwissenschafter_innen, welche sozialen Wandel verstehen wollen.


Rezension von
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 20.04.2015 zu: Hilde Weiss, Gülay Ates, Philipp Schnell (Hrsg.): Zwischen den Generationen. Transmissionsprozesse in Familien mit Migrationshintergrund. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-03122-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17159.php, Datum des Zugriffs 25.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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