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Karin Elinor Sauer: Inklusion aus jugendkultureller Perspektive

Cover Karin Elinor Sauer: Inklusion aus jugendkultureller Perspektive. Wege der Kommunikation in Musikprojekten von Jugendlichen verschiedener Herkunft mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2014. 78 Seiten. ISBN 978-3-86226-251-9. D: 18,80 EUR, A: 19,40 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Das Büchlein „Inklusion aus jugendkultureller Perspektive“ behandelt eine Thematik der Kulturarbeit, die in doppelter Weise hochaktuell ist, nämlich zum Ersten wegen der nicht zuletzt infolge der UN-Behindertenrechtskonvention forcierten Auseinandersetzung mit der Forderung nach Inklusion von Menschen mit Behinderungen, zum andern wegen des Bedarfs an neuen Konzepten der „Integration“ von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Damit behandelt die Arbeit – hier vor dem Erfahrungshintergrund musikpädagogischer Projekte – eine Dimension von Intersektionalität, von Ungleichheitsbedingungen für Jugendliche infolge von Mehrfachdiskriminierung. Sie perspektiviert Inklusion unter jugendkulturellen Aspekten, charakterisiert durch spezifische Entwicklungsaufgaben und Normalitätskonzepte, und durchleuchtet pädagogisch-therapeutische Intentionen zur Inklusionspraxis auf ihre gesellschaftlichen Bedingungen vor dem Hintergrund sozialer wie auch individueller Bedeutungskonstruktionen. Die Jugendlichen kommen dabei als NutzerInnen sog. „Inklusionsräume“, hier exemplarisch als Mitwirkende an einem Bandprojekt, mit ihren eigenen Sichtweisen und Bewertungen zu Wort.

Autorin

Karin Elinor Sauer ist Diplom-Pädagogin, Master in Diversity Education und Professorin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen und leitet den Studiengang „Soziale Arbeit – Menschen mit Behinderung“ an der Fakultät für Sozialwesen. Sie hat ihren Masterabschluss in einem Studiengang „Kulturelle Diversität in der musikalischen Bildung“ an der Universität Hildesheim erworben. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Themenfeldern Diversity und Agency, Inklusion für Menschen mit Behinderungen und mit Migrationshintergrund, Cultural Studies und Disability Studies, Medienpädagogische Ansätze und Musik als Kommunikationsform. Sie veröffentlicht seit 2007 zu Themen der Integration in heterogenen Gesellschaften.

Aufbau und Inhalt

Das Büchlein, mit seinen rund 70 Seiten Text eher ein Heft, gliedert sich in grober Betrachtung in drei Teile,

  • einen theoriedarstellenden und theorieintegrativen ersten Teil,
  • einen zweiten Teil, der die Ergebnisse eines kleinen Forschungsprojektes mit ExpertInnen und Jugendlichen vorstellt,
  • und ein Fazit für inklusive pädagogische Praxis mit Jugendlichen.

Im ersten Abschnitt schafft die Autorin einleitend ein wenig Begriffsklärung für die wesentlichen Termini ihrer Thematik „Jugend“, „Behinderung“ und „Migrationshintergrund“, systematisiert gesellschaftliche und individuelle Ebenen der Inklusion und skizziert den Begriff der Intersektionalität. Im zweiten Abschnitt zeigt die Autorin den Zusammenhang zwischen Entwicklungsaufgaben und gesellschaftlicher Normalisierung auf und deutet an, wie sich mehrheitsgesellschaftliche Machtprozesse in „Mitgliedschaftsentwürfe“ einschreiben, die auf Exklusion beruhen. Dem Begriff der „Normalität“ ist der nachfolgende Abschnitt gewidmet, in welchem die Autorin zwei Strategien der Normsetzung vorstellt, den Protonormalismus und den flexiblen Normalismus. Letzterer bietet die Möglichkeit, gesellschaftlichen Zuschreibungen alternative Bedeutungen entgegenzustellen, eventuell auch durch die Betroffenen selbst. Dies ist der Ansatzpunkt für Sauers Modell der Inklusion, welches vor allem auf jugendkulturellen Ausdrucksformen und subjektiven Begründungen des Handelns durch die Jugendlichen selbst baut. In diesem Kapitel rekurriert Sauer auch zum ersten Mal auf den Ansatz Erving Goffmans zu „Inszenierungspraxen“ von jugendlichen Subkulturen, auf welchen sie noch verschiedentlich zurückkommt.

Im zweiten Abschnitt stellt Sauer dar, was sie unter „gesellschaftlichen Entwicklungsaufgaben“ versteht, und nimmt hierbei zunächst Bezug zu Georg Auernheimers Diversity Ansatz, den dieser als ein Nebeneinander von „Sonderpädagogiken“, nämlich einer interkulturellen, feministischen und integrativen Pädagogik entwirft. Die aus diesen hervorgehenden „Gleichstellungspolitiken“ begründen jeweils spezifische Maßnahmen zur Überwindung der Exklusionsprozesse, denen die jeweilige Adressatengruppe ausgesetzt ist. Als solche diskutiert die Autorin sodann in einigen mehrseitigen Abschnitten die Begründungskontexte von „Interkultureller Öffnung“ mit den Aspekten der interkulturellen Kompetenz und der Kultursensibilität, von „Empowerment, Sozialraumorientierung und Enabling“ und schließlich von „re-kreativen Gestaltungsmöglichkeiten von Inklusionsräumen als diskursive Praxen“. In diesen Abschnitten nimmt die Autorin Bezug auf zahlreiche Integrationstheorien, politische Diskurse, gemeinwesenorientierte Konzepte und methodische Ansätze, die sie miteinander zu verbinden sucht, um das, was sie als die „gesellschaftliche Entwicklungsaufgabe“ skizziert hat, zu begründen und zu illustrieren.

Der nachfolgende Abschnitt setzt völlig neu und unvermittelt an mit der Darstellung von Musik als Medium der Kommunikation und zwar spezifiziert auf pädagogisch-therapeutische Settings. Hier greift sie zurück auf ein Verständnis von Musiktherapie von Helmut Kapteina, welches dem einer sozialpädagogisch ausgerichteten Intervention zumindest recht nahe kommt und Musik als Medium versteht um miteinander in Kontakt zu kommen. Im Zentrum der Kommunikation steht dabei die „Auseinandersetzung mit sozial vermittelten Bedeutungen subjektiven Erlebens“; so verfolgt eine solche Therapie eine kommunikationsbildende Zielsetzung im Sinne der Medienpädagogik. Sauer sieht diese Intentionen ganz auf der Linie der Community Music Therapy, wenn diese im Rahmen einer Enabling Community realisiert wird.

Damit ist der theorieintegrative Teil der Arbeit abgeschlossen und die Autorin stellt nun unter der Überschrift „Vermessung von Inklusionräumen“ im zweiten Teil Ergebnisse eines kleinen Forschungsprojektes vor, in welchem drei Experteninterviews mit zwei Musiktherapeutinnen und einer Chefärztin in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie durchgeführt wurden. Durch die Experteninterviews sollten die musikalischen Aktivitäten der Klientengruppen, die Kommunikationsformen in Situationen gemeinsamen Musizierens und die Beziehung der musiktherapeutischen Projekte zum institutionellen Kontext erfasst werden. Soweit es sich um Jugendliche mit Migrationshintergrund handelte, konnte festgestellt werden, dass sie sich dem popkulturellen Mainstream und damit einer „mehrheitsgesellschaftlichen Ausrichtung“ anschlossen, sei es, dass sie einfach den musikalischen Geschmack der deutschen Peergroup teilten, sei es, dass sie sich mit dieser Geste demonstrativ den kulturellen Werten ihrer Herkunftsfamilie entgegenstellen wollten. Stärker als der Migrationshintergrund wird in den jugendlichen Ausdrucksformen die soziale Situation deutlich, die durch die psychische Erkrankung geprägt wird. Die Kommunikationsformen im gemeinsamen Musizieren und nach außen mit anderen Sozialpartnern stellt Sauer vor dem Hintergrund der soziokulturell vermittelten Bedeutungen dar, die musikalische Aktivitäten in einem bestimmten Kontext, etwa von Aufführungen und Proben, verorten. Die „Neuvermessung der Inklusionsräume“ ergibt, dass musiktherapeutische Angebote, die den Inklusionsanspruch konsequent vertreten wollen, nicht nur dauerhaft finanziell abgesichert sein müssen, sondern auch von einer Haltung pädagogisch-therapeutischer Offenheit geprägt sein müssen, die den Inklusionsraum als Ort gesellschaftlicher Transformation zu nutzen erlaubt.

Die Autorin stellt nun eine Band von Schülerinnen und Schülern in einer Förderschule vor, die im Rahmen des Musikunterrichts einmal in der Woche unter der Anleitung einer Musikpädagogin proben. Sie haben teils einen Migrationshintergrund, teils nicht. Am Ende ihrer Schulzeit stellt sich für di Bandmitglieder die Frage, ob und wie sie nun außerhalb der Schule weitermachen wollen. Zu diesem Zeitpunkt interviewt die Autorin die Band. Dabei wird deutlich, dass für die Mitglieder die individuellen Unterschiede kaum eine Rolle spielen, sondern im Vordergrund die Arbeit an der Musik steht. Aus der Skepsis gegenüber öffentlichen Auftritten leitet Sauer die Konsequenz ab, dass musikalische Inklusionsräume für diese Jugendlichen nicht den mehrheitsgesellschaftlichen Verwertungserwartungen musikalischer Aktivitäten unterworfen werden sollten, sondern autonome Gestaltungs- und Erlebnisräume sein sollten.

Abschließend entwirft Sauer im dritten Teil einige „Perspektiven für inklusive sozialpädagogische Angebote an Jugendliche mit heterogenen Hintergründen“. Sie geht davon aus, dass aus jugendkultureller Sicht Inklusion etwas anderes darstellt als sozialpädagogisch intendiert wird. Die handlungsleitenden Interessen gelten der gelingenden musikalischen Interaktion, dem Erproben der Ausdrucksmöglichkeiten und der Freude an der gemeinsamen Aktion. Die im Paradigma der Intersektionalität in den Vordergrund gestellten Kriterien spielen in der Orientierung der Jugendlichen kaum eine Rolle. Das Medium Musik bietet vor allem Freiräume, um Aspekte der Identität, des musikalischen Geschmacks usw. zu integrieren. Damit braucht es Inklusionsräume, die auch aus mehrheitsgesellschaftlicher Perspektive als erfahrungsoffene und gestaltbare Räume entworfen werden. Sauer versucht, die Modellierung solcher Räume nun im Anschluss an politökonomische Sichtweisen von Adolf und Stehr, an das Empowermentkonzept, an die Aneignungstheorie von Deinet und Derecik (Sozialräume als Bildungssetting) und ihre Weiterentwicklung durch Krisch und Oehme sowie durch die Theorie der Anerkennungsräume von Scherr und Sturzenhecker voranzutreiben. Sie sieht schließlich dieses Modell auch in der Konsequenz des Capability-Ansatzes, insofern es darum geht, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit mit der Entwicklung gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstseins zu verbinden.

Zielgruppe

Das Büchlein könnte für alle interessant sein, die im Feld inklusiver Praxis mit Jugendlichen, insbesondere im musikpädagogischen oder sozialpädagogischen Bereich, engagiert sind, sei es als PraktikerInnen, sei es akademisch. Allerdings richtet es sich wohl eher an schon einigermaßen informierte Fachleute, die das häufig nur dürftig Angedeutete mit eigenem Wissen zu ergänzen vermögen und daran interessiert sind, nach reflexiven Bezugspunkten für eine inklusive Praxis zu suchen, die auch von der Mehrheitsgesellschaft Wandlungen einfordert. Wer nach Ansätzen sucht, um den Inklusionsdiskurs mit aneignungstheoretischen Positionen in der Sozialen Arbeit zu verbinden, findet hier einige Anregungen. Gemessen an seinem Umfang wartet das Büchlein mit einem bemerkenswerten multidisziplinären Literaturverzeichnis auf, das durchweg hochaktuelle Quellen berücksichtigt und so auch auf diese Weise interessierte LeserInnen auf dem Laufenden hält.

Diskussion und Fazit

Zusammenfassend kann folgendes Resümee gezogen werden:

Auch wenn das Büchlein von seinem Umfang vermuten ließe, es handle sich um eine Einführung, zeitigt die anspruchsvolle Sprache und das Niveau des vorausgesetzten Wissens doch ein anderes Bild. Die zahlreichen theoretischen Ansätze, die auf den wenigen Seiten in Anspruch genommen werden, werden als bekannt vorausgesetzt, weder erklärt noch in ihren Möglichkeiten erläutert. Es wird vom Leser, von der Leserin erwartet, dass er/sie mit den historischen und aktuellen Diskursen der Inklusions- und Integrationsthematik vertraut ist, die die Hintergrundfolie für die Argumentation bilden. Andernfalls wären einige Teile des Büchleins wohl kaum nachzuvollziehen.

Angesichts der theoretisch bezugreichen und anspruchsvollen Eröffnung der Thematik begründet die Arbeit Erwartungen an eine differenzierende Analyse der Forschungsergebnisse, die weitgehend enttäuscht werden. Auch wenn in diesem Buch immer wieder von „Inklusionsräumen“ (die in sozialpädagogischer Absicht eingerichtet worden sind) die Rede ist, so fragt man sich am Ende doch, was die subjektiven Deutungen der Jugendlichen in ihrem musikalischen Engagement noch mit Inklusion zu tun haben. Im Ertrag wird auch der Aspekt der Intersektionalität in der Arbeit wenig fruchtbar, weil immer wieder darauf abgehoben wird, dass die Jugendlichen in ihrem Ausdrucksverhalten selbst ihre Akzente setzen, und zwar ohne Rücksicht auf die Mehrfachbenachteiligung. Dadurch enthebt sich Analyse schließlich den soziologischen Kategorien, die durch die anfänglichen Begriffsbestimmungen und den Fundus an Theorien ausgebreitet worden sind. Stattdessen führt Sauer in ihrem Fazit neue Theorien ein, die von sich aus keinen Bezug zu den schon genannten aufweisen, wenn sie auch mit diesen vereinbarlich sein mögen.

Es bleibt als Bilanz vor allem die Entwicklung einer Fiktion von Inklusionspraxis, die Inklusionsräume als von den Betroffenen selbst gestaltbare Freiräume visioniert und die Sauer in enger Anlehnung an den Aneignungsansatz von Deinet und seine Weiterentwicklungen konzipiert. Die Darstellung der Forschungsanteile wäre hierfür aber verzichtbar gewesen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Krieger
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Zitiervorschlag
Wolfgang Krieger. Rezension vom 29.01.2015 zu: Karin Elinor Sauer: Inklusion aus jugendkultureller Perspektive. Wege der Kommunikation in Musikprojekten von Jugendlichen verschiedener Herkunft mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-86226-251-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17162.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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