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Rosemarie Arnold, Reto Eugster u.a. (Hrsg.): 8 x Schulsozialarbeit

Cover Rosemarie Arnold, Reto Eugster, Christian Reutlinger, Johanna Brandstetter, Martin Müller (Hrsg.): 8 x Schulsozialarbeit. Acht Berichte und Reflexionen aus einer vielfältigen Praxis. Frank & Timme (Berlin) 2014. 194 Seiten. ISBN 978-3-7329-0037-4. D: 24,80 EUR, A: 24,80 EUR, CH: 37,20 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Im Zentrum der vorliegenden Publikation stehen die PraktikerInnen der Schulsozialarbeit mit ihrem fachlichen Zugang und den eigenen Erfahrungen. Die HerausgeberInnengruppe von fünf MitarbeiterInnen der FHS St. Gallen begründet dies damit, dass die Schulsozialarbeit in der Ostschweiz ein sich dynamisch entwickelndes Handlungsfeld ist. Dazu wird viel evaluiert und geforscht, die jeweils konkrete Umsetzung der Sozialen Arbeit, die für den vertieften fachlichen Diskurs wesentlich ist, kommt jedoch wenig zur Geltung.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, jeweils zwei SchulsozialarbeiterInnen aus unterschiedlichen organisatorischen Kontexten sind einem Thema zugeordnet. In einem einführenden Beitrag von Peter Schallberger zum „Forschungsstand der Schulsozialarbeit“ (S. 15) wird auf die Fülle an Veröffentlichungen zum Handlungsfeld eingegangen, ebenso auf unterschiedliches Verständnis bezüglich professioneller Schulsozialarbeit und auf den Mangel an Grundlagenforschung.

Zu Kapitel I

Unter der Kapitelüberschrift „Ausgangspunkt Organisationsformen“ (S. 35) geben Claudia Ammann und Rita Trostel Einblick in ihr fachliches Umfeld. Beide Praxismodelle sind der Schulbehörde angegliedert. Ammann zeigt in ihrem Bericht „Schulsozialarbeit im Haus: räumliche Nähe, häufige Präsenz“ (S. 37) auf, was sie bei integrierter Schulsozialarbeit als Stärken und Schwächen erlebt. Wegen des fehlenden Stellenprofils und einer berufsfremden Leitung gilt es die eigene Fachlichkeit besonders zu sichern. Kritisch hinterfragt Ammann, ob Schulsozialarbeit notwendig sei, ob sie gar Probleme evoziert, die es ohne dieses Angebot nicht gäbe. Trostels Beitrag „Schulsozialarbeit von Dorf zu Dorf: Integration in mehrere Schulteams“ (S.51) weist auf einen gänzlich anderen organisatorischen Rahmen hin. Es gilt die Angebote an unterschiedlichen Standorten des ländlichen Raums bekannt und nutzbar zu machen und Präsenz zu zeigen.

Im gemeinsamen Gespräch zeigen sich wesentliche Unterschiede in der Umsetzung der Schulsozialarbeit, durch organisatorische Möglichkeiten und bestehende Ressourcen im städtischen bzw. ländlichen Raum begründet. Wesentliche Prinzipien wie Niederschwelligkeit und Freiwilligkeit werden differenziert diskutiert und kritisch hinterfragt. Grundsätzlich wirft Ammann die Frage auf, ob sich das System Schule nicht selber helfen soll. Trostel hingegen erwartet eine weitere Etablierung des Fachbereiches unter der Voraussetzung, dass Schulsozialarbeit über Systemgrenzen hinweg ein Angebot der Kinder- und Jugendhilfe wird.

Zu Kapitel II

Im Kapitel „Ausgangspunkt Methoden“ (S.75) zeigen die Ausführungen von Judith Müller und Sylvia Canori-Stähelin auf, welchen Stellenwert differenziertes, methodisches Handeln in der schulsozialarbeiterischen Positionierung einnimmt. Müller führt in ihrem Bericht „Schulsozialarbeit als Beratung: Klassische Einzelfallhilfe“ (S.77) aus, dass Schulsozialarbeit dem Schulgesundheitsdienst mit einer über hundertjährigen Tradition zugeordnet ist. Sprechstunden an den Schulen finden gemeinsam mit der Schulpsychologie statt. Müller betont die Vielfalt unterschiedlicher methodischer Elemente, wobei meist die klassische Einzelfallhilfe zum Einsatz kommt. Die fachliche Autonomie der Schulsozialarbeit bedarf einer Systemdistanz, der pädagogische Auftrag im schulischen Alltag liegt bei den LehrerInnen. Der Titel von Canori-Stähelins Praxisbericht „Schulsozialarbeit als Schulentwicklung: Kompetenzförderung, Mediation, Prävention“ (S. 87) weist die Prioritäten in ihrem Arbeitsfeld aus. Die Schulsozialarbeiterin zeichnet für die Implementierung (seit 2003) und Entwicklung des Fachbereiches an diesem Schulstandort verantwortlich, und hat den Status quo, nämlich „Teil und Mitgestalterin der Schulhauskultur“ (S.89) zu sein, erarbeitet. Großen Stellenwert haben Präventionsprojekte (z.B. Schulmediation, Einstieg in die Arbeitswelt). Als wesentliche Methode zur Unterstützung der Jugendlichen hebt Canori-Stähelin die lösungsorientierte Kurzzeitberatung hervor. Den hohen Stellenwert der Schulsozialarbeit unterstreicht Canori-Stähelin dadurch, dass sie betont, „im Bereich der sozialen Kompetenzen entscheidend in der Schulentwicklung“ mitzuwirken (S.98).

Im Austausch von Müller und Canori-Stähelein zeigt sich die Relevanz der jeweiligen Organisationsform für Auftrag, Arbeitsweise und entsprechende Methodenwahl. Je nach Auftrag und organisatorischer Einbindung liegt der wesentliche Unterschied dieser beiden Modelle der Schulsozialarbeit darin, dass Müller die individuelle Unterstützung fokussiert und Schule dabei nicht Gegenstand ihrer Tätigkeit ist, während Canori-Stähelin ihre Aktivitäten sowohl auf konkrete Unterstützungsangebote als auch auf eine Mitgestaltung der Organisation Schule bezieht.

Zu Kapitel III

Die Entwicklung der Schulsozialarbeit wird im Kapitel drei „Ausgangspunkt Geschichte“ (S.109), verfasst von Lukas Weibel und Claudia Deuber, fokussiert. Weibel führt in seinem Bericht „Schulsozialarbeit als Pionierin: Dorthin, wo die Jugendlichen sind“ (S.111) den kontinuierlichen Aufbau der Schulsozialarbeit an allen Berufsfachschulen im Kanton St.Gallen seit dem Jahr 1989 aus. Der Anspruch der Schulsozialarbeit ist, durch die professionelle Begleitung das Selbsthilfepotential der Lernenden mit dem Ziel einer erfolgreich absolvierten Berufsausbildung zu fördern. Weibel betont, dass durch die Schulsozialarbeit die Berufsbildung für die gesellschaftlichen Veränderungen besser gerüstet ist, als zentral beschreibt er die Medienkompetenz. Deuber betitelt ihren Beitrag „Schulsozialarbeit als Reaktion auf veränderte Lebensformen: Unterstützung für den schulischen Erziehungsauftrag“ (S. 119). Im Kontext der Neugestaltung der Kinder- und Jugendarbeit der Stadt Arbon wurde 2008 Schulsozialarbeit eingeführt, organisatorisch ist sie der Schulleitung unterstellt. Dies bringt den Vorteil der Bekanntheit und Niederschwelligkeit im Schulhaus, allerdings ist immer auch die Bemühung um Außensicht herausgefordert. Vom Arbeitsauftrag wird die Schulsozialarbeit vor allem in Akutsituationen einbezogen und übernimmt Beratung und Klasseninterventionen, als handlungsleitend führt Deuber systemisches Denken, Lösungsorientierung und Vernetzung aus.

Im gemeinsamen Gespräch lassen sich grundsätzlich unterschiedliche Ausgangssituationen festhalten: Für beide Modelle hält Weibel fest: „Wir sind nicht einfach die Feuerwehr, wir sind ein Teil der Schulkultur“ (S.126). Konkret führen Deuber und Weibel aus, welche relevanten Entwicklungsschritte wie Kooperation mit den LehrerInnen, Differenzierung der schulsozialarbeiterischen Angebote und Zuständigkeit, inner- und außerschulische Vernetzung sie im Laufe der Etablierung in ihren Schulsystemen gesetzt haben.

Zu Kapitel IV

Im Kapitel „Ausgangspunkt Sozialraum“ (S.133) führen Astrid Lindmar Hedlund und Simone Piatti aus, welche sozialraumbezogenen Aspekte für Schulsozialarbeit relevant sein können. Lindmar Hedlund führt in ihrem Bericht „Schulsozialarbeit als Beratungszentrum: Die Querschnittsaufgabe“ (S.135) aus, dass sie mit einer professionellen Methodenvielfalt auf unterschiedlichen personenbezogenen Ebenen differenzierte Ergebnisse fokussiert, mit dem Ziel die Persönlichkeitsentwicklung der SchülerInnen zu fördern. Eine besondere Qualität ist durch Büros außerhalb der Schulen gegeben, was einen diskreten Zugang für SchülerInnen und kollegiale Vernetzung der drei Schulsozialarbeitenden ermöglicht. Das Modell in Schaffhausen ist „der Abteilung Quartier und Jugend“ (S.145) angegliedert, einer Abteilung des Sozialreferates, was als sehr positiv bewertet wird. Piatti beschreibt in ihrem Beitrag „Sozialarbeit als flächendeckendes Angebot: Die schwierige Bedarfsfrage“ ( S.145), dass Schulen je nach Bedarf ambulante oder integrierte Schulsozialarbeit haben. Evaluationsbasiert sind die Stellen zugeteilt, jährlich wird die Kooperation mit der Schulleitung reflektiert und gegebenenfalls modifiziert. Je nach Präsenz der Schulsozialarbeit findet der Kontakt direkt durch SchülerInnen statt bzw. werden diese über die LehrerInnen angeregt. Durch die Zugehörigkeit zur Abteilung Quartier und Jugend findet im regionalen Kontext eine angeregte Vernetzung und Kooperation mit anderen Fachstellen statt, was für Hilfe suchende SchülerInnen und ihre Familien ein abgestimmtes Angebot bedeutet.

Beim gemeinsamen Austausch halten beide Schulsozialarbeiterinnen die wesentliche Bedeutung einer unterstützenden Schulleitung fest, ebenso die Lebensweltorientierung, die die Einbeziehung von außerschulischen Faktoren der SchülerInnen bedeutet. Hier kommt die regelmäßige Beteiligung an regionalen Gremien zum Tragen. Aufgrund gesellschaftlicher Gegebenheiten und komplexer Bedarfslagen halten Lindmar Hedlund und Piatti Schulsozialarbeit für ein geeignetes Mittel, den steigenden Anforderungen an Schulen zu begegnen.

Das Fazit der HerausgeberInnenschaft würdigt die acht Berichte aus der Praxis dahingehend, dass sie Impulse für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Handlungsfeld ermöglichen und belegen, dass vermehrte Forschung und theoretische Fundierung notwendig ist. Im abschließenden „Ausblick Consulting“ führt Martin Müller die Schwierigkeit für die Entwicklung von konzeptionell stringenter Schulsozialarbeit aus und plädiert für eine Schulsozialarbeit, die losgelöst aus der hierarchischen Unterstellung ins Schulsystem im weiteren Sinn die Bildungschancen für Kinder und Jugendliche erschließt.

Diskussion und Fazit

Die Publikation ist aufschlussreich und wertvoll, um konkrete Einblicke in die Arbeitsbereiche von SchulsozialarbeiterInnen zu gewinnen. Wichtige Aspekte werden aufgeworfen, die auch in der gängigen Fachliteratur für Schulsozialarbeit beschrieben sind. Manche organisatorische Ausführungen gehen sehr ins Detail, was für regional Kundige wertvoll sein mag und jedenfalls die vielen kleinen Schritte aufzeigen, die Projekte bei ihrer Konkretisierung setzen. Gleichzeitig ist die Zuordnung der Praxisberichte unter die jeweiligen Kapitelüberschriften nicht schlüssig nachvollziehbar, hier erscheinen sowohl die thematische Fokussierung als auch die Kombination der einander zugeordneten Berichte zufällig. Das in drei Thesen formulierte Fazit der HerausgeberInnen bestätigt die in verschiedenen Publikationen belegten Erkenntnisse der Inhomogenität des Handlungsfeldes.


Rezension von
FH Prof.in Johanna Coulin-Kuglitsch
FH Campus Wien, Department Soziales
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Zitiervorschlag
Johanna Coulin-Kuglitsch. Rezension vom 30.12.2014 zu: Rosemarie Arnold, Reto Eugster, Christian Reutlinger, Johanna Brandstetter, Martin Müller (Hrsg.): 8 x Schulsozialarbeit. Acht Berichte und Reflexionen aus einer vielfältigen Praxis. Frank & Timme (Berlin) 2014. ISBN 978-3-7329-0037-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17167.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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