Daniela Ulber, Margarete Imhof: Beobachtung in der Frühpädagogik
Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 22.04.2015
Daniela Ulber, Margarete Imhof: Beobachtung in der Frühpädagogik. Theoretische Grundlagen, Methoden, Anwendung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. 180 Seiten. ISBN 978-3-17-021209-1. 28,90 EUR.
Autorinnen
- Prof. Dr. Daniela Ulber lehrt an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg mit dem Schwerpunkt Institutionsentwicklung/Management im Studiengang Bildung und Erziehung in der Kindheit.
- Prof. Dr. Margarete Imhof leitet die Abteilung Psychologie in den Bildungswissenschaften am Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Thema
Die Durchführung und Dokumentation von Beobachtungen ist in den letzten Jahren innerhalb der frühpädagogischen Praxis zu einer zentralen Aufgabe geworden. Kenntnisse und Fertigkeiten in Beobachtung gehören zu den Schlüsselkompetenzen in der Pädagogik. Das vorliegende Buch zu diesem Thema beschäftigt sich sowohl mit der Theorie wie der praktischen Anwendung.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in sechs Kapitel untergliedert.
Im ersten einführenden Kapitel werden Bereiche vorgestellt, in denen die Anwendung von Beobachtungen erforderlich ist. Die Autorinnen gehen auf die Anforderungen durch die Bildungspläne der Bundesländer sowie auf die Konsequenzen der „Neuen Steuerungsmodelle“ in der öffentlichen Verwaltung, auf Qualitätssicherung und Personalmanagement ein.
Im umfangreichen zweiten Kapitel werden die methodischen Grundlagen erläutert. Es werden die Merkmale einer wissenschaftlichen Beobachtung und die Besonderheiten dieser Datengewinnung, die Grundformen der Beobachtung und der Unterschied Beschreibung und Interpretation besprochen. Anschließend stellen die Autorinnen Verfahren zur Dokumentation von Beobachtungen (Verbalsysteme, Zeichen- und Kategoriensysteme, Einschätzverfahren) vor und diskutieren diese kritisch. Ausführlich setzen sich Ulber und Imhof mit den Gefahren einer systematischen Verzerrung von Beobachtungen, mit Beobachtungsfehlern auseinander. Die gängigen Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) werden besprochen und kurz die Bedeutung der Planung von Beobachtungssituationen (wer, wie oft, unter welchen Rahmenbedingungen) erläutert.
Im dritten Kapitel werden einige konkrete kindbezogene Verfahren vorgestellt, die auch in Kindertagesstätten erprobt sind:
- Grenzsteine der Entwicklung (Bereiche Körpermotorik, Hand-Finger-Motorik, Sprach- und Sprechentwicklung, kognitive Entwicklung, soziale Entwicklung, emotionale Entwicklung).
- Entwicklungsbeobachtung und -dokumentation (EBD 3 -48 und EBD 48 – 72 Monate; Haltungs- und Bewegungssteuerung, Fein- und Visuo-Motorik, Sprache, kognitive Entwicklung, soziale Entwicklung, emotionale Entwicklung).
Beide Verfahren bilden eine Art Frühwarnsystem für Entwicklungsverzögerungen und orientieren sich am Grenzsteinprinzip, d.h. es werden Fertigkeiten erfasst, die von ca. 90-95 % der Kinder einer Normstichprobe in einem bestimmten Alter beherrscht werden.
- Positive Entwicklung und Resilienz im Kindergartenalltag (Perik). Das Verfahren hat das Augenmerk auf dem kindlichen sozial-emotionalen Wohlbefinden, den kindlichen Kompetenzen und einer gelingenden Entwicklung (Kontaktfähigkeit, Selbststeuerung/Rücksichtnahme, Selbstbehauptung, Stressregulierung, Aufgabenorientierung, Explorationsfreude).
- Bildungs- und Lerngeschichten: Dieses qualitative, prozessorientierte Verfahren dient der Abbildung und Unterstützung individueller Lernprozesse und der Sensibilisierung für kindliche Lernprozesse und Lernmöglichkeiten, hat keine standardisierten Kriterien und erfasst fünf Lerndispositionen (interessiert sein, engagiert sein, bei Schwierigkeiten standhalten, kommunizieren, sich an einer Lerngemeinschaft beteiligen).
Im nächsten Kapitel 4 geht es um Evaluation und Qualitätssicherung. Es werden die Grundlagen von Evaluation vermittelt sowie der Ablauf eines Evaluationsvorhabens dargestellt. Als Instrumente werden vorgestellt und diskutiert:
- die Kindergarten-Skala (KES-R): Sie erfasst 43 Qualitätsmerkmale aus den Bereichen Platz und Ausstattung, Betreuung und Pflege der Kinder, sprachliche und kognitive Anregungen, Aktivitäten, Interaktionen, Strukturierung der pädagogischen Arbeit, Eltern und Erzieherinnen.
- Kita – Wie gut sind wir? Es werden Bildungsbedingungen (Aufgaben von Träger, Leitung und Erzieherinnen) und Bildungsbereiche (Soziales Lernen, Räume für Kinder und ihre Gestaltung, Körper und Bewegung, Kommunikation, Sprache und Literacy, Mathematik, Naturwissenschaft und Umwelt, Musik und Tanz, Ästhetik und Kreativität) unterschieden.
Eine wichtige Aufgabe in Kindertagesstätten ist mittlerweile Personalführung und Personalmanagement (Kapitel 5). Als erstes wird ein Verfahren vorgestellt, mit dessen Hilfe Teambesprechungen, Sitzungen, Diskussionen und Mitarbeitergespräche beobachtet und bewertet werden können:
- Instrument zur Kodierung von Diskussionen (IKD).
In weiteren Teil geht es um das Führungsverhalten, das mitarbeiter- oder aufgabenorientiert sein kann; besonders wird aber zwischen transaktionaler und transformationaler Führung unterschieden. Dazu werden zwei Fragebögen vorgestellt, die von den Mitarbeiterinnen auszufüllen sind:
- Multifactor Leadership Questionnaire (MLQ). Es werden Aspekte von transformationaler Führung (Einfluss durch Vorbildlichkeit und Glaubwürdigkeit, Einfluss auf Wert- und Zielvorstellungen, Motivation durch begeisternde Visionen, Anregung/Förderung von unabhängigem und kreativem Denken, Individuelle Unterstützung und Förderung) und transaktionaler Führung (Leistungsorientierte Belohnung, Führung durch aktive Kontrolle, Führung durch reaktives Eingreifen im Ausnahmefall) erfasst.
- Transformational Leadership Inventory (TLI) mit sechs zentralen Aspekten (Visionen aufzeigen, Vorbild sein, Gruppenziele Fördern, hohe Leistungserwartung, individuelle Unterstützung, geistige Anregung).
Für alle Verfahren, die in den drei Kapiteln vorgestellt werden, werden theoretischer Hintergrund, Aufbau, Durchführung, Auswertung und Gütekriterien besprochen.
Da es in den Bereichen Qualitätssicherung und Evaluation sowie Personalmanagement oft keine passenden Instrumente für den pädagogischen Bereiche gibt oder Verfahren z.B. nur trägerintern und nicht öffentlich zugänglich sind, enthält das Buch abschließend einen Leitfaden zur Konstruktion eines Beobachtungsverfahren (Kapitel 6). Es wird das Vorgehen, beginnend mit Vorüberlegungen und zu treffenden Entscheidungen bis hin zur Interpretation und Schulung thematisiert. Am Beispiel „Beobachtungsverfahren kollegiale Hospitation bei Elterngesprächen“ wird dies anschaulich durchgespielt.
Diskussion
Beim Titel des Buches denkt man erst nur an die Beobachtung von Kindern. Erstaunt kann man feststellen, dass Beobachtung auch noch in anderen Bereichen in der pädagogischen Praxis relevant ist, bei der Qualitätssicherung und beim Personalmanagement. Ich finde es aber gerade wichtig, dass die beiden letzteren Bereich enthalten sind.
Die Autorinnen stellen die relevanten Aspekte fachlich kompetent, verständlich und übersichtlich dar, auch wenn es im ersten Kapitel etwas viele Exkurse gibt. Im umfangreichen Literaturverzeichnis sind nur wenige Veröffentlichen aus den Jahren 2011 und jünger zu finden, so fehlen zum Beispiel die überarbeiten Neuauflagen der Entwicklungsbeobachtung – und -dokumentation aus den Jahren 2012 und 2013.
Zielgruppen
Studierende pädagogischer Berufe und Fachkräfte in der Praxis
Fazit
Die Durchführung und Dokumentation von Beobachtungen ist in den letzten Jahren innerhalb der frühpädagogischen Praxis zu einer zentralen Aufgabe geworden. In den sechs Kapiteln des Buches besprechen die Autorinnen die theoretischen Grundlagen von Beobachtung und die Bereiche, in denen Beobachtung eine wichtige Rolle spielt. Es werden anerkannte Verfahren für die Beobachtung der Entwicklung der betreuten Kinder sowie für Qualitätssicherung, Evaluation und Personalmanagement vorgestellt und diskutiert. Abschließend gibt es einen Leitfaden zur Konstruktion eines eigenen Verfahrens.
In dem Buch sind die relevanten Aspekte fachlich kompetent, verständlich und übersichtlich dargestellt, so dass es für Studierende, aber auch für Fachkräfte mit Leitungsfunktionen in der Praxis sehr zu empfehlen ist.
Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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