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Barbara Zollinger, Anja Boretzki u.a. (Hrsg.): Frühe Spracherwerbsstörungen

Rezensiert von ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter, 09.10.2014

Cover Barbara Zollinger, Anja Boretzki u.a. (Hrsg.): Frühe Spracherwerbsstörungen ISBN 978-3-258-07868-7

Barbara Zollinger, Anja Boretzki, Michael Thanhoffer (Hrsg.): Frühe Spracherwerbsstörungen. Kleine Kinder verstehen und Eltern begleiten. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2014. 235 Seiten. ISBN 978-3-258-07868-7. D: 26,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Der Sammelband erscheint zum 20jährigen Bestand des Zentrums für kleine Kinder in Winterthur bzw. zu 25 Jahren logopädischer Praxis des dort arbeitenden Teams unter der Bezeichnung „entwicklungspsychologische Sprachtherapie“.

Herausgeberin

Barbara Zollinger hat sich bezüglich der Spracherwerbsdiagnose und -förderung sehr große Verdienste erworben. Ihre Publikationen gelten als Standard im Fach; gekennzeichnet sind sie durch die Berücksichtigung einer Vielfalt der Einflussfaktoren der Sprachentwicklung und die genaue Darstellung.

Aufbau und Inhalt

Im Vorwort (Nitza Katz-Bernstein) wird die Ausrichtung der im Buch vertretenen LogopädInnengruppe deutlich: Sie sehen die Sprachentwicklung unter Berufung auf die einschlägige internationale Literatur als aktives kognitiv-affektiv-sprachlich-soziales Geschehen, das von jedem Kind individuell erlebt werden muss. Eine wichtige Rolle dabei spielen Symbol- und Rollenspiel in einer fördernden Umgebung. Um diese Prozesse erforschen zu können, sind neben quantitativen Methoden auch qualitative gleichberechtigt einzusetzen.

Dominique Bürki: Kleine Kinder, die nicht sprechen: eine heterogene Gruppe. Anhand von 5 Fallgeschichten „atypischer“ Kinder werden frühe sprachliche und nichtsprachliche Entwicklungsauffälligkeiten erörtert, die „Late Talker“ (beherrschen weniger als 50 Wörter im Alter von zwei Jahren, etwa 10% der Kinder eines Jahrgangs) und die „Late Bloomer“ (diejenigen „Late Talker“, die ihren Entwicklungsrückstand bis zum Ende des 3. Lebensjahrs aufholen; 25-40% der „Late Talker“) vorgestellt. Im Licht der verschiedenen möglichen Einflussfaktoren wird anschließend die Unterscheidung von „Sprachentwicklungsverzögerung“ und „primären“ bzw. „sekundären Sprachentwicklungsstörungen“ (spezifische Störung ohne andere Beeinträchtigung bzw. als Folge einer Sinnesbeeinträchtigung) kritisch erörtert. Danach werden das Winterthurer Modell des Spracherwerbs und die im dortigen Zentrum durchgeführte entwicklungspsychologische Sprachabklärung beschrieben und anhand von Projektergebnissen ausführlich konkretisiert.

Martina Vetsch Good: Die Perspektive der Eltern auf die Spracherwerbsschwierigkeiten ihres Kindes. Die Autorin geht von der Feststellung aus, dass 90% der Kinder mit Spracherwerbsstörungen Probleme bei symbolbezogenen Prozessen aufweisen, daneben aber 60% auch verzögerte sozial-kommunikative Fähigkeiten. Daher muss den Eltern-Kind-Interaktionen und den Regulationsproblemen der Kinder besonderes Augenmerk geschenkt werden. Elterliches Belastungserleben und Bewältigungsverhalten wurden in einem Projekt untersucht, dessen Ergebnisse hier vorgestellt werden. Danach folgt eine Beschreibung der therapiebegleitenden Elterngespräche.

Barbara Zollinger: Triadische Beziehungen und Spracherwerbsstörungen: ein neues Konzept für die Früherfassung. Ausgangspunkt ist das Auftreten von kindlichen Trennungsängsten in der Therapie (die Kinder haben ohne Mutter keine Sicherheit in der für sie fremden Situation mit der Therapeutin). Die Prozesse des Sich-Bindens bzw. -Trennens werden in Zusammenhang mit der Identitätsbildung kurz vorgestellt, dann ausführlich auf Trennungsprobleme und mögliche Ursachen eingegangen. Das Konzept der Triade wird sowohl auf den Vater als Dritten in der Mutter-Kind-Beziehung als auch auf das Objekt als Dritten in der Ich-Du-Beziehung angewandt, tragische Beziehungen als Entwicklungsfaktoren definiert und die praktische Umsetzung des Konzepts ausführlich geschildert.

Andreas Zimmermann: Die Bedeutung des Sprachverstehens und seines Monitorings für die Abklärung. Der Autor behandelt die Problematik der Beobachtung und der Diagnostik von „Sprachverstehen“ (unter Anwendung der Prinzipien „überwachen, erkennen und reagieren“), schildert die wichtigsten dafür verwendbaren Faktoren (aufgeteilt auf das ersten bis vierten Lebensjahr), und geht dann auf die Auswirkungen von Störungen ein. Den Abschluss bildet die ausführliche Erörterung einer „Studie zur Erfassung des Monitorings von zwei- und dreijährigen Kindern“.

Susanne Mathieu: Therapie von kleinen Kindern mit Problemen im Sprachverstehen. Hier werden die entwicklungspsychologische Sprachtherapie, das Sprachverstehen und seine wichtigsten Faktoren vorgestellt und dann das therapeutische Vorgehen ausführlich geschildert.

Sylvia Sassenroth-Aebischer: Fressen und gefressen werden, zerstören und wiederaufbauen. Aggressive Spiele in der Sprachtherapie. Aggressive und von den Kindern offensichtlich mit Genuss durchgeführte Handlungen „archaischen Spiels“ sind eine große Herausforderung (nicht nur) für TherapeutInnen. Es werden die Aggression und ihre Formen bzw. ihre möglichen (auch tiefen psychischen) Ursachen erörtert, dann die Verstehensprozesse der TherapeutInnen dazu anhand von Beispielen, zuletzt mögliche Zusammenhänge zwischen Aggression und Spracherwerbsstörungen beschrieben. Der letzte Abschnitt schildert die möglichen Reaktionen auf Aggression in der Therapiesituation.

Claudia Dürmüller: „Und jetzt will ich sprechen lernen!“ Die Bedeutung des Selbstkonzepts für die Sprachentwicklung. Ausgehend von einem Fallbeispiel eines Kindes mit negativem Selbstkonzept werden dieser Begriff sowie „Selbstrepräsentation“, „Selbstwirksamkeit“ und „Selbstbewusstsein“ erörtert, auf die Zusammenarbeit mit den Eltern eingegangen und schließlich auch das Selbstkonzept von TherapeutInnen diskutiert.

Christine Schellhammer: Wann und wie hole ich Hilfe? Umgang mit schwierigen Situationen in der Therapie mit kleinen Kindern. Die Autorin schildert anhand zweier Fallbeispiele die Supervision als wichtiges Hilfsmittel für LogopädInnen.

Susanne Walpen: Die Zusammenarbeit mit Eltern in der logopädischen Praxis. Anhand allgemeiner Überlegungen und zweier Fallbeispiele wird das Konzept der „lösungsorientierten“ (anstatt der „problemorientierten“) Interaktion zwischen TherapeutIn und Eltern ausführlich erläutert.

Ein „Verzeichnis der Autorinnen und des Autors“ schließt das Buch ab (Literatur ist jeweils am Ende der einzelnen Beiträge angegeben).

Diskussion

An den profunden Beiträgen ist keine Kritik zu üben. Umso bedauerlicher ist es, dass die Gründe möglicher sprachlicher Probleme von Kindern mit Sinnes-, Körper- bzw. neural-kognitiver Behinderung (z.B. Zerebralparese, Downsyndrom) bzw. unter Autismus, teilweise auch unter sozialer oder emotionaler Deprivation leidender Kinder nicht behandelt werden. Alle diese äußerst diversen Fälle werden lediglich im Beitrag von Bürki erwähnt, dort aber als „sekundäre Sprachentwicklungsstörungen“ in eine scheinbar einheitliche Kategorie eingeordnet und bleiben ohne Hinweis auf geeignete Fördermaßnahmen (vielfach wären ja behinderungsspezifische Übertragungen der vorgestellten Konzepte möglich). Gerade im anbrechenden Zeitalter der Inklusion dürfte man erwarten, dass LeserInnen bezüglich jeder dieser Behinderungsformen mit ihren spezifischen Erscheinungen zumindest kurz informiert werden, damit klar wird, dass Sprachentwicklungsprobleme dieser Kinder normalerweise gerade nicht mit den „primären Sprachentwicklungsstörungen“ von Kindern, welche eine solche Störung definitionsgemäß im Gegensatz zu ihren sonstigen intellektuellen Leistungen aufweisen, gleichgesetzt werden können. Es wäre z.B. einfach zu erklären, dass sehbehinderten bzw. blinden und spastischen Kindern Kompensation bezüglich unzugänglicher Erfahrungsbereiche geboten werden muss, schwer spastischen Kindern etwa auch eine Kompensation für schwer oder nicht artikulierbare gesprochene Sprache (in Form einer geeigneten Ausdrucksmöglichkeit z.B. in Schriftsprache oder mittels eines Sprachsynthesizers). Ähnliches gilt für schwer hörbehinderte oder gehörlose Kinder, welche keinerlei „Sprachentwicklungsstörung“ zeigen würden, wäre ein visuelles Sprachangebot Teil einer üblichen Kompensationsstrategie. Für Kinder mit Downsyndrom oder anderen kognitiven Behinderungen, ist das notwendig, was uns Erwachsene mit diesen Behinderungen mitteilen, nämlich genug Zeit und individuelle Übungsmöglichkeiten geben oder angepasste sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten bieten.

Fazit

Mit der Einschränkung, dass es nur auf Kinder ohne sonstige Behinderungen hin orientiert ist, ein für einen Einblick in die facettenreiche und multifaktorielle Sprachentwicklungsproblematik sehr empfehlenswertes Buch.

Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Es gibt 80 Rezensionen von Franz Dotter.

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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 09.10.2014 zu: Barbara Zollinger, Anja Boretzki, Michael Thanhoffer (Hrsg.): Frühe Spracherwerbsstörungen. Kleine Kinder verstehen und Eltern begleiten. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2014. ISBN 978-3-258-07868-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17173.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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