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Sabrina Effinghausen: Diagnose psychisch krank - ein Leben ohne Zukunft?

Cover Sabrina Effinghausen: Diagnose psychisch krank - ein Leben ohne Zukunft? Bewältigungsstrategien von psychisch erkrankten Menschen und Unterstützungsmöglichkeiten durch die soziale Arbeit am Beispiel des ambulant betreuten Wohnens. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 256 Seiten. ISBN 978-3-8487-1047-8. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR, CH: 62,90 sFr.
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Autorin

Sabrina Effinghausen hat an der TU Dresden (Fakultät für Erziehungswissenschaften) im Jahre 2012 promoviert und ist an der HS Hannover tätig als Lehrkraft für besondere Aufgaben.

Es handelt sich bei dem vorliegenden Werk um die überarbeitete Fassung der im Sommer 2012 bei der Fakultät Erziehungswissenschaften der TU Dresden eingereichten Dissertation.

Thema

Gegenstand der vorliegenden Veröffentlichung ist der Aspekt der Gesundheitsförderung in der psychiatrischen Behandlung und sozialen Rehabilitation, der nach Ansicht der Autorin kaum berücksichtigt wird in der Praxis (S. 15). Lebensqualität und -zufriedenheit sind somit keine primären Behandlungsziele (S. 17). Wenn aber, so die Überlegung, psychisch erkrankte Menschen mehr Einfluss auf ihr Leben nehmen können und Entscheidungen selbst treffen und sie hierbei - fachlich und wertschätzend – unterstützt werden, genesen sie eher. Insofern sind zu untersuchen und einzubeziehen

  1. die Lebenslage psychisch erkrankter Menschen (hierzu gehören Bildung, Erwerbstätigkeit, Wohnen, Gesundheit, Einkommen, soziale Netzwerke und soziale Teilhabe)
  2. die Krankheitsbewältigung (Beruhigung der Symptome, Verbesserung der Lebenslage, Förderung gesunder Ressourcen und Selbsthilfepotenziale)
  3. das Ambulant betreute Wohnen – als gemeindepsychiatrisches Angebot - mit den entsprechenden Betreuungsangeboten (mit zeitlicher/stundenweiser Festlegung und Begrenzung).

Es liegt eine empirische Studie mit theoretischer Begründung vor, die „der Frage nach der Gesundung von chronisch psychisch erkrankten Menschen im ambulanten Setting“ (S. 17) nachgeht.

„Um zu erforschen, wie das ambulant betreute Wohnen psychisch erkrankten Menschen bei ihrem Coping helfen kann, wird folgenden Forschungsfragen nachgegangen:

  • Was hilft psychisch erkrankten Menschen bei ihrer Krankheitsbewältigung?
  • Welche Unterstützungsmöglichkeiten kann das ambulant betreute Wohnen Betroffenen bei der Krankheitsbewältigung bieten?“ (S. 18).

Die empirische Studie ist eine qualitative Untersuchung (Leitfadeninterviews mit Experten), bestehend aus vier Teilstudien mit den Zielgruppen Betroffene, Angehörige, Psychiater und Sozialpädagogen.

Auf der Grundlage der Ergebnisse der insgesamt 16 Interviews werden Empfehlungen für die Praxisgestaltung des ambulant betreuten Wohnens gegeben.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Teile, die römisch beziffert sind, wobei Teil I „Einleitung“ und Teil IV „Zusammenfassung und Ausblick“ den Rahmen bilden und die Teile II. und III. den Hauptinhalt wiedergeben, nämlich II. „Theorieteil“ und III. „Empirischer Teil“.

Der Teil II. beschäftigt sich mit dem Wandel des psychiatrischen (Selbst-) Verständnisses zum Gesundheitsverständnis mit verschiedenen Erklärungs-Modellen und der Gesundheitsförderung, die sich konkret und praktisch orientiert dem zentralen Thema der Sozialen Arbeit im ambulant betreuten Wohnen widmet.

Teil III ist der empirische Teil mit Forschungsdesign, methodischem Vorgehen (leitfadengestütztes Experteninterview), den Ergebnissen und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen, die einerseits die Forschung zur Krankheitsbewältigung betrifft, andererseits Empfehlungen für das ambulant betreute Wohnen beinhaltet, die die Rahmenbedingungen ebenso betreffen wie die Kompetenzen der Mitarbeiter, gesundheitsfördernde und krankheitsbewältigende Leistungen und Qualitätssicherung.

Inhalt

Kapitel eins gibt die „Psychiatrie im Zeitwandel“ wieder mit der Erwähnung der thematischen Einengung der späteren Erörterung auf den Landkreis Hildesheim (Untersuchungsregion der vorliegenden Studie), den Entwicklungen nach dem 2. Weltkrieg, der Psychiatriereform, der kritischen Auseinandersetzung mit dem Begriff Sozialpsychiatrie (die wörtlichen Zitate auf S. 28 geben die zahlreichen Aspekte dieses Begriffs wieder), der dann unterteilt wird in Gemeindepsychiatrie als eine praktizierte Form der Sozialpsychiatrie, der Gemeindepsychiatrie heute – mit einem Exkurs auf die Lage im Landkreis Hildesheim. Gesellschaftliche Umbrüche, so der nächste Unterkapitel-Titel, zeigen auf, dass soziologische Erkenntnisse gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zu berücksichtigen sind, die auch den psychisch erkrankten Menschen „zum Konstrukteur seines eigenen Lebenskonzeptes“ (S. 41) machen. Dies kann gerade für diese Zielgruppe „mit gravierenden Schwierigkeiten einher gehen“ (S. 44). Selbstbestimmung zu fördern, was Empowerment voraussetzt, ist nicht nur im SGB IX verankert, sondern auch Maßgabe im Umgang mit der Zielgruppe. Die Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit schließt das Kapitel eins inhaltlich ab mit dem Hinweis an das ambulant betreute Wohnen, kreative Ideen zu entwickeln und neue Hilfeformen zu erproben: Not macht erfinderisch. Schön, dass die Autorin ein Zwischenresümee schreibt, das die Kerngedanken akzentuiert.

Kapitel zwei widmet sich dem Kontinuum Krankheit – Gesundheit („Vom psychiatrischen Krankheits- zum Gesundheitsverständnis“) mit verschiedenen Definitionsansätzen, kategorialen Beschreibungen wie in Tab 1 den Auswirkungen einer psychischen Erkrankung (S. 54), der ICD 10/DSM IV, dem bio-psycho-sozialen Modell des Menschen (der ICF). Es folgen theoretische Ansätze wie das Vulnerabilitäts-Stress-Modell, Gesundheitsförderung, Empowerment, das Recovery-Modell und schließlich das Modell der Salutogenese. Ein Zwischenresümee schließt Kapitel zwei ab.

Kapitel drei widmet sich der „Förderung der Gesundung von psychisch erkrankten Menschen durch das ambulant betreute Wohnen“, die Soziale Arbeit steht hier im Fokus. Theoretischer Ansatz ist die Lebensweltorientierung nach Thiersch, die in ihrem Konzept ausführlich dargestellt wird. Das ambulant betreute Wohnen wird mit seinen Rahmenbedingungen und Zielsetzungen beschrieben. Die Lebenssituation psychisch erkrankter Menschen mit ihrem Alltag, der Lebenslage krank vs. gesund und den Bewältigungsmöglichkeiten werden diskutiert und Modelle dargestellt: Das transaktionale Stressmodell und das Konzept der ICF. Die Inhalte werden dann bezogen auf die Möglichkeiten des ambulant betreuten Wohnens für die Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung. Wieder folgt ein Zwischenresümee, das das Kapitel drei abrundet. Mit Kapitel drei endet der theoretische Teil des vorliegenden Buches.

Der empirische Teil (Teil III) beginnt mit dem Forschungsdesign (Kapitel vier): Vier Perspektiven sind für die Autorin von Bedeutung: die Betroffenen, die Angehörigen (erste und zweite Teilstudie), die Psychiater und die Sozialpädagogen (dritte und vierte Teilstudie); es werden die vier Teilstudien vorgestellt.

Die empirische Studie wird theoretisch begründet – mit der Lebenslage psychisch erkrankter Menschen, der Krankheitsbewältigung – hier werden auch das salutogenetische Modell und das Konzept Empowerment angeführt – und wie das ambulant betreute Wohnen dabei mitwirken kann, dass psychisch erkrankte Menschen Bewältigungsstrategien entwickeln können. Deren Lebenslage wird auf sechs Dimensionen dargestellt: Bildung, Erwerbstätigkeit, Wohnen, Gesundheit, Einkommen und soziale Netzwerke.

Die Fragestellungen für die empirische Studie werden nochmals aufgeführt (s. auch S. 18).

Das methodische Vorgehen wird ausführlich in Kapitel fünf vorgestellt. Es handelt sich um leitfadengestützte Experteninterviews, die mit Experten geführt, aufgenommen, transkribiert, codiert und thematisch verdichtet worden sind.

Kapitel sechs bietet die Ergebnisse. Zunächst werden die 16 interviewten Personen vorgestellt, dann folgt die Klärung, wie die Autorin bei der Auswertung vorzugehen beabsichtigt. Dies wird anhand eines Einzelfalles (Betroffene B4) deklariert.

Die thematischen Bereiche, die jeweils getrennt dargestellt werden, sind:

  1. Ambulant betreutes Wohnen
  2. Psychiatrische Behandlung
  3. Gesetzliche Betreuung
  4. Einschätzung von Gesundheit und Krankheit
  5. Krankheitsbewältigung
  6. Lebenslage
  7. Zukunft

Diese sieben Punkte werden untergliedert und nach der exemplarischen Auswertung für die Betroffene B4 für die Gruppe der Betroffenen ausgewertet. Die Strategien der Krankheitsbewältigung sind tabellarisch zusammengefasst (Tab. 14, S. 154-157).

Es folgt der Gruppenvergleich; verglichen werden also die Antworten der Betroffen, der Angehörigen, der Psychiater und der Sozialpädagogen auf den sieben oben erwähnten Dimensionen (die untergliedert sind).

Einige Kernergebnisse sollen hier auszugsweise wiedergegeben werden.

  • Bereich 1: Erwartungen der Betroffen und der Angehörigen an die Mitarbeiter des ambulant betreuten Wohnens lassen sich der Beziehungsebene (z.B. Empathie, Zuhören, Interesse am Menschen; Zuverlässigkeit, Wertschätzung) zuordnen (S. 165), Psychiater erwarten von ihnen fachliche Kompetenz.
  • Bereich 2: Die Behandlung von Psychiatern liegt im Wesentlichen in der psychopharmakologischen Therapie sowie im Führen von Gesprächen; Sozialpädagogen betonen auch psychoedukative Elemente.
  • Bereich 4: Heilungsaussichten bei seelischen Störungen bestehen aus Sicht der Psychiater; die anderen drei Gruppen sind sich da eher unsicher.
  • Bereich 5: „Ausschließlich die Gruppe der psychisch erkrankten Menschen hat … Faktoren zwecks Erzielung eines angemessenen Copings genannt“ (S. 169). Strategien zur Krankheitsbewältigung sind tabellarisch zusammengefasst (Tab. 19, S. 170-176). Eine vergleichbare Zusammenfassung gibt es für Krisensituationen (Tab.20, S 177-179).
  • Bereich 6: „Nur die Betroffenen selber kamen zu dem Schluss, dass sie eine aktive Freizeitgestaltung verfolgen“ (S. 180); die anderen Gruppen befanden das Freizeitverhalten der Betroffenen als passiv.
  • Das soziale Netzwerk besteht aus wenigen sozialen Kontakten, die „dann überwiegend zu professionellen Helfern, Angehörigen oder zu anderen erkrankten Personen“ (S. 180) vorhanden sind.
  • Bereich 7: Betroffene und Angehörige haben Zukunftsvorstellungen bzgl. Gesundheit, sozialen Netzwerken, Wohnen – auch Arbeit; „von den befragten Psychiatern und Sozialpädagogen hingegen wurden ausschließlich Aspekte benannt, die sich auf den beruflichen Alltag … bezogen“ (S. 181)

Nach dieser Darstellung der Ergebnisse folgt deren Interpretation (Kap. 6.5, S. 181 – 214) – auch hier nur auszugsweise.

  • Zu Bereich 1:Die fachliche Kompetenz und die Betreuungsbeziehung sollten einen gleichen zentralen Stellenwert einnehmen.
  • „Im Gegensatz zu den Nutzern und Sozialpädagogen standen die befragten Psychiater und Angehörigen dem ambulant betreuten Wohnen kritisch gegenüber“ (S. 185).
  • Zu Bereich 2: „Erstaunlich ist …, dass so gut wie keine Vernetzung zwischen den unterschiedlichen Professionen, die mit psychisch erkrankten Personen arbeiten, stattfindet“ (S. 187). „Professionelle Helfer [sollten] auf die Bedürfnisse von psychisch erkrankten Menschen eingehen und sich an ihnen orientieren“ (S. 189).
  • Zu Bereich 4: Das Instrument der Hilfeplankonferenz sollte genutzt werden, um auch Betroffene anzuhören und ihre individuellen Vorstellungen entsprechend berücksichtigen zu können.
  • Zu den Gesundheitsfaktoren gehören Grundintellekt sowie Resilienzen, aber auch der Faktor Hoffnung (aus dem Recovery-Ansatz). Die Laientheorien der psychisch erkrankten Personen werden selten angesprochen, statt dessen werden die Störungen als Abweichungen von der Norm – durch Sozialpädagogen – definiert.
  • Zu Bereich 5: Coping wird unterteilt in eine Handlungs-, Kognitions- und Emotionsebene (wie man sie aus der sozialpsychologischen Einstellungsforschung kennt) – und entsprechende Beispiele aufgeführt, die beispielhaft durch Interviewauszüge belegt werden.
  • Zu Bereich 6: Hilfe zur Selbsthilfe wird angesprochen. Die Anzahl der bewilligten Fachleistungsstunden (zwischen 1 und 3 Stunden pro Woche) deuten an, dass diese Selbsthilfe notwendig ist. Die Autorin führt an, „dass Frauen in der Regel eine höhere Anzahl an Fachleistungsstunden bewilligt bekommen“ (S. 205). Aus diesem Grund sollten professionelle Helfer ihre Arbeit gendersensibel ausrichten. Außerdem scheint die Aufgabe der sozialen Teilhabe oder Integration in die Gesellschaft nicht gelungen; denn psychisch erkrankte Menschen halten sich überwiegend in der „Psychiatrie-Szene“ (S. 206) auf; das soziale Netzwerk ist also begrenzt und sollte als Aufgabe der Sozialpädagogen im ambulant betreuten Wohnen übernommen werden.
  • Zu Bereich 7: Die Zukunftswünsche unterscheiden sich zwischen den vier Befragten-Gruppen (s. Tab. 22, S. 213): Betroffene legen Wert auf Familie, Nebenjob, Medikamentenreduzierung, Wohnung, die anderen Gruppen betonen jeweils ihren eigenen Lebens- bzw. Arbeitsbereich. Hilfeprozesse sollten entsprechend den Wünschen der Betroffenen-Gruppe gestaltet werden.

Kapitel sieben beinhaltet die Schlussfolgerungen einerseits für die Krankheitsbewältigungsforschung, andererseits Empfehlungen für das ambulant betreute Wohnen – und dort sind es die Rahmenbedingungen, die Methoden (geschlechtergerechte Betreuung beachten; subjektive Krankheitstheorien erfragen; Lebensorientierung verfolgen; Netzwerkarbeit betreiben; psychiatrische Bürgerhilfe einbeziehen; Recovery ausüben), die Kompetenz der Mitarbeiter, Personenbezogene Leistungen im Bereich Gesundheitsförderung und Krankheitsbewältigung. Eine Tabelle zu Bewältigungsstrategien im Alltag (Tab. 23, S. 226-232) rundet diesen Teil ab.

Das Kapitel endet mit einem Vorschlags-Beitrag zur Qualitätssicherung.

Teil IV. Zusammenfassung und Ausblick. Hier weist die Autorin deutlich darauf hin, dass „aufgrund der relativ geringen Anzahl von Probanden … auf die eingeschränkte Aussagekraft der Ergebnisse hingewiesen werden [muss]“ (S. 239).

Über die weiter oben schon in Auszügen aufgeführten Ergebnisse und Interpretationen hinaus zeigt die Autorin „fünf weitere Problemfelder“ auf:

  1. „Die Gemeindepsychiatrie hat sich in eine Psychiatriegemeinde … verwandelt“ (S. 241).
  2. Betreuungen sind anlassbezogen, nicht als „das genehmigte Paket aus der Hilfeplankonferenz“ (S. 241) abzuarbeiten.
  3. Sozialpädagogen sollten methodisch professioneller arbeiten und sich stärker auf die Bedürfnisse der Betroffenen (als Experten in eigener Sache) einlassen.
  4. Die Ökonomisierung verschärft eine Wettbewerbssituation, die bei den Leistungserbringern bewirkt, psychisch erkrankte Personen „möglichst langfristig an ihre Einrichtung zu binden“ (S. 241).
  5. „Die Zusammenarbeit mit den an einem Fall beteiligten Professionen ist verbesserungswürdig“ (S. 242).

Die Konsequenz, die die Autorin zieht, ist, dass nicht nur das ambulant betreute Wohnen „einer Restauration bedarf“ (S. 242), sondern auch die Gemeindepsychiatrie.

Diskussion

Der theoretische Teil (Teil II) ist einerseits recht umfassend, man erhält als Leser einen Überblick über das, was thematisch zentral erscheint, zumindest aber der Autorin wichtig erschien. Wenn man jedoch den empirischen Teil hinzu nimmt, dann fällt auf, dass nicht alles, was im theoretischen Teil stand auch im empirischen Teil benutzt wurde. Insofern wäre die Auswahl besser zu begründen gewesen. Zudem erscheint der theoretische „Blick“ etwas eingeengt; denn zur Gesundheitsförderung gibt es neben den erwähnten Ansätzen auch sozialpsychologische Theorien (vgl. Haisch & Vogel, 2010). Inklusion wird an einigen wenigen Stellen erwähnt, ohne dass dieser Begriff kritisch beleuchtet wird (vgl. Ahrbeck, 2011). Es fiel auch auf, dass der Begründer des salutogenetischen Ansatzes nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt ist.

Insofern fehlt, um die Auswahl der theoretischen Ansätze – für den Leser nachvollziehbar – zu begründen, aus meiner Sicht ein Überleitungskapitel zwischen dem theoretischen Teil und dem empirischen.

Die ICF bzw. das bio-psycho-soziale Modell des Menschen wird zwar erwähnt und angeführt, aber das konkrete Konzept der ICF, das sich u.a. auch auf die Vernetzung der verschiedenen Professionen bezieht und auf die Lebenslage der erkrankten (und zu rehabilitierenden) Menschen, wird nicht in die Diskussion aufgenommen (vgl. Rentsch & Bucher, 2006; Schuntermann, 2009). Auch bei der Diskussion zu den Diagnosen wird der integrative Ansatz von Dosen (2010) vernachlässigt.

Neben diesen kritischen Anmerkungen hat die Autorin selbst – auf Seite 239 - darauf hingewiesen, dass die Aussagekraft wegen der geringen Anzahl interviewter Personen beschränkt ist; aber bezogen auf die Geschlechterverteilung fordert sie eine entsprechende Sensibilität, obwohl gerade mal zwei weibliche Personen drei männlichen gegenüber ausgewertet worden sind.

Dennoch sind die Auswertungen und Interpretationen sowie die Empfehlungen sehr hilfreich für diejenigen, die mit psychisch erkrankten Menschen arbeiten – und zwar nicht nur für Mitarbeiter im ambulant betreuten Wohnen. Außerdem ist positiv anzumerken, wie kritisch reflektierend die Autorin die Gemeinepsychiatrie und die Leistungserbringer (hier die Mitarbeiter und die Einrichtung des ambulant betreuten Wohnens) diskutiert. Ein Hinweis, wie die Sozialpädagogen eine quasi ganzheitliche Betreuung bewerkstelligen sollen bei durchschnittlich zwei Fachleistungsstunden pro Woche wäre für diese Berufsgruppe sicherlich hilfreich gewesen. Man kann aber daraus entnehmen, dass die Versorgungsstruktur des ambulant betreuten Wohnens von Amts wegen anders zu gestalten ist.

Eine letzte Anmerkung gilt dem Verlag: Ein besseres Lektorat wäre wünschenswert gewesen; denn zahlreiche Trennstriche mitten im Text sind ebenso wenig korrigiert wie zahlreiche Rechtschreib- und Kommafehler. Darüber hinaus fehlt der Anhang, wiewohl er in der Einleitung von der Autorin angekündigt worden ist; hier ist das Lektorat ebenfalls seiner Aufgabe nicht zufriedenstellend nachgekommen.

Fazit

Sabrina Effinghausen gibt mit dem sehr detailliert dargestellten Vorgehen und Inhalt der empirischen Studie in ihrem Buch deutliche Hinweise zu einem gelingenderen Umgang mit psychisch erkrankten Menschen bezogen auf Krankheitsbewältigung und Gesundheitsförderung. Dies war ihr Anliegen. Die psychisch erkrankten Menschen sind als Experten in eigener Sache akzentuiert worden, was wiederum für die professionellen Helfer Hinweise ergibt, wie sie wertschätzend mit dieser Klientel umgehen sollten – und es ergaben sich methodische Hinweise speziell für Sozialpädagogen aufgrund der Äußerungen der befragten Personengruppen. Auch der Bezug zur Politik, zu gesellschaftlichen Bezügen wird diskutiert, mit der potentiellen Gefahr, dass die bisherigen Maßnahmen, wie sie von der Autorin dargestellt und tiefgründig diskutiert werden, die Gefahr der Ghettoisierung für die psychisch erkrankten Menschen beinhalten. Insofern ist die Gemeindepsychiatrie wie auch die Art der Betreuung psychisch kranker Menschen zu reformieren, damit es nicht zu einer „Institution psychisch krank“ (vgl. Niedecken, 1999) kommt. Hier sind einerseits Ideen gefordert, andererseits auch ein anderes Handeln und es ergibt sich ein weiteres Forschungsgebiet.

Literatur

  • Ahrbeck, B. (2011): Der Umgang mit Behinderung. Kohlhammer, Stuttgart
  • Dosen, A. (2010): Psychische Störungen, Verhaltensprobleme und intellektuelle Behinderung. Ein integrativer Ansatz für Kinder und Erwachsene. Göttingen, Hogrefe.
  • Haisch, J. & Vogel, H.-J. (2010):Sozialpsychologische Grundlagen der Psychotherapie. Zum Austausch Psychotherapeutischer Praxis und Sozialpsychologischer Forschung. München: CIP-Medien
  • Niedecken, D. (1999): Die inneren Feinde der Integration. Zur Institution „Geistigbehindertsein“. In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, 22, S. 79-85
  • Rentsch, H.P. & Bucher, P.O. (2006): ICF in der Rehabilitation. Die praktische Anwendung der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit im Rehabilitationsalltag. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag
  • Schuntermann, M.F. (2009): Einführung in die ICF. Grundkurs – Übungen – offene Fragen. 3. überarb. Auflage, Heidelberg: ecomed Medizin

Rezensent
Prof. Dr. phil Ekkehard Rosch
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Zitiervorschlag
Ekkehard Rosch. Rezension vom 05.12.2014 zu: Sabrina Effinghausen: Diagnose psychisch krank - ein Leben ohne Zukunft? Bewältigungsstrategien von psychisch erkrankten Menschen und Unterstützungsmöglichkeiten durch die soziale Arbeit am Beispiel des ambulant betreuten Wohnens. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8487-1047-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17192.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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