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Judy Korn, Thomas Mücke: Deeskalations- und Mediationstraining

Rezensiert von Prof. Dr. Rolf van Dick, 01.07.2001

Cover Judy Korn, Thomas Mücke: Deeskalations- und Mediationstraining ISBN 978-3-407-55845-9

Judy Korn, Thomas Mücke: Deeskalations- und Mediationstraining. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2000. 199 Seiten. ISBN 978-3-407-55845-9. 19,90 EUR.
(Bd. 2 der Reihe "Gewalt im Griff")
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2018-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Einführung in das Thema

Aggression und Gewalt sind Themen von enormer gesellschaftlicher Relevanz. Die Medien sind voll von Berichten über "Horrortaten" von einzelnen Jugendlichen, aber auch von Berichten über hohe (und vermeintlich stetig steigende) Zahlen von alltäglicher Gewalt unter Kindern und Jugendlichen in Schule und Freizeit. Nicht zuletzt die fremdenfeindlich motivierten Übergriffe auf ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger haben im vergangenen Jahr zu einem Aufschrei nach Maßnahmen gegen Gewalt geführt. Hier liegt nun ein Buch vor, das zumindest teilweise zur Lösung der Probleme beitragen könnte.

Hintergründe für die Entstehung des Buches

Menschen, die beruflich mit Jugendlichen zu tun haben, sind häufig mit schwierigen Situationen konfrontiert, in denen sie auf Gewalt zwischen den Jugendlichen, aber auch gegenüber sich selbst reagieren müssen. Nun behandelt die (sozial)pädagogische Ausbildung zwar den Umgang mit solchen Situationen und es liegen auch eine Reihe dicker Bücher zum Beispiel zum Thema Konfliktmediation vor. Allerdings bleibt das im Studium Gelernte oft graue Theorie und die dicken Bücher nutzen einem wenig, wenn man sich konkret zwei aufeinander einprügelnden Jugendlichen gegenüber sieht. In der Edition Sozial ist bei Beltz nun der zweite Band der Reihe "Gewalt im Griff" erschienen. Der erste Band wurde von Jens Weidner, Rainer Kilb und Dieter Kreft herausgegeben (mittlerweile in einer 2. erweiterten Ausgabe) und befasste sich unter dem Titel "neue Formen des Anti-Aggressivitäts-Trainings" mit Trainingsangeboten für die Arbeit mit Gewaltbereiten in verschiedenen Feldern vom Strafvollzug bis zur Schule. Judy Korn und Thomas Mücke, zwei Diplompädagogen, die beide als Sozialarbeiter und Dozenten in der Antigewaltausbildung tätig sind, haben mit dem "Deeskalations- und Mediationstraining" jetzt eine sinnvolle Ergänzung vorgelegt. Es werden allerdings nicht nur Deeskalations- und Mediationsprinzipien dargestellt, sondern auch Maßnahmen zur Prävention von Gewalt und zum Umgang mit Opfern bzw. Verhaltensanweisungen für Jugendliche, die sie in einer Opfersituation selbstwirksamer machen können.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Das Buch hat fünf Kapitel auf insgesamt knapp 200 Seiten, dabei nehmen dem Titel entsprechend zwei Bereiche (Deeskalation und Mediation) den weitaus größten Raum ein. Zunächst wird – nach Vorwort und Lesehinweisen - im ersten Kapitel in die Problemstellung eingeführt, die Begriffe werden knapp definiert (dazu unten mehr) und einige Erklärungsansätze zur Entstehung von Gewalt präsentiert.

Die folgenden vier Kapitel sind im Wesentlichen gleich aufgebaut: Nach einleitenden, zum Teil sehr ausführlichen theoretischen Überlegungen werden anhand einer Vielzahl praktischer Beispiele aus dem Alltag der Autorin und des Autors die Anwendungen der Methoden dargestellt und in Form anschließender Übungen der Leserin und dem Leser zum Training an die Hand gegeben.

Im zweiten Kapitel Deeskalation von Konfliktsituationen im pädagogischen Alltag wird gezeigt – und dies anhand vieler Beispiele – was getan werden kann (und sollte), wenn man sich in einer ganz konkreten Konfliktsituation befindet. Hilfreich erscheint, dass hier erläutert wird, wann welche Pädagogin oder Sozialarbeiter überhaupt (aus Sicht der am Konflikt beteiligten Jugendlichen) eine Berechtigung zum Eingreifen hat und welcher Typ von verschiedenen Strategien bei der Deeskalation einem am ehesten liegen könnte. In den Übungen wird z.B. behandelt, wie das eigene Interventionsverhalten beurteilt werden kann oder wie typische Situationen des pädagogischen Alltags auf sinnvolle Interventionsmöglichkeiten hin analysiert werden können.

Das dritte Kapitel Mediation – Konflikte klären ohne Gewalt behandelt den zweiten zentralen Block des Buches. Hier werden sehr anschaulich die Grundlagen der Mediation dargestellt, es werden persönliche, fachliche und ergänzende Qualifikationen angesprochen, die eine Mediatorin bzw. ein Mediator idealerweise mitbringen sollte. Die einzelnen Schritte des Mediationsprozesses inklusive der Probleme und Schwierigkeiten, die dabei auftreten können, werden durchgegangen. Etwas unklar bleibt, warum im Rahmen dieses Kapitels der Begriff Konflikt definiert wird, dies hätte man im ersten Kapitel im Zusammenhang mit der Klärung der anderen wichtigen Begriffe erwartet. Im Übungsteil werden der Umgang mit Konflikten während der Mediation, der Umgang mit (eigenen) Emotionen, das aktive Zuhören und die einzelnen Schritte der Mediation in Form von Rollenspielen und anhand von Fallbeispielen geübt.

Prävention – Konflikte langfristig verhindern ist Thema des vierten Kapitels. In einem Buch zum Umgang mit Gewalt ist es notwendig und gut, dass auch die Prävention im Vorfeld von Konflikten angesprochen wird. Und wenn auch klar ist, dass auf kaum 20 Seiten nicht alles gesagt werden kann, so werden doch zentrale Punkte behandelt. Die Sozialraumanalyse nimmt dabei sowohl in der Theorie als auch in praktischen Übungen den meisten Raum ein.

Die Perspektive der Opfer wird schließlich im fünften Kapitel Opfer stärken – wie kann ich mich vor Gewalt schützen eingenommen. Zunächst wird darauf eingegangen, welche physischen und psychischen Folgen es haben kann, Opfer einer Gewalttat geworden zu sein. Dann wird – wiederum mit praktischen Beispielen und Übungen – gezeigt, wie man sich als potenzielles Opfer im Konfliktfall verhalten sollte, wie man sich vor Gleichaltrigengewalt schützen kann und auch, wie man als Pädagoge im Gespräch mit Opfern adäquat reagiert.

Ein - durchweg aktuelles - Literaturverzeichnis sowie ein Verzeichnis der Übungen schließen das Buch ab.

Zielgruppen

Praktikerinnen und Praktiker in der Jugendarbeit, der Schule und anderen Bereichen der Jugendhilfe (z.B. Beratungsstellen oder Heimerziehung).

Einschätzung der Tauglichkeit

Schwach sind die ersten 19 Seiten, mit denen die theoretischen Grundlagen für alles Folgende geschaffen werden sollten. Aus wissenschaftlicher Sicht entsprechen die Definitionen von Aggression und Gewalt weder dem Standard (vgl. zum Beispiel die Definitionsvorschläge in Bierhoff & Wagner, 1998), noch erscheinen sie hilfreich für die praktische Auseinandersetzung mit dem Thema. Folgt man z.B. der Definition von Aggression auf Seite 16 als "eine dem Menschen innewohnende ... Energie ... [als] das Gegenteil von Passivität und Zurückhaltung..." so fragt man sich, wofür man das Anti-Aggressivitätstraining von Weidner und anderen im ersten Band der Reihe benötigt. Auch die folgenden Kürzestdarstellungen über Ursachen von Gewalt, die zum Teil fast ausschließlich aus Zitaten bestehen, helfen m.E. dem Praktiker nicht weiter, denn die theoretischen Ansätze sind extrem verkürzt, simplifizierend und zum Teil auch unverständlich dargestellt.

Ganz anders verhält es sich glücklicherweise mit den Kapiteln 2 und 3, die den Großteil des Buches ausmachen und – mit Einschränkungen - auch den Kapiteln 4 und 5. Diese Abschnitte sind gespickt mit Praxisbeispielen, die die dargestellten Formen des Umgangs mit Gewalt illustrieren und zur Übung besser geeignet scheinen als Beispiele, die man sich für die Übungen erst selbst konstruieren muss. Von den Übungen gibt es insgesamt 27 und sie machen die besondere Stärke des Buches aus. Jede Übung ist nummeriert (und in einem Verzeichnis der Übungen am Schluss des Bandes dokumentiert) und enthält Angaben zu benötigtem Material und ungefährer Dauer von Vorbereitung und Durchführung. Die Übungen reichen von reinen "Simulationsspielen" von wenigen Minuten Dauer bis hin zu umfassenden Anleitungen für Übungen, die Wochen oder Monate in Anspruch nehmen können (z.B. bei der Sozialraumanalyse im Kapitel Prävention). Neben bekannteren Übungen gibt es viel Neues und wenn man der Anleitung Zum Umgang mit dem Trainingsbuch folgt, bieten sie eine ideale Grundlage für die Arbeit in kleineren Gruppen. Dieses Kapitel enthält einige wertvolle Grundsätze zum Training in Lerngruppen, Feedbackregeln und konkrete Anleitungen zur Durchführung und Auswertung der Übungen.

Lobenswert ist, dass bei den praktischen Vorschlägen oft Standardregeln der jeweiligen Methoden "verletzt" werden (nur ein Beispiel: der in vielen Anleitungen obligatorische Vertrag zwischen den Konfliktparteien der Mediation wird hier nicht empfohlen). Diese Verletzung der Regeln wird aber immer begründet mit den praktischen Erfahrungen der Autorin und des Autors in der Anwendung der Methoden und erscheint plausibel und den Bedürfnissen von Jugendlichen angemessen.

Fazit

Die praktischen Teile des Bandes können als sehr gelungen bezeichnet werden und stellen eine gute Grundlage dar, wenn man im Team (z.B. mit Kolleginnen und Kollegen einer Einrichtung) den Umgang mit Gewalt erlernen oder seine Fähigkeiten darin verbessern will. Dies fällt einem dann allerdings nicht in den Schoß – man muss sich die Inhalte im wahrsten Sinne des Wortes erarbeiten, immer wieder durchspielen, in der Praxis erproben und dann erneut in der Gruppe nachspielen. Für Praktiker, die sich auf diese Weise mit dem Thema Gewalt auseinandersetzen wollen (und müssen), ist das Buch daher wichtig und hilfreich.

Das Motto des ersten Bandes soll auch hier gelten und wird vom Rezensenten nachdrücklich empfohlen: Lesen und umsetzen!

Rezension von
Prof. Dr. Rolf van Dick
Professor für Sozialpsychologie an der Goethe Universität Frankfurt
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Es gibt 9 Rezensionen von Rolf van Dick.

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Zitiervorschlag
Rolf van Dick. Rezension vom 01.07.2001 zu: Judy Korn, Thomas Mücke: Deeskalations- und Mediationstraining. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2000. ISBN 978-3-407-55845-9. (Bd. 2 der Reihe "Gewalt im Griff"). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/172.php, Datum des Zugriffs 15.08.2022.


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