Petra Völkel, Anne Wihstutz (Hrsg.): Erziehungs- und Bildungspartnerschaft im Elementarbereich
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 18.12.2014
Petra Völkel, Anne Wihstutz (Hrsg.): Erziehungs- und Bildungspartnerschaft im Elementarbereich. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2014. 236 Seiten. ISBN 978-3-427-40527-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
Das Wohl des Kindes steht im Mittelpunkt
Diese alte Erkenntnis, dass Bildung und Erziehung zusammengehörende, individuelle und gesellschaftliche Herausforderungen sind, wenn es darum geht, Kinder auf den Weg zu selbstbestimmten und gleichwertigen Mitgliedern der menschlichen Gemeinschaft zu geleiten, gewinnt in der lokalen und globalen Entwicklung der Welt eine neue Bedeutung; ja Gesellschaftsexperten sagen sogar, eine in den traditionellen Bildungs- und Erziehungsprozessen dringlichere Aufgabe. Nicht nur deshalb, weil traditionelle Bildungs- und Erziehungsinstanzen, etwa die Familie, einen Wandel vollziehen und Aufgaben an andere Institutionen abgeben, sondern als Ergebnis der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse auch in stärkerem Maße gesellschaftliche Einrichtungen etwa bereits in der Früherziehung an die Stelle der Familienerziehung treten. Es wäre freilich eine gesellschaftliche Fehlentwicklung, würde die Verantwortung für Bildung und Erziehung von der Familie an außerfamiliäre Institutionen delegiert; vielmehr kommt es darauf an, alle beteiligten Instanzen in die Pflicht zu nehmen, die Entwicklung der Kinder zu fördern. Deshalb wird von der „Erziehungs- und Bildungspartnerschaft“ gesprochen, was bedeutet, dass eine gemeinsame, gleichberechtigte und -verantwortliche Zusammenarbeit zwischen familiären und institutionellen Akteuren „auf Augenhöhe“ erfolgen muss. Die traditionelle „Elternarbeit“ der institutionalisierten Bildungseinrichtungen – Kita, Schule – erfährt damit eine neue Qualität der Kooperation.
Entstehungshintergrund und Herausgeberinnen
Diesen Perspektivenwechsel zeigt das Team des 2001 gegründeten Berliner Instituts für Frühpädagogik e.V. (BifF) in dem Sammelband „Erziehungs- und Bildungspartnerschaft im Elementarbereich“ auf. Die Fortbildungseinrichtung stellt sich dabei die Frage, wie der akademische Diskurs und die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse über die Wandlungsprozesse in der Frühpädagogik in die Praxis kommen. Aus den Erfahrungen der bisherigen (Fort-)Bildungsarbeit ist das Handbuch entstanden. Die Erziehungswissenschaftlerin Petra Völkel und die Soziologin Anne Wihstutz, beide an der Evangelischen Hochschule Berlin tätig, geben den Sammelband heraus.
Aufbau und Inhalt
Das Handbuch wird in acht Kapitel gegliedert.
- Im ersten werden „rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen von Bildungs- und Erziehungspartnerschaften“ thematisiert (Anne Wihstutz);
- im zweiten geht es um Bedingungen und Erfahrungen bei der „Zusammenarbeit mit Familien mit Migrationshintergrund“ (Sabine Jungk);
- im dritten um „Zusammenarbeit mit Eltern in der Eingewöhnung“ (Katja Braukhane und Christiane Ehmann);
- im vierten Kapitel informiert Annette Hautumm über „Entwicklungsgespräche mit Eltern führen“;
- im fünften erläutert Hartmut Kupfer das „Dokumentieren mit Lerngeschichten“;
- im sechsten setzt sich Ulrike Labuhn auseinander mit der Forderung „Elternabende aktiv (zu) gestalten“;
- Juliane Schiwarov reflektiert „Gruppenarbeit in der Kindertagesbetreuung“;
- und im achten und letzten Kapitel informieren Elke Katharina Klaudy und Sybille Stöbe-Blossey über „Zusammenarbeit mit Eltern im Familienzentrum“.
Die einzelnen Aspekte und Themenbereiche werden in den einzelnen Kapiteln didaktisch und methodisch unterschiedlich dargestellt; etwa mit Merksätzen, durch grafische und farblich gestaltete Hervorhebungen und Zusammenfassungen, durch Skizzen, Abbildungen, methodische Hinweise und Aufgabenstellungen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis bietet die Möglichkeit der Intensivierung und Weiterarbeit. Das Sachwortverzeichnis verweist auf die im Handbuch bearbeiteten Themenbereiche und -komplexe.
Fazit
Der wie mir scheint erste, wissenschaftlichen, theoretischen und praktischen Ansprüchen für die Erziehungs- und Bildungsarbeit im Elementarbereich gerecht werdende (spezifizierte) Fortbildungsband für Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertageseinrichtungen liegt vor! Er sollte bei der institutionalisierten Aus- und Fortbildung, wie auch für die individuelle Weiterbildung von Erzieherinnen und Erziehern Verwendung finden!
Es dürfte zudem als ergänzendes Informations- und Lernmaterial zu den neueren, interdisziplinären, bildungswissenschaftlichen Handbüchern gute Dienste leisten (Sabine Andresen, Hrsg., Erziehung. Ein interdisziplinäres Handbuch, 2013. www.socialnet.de/rezensionen/16049.php). Es sollte den Diskurs um die neuen, pädagogischen und aufklärerischen Herausforderungen in der sich immer interdependenter, entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt, lokal und global, bereichern (Alex Aßmann, Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben. Eine kleine Einführung in die Pädagogik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/13846.php); und es sollte Aufforderungscharakter haben und den notwendigen Perspektivenwechsel befördern, dass Erziehungs- und Bildungsaufgaben als ganzheitliche und gleichberechtigte, gesellschaftliche Herausforderungen gelten (siehe dazu auch: „Wenn Kindsein verschwindet“, 04.01.2010, www.sozial.de/.. , sowie: „Was ist eine gute Schule? – Haben wir eine gute Schule?“, 01.07.2014, www.sozial.de/.).
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular
Es gibt 1736 Rezensionen von Jos Schnurer.





