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Lothar Klein: Regeln und Grenzen im Alltag mit Kindern

Cover Lothar Klein: Regeln und Grenzen im Alltag mit Kindern. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2014. 128 Seiten. ISBN 978-3-7800-4999-5. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Thema

Das Thema Regeln und Grenzen im Alltag mit Kindern ist eines, dass Erwachsene, die häufig mit Kindern zusammentreffen, immer wieder beschäftigt. Die Fragen: „Wie streng muss ich sein?“ oder „Wie nachgiebig kann ich sein ohne desinteressiert zu wirken?“ stellen sich immer wieder. Der Autor macht mit seinem Plädoyer Mut, zu mehr Gelassenheit und ermuntert dazu, vor allem die eigenen Grenzen gut zu kennen.

Autor

Lothar Klein ist Diplompädagoge und Lehrer. Er leitete von 1981 bis 1997 Kindertagesstätten in Wiesbaden und ist seit 1981 an der besonderen Ausprägung der Freinet-Pädagogik für Kindertagesstätten beteiligt. Er arbeitet seit 1997 als freiberuflicher Fortbildner und Berater und veröffentlichte zahlreiche Artikel und Fachbücher.

Aufbau

Die Veröffentlichung gliedert sich, nach einem „Nein-Protokoll“ eines Tages sozusagen als Vorwort, in zwei Teile auf:

Im ersten Teil wird über Regeln und Grenzen nachgedacht. Hier werden grundsätzliche Fragen zum Thema gestellt, wie

  • Brauchen Kinder wirklich Regeln und Grenzen?
  • Welcher Regeltyp bin ich selbst?
  • Beteiligung von Kindern an der Aufstellung von Regeln?
  • Wie kann ich Grenzen setzen ohne zu beschämen?

Im zweiten Teil geht es um Regeln und Grenzen ganz praktisch. Hier hinterfragt der Autor anhand von Beispielen aus dem Alltag von Kindertageseinrichtungen übliche Regeln und Grenzen und deren scheinbare Notwendigkeit.

Inhalt

In seinem „Nein-Protokoll“ eines Tages zeigt Lothar Klein auf, mit wie vielen Verboten und Regelungen der Alltag eines Kindes gefüllt sein kann und regt an, sich diese bewusst zu machen und deren Notwendigkeit zu reflektieren.

Im ersten Teil „Nachdenken über Regeln und Grenzen“ beschäftigt sich der Autor mit dem Thema grundsätzlich. Er geht davon aus, dass wir alle einem bestimmten Regel-Typ zuzuordnen sind und stellt diese vor:

  • Der Typ „Gesetz ist Gesetz“
  • Der Typ „Was andere von mir erwarten, das zählt“
  • Der Typ „Ethik steht über dem Gesetz“
  • Der Typ „Den eigenen Vorteil im Blick“

Die meisten Menschen werden in jedem dieser Typen etwas von sich finden; oft bestimmt aber ein Typ stärker unser Handeln.

Dann beschäftigt sich der Autor mit der Frage, ob Regeln wirklich etwas regeln. Er stellt die These auf, dass je besser Beziehungen (in sozialen Gemeinschaften) funktionieren, sie umso weniger Regeln brauchen. Abgesehen von Regeln, die eine klare Schutzfunktion haben, dienen alle anderen Regeln der Gestaltung von Beziehungen.

Finden wir also in manchen Einrichtungen lange Regel-Kataloge, geben diese im Grunde Auskunft über die Verteilung von Macht. Im Verständnis des Begriffes Regel des Autors sollten Bestimmungen, Verbote, Gebote oder Vorschriften nicht mit Regeln gleich gesetzt werden. Erstere werden meist von Erwachsenen ohne Beteiligung von Kindern festgelegt. Im Gegenteil dazu werden hier Regeln als gegenseitig ausgehandelte Regeln definiert, an deren Entstehen beide Seiten aktiv teilgenommen haben und ihre jeweils unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen einbringen konnten. Dieser Unterschied wird nochmals an den Begriffen „Anordnungen und Gesetze“ und „Vereinbarungen und Absprachen“ verdeutlicht.

Die Frage nach der Notwendigkeit von Regeln und Grenzen für die Erziehung von Kindern wird diskutiert. Hier nimmt der Autor eine klare Haltung ein: Keine menschliche Gemeinschaft kommt ohne Regeln und Grenzen aus – aber im Umgang mit Kindern sollte es Vorrang haben, meine eigenen Grenzen dem Kind zu verdeutlichen und ihm damit etwas über mich mitzuteilen. „… eine gleichwertige Beziehung mit ihnen (Kindern) nur möglich ist, wenn es beiden Seiten gelingt, die eigenen Grenzen zu wahren und sie dem Anderen zugleich zu verdeutlichen.“ (Seite 26)

Die Begriffe Werte, Respekt, Disziplin, Gleichwürdigkeit, Rechte und Kooperation werden von Lothar Klein diskutiert und deren Bedeutung für die Fragen nach Regeln und Grenzen. Auch dem Thema „Beschwerderecht für Kinder“ wird Bedeutung zugemessen und der wichtigen Haltung, dass Grenzen setzen auch bedeuten sollte, niemanden zu beschämen. In Konfliktsituationen scheint es wichtig zu sein, nicht zu moralisieren und keine Schuld zuzuweisen, sondern die Sache (und nicht die Person) zu bewerten.

Weiterhin erläutert der Autor im ersten Teil noch die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Regeln, er gibt Hinweise und Tipps für die gemeinsame Regelerstellung mit Kindern und plädiert für Lebensregeln anstelle von Regelkatalogen. Das Prinzip der Lebensregeln beinhaltet hier, sich auf das allernötigste zu konzentrieren. „Das (Lebensregeln) sind Regeln, von denen man annehmen darf, dass sie jeder, und zwar ohne dass irgendeine Erklärung notwendig ist, von selbst akzeptiert. Es handelt sich hier also um wirklich universell gültige Regeln.“ (Seite 62)

Im zweiten Teil der Veröffentlichung werden praktische Beispiele von Regeln und Grenzen aus dem Kindertagesstätten-Alltag vorgestellt und diskutiert. Hier geht der Autor so vor, dass er zunächst erläutert, dass ein Regelbruch der Anfang eines Aushandlungsprozesses sein kann und diese zur Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes dazu gehören. Konkrete Beispiele aus den drei Bereichen Krippe, Kindergarten und Hort folgen. Weiterhin beschäftigt er sich mit Kindern die streiten und solchen, die petzen.

In Kapitel 2.7 erläutert der Autor wie es möglich ist, aus den Regelkatalogen einer Kita Lebensregeln zu machen. Welche Verankerung diese Lebensregeln auch in der Konzeption der Einrichtung erfahren sollten und wie ein mehr an Beziehung zu weniger Kontrolle führen kann. In engem Zusammenhang mit diesen Lebensregeln steht grundsätzlich die Beteiligung der Kinder, aber auch ein Beschwerderecht für Kinder. Ziel soll sein, dass es Kindern möglichst leicht gemacht wird, sich zu beschweren.

Zum Thema „Sicherheitsregeln für Kinder“ ermuntert der Autor die Leser/innen dazu, auch hier die Kinder zu beteiligen. Ein wichtiger Schutzfaktor für Kinder ist Selbständigkeit und den Umgang mit alltäglichen Gefahrenquellen zu erlernen. Hier berichtet Lother Klein zum Beispiel über einen oder mehrere „Gefahrensucher“ in der Kita; also Kinder, die das Außengelände und die Räumlichkeiten gezielt auf Gefahren hin absuchen. Eine solche Beteiligung erhöht die Motivation der Kinder sich mit dem Thema auseinanderzusetzen sehr.

Nicht bei jedem Thema und immer können Kinder beteiligt werden. Daher werden noch einige sinnvolle Kommunikationsregeln dargestellt, die hilfreich sein können, wenn klare und konkrete Anordnungen an die Kinder gestellt werden. Weiterhin geht der Autor auf die Individualität der Mitarbeiter/innen im Team ein, die zu sehr unterschiedlichen Haltungen führen kann und benennt auch, dass das Verhandeln der eigenen Grenzen im Team ein wichtiger Entwicklungsschritt für das Team sein kann.

Zum Ende hin führt Lothar Klein aus, dass Konsequenzen und Strafen zu diesem Thema auch diskutiert werden müssen. Konsequenzen und Strafen führen im Umgang mit Kindern manches Mal zu einer Spirale der Aggression, aus der es schwierig ist, wieder auszusteigen. Falls es also in bestimmten Auseinandersetzungen darum geht, dass der Erwachsene gewinnen will, ist eine zentrale Erkenntnis: die Verantwortung dafür, aus dieser „Win-Lose-Situation“ auszusteigen, trägt alleine der Erwachsene. Und der Autor ist überzeugt: Auf Strafen und Konsequenzen könnte vollkommen verzichtet werden, wenn Erwachsene in der Beziehung zu Kindern ihre eigenen Grenzen ebenso achten, wie die der Kinder und wenn der Austausch darüber in gleichwertiger Weise erfolgt.

Diskussion

Das Thema, dass Lothar Klein in diesem Buch aufgreift, könnte man auch ein heikles Thema nennen. Die eigene Rolle in Diskussionen oder Konflikten mit Kindern über Regeln und Grenzen und deren Einhaltung genauer zu betrachten, erfordert einiges an persönlicher Reflexionsfähigkeit. Und wie schnell aus wohl gemeinten Regelungen starre Konstrukte werden, die der Kreativität und dem Spiel von Kindern im Wege stehen, wird beim Lesen deutlich.

In die Darstellungen des Autors fließen reichlich eigene Erfahrungen als Vater, als Kita-Leiter und als Fortbildner mit ein und dies macht die Inhalte lebendig, plakativ und nachvollziehbar. Die reichlichen Beispiele aus der Praxis ermöglichen dem Leser, sich selbst in dieser Situation vorzustellen und eigene Reaktionen und Verhaltensweisen zu projizieren. Sehr interessant finde ich auch die Frage, ob für Erwachsene andere Regeln gelten als für Kinder? Aus Sicherheitsgründen muss dies hin und wieder mit Ja beantwortet werden, aber in allen anderen Fällen dürfte dies gerne kontrovers diskutiert werden.

Besonders hervorzuheben ist aus meiner Sicht das Fazit: Verantwortlich für die Qualität der Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen sind immer die Erwachsenen. Und das die Qualität der Beziehung leiden muss, wenn andauernd über (vielleicht unnötige) Regeln gestritten wird, ist unstrittig.

Gut gelungen ist es, der Gleichsetzung von „Weniger Regeln und Grenzen“ mit „Laissez-faire-Erziehung“ zu widersprechen. Wir finden hier eben keine Veröffentlichung zum Thema „Kinder sollten machen dürfen was sie wollen“, sondern, wie schon der Untertitel es sehr passend benennt, ein „Plädoyer für mehr Gelassenheit“ im Umgang mit Kindern. Hier wird also nicht in Frage gestellt, ob Regeln und Grenzen überhaupt gebraucht werden, sondern wie.

Wer mit Kindern zusammenlebt oder arbeitet, der weiß, dass die eigenen Grenzen ein wichtiges Thema sind. Diese Grenzen werden immer wieder ausgedehnt, auf ihre Haltbarkeit hin überprüft und in Frage gestellt. Daher kann ich das Plädoyer des Autors unterstützen sich darauf einzulassen, diese Grenzen als beweglich wahrzunehmen.

Fazit

Die Veröffentlichung von Lothar Klein halte ich für sehr gelungen, wenn es um die Fragen geht, wie viel Freiraum brauchen Kinder für eine gute Entwicklung und an welchen Stellen benötigen sie Regeln und Grenzen. Wie kann ich als Erwachsener im Umgang mit Kindern meine eigenen Grenzen erkennen und diese auch deutlich kommunizieren? Wie kann ich als Pädagogische Fachkraft die Diskussion dieses Themas in meinem Team anstoßen? Ich würde die Lektüre jedem Team empfehlen und denke aber auch, dass es für Eltern sehr gut geeignet ist.


Rezensentin
Dipl. Soz-Päd. Sonja Alberti
Pädagogische Leitung in einem Heilpädagogisch-Therapeutischen-Zentrum (HTZ Neuwied) und als Fachberatung und Fortbildnerin im Bereich der Frühpädagogik tätig. Außerdem Inhaberin von www.kita-campus.de, wo E-Learning-Kurse für Erzieher/innen angeboten werden
Homepage www.sonja-alberti.de
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Zitiervorschlag
Sonja Alberti. Rezension vom 27.01.2015 zu: Lothar Klein: Regeln und Grenzen im Alltag mit Kindern. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2014. ISBN 978-3-7800-4999-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17203.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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