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Eduard Matt: Übergangsmanagement und der Ausstieg aus Straffälligkeit

Cover Eduard Matt: Übergangsmanagement und der Ausstieg aus Straffälligkeit. Wiedereingliederung als gemeinschaftliche Aufgabe. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2014. 212 Seiten. ISBN 978-3-86226-254-0. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR, CH: 32,90 sFr.

Reihe Rechtswissenschaft, Band 221.
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Perspektiven einer gemeindeorientierten Resozialisierung

Die Studie von Eduard Matt verknüpft kriminologische und lebenslauftheoretische Fragestellungen im Hinblick auf den Übergangsprozess, den Menschen nach einer Inhaftierung bewältigen müssen. Vorgestellt und diskutiert werden sowohl einschlägige Erklärungsansätze der internationalen kriminologischen Debatte über Bedingungszusammenhänge erfolgreicher oder gescheiterter Legalbewährung nach einem Freiheitsentzug, wobei ein besonderes Augenmerk auf das Zusammenspiel von lebenslaufspezifischen Dynamiken und lokalen institutionellen Angebotsstrukturen gelegt wird. Im Ausblick plädiert der Autor dafür, Resozialisierung als eine gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe zu begreifen und das Zusammenwirken von Kriminal-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik in den Blick zu rücken. zudem wird die Bedeutung des unmittelbaren sozialen Umfeldes von Menschen für ihre erfolgreiche Integration in das Gemeinwesen und damit die bedeutende Rolle von Zivilgesellschaft für Resozialisierungsprozesse betont.

Autor

Dr. rer.soc. Eduard Matt forscht und lehrt als Diplom-Soziologe seit mehr als zwanzig Jahren im Bereich der Kriminalsoziologie. Neben einem Schwerpunkt im Bereich der Jugenddelinquenz engagiert er sich als Wissenschaftler im Bereich der wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation von Projekten im Strafvollzug und har neuere Ansätze der Übergangsmanagements untersucht. Eduard Matt arbeitet zu Fragestellungen der „Restorative Justice“ und plädiert in der vorliegenden Studie für Ansätze einer „Community Justice“, mit dem Ziel einer Vernetzung und Kooperation zwischen Justiz, Sozialer Arbeit und Zivilgesellschaft.

Theoretische und empirisch fundierte Befunde zu Resozialisierungsprozessen

Die Studie von Eduard Matt bündelt eine Vielzahl von Befunden und Theoriemodellen der kriminologischen Forschung zu Fragestellungen der Rückfallvermeidung nach Straffälligkeit, des Ausstiegs aus Kriminalität („Desistance“) und der Struktureigentümlichkeiten von Prozessen der Wiedereingliederung nach einer Inhaftierung. Hierfür wird einerseits die internationale Forschungsliteratur aufgearbeitet, andererseits wird auf eigene qualitative Interviews mit aktuell und ehemals Inhaftierten Bezug genommen. Zudem reflektiert der Autor die Grenzen und die Möglichkeiten des gegenwärtigen Hilfesystems.

Die Studie beginnt mit einem Problemaufriss, der die komplexe Ausgangssituation des Übergang aus der Haft in die Entlassungssituation veranschaulicht und verdeutlicht, dass die gegenwärtige Situation weit entfernt von einer systematischen Übergangsbegleitung ehemals Gefangener ist (2.0, 2.1). Vor diesem Hintergrund entfaltet Matt seinen Ansatz eines gemeindeorientierten Übergangsmanagements und fundiert seine konzeptionellen Vorschläge, indem zunächst die Situation von Inhaftierten und Entlassenen beleuchtet (2.2) und hierbei auch auf die von ihm erhobenen Interviews Bezug genommen wird (3.0).

Im Anschluss (4.0) entwickelt der Autor die Lebenslaufperspektive und nimmt hierbei Bezug auf einschlägige Arbeiten aus dem anglophonen Kontext, beispielsweise von Mofitt oder Farrington. Hierbei werden lebenslauftheoretische und „crime-risk“-orientierte Forschungsblickwinkel verschränkt, wobei die Lebenslaufperspektive und Konzepte der Karriere (von Kriminalität) mit der Analyse von Lebenslagen ineinandergreifen Anschließend wird eine ebenfalls im anglophonen Forschungskontext intensiv geführte Forschungsperspektive aufgegriffen, die unter dem Stichwort „Desistance“ nach dem Bedingungsgefüge des Ausstiegs aus Krminalität fragt (4.2) und die Gestaltung von Übergangsprozessen sowie die Bedeutung von Ritualen für die Wiedereingliederung werden diskutiert (4.3, 4.4). Der Abschnitt schließt mit Überlegungen zum Zusammenwirken von personalen, situativen und sozialen Faktoren (4.5). Hier plädiert Matt für ein dynamisches Modell, dass die Komplexität der Wechselwirkung der Faktoren nicht einseitig auflöst, sondern im Gegenteil ins Zentrum des Interesses rückt. „Als Konsequenz des dynamischen Modells einer umfassenden Perspektive ergibt sich ferner die These: Jeder einzelne Faktor kann sowohl Ursache als auch Wirkung sein. … Es findet sich keine allgemeingültige Sequenz, sondern individuelle Verläufe“ (S. 123).

Dieses Plädoyer gegen einfache, kausale Erklärungen korrespondiert mit einem entsprechend anspruchsvollen Konzept der Praxis eines (bislang kaum etablierten) Übergangsmanagements, das im folgenden entfaltet wird (5.0). Hier werden die verschiedenen Praxisfelder beleuchtet (5.1), erste Ansätze der Praxis z.B. in Niedersachsen vorgestellt (5.2) und die hohen Anforderungen an die Soziale Arbeit werden in den Blick gerückt (6.0, 6.1., 6.2). Betont wird dabei die große Bedeutung der kontinuierlichen Einzelfallarbeit und damit einher gehend die Anforderungen an die Aus- und Fortbildung der Professionellen. Die Aufgabe des Übergangsmanagement bedeutet für die Soziale Arbeit demnach ein Jonglieren zwischen Vernetzungs- und Kooperationsaktivitäten, verwaltungsorientierten Strategien des Fallmanangements und einer fortlaufenden Beziehungs- und Begleitungsarbeit, die den individuellen Übergangs- und Entwicklungsprozess von Menschen in in der Regel sehr belasteten Lebenssituationen gerecht wird.

Vor diesem Hintergrund definiert Matt Wiedereingliederung schließlich, indem er „Resozialisierung als sozialen Prozess und ala gemeinschaftliche Aufgabe“ definiert (7.0) Aus dieser Perspektive beleuchtet der Autor die Rolle der Familie (7.1), die Bedeutung des Sozialen Kapitals (7.2) und die Aufgabe einer „Community Justice“ für solche Prozesse (7.3). Entsprechend plädiert er in seinem Fazit mit Nachdruck für die generelle Implementierung eines Übergangsmanagaments (nicht nur) als Aufgabe der Sozialen Arbeit und betont die gesellschaftliche Verantwortung: „Resozialisierung ist ein Strang einer Resozialisierungspolitik“ (S. 189)

Diskussion

Es handelt sich um eine sehr fundierte und vor allem hoch relevante Studie, die kriminologische und Fragestellungen der Sozialen Arbeit, aber auch der Sozial- und Gesellschaftspolitik verknüpft. Die Resozialisierungsforschung wird damit in eine Perspektive eingebettet, die Straffälligkeit und Hafterfahrungen im Rahmen eines verantwortlichen und auf Unterstützung ausgerichteten Gemeinwesens reflektiert. Diese Leistung wird durch die vielen Theorie- und Forschungsbezüge, die der Leserin zugänglich gemacht werden, untermauert. Kritisch anzumerken ist hierbei aber, dass insbesondere die lebenslauf- und karriereorientierten Ansätze der Kriminologie mit normativen Modellen von (beispielsweise pathologischer) Entwicklung argumentieren, die gerade im Umgang mit den individuellen Biographien von Menschen in Frage gestellt werden müssen. Hier wären Ansätze der Biographieforschung möglicherweise hilfreicher für einen verstehenden Nachvollzug von Handlungsprozessen und Verlaufsstrukturen. Zudem wäre eine vertiefende Auswertung der Interviews wünschenswert, die in der vorliegenden Form eher illustrativ heran gezogen werden.

Fazit

Es handelt sich um eine Studie, die Theorie, Forschung und Praxis verbindet und die wichtige Anregungen für das untersuchte Feld der Wiedereingliederung von Inhaftierten bietet. Besonders hervorzuheben ist hierbei die durchgehende Reflexion der Komplexität von Prozessen der Integration und deren konsequente Überantwortung an ein kommunikativ und kooperativ gestaltetes Gemeinwesen. Soziale Arbeit wird so in einem Netz von sozialen Bezügen gedacht, in deren Wechselspiel die Auseinandersetzung mit abweichendem Verhalten nicht dem Einzelnen, als deviant stigmatisierten Individuum überlassen wird.


Rezension von
Prof. Dr. Mechthild Bereswill
Universität Kassel, Fachbereich Humanwissenschaften, Institut für Sozialwesen, Professur für Soziologie sozialer Differenzierung und Soziokultur
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Zitiervorschlag
Mechthild Bereswill. Rezension vom 09.03.2015 zu: Eduard Matt: Übergangsmanagement und der Ausstieg aus Straffälligkeit. Wiedereingliederung als gemeinschaftliche Aufgabe. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-86226-254-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17209.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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